Der Deal stimmt nicht mehr

December 3rd, 2022 — 10:31am

So sehr ich sie verachte, beschäftigt mich eine Sache an der Querdenker-Bewegung immer wieder. Sie könnten in einer Sache recht haben. Tatsächlich glaube ich sogar, dass die beängstigende Power dieser (und verwandter) Bewegungen daher kommt, dass sie auf eine leider kluge Weise auf ein Problem unserer aktuellen Gesellschaft verweisen, das tatsächlich existiert. Zusätzliche Power kommt davon, dass wir “normalen” Menschen das nicht wahrhaben wollen, und große Probleme haben darüber zu diskutieren. Nämlich, dass der Deal irgendwie tatsächlich nicht mehr stimmt. Der Boden, auf dem wir alle stehen, wackelt. Ich glaube es ist extrem wichtig das genau zu verstehen, um den Idioten diesen Rückenwind nehmen zu können. Aber auch so, denn wir brauchen einen neuen Deal.

Kürzlich fuhr ich mit unserem neuen E-Kleinwagen (ja ja) durch die Siedlung und hatte mich noch nicht angeschnallt, es piepste ohne Unterlass. Dann musste ich abbiegen, betätigte den Blinker und das Blinkgeräusch ertönte im bekannten mechanischen Takt, aber – das Piepen war unterbrochen. Also in den Momenten, wo das Piepen auf das Klacken fiel war es nicht mehr zu hören. Schnell wurde mir klar, dass es an der digitalen Simulation liegt. Beide Geräusche kamen aus dem Bordcomputer, nur dass es beim Klacken des Blinkers perfekt dem einst mechanischen Geräusch des Blinker-Relais nachempfunden war. Der Bordcomputer kann halt nur ein Geräusch gleichzeitig erzeugen, also Gewann das Klacken über das Piepen. Einen kleinen Moment lang war ich kurz irgendwie beleidigt darüber. Fühlte mich irgendwie verarscht, denn ich hatte bis dahin wirklich gedacht, der Blinker funktioniere noch wie früher. Ausserdem hatte mir mein Elektro-Papa einst genau erklärt wie so ein Blinker-Relais funktioniert, das war sozusagen heiliges Wissen. Ist das etwa bei unserem VW-Bus auch so? Beim weiteren Fahren fiel mir noch etwas auf. Wie die meisten E-Autos erlaubt unseres mit Rekuperation zu bremsen, der Generator läuft also “rückwärts” und lädt die Batterie wieder auf, das Auto bremst ab. Das kann man am Lenkrad einstellen, manche bremsen eben lieber noch “in echt”. Es gibt allerdings auch eine Lade-Anzeige im Tacho, die auch die Rekuperations-Ladung anzeigt. Wenn man nun Rekuperation am Lenkrad ausschaltet, und dann bremst sieht man in der Anzeige, dass er trotzdem rekuperiert. Also bremst er jetzt mit den Bremsscheiben oder nicht in dem Fall? Leuchten die Bremslichter auf, wenn nur der Motor bremst? Das vermeintlich sehr physische Objekt Auto ist halt nur noch eine digitale Simulation an vielen Stellen.

Wie kalt ist es draußen?

Ein anderes schönes Beispiel ist die Aussen-Temperatur. Ich bin im Allgäu aufgewachsen, da konnte es im Winter sehr kalt werden. Also hatten wir ein Thermometer in der Nähe des Fensters, das in der Lage war die Außentemperatur zu ermitteln – dazu wurde ein dünnes Kabel durch das Fenster nach draußen geführt, um den Fühler dort anzubringen. Unsere Alexa kann das jetzt auch, steht auch wie früher am Fenster. Aber es gibt keinen Draht und keinen Fühler – denn die Daten kommen aus dem Internet. Es simuliert also eigentlich die Messung der Außentemperatur durch Datenfusion, Geopositioning und ein bisschen Mathematik.

Die Liste derartiger Phänomene ließe sich ziemlich verlängern und wir werden immer mehr davon sehen und benutzen. Autos, die vorgeben keine Berganfahrhilfe “eingebaut” zu haben, die das aber per bezahlten Software-Update über Nacht freischalten können, Waschmaschinen, die plötzlich mit viel weniger Wasser auskommen, Litfaß-Säulen die erst durchsichtig sind um beim zweiten Hinschauen Werbung anzeigen usw. – durch das Verschmelzen der physischen mit der digitalen Welt eröffnen sich immer neue Möglichkeiten der Simulation und der Rekonfiguration, weil halt wirklich alles Software wird, was einst anfassbare Realität war. Das ist ja auch alles gar nicht schlimm – ich bin froh keinen Temperatur-Fühler mehr durchs Fenster pfrimeln zu müssen. Aber – es untergräbt ein bisschen unser Verständnis von “Wahrheit”, wenn es zur Normalität wird, dass Dinge vorgeben etwas zu sein und im nächsten Moment etwas anderes sind.

Das trifft übrigens auch zu für viele Phänomene in der digitalen Sphäre selbst, also z.B. dynamisches Pricing. Meine Tochter ruft mich an und fragt verwundert warum die Espresso-Maschine auf Ihrem PC zuhause plötzlich 50EUR weniger kostet als bei mir. Überhaupt die ganze Produkt/Leistungs-Preis Relation ist auch sehr ins Wanken gekommen. War es früher noch irgendwie halbwegs überschaubar wie ein Preis den ich bezahle evtl. zustande kommt kann es heute sein, dass die Mechanik dahinter völlig unüberschaubar und erratisch daherkommt. Z.b. weil ein “Druckerpatronen-Modell” dahinterliegt. Oder weil ein paar bekokste Banker ein Derivat-Produkt zusammengekloppt haben, das sämtliche Risiken verschleiert und als etwas ganz anderes daherkommt, als was es eigentlich ist. Auch hier wird ein Effekt angefüttert, der evtl. unser Vertrauen in die Dinge ziemlich untergräbt. Es ist einfach nichts mehr wie es scheint, wenn sich die Preise eines Produktes fundamental ändern, bloß weil ich den PC neben mir verwende.

Kommen wir mal in ein paar heißere Bereiche, Politik und Gesundheits-System bzw. Pandemie.

Warum sind die Leute so fasziniert von Habeck? Weil er einen fundamental neuen Politik-Stil probiert, der vor allem durch eines geprägt ist: das Bemühen um Wahrhaftigkeit. Will damit nicht sagen, dass PolitikerInnen lügen – keinesfalls. Aber es ist schon so, dass sich in den letzten 50 Jahren da auch so eine Art Deal etabliert hat, der sich bis ins Reden der PolitikerInnen reingezogen hat. Bestimmte Dinge sagen wir nicht, machen wir aber trotzdem. Andere Dinge sagen wir, machen wir aber eh nicht. Und überhaupt ist vieles, was wir tun zu komplex für Euch, da simulieren wir vielleicht ein bisschen Diskurs aber dann ist auch gut. Zu den Dingen, die z.B. nicht gesagt wurden gehörte die unglaubliche Abhängigkeit unseres wundersamen Wohlstands-Wachstums von ein paar dreckigen Faktoren wie billiges russisches Gas, gnadenloses Ausschlachten von Absatzmärkten, ekelhafter Niedriglohnsektor usw. – wir haben alle heimlich unserer Frieden damit gemacht, weil es war ja alles irgendwie gut.

Dieser ganze Deal stimmt jetzt nicht mehr, also gerät das darüberliegende System eben auch ins Wanken. Für die Politik heißt das entweder verbarrikadieren in dem bröckeligen Alt-System, oder eben ehrliche Flucht nach vorne. Das Habeck-Modell.

Das Habeck-Modell bedeutet aber auch dass es ein Problem gibt mit der Ehrlichkeit und Transparenz in der Politik – sonst würde er nicht so ankommen damit. Und das ist meine Sorge bzgl. der Querdenker und anderer Verschwörungs-Bewegungen: dass wir ihnen zu viel Futter geben.

Und schließlich auch im Gesundheits-System – in der Pandemie-Bekämpfung. Will da gar nicht tiefer reingehen, nur ein kurzes Beispiel. Als zu Beginn der Pandemie vom RKI gesagt wurde Masken hätten keine relevante Schutzwirkung, war das nach allem was man heute weiß vor allem eine lenkende politische Äußerung. Man könnte auch sagen: es war eine Lüge. Dafür musste man noch nichtmal aufwändige Studien lesen, man konnte sich einfach fragen: wenn OP-Masken überhaupt keine Schutzwirkung für das Gegenüber haben, WARUM GIBT ES SIE DANN? Auch hier gilt wieder das Muster: der Deal stimmt nicht mehr. Ich glaube noch vor wenigen Jahren wären weite Teile der Bevölkerung fein damit gewesen, selbst wenn sie ein leichtes Gefühl von “na ob das wohl so stimmt” gehabt hätten. In 2022 sind wir nicht mehr fein damit. Ich glaube, dass das mit einer Reihe von tektonischen Verschiebungen des Gesamtversprechens zu tun hat, aber vielleicht auch stellenweise einfach weil wir müde sind.

Jedenfalls gilt auch hier: wenn wir das so weitermachen, füttern wir die Trolle. Bin mir zwar nicht sicher, wie man gerade in der Epidemiologie von der lenkenden Politik wegkommen sollte, aber auf eine Art sieht man es im Handeln von Lauterbach schon, dieses Bemühen um faktenorientierte, mit Studien bewehrte Politik. Vielleicht ist das auch schon Teil des neuen Stils, vielleicht ja auch der Grund warum er überhaupt in das Amt gekommen ist.

Und als letztes vielleicht noch das Thema gendern. Auch da scheint mir eine Lüge das Ende ihres Lebenszyklus erreicht zu haben. Nämlich die Lüge, dass alle immer mitgemeint sind. Dass es mit kleinen, systemerhaltenden Maßnahmen immer besser wird, auch für die Frauen. Auch diese Debatte läuft für mich schon unter der Headline, dass wir einen neuen Deal brauchen. Wenn Frauen mitgemeint sein sollen, müssen sie gleichermaßen benannt werden. Wenn Aussehen keine Bedeutung bei Bewerbungen haben soll, müssen wir die Fotos weglassen, usw.

Es gibt zahllose Bereiche wo der Deal auch neu ausgehandelt werden muss, beim Umgang mit Migration, beim Umgang mit Militär, beim Umgang mit Arbeit, beim Umgang mit der Bevölkerungs-Pyramide usw. – führt jetzt zu weit, aber es ist wirklich eine große Bewegung. Die dürfen wir nicht den Idioten überlassen, sondern müssen sie selber in die Hand nehmen.

Also wie könnte ein neuer Deal aussehen?

Zunächst mal eines vorweg – “volle Transparenz” bringt es auch nicht, danke liebe Piraten-Partei für die Übung. Man könnte ja auf die Idee kommen, gerade mit den digitalen Mitteln einfach alles aufzudecken, öffentlich und prüfbar und nachvollziehbar zu machen. Ich denke in der Brutalität ist das gescheitert und funktioniert nicht gut. Aber es könnte trotzdem ein Element in einer Mischlösung sein.

Ich glaube wir brauchen einen neuen Deal der zwei Layer, zwei Modi kennt:

  1. Zero Trust: das Zero-Trust Modell sieht vor, dass überhaupt niemandem mehr vertraut wird, auch nicht dem Institiut Fresenius auf dem Nutella-Deckel. Wenn man der Nutella vertrauen soll, braucht es einen Zugriff auf alle Datenpunkte aus der Herstellung und Distribution, digital verifizierbar, unfälschbar, auditierbar. Dieses Modell werden wir in vielen Bereichen sehen, wo so eine technische Zero-Trust Architektur möglich ist, also bei Produkt-Pässen, Lieferketten-Nachweisen, ESG-Zertifikaten, Nachweisen für grünen Strom oder Wasserstoff aber auch in der Politik durch Anwendung des Informationsfreiheitsgesetz, durch Modelle wie “Frag den Staat”. Bei diesem Teil des neues Deals ist die Headline “Wir sind es leid zu vertrauen, wir wollen Beweise”.
  2. New Trust – the Habeck-way: und dann wird es einen Layer brauchen, wo wir einen neuen, diskursiv hergestellten und hart erarbeiteten Trust benötigen. In PolitikerInnen, in Gesetze und deren Durchsetzung, in Medien, in Corporate Governance und Unternehmensführung generell, in internationale Politik, Rohstoff-Verteilung und Klima-Massnahmen. Dass wir diese zweite Säule brauchen hat zum einen den Grund, dass es Probleme gibt die so komplex sind, dass eine brutale Daten-Öffentlichkeit niemandem was bringt. Zum anderen brauchen wir Menschen diesen Layer einfach, wir sind soziale Vertrauens-Wesen. Wir wollen mehr Habeck.

Ist nur ein grober Gedanke, mich würden andere Meinungen interessieren. Auf jeden Fall glaube ich, dass wir den Trollen dieses Futter wegnehmen müssen. Wir brauchen diesen neuen Deal, neues Vertrauen in Politik, neue Ehrlichkeit im Umgang mit dem Klima (oder von mir aus auch mit dem partiellen Scheitern darin) aber auch neue Modelle um technisches Vertrauen herzustellen wo es möglich ist.

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(Wieder) Riechen lernen, oder: was ich gerne früher gewusst hätte…

September 5th, 2022 — 7:12am

tldr; Wenn man z.B. wegen Corona das Riechvermögen verloren hat ist es wichtig, das gezielt wieder zu trainieren.

Schon einige Zeit bevor die Pandemie losging, konnte ich plötzlich nichts mehr riechen. Ist mir aufgefallen beim Kochen, als ich den frischen Koriander in der Hand hatte und kurz daran riechen wollte um sicher zu sein, dass es nicht doch glatte Petersilie war. Nichts. War im Stress und hab nicht weiter drüber nachgedacht, doch in den folgenden Tagen wurde mir klar, dass mein Riechvermögen praktisch komplett verschwunden war. Bisschen den Arztbesuch prokrastiniert und dann kam auch schon die Pandemie, wo man mit sowas nicht mehr zum Arzt gehen konnte/wollte. Allein die Vorstellung mit “ich kann nichts mehr riechen” einen Termin zu bekommen, hätte einem in den ersten Monaten der Pandemie vermutlich einen Spezial-Einsatz mit Vollverkleidung vor der Tür eingebrockt.

Also habe ich mich erstmal damit abgefunden, auf den ersten Blick erscheint es (vor dem Hintergrund von Pandemie, Home-Schooling, Firma an der Wand etc.) wie eine kleinere Einschränkung, um die man sich später kümmern kann. Das war ein Fehler, doch dazu gleich.

Der Geruchs-Sinn ist vermutlich derjenige, der einen erstmal am wenigsten einschränkt wenn er ausfällt – deswegen wird das ja auch als so eine Art Schulter-Zucken-Symptom der Corona-Infektion gesehen meistens. Hat man halt, geht wieder weg, no worries. Ist auch tatsächlich so, nur geht es nicht bei allen wieder weg – nach neuesten Untersuchungen erlangen bis zu 7% der mit Covid erkrankten dauerhaft unter Einschränkungen des Geruchs-Sinnes. Das sind viele Menschen…

Nicht Riechen können hat ja sogar Vorteile, aber je länger man es hat, desto mehr fängt man an darunter zu leiden. Geruch ist eine sehr alte Sensorik und ist mit vielen sinnlichen Eindrücken verbunden, gutes Essen, der geliebte Mensch, ein Lavendel-Feld in der Provence. All das fängt man dann irgendwann doch an zu vermissen, und so ging ich vor einigen Wochen dann doch zum HNO-Arzt.

Der nahm den Befund auf und untersuchte meine Nase, meinte die Polypen seien evtl. ein bisschen geschwollen, doch für eine genauere Analyse brauche er ein CT des Kopfes. Dann müsse man eventuell operieren. Ich könne es aber auch erstmal mit einem Cortison-Nasenspray versuchen, evtl. würde der Geruchs-Sinn dann auch schon wiederkommen. Kam er nicht. Einige Arzt-Besuche später, mittlerweile sowohl im CT als auch im MRT, beides ohne Befund (*phew*) war der Status mit dem Doc im Prinzip “da müssen sie sich wohl mit abfinden, ist kein seltenes Phänomen leider”. Nur nebenbei erwähnte ich, dass ich gestern kurz den Eindruck hatte den vorbeilaufenden nassen Hund gerochen zu haben. Da meinte der Arzt: “ach, das ist gut ja – versuchen sie ruhig den Geruchs-Sinn mit gezielten Gerüchen zu trainieren, das könnte helfen…”. Ich so “hmm, really?”. Zuhause das Internet angeworfen und relativ schnell bei amazon mein erstes Riech-Training-Set bestellt, so sieht das aus:

Hier der amazon-Link dazu: https://www.amazon.de/-/en/gp/product/B09KLR77DV/

Was ich relativ schnell feststellen konnte, sowohl in der Google-Suche als auch im Produktangebot von amazon: Riechen durch gezielte Gerüche zu trainieren scheint eine ziemlich gängige Theorie zu sein. Warum hatte der Arzt nicht gleich davon erzählt? Ein bisschen weiter gesucht und siehe da, es gibt eine gute Studienlage dazu und da wird auch gesagt, dass man auf keinen Fall mit diesem Training zu lange warten solle – das hätte ich gerne früher gewusst.

Unbelegte Vermutung dazu warum der Arzt nicht darauf hingewiesen hat: bringt kein Geld, weder der Pharma-Industrie noch dem Gesundheits-System und dem Arzt. So ein Riechkit kostet ein paar Euro, die Anwendung ist fast selbsterklärend. Das ist m.E. einer der fundamentalen Konstuktions-Fehler der Schulmedizin und des Systems dahinter, dass einfach zu sehr nach Geldoptimierung therapiert wird.

In diesem Fall ist das wirklich fahrlässig und sehr ärgerlich, denn MEIN RIECHVERMÖGEN KEHRT LANGSAM ZURÜCK. Gestern konnte ich das erste mal Rosen-Duft erkennen, sogar aus 15cm Entfernung. Das hat mich einen Moment lang ein bisschen glücklich gemacht.

Tipp für alle die das im Zusammenhang mit Corona erlitten haben: besorgt Euch so schnell wie möglich so ein Trainings-Kit und wendet es stur zweimal am Tag an – der Effekt tritt manchmal erst nach vielen Wochen ein, also dranbleiben! Man kann damit auch ein Sonder-Phänomen eingrenzen, nämlich das der Fehlwahrnehmung im Geruchs-System, also dass man falsch oder zu undifferenziert Gerüche wahrnimmt. Wartet nicht damit, diese Behandlung kostet fast nichts und hat praktisch keine Risiken.

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Ein kleiner Hack für den Winter, oder – wie man Millionen Haushalte schnell aus der Gasabhängigkeit bringen könnte

July 11th, 2022 — 5:05pm

Nordstream 1 ist seit heute morgen abgestellt

Heute ist der erste Tag der vollständigen Abschaltung von Nordstream I – offiziell aus Wartungsgründen. Ob Russland danach wieder Gas über die Pipeline liefern wird, ist nicht sicher. Aber selbst wenn es auf dem gestrigen Niveau weiterginge, könnte es im Winter sehr eng werden in Deutschland. Nicht nur für die Industrie, sondern ggf. auch für Privathaushalte – von denen ziemlich genau jeder zweite in Deutschland mit Gas beheizt wird.

Heizen mit Strom ist die Zukunft – aber in weiter Ferne

Für Haushalte und vor allem HausbesitzerInnen gibt es einen relativ klaren Weg aus der Gas-Abhängigkeit hinaus – das Zauberwort lautet Wärmepumpe oder allgemeiner: Heizen mit Strom. Wärmepumpen tun das nur besonders effizient.

Der Einbau einer Wärmepumpe ist allerdings ein relativ aufwändiger und teurer Akt. Bei den besonders effizienten Modellen mit Grundwasser-Anschluss muss tief ins Erdreich gebohrt werden, bei anderen Varianten ist die Verlegung von Rohren draußen im Erdreich nötig, aber auch die einfache Luftvariante ist nicht einfach zu installieren – insbesondere wenn man sich Ärger mit den Nachbarn und sich selbst ersparen will.

Für den kommenden Winter gibt es aber noch ein paar weitere Probleme, wenn man jetzt möglichst viele Haushalte mit so einer Technik aus der Gas-Abhängigkeit bringen wollte. Es fehlen HanderwerkerInnen, es fehlt Material, die Förderkonzepte sind gerade im Umbau, vielen dürfte auch einfach das Geld für den Umbau fehlen (gerne mal 20.000-40.000 EUR). Und es fehlt so langsam schon an Zeit – so ein Umbau dürfte üblicherweise je nach Variante mehrere Wochen dauern.

Mit Tauchsieder gegen Putin

Doch da bin ich dann beim Rumüberlegen auf eine spannende Zwischen-Variante gestoßen, man könnte fast von einem kleinen Hack des Systems sprechen. Also wenn ich jetzt sagen würde man kann eine bestehende Gas- oder Öl-Heizung an einem Nachmittag mit Geldeinsatz unter 1000 EUR auf teilweisen Strom-Betrieb umstellen, hätte das ein bisschen Hack-Charakter, oder?

Aber genau das ist möglich, und zwar mit sogenannten Elektro-Zusatzheizungen, Heiz-Patronen oder Heizstäben.

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Und ja, wenn sich das anhört wie ein Tauchsieder gegen Putin, so ist es auch tatsächlich zu verstehen. Viele modernere Heizanlagen verfügen nämlich standardmäßig über eine Einbauvorrichtung um in der Tat einen kleinen Heizstab einzuschrauben, der einfach über die Steckdose betrieben werden kann und das Warmwasser für die Heizung (und das Duschen!) hilfsweise oder unterstützend erzeugen kann (ein bisschen fachliche Einordnung hier – an sich ist die Idee natürlich dass diese Zusatzheizungen PV-Strom bekommen). Die ganze restliche Heizung muss dafür überhaupt nicht verändert oder umgebaut werden – sie regelt einfach nur die Gas-Zuheizung entsprechend runter wenn sie feststellt, dass das aufzuheizende Wasser schon relativ warm ist.

Der Grund für diese Vorrichtungen liegt in der Vorbereitung auf den Einsatz von Wärmepumpen und Photovoltaik-Unterstützung (PV). Bei Wärmepumpen kann es vorkommen, dass so eine Zusatzheizung ab und zu benötigt wird und in Bezug auf PV kann es sehr klug sein, diesen Strom zumindest teilweise direkt in Wärme-Erzeugung umzuwandeln. Deswegen gibt es auch einen ordentlichen Markt für derartige Module und Heizstäbe und es sind Modelle von 100 EUR ab in allen möglichen Varianten erhältlich.

Ein schönes Video dass die Grund-Idee erläutert von einem der prominentesten Hersteller derartiger Heizkassetten hier:

Auch ohne Warmwasser-Kessel möglich

Selbst für den Fall, dass die eigene Heizung nicht mit Warmwasser-Kessel arbeitet, sondern mit einem Durchlauferhitzer oder einer Therme mit kleinem eingebauten Speicher gibt es eine Lösung, die auf diesen Zusatz-Heizungen basiert – nämlich ein Einbau einer Heizkassette in den Warmwasserkreislauf, ein Beispiel-Video z.B hier:

Mitigieren der kommenden Gas-Krise

Ich finde diesen Hack für die kommende Gas-Krise in Deutschland in mehrfacher Weise spannend. Zum einen wäre es schlicht ein schnell verfügbarer Mechanismus, um möglichst viele Gas-Heizungen aus der totalen Abhängigkeit von diesem Rohstoff zu bringen. Zum anderen ist es eine schnell umsetzbare Lösung, um eine mögliche Notlage im Winter besser zu mitigieren (es wurde ja jetzt z.B. darauf hingewiesen, dass schon bei einfachen Druck-Schwankungen im Gas-Verteilsystem viele Thermen sich abschalten könnten und ggf. nur durch Fachleute wieder in Gang gebracht werden könnten). Eine komplett ausfallende Heizung ist nicht nur ein praktisches und ein psychologisches Problem – es braucht nur wenige harte Wintertage und die Heizungen würden schlimmstenfalls auch reihenweise einfrieren und damit generell inkl. Wasserschaden reparaturbedürftig werden. Mit einer Strom-Notheizung ließe sich das generell vermeiden. Und diverse Erfahrungsberichte im Internet legen nahe, dass mit so einem 2kW-Heizstab ein Heizkessel bereits nach kurzer Zeit auf über 40C Wärme gebracht werden kann – damit wäre also weit mehr als nur Frostschutz möglich.

Auch die Energie-Wende könnte davon profitieren

Zum anderen hätte dieser Hack sogar noch eine interessante Mittel- und Langfrist-Perspektive – denn es würde ja immer noch schrittweise das Heizen auf Strom umgestellt. Wenn auch weniger elegant als mit hochtechnischen Wärmepumpen, aber eben doch – vielleicht könnte darin ja sogar eine intelligente Brücken-Technologie für ein paar Jahre entstehen, dass man die bestehenden Heiz-Systeme nutzt und einfach erstmal langsam auf Strom umstellt. Dann könnten die Strom-Verteilsysteme und Steuerungen auf die neuen Verhältnisse angepasst werden – z.B. indem man Logiken und Anreizsysteme entwickelt, die diese Heizmodule dann anspringen lassen, wenn besonders viel regenerativer Strom im Netz ist (“Nachtspeicherheizung 2.0”). Auch das Problem mit der Speicherung würde man damit intelligent erweitern, denn Wasser-Speicher sind ja letztlich auch Batterien – sogar mit deutlich höherer Kapazität als deren elektrische Schwestern. Unten eine Berechnung aus dem MYPV Video von weiter oben:

What could Habeck do?

Tatsächlich wäre es relativ einfach für das Ministerium eine solche Schnell-Umstellung mit anzuschieben. Man könnte einfach einen kleinen Fördertopf für Elektro-Zusatzheizungen aufsetzen, der unbürokratisch abgerufen werden kann. That’s it. Später könnte man sich Modelle einfallen lassen, den durch solche Module verbrauchten Strom besonders zu bezuschussen – im Prinzip wie seinerzeit die Nachtspeicherheizungen, nur halt etwas intelligenter und digitaler gesteuert.

Vor allem aber hätte die Bundesregierung damit ein Mittel in der Hand um bzgl. der kommenden Gas-Krise mehr als nur “weniger Duschen”, “wir kaufen alles Gas, das wir kriegen können” und “vll. müssen wir irgendwen dann abdrehen” zu propagieren – mit schönen Seiten-Effekten, um darauf aufbauend den Gebäude/Wärme-Sektor dann auch konsequent auf Strom und Erneuerbare umzurüsten.

Aber man muss natürlich nicht auf die Regierung warten – mein Modul habe ich schon bestellt.

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Meine Karriere begann mit einem Faxgerät

June 5th, 2022 — 1:25pm

Heute vor 98 Jahren wurde von Ernst Fredrik Werner Alexanderson das erste Fax verschickt.

Natürlich ist das im digital verweigernden Deutschland vor allem ein Grund Witze zu machen – schließlich steht diese Zwischen-Technologie wie wenig anderes für die digitale Verweigerung und das Festhalten am wenigstens noch ein bisschen Analogen bei uns.

Für mich persönlich allerdings war es tatsächlich der Eintritt in die Welt der Computer und der Selbständigkeit.

Faxgerät Sharp UX-70 incl. 4 Rollen Thermopapier e-pa in Soest

Denn ich habe mir mein Studium u.a. damit verdient Computer zusammenzuschrauben und zu verkaufen. Meine Bauteile bezog ich vor allem von einem kleinen griechisch-stämmigen Hinterhof-Händler (heute PC-Office Cologne mit neuem Inhaber).

Er hatte immer erstaunlich gute Preise und die Art von Ware, mit der man gute Geschäfte machen konnte, also relativ neue Technologie aber immer in der gut bezahlbaren Variante. War aber auch immer alles schnell weg, also musste man dranbleiben, wenn man gutes Zeug bekommen wollte.

Und nun – das Internet war noch nicht ganz so weit – die entscheidende Lebensader zu diesem Quell neuer Ware war ein Fax. Das verschickte er nämlich täglich zu einer bestimmten Zeit an eingetragene Händler. Das war die einzige Quelle wo man an diese Infos rankam, es war sozusagen sein Shop-Interface.

Und ich kann mich noch gut an dieses erschwingliche Thermo-Fax erinnern, das ich mir bei Saturn dafür geholt hatte (mit Vorsteuer-Abzug und so, auch das ein großes Gefühl der Selbständigkeit). Und wie es dann irgendwann immer beepte und anfing mit diesem entschlossenen ruckweisen Brummgeräusch meterweise (kein Witz!) die Angebote rauszurollen.

Ich habe es geliebt. Und ein paar ziemlich coole Rechner sind daraus entstanden, wenngleich ich für die Betriebs-Stabilität der griechischen Mother-Boards nicht immer vollständig die Hand ins Feuer gelegt hätte.

Und es gab noch andere Fax-Episoden, eine Zeitlang haben wir bei meinem Vater eines installiert gehabt um darüber in Kontakt zu bleiben, mein erster Nokia Communicator hatte eine…Fax-Funktion und ich weiß noch genau wie aufgeregt ich war, als ich ihm zum ersten mal von der Skipiste ein sinnloses Fax geschickt habe.

20 Jahre Smartphone - Nokia Communicator 9000

Auch jetzt hat mein Home-Office übrigens noch ein Fax, ab und an brauchen wir das. Hängt an einer Spezial-Dose von Cisco die übers den IP einen analogen Telefon-Anschluss emuliert.

Ach, Nachklapp – liest sich natürlich alles wie ein Abgesang auf eine vergangene Technologie. Aber ihr könnt Euch nicht vorstellen was los ist, wenn in der Praxis meiner Frau das Fax nicht geht, das ist da kritische Infrastruktur! Das ganze Gesundheitswesen in Deutschland hängt im Prinzip noch am Fax. Und sicher noch zahlreiche andere Bereiche, Logistik, Behörden. Zu Beginn der Pandemie saßen im Kölner Gesundheitsamt Heerscharen von Leuten, die eingehende Faxe abtippen mussten in Eingabemasken des Sormas-Systems. Grund: Labore durften PCR-Ergebnisse nur als Fax schicken, alles andere galt als nicht sicher genug. Das ist 2 Jahre her und ohne Pandemie wäre das auch noch immer so.

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Kriegsangst

April 7th, 2022 — 9:31am

Ich habe gestern Abend noch vor dem Einschlafen ein Toast mit Nutella gegessen – gar nicht gut für meine Linie. Aber meine Seele verlangt momentan danach. Denn die aktuelle Kriegs-Angst ist schon enorm, natürlich unter der Oberfläche, aber sie speist sich aus verschiedenen Quellen.

Zum einen ist da natürlich mein Aufwachsen in den 80er Jahren. Ich bin manche Nacht schlaflos in der Küche gesessen und habe mich von meiner Mutter beruhigen lassen wegen der Angst vor einem großen Atom-Krieg. Diese Angst war ubiquitär und gigantisch, fast schon ins Absurde. Aber gleichzeitig war ja alles ruhig, der Wohlstand mehrte sich und es erschien irgendwie abstrakt. Wie groß diese Angst war zeigte sich für meine Generation eigentlich erst als Gorbatschow mit seiner Perestroika kam und der kalte Krieg zuende ging. Das war so großartig, spätestens mit dem Fall der Mauer und der immer besseren Annäherung und dem Abbau der Atom-Sprengköpfe schien denkbar, dass diese fürchterliche Sorge auf den Müll wandern könnte. Aber sie hat trotzdem meine Kindheit und Jugend geprägt.

Die andere Schicht liegt tiefer und hat auch mit meiner Mutter zu tun – da geht es eher um ein vererbtes Kriegs-Trauma. Denn sowohl meine Mutter (Jahrgang 1937) als auch mein Vater (Jahrgang 1933) haben den Krieg als Kinder erlebt. Sie haben nicht viel davon erzählt, aber es gab ein paar Geschichten, die immer mal wieder hochkamen und uns zig-fach erzählt wurden. Der Vater wurde in Stuttgart mehrfach ausgebombt, ist öfter mit der Mutter im Bombenhagel in den Bunker die Straße hochgerannt und hat nach den Bombardierungen Berge von Leichen gesehen, die auf den Straßen lagen. Die Mutter ist aus Breslau geflohen und musste auf der Zugfahrt mehrfach bei Flieger-Beschuss unter die Bank kriechen. Ein Zugteil wurde von einer Bombe getroffen und weggesprengt.

Die Details sind eigentlich egal und machen einen nur fertig. Das Muster ist aber wichtig – wir wurden einfach von einer Generation von Kriegs-traumatisierten Menschen aufgezogen. Das Schuld-Trauma Teil der Nazi-Diktatur gewesen zu sein kam da nochmal on top.

In der Psychologie weiß man inzwischen, dass sich solche traumatischen Erfahrungen seelisch vererben können – ja dass die zweite Generation sich mit diesen sogar eher noch mehr herumschlagen muß als die, die das Trauma unmittelbar erfahren hat (für die ist es meistens zu groß um überhaupt in die therapeutische Bearbeitung zu gelangen).

Was ich inzwischen weiß ist, dass meine Mutter verschiedene Verarbeitungs-Strategien hatte, die ihr Seelenheil halbwegs abgesichert hatten. Manche davon waren auch einfach ein Feiern des Überlebens und der Freiheit glaube ich. Alle Arten von Süßigkeiten zum Beispiel – ihr absolutes Highlight war Nougat-Schokolade von Ritter-Sport. Aber auch Nutella und Konsorten. Es ist Seelen-Nahrung.

Macht es Diät-mäßig nicht besser, ich weiß schon. Aber wir haben aktuell wieder Zeit wo wir es schaffen müssen mit dieser Angst umzugehen ohne wahnsinnig zu werden. Und anders als meine Eltern ist meine Generation aktuell halbwegs am Hebel, wir sind keine Kinder. Wir können dafür Sorgen dass der Krieg beendet und eingedämmt wird. Wir können Menschen auf der Flucht aufnehmen und versorgen. Wir können den Klimawandel bekämpfen, auch das eine große Quelle der Verunsicherung und Angst. Ab und zu ein Nutella-Toast ist ok finde ich, aber das andere sollten wir auch tun.

Grüße an meine Mutter, ich hoffe im Himmel gibt es Berge von Nougat-Schokolade.

PS: und natürlich ist mir meine Angst überdies auch noch ein bisschen peinlich, weil ich ja top angst-privilegiert bin und andere Menschen gerade wirklich um ihr Leben oder das Ihrer Liebsten fürchten müssen.

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Warum ich an Crypto glaube

February 17th, 2022 — 12:49pm

In der Psychologie gibt es ein Prinzip, das auf die Freudsche Theorie des Unbewußten und vor allem die der Verdrängung zurückgeht, und das geht so: Wenn Dein Gegenüber heftig reagiert solltest Du genauer hinschauen, meistens ist das sogar dann ein guter Hinweis, dass etwas noch viel größeres dahinter steht, das eben dieses Ausmaß an Abwehr erfordert.

Gemessen daran stehen wir vor einer großen Crypto-Revolution, die kaum einen Teil unserer Gesellschaft außen vor lassen wird.

Und, Spoiler: das glaube ich wirklich. Nur etwas anders, als viele vielleicht vermuten.

Ich will nicht groß auf die Abwehr-Front eingehen, aber es ist trotzdem bemerkenswert, sich die mal kurz anzusehen – das kann man ja auch leicht selbst machen. Was aber schnell auffällt ist die Gewalt und das Ausmaß der Wut, das da viele offenbar zu treiben scheint – was angesichts der Überschaubarkeit des Phänomens schon bemerkenswert ist. Egal ob Michael Seemann sinniert, man könne die komplette Neo-Nazi Bewegung durch Unterbinden von Crypto-Tokens austrocknen oder ob Patrick Beuth vom “Internet, das es zu verhindern gilt” spricht – klein und diskurs-offen scheint gar keine Option zu sein. Der Atlantic hat eine schöne Analyse dazu verfasst, warum die Crypto-Gegner offenbar so wütend sind. Generell sollte man in Deutschland bei Hass gegen Aspekte der Digitalisierung auf jeden Fall immer lieber zweimal hinschauen.

Aber das lohnt sich sowieso bei den Crypto-Themen aktuell, und ich will meine hoffnungsvolle Haltung gleich mal näher erläutern. Eine Sache aber noch vorweg, was ist eigentlich “Crypto” und “Web3” – also mal ganz konkret?

Es ist tatsächlich erstmal was das Wort auch nahelegt – ein neuer kryptographischer Layer, ein neuer Ansatz im Netz, der nochmal deutlich stärker auf Kryptographie setzt als bisherige Technologien. Also ganz konkret – in meinem Browser hier oben, wo ich gerade schreibe, befinden sich mehrere Icons (s.u.) die jeweils eine sog. “Wallet” repräsentieren. Eine Wallet ist hier gar nicht so sehr ein Tool des Turbo-Kapitalismus, sondern vielmehr der Zugang zu einem kryptographischen Key-Pair, also einer Kombination aus einem privaten und einem öffentlichen Schlüssel, die ich für mich erstellt habe. Die Technologie dahinter stammt aus dem 70er Jahren des letzten Jahrhunderts und hat sich bis heute praktisch überall in der IT etabliert zum Austausch sicherer Informationen, z.B. im Online-Banking, bei sicheren Internet-Verbindungen, bei der Fernwartung von Kraftwerken usw.

“Crypto” heisst also erstmal, dass wir eine nutzerfreundliche Möglichkeit gefunden haben, diese sehr gut erprobte und sehr verlässliche Technologie in meine Browser-Zeile zu bekommen. Zwei der Icons in meinem Browser zeigen zu Wallets im engeren Sinne, also solchen wo ich Crypto-Coins speichern und traden kann, zwei andere zeigen auf weltweit verteilte Dokumenten-Speicher-Systeme, die eher den Zweck erfüllen, einen dezentralen Speicher für Dokumente, Bilder usw. zu verwenden.

Mit diesen Wallets kann ich nun bestimmte kryptographische Operationen ausführen, denn ich kann mit meinem privaten Schlüssel Vorgänge autorisieren, die von der Gegenstelle anhand meines öffentlichen Schlüssels verifiziert werden können. So ist es z.B. möglich sich mit der Wallet in eine Website einzuloggen. Das faszinierende dabei ist, dass die Website mir auf diesem Weg einen Zugang zu geschützten Bereichen erlauben kann ohne dass ich dort überhaupt einen Account anlegen müsste. Meine Wallet dient also als Zugangs-Account, den Schlüssel um mich “auszuweisen” verwalte ich aber selbst. Damit ist der Zugang sehr datenschutzfreundlich und auch relativ sicher, denn wenn ein Hacker oder eine Hackerin die Website hacken würde, gäbe es kein password von mir zu finden dort, das liegt nur bei mir in der Wallet (und im Falle einer sog. “cold-wallet” sogar sicher auf meinem Schreibtisch statt irgendwo auf dem Rechner). Viele der Probleme zentraler Architekturen – nicht nur das Hacking-Risiko – ließen sich damit theoretisch geschickt umgehen, einfach indem man viel mehr auf kryptographisch abgesicherte dezentrale Infrastrukturen setzt. Auch soziale Netzwerke ließen sich damit ganz anders organisieren (gibt es ja auch schon in Ansätzen).

Damit sind schonmal die Grundzüge des Web3, des “dezentralized web” beschrieben. Dessen Idee ist nämlich, dass es viele solche dezentralen Websites und Dienste gibt, und die Menschen sich mit Ihren Wallets und pseudonymen Identitäten dort bewegen und in Interaktion treten. Zusätzlich gibt es dahinter ein ebenso kryptographisch gebautes Netz von Blockchains – das sind verteilte Speicher, die meist vor allem Transaktionen für alle einsehbar speichern und fortschreiben. Meine Wallet ist jeweils mit so einer Blockchain verbunden und kann dort Dinge auslösen, also z.B. ein digitales Asset von mir auf jemanden anderen (eine andere Wallet) übertragen. Das kann eine digitale Währung sein oder auch ein anderer “Coin”, also ein kryptographischer Repräsentant von irgendwas. Es gibt z.B. einen Klima-Coin, der verwendet wird um CO2 Einsparungen abzubilden. Es gibt Energie-Coins, die verwendet werden um Nachbarschafts-Strom zu verrechnen. Und es gibt sog. “non fungible coins/tokens”, die als NFT derzeit viel Aufregung verursachen, und als digitale Nutzungsrechte eines (häufig auch digitalen) Bildes verstanden werden können. Die Uffizien in Florenz geben z.B. NFTs ihrer Meisterwerke heraus um den Museumsbetrieb zu finanzieren (natürlich in der Pandemie entstanden). Die Idee limitierte Kopien von Kunstwerken herauszugeben, die von der Künstlerin oder einer anders autorisierten Person signiert sind, ist übrigens deutlich älter als “Crypto” – vermutlich hat fast jeder Zuhause irgendetwas an der Wand hängen, was aus so einem Prozess stammt.

Ok, das war ein kurzer Exkurs zum Web3 und von welchen Mechanismen wir da eigentlich reden. Und, ist etwas aufgefallen? Ich habe bisher noch gar nicht von flackernden Bildchen, “bored apes” und millionen-schweren Transaktionen für zweifelhafte Digital-Kunst gesprochen. Muss man eben auch nicht, das ist nur ein Seiten-Phänomen von Crypto aktuell.

Nun aber zum eigentlichen Punkt dieses Artikels, dem Grund warum ich eher hoffnungsvoll bin, was die mittelfristige Wirkung des aktuellen Crypto-Hypes anbelangt. Oder warum ich “daran glaube”.

Dafür sollte man die ganze aktuelle Aufgeregtheit mal beiseite legen und kurz überlegen, welche größeren Trends sich vielleicht in der aktuellen “Crypto-Entwicklung” abbilden.

Ich sehe da vor allem zwei – 1) die Digitalisierung und 2) das Zusammenbrechen des traditionellen Währungs-Systems.

Habe ja schonmal an anderer Stelle dargelegt, woher meiner Ansicht nach die Digitalisierung ihre starke Sogwirkung bezieht, und warum sie in so ähnlichen Mustern in unterschiedlichsten Ecken aktiv ist. Kurz gesagt: physische Dinge (im weiten Sinne, also Objekte, Vorgänge, Menschen usw.) werden digitalisiert, indem sie erstmal irgendwie in ihre jeweilige Daten-Repräsentation verwandelt werden. Das kann in Form eines Sensors mit Internet sein, über eine App oder manchmal auch indirekt. Sobald diese digitale Repräsentation da ist, fängt diese an sich zu vernetzen und digitale Beziehungen einzugehen, die davon profitieren, dass im Digitalen nahezu keine Transaktionskosten anfallen. Man kann also sehr sehr viele, sehr hochfrequente Beziehungen eingehen. Im nächsten Schritt wandern dann Prozesse aus dem Analogen in diese digitale Sphäre, also Geschäftsprozesse aber auch Freundschaften, der Gesundheits-Status bis hin zu seelischen Vorgängen oder “Gestalten”. Wer z.B. intensiv Google-Fotos nutzt und sich anhand von AI-gestützten Kategorien durch die Fotos wühlt, bekommt schnell eine Ahnung, was ich meine.

All das passiert gerade weltweit in ganz vielen Ebenen, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und hier und dort gegen unterschiedliche Widerstände. Ich bin mir übrigens auch nicht sicher, ob es gut ist oder in eine totale Dystopie mündet, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir es erstmal nicht werden aufhalten können (man muss sich nur die Menschen in der Straßenbahn anschauen, wie alle an Ihrem Smartphone hängen. Wir haben längst unsere Seelen dahin verkauft). Aber ich war auch immer schon Apologet der Digitalisierung und von der Möglichkeit überzeugt, dass es eben auch eine Utopie befeuern könnte, gerechtere Verteilung von Gütern, mehr soziale Bindung, mehr Chancen für alle, weniger Grenzen usw.

So, aber was spielt “Crypto” da für eine Rolle? Eigentlich ganz einfach, es scheint mir einfach ein nächster logischer Schritt in dieser Evolution zu sein. Die digitale Sphäre wird aktiver, es werden mehr Transaktionen dort hin verlegt und wenn ich mich mit meiner Wallet an einer dezentralen Börse wie Sushi-Swap anmelde um einen kryptographischen Stable-Coin zu tauschen und danach zu staken, dann ist das einfach ein ziemlich abgefahren digitaler Vorgang. Aber eben auch ein starker, gut kryptographisch abgesichert, hoher Datenschutz, pseudonym und irgendwie digital faszinierend. Wenn man mal kurz überlegt, wie wir die Klima-Krise in den Griff bekommen wollen und wie nachhaltige Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird kann man schon auf die Idee kommen, dass ein kryptographisches, dezentrales Netz mit gut abgesicherten aber starken “Nodes” eine wichtige Rolle spielen könnte. Einfach weil ich vll. dem Produzenten meines Kaffees auf diesem Wege direkt einen Ausgleich zukommen lassen kann nachdem er mir einen digitalen Produktions-Nachweis geschickt hat. Oder indem ich der afrikanischen Strom-Farmerin mit meinem Carbon-Coin die Energie(-Zertifikate) abkaufe, um die Badewanne aufzuheizen für heute Abend. Vielleicht gäbe es ja sogar eine Art virtuellen, als dezentrale autonome Organisation (DAO) organisierten Bio-Laden, bei dem ich nachhaltig gepflanzte Kakao-Bohnen ernten könnte…

Also: ich glaube “Crypto” steht nur für einen wichtigen nächsten Entwicklungs-Schritt des Internets und der Digitalisierung und es könnte eine gute Idee sein über den Trash hinwegzusehen, und den Blick auf das mögliche langfristige Potential zu lenken. Und übrigens: Als das Web in den Neunziger-Jahren zu laufen begann gab es viel Trash-Content, dubiose Angebote, viele gescheiterte total abgefahrene Unternehmen und ohne Ende verbranntes Investoren-Geld. Ich musste mehrfach Menschen aus dem Freundes/Verwandtschafts-Kreis von Porno-Dialern befreien und weiß, dass aus dem damit erwirtschafteten Geld schöne Villen in Südafrika finanziert wurden.

Und nun noch kurz zum anderen Punkt, dem möglichen Zusammenbruch des Geld-Systems. Zum Glück ist das nicht meine Theorie, sondern es gibt eine ganze Reihe kluger Menschen, Kulturwissenschaftlerinnen wie z.B. Christina von Braun, Autoren wie z.B. Thomas Ramge oder Ökonomen wie Stefan Heidenreich die schon seit längerem die These vertreten, dass das etwa 3000 Jahre alte Geldsystem vor einem fundamentalen Wandel, evtl. vor einer kompletten Ablösung stehen könnte. Und man muss nicht gro´ß überlegen um Belege dafür zu finden, dass dieses System zur Zeit irgendwie nicht mehr so richtig gut zu funktionieren scheint. Negativ-Zinsen, abstruse Derivat-Produkte, glühende Geld-Druckmaschinen und immer schärfer drohende Inflation. Hinzu kommen abgeleitete Dysfunktionalitäten wie die ausgestorbenen Innenstädte oder die insgesamt aus dem Ruder geratenen Geld-Ströme an die Super-Reichen, die dann als erratische Gut-Menschen-Spenden wieder zurückkommen.

Ich habe in einem kleinen Talk beim ADC kürzlich mal dargelegt, warum die Innenstadt von Venedig wieder mehr bewohnt sein könnte, wenn nicht mehr Geld in Wohnungen akkumuliert werden müsste:

Wie wäre es, wenn die Crypto-Coins auch schlicht ein weiterer Indikator dafür wären, dass wir an einem Folgeprojekt arbeiten müssen und ein neues System brauchen um Werte zu transferieren, zu speichern und gerecht zu verteilen? Wenn man sich z.B. mal genauer anschaut wie elaboriert und mathematisch faszinierend manche Stable-Coin Projekte daherkommen (z.B. Olympus DAO Ohm), dann kann man da schon ins Grübeln geraten. Vor allem aber könnte man sagen: oh, bevor wir das jetzt einfach in Grund und Boden bashen wäre es vll. ja auch interessant mal zu schauen, was daraus entstehen könnte? Wie könnte man diese neuen Technologien vll. nutzen, um ein paar der anstehenden Probleme zu lösen wie z.B. einen nachhaltigen globalen Markt für grüne Energie?

Na ja – mir ist schon klar dass man die Wut-Gemeinde damit nicht wird hinter dem Ofen vor-locken können. Aber wenigstens habe ich mal versucht zu erklären, warum ich an die Power von Crypto glaube, auch wenn ich nicht mal eine Fraction eines Bored-Apes in meinem Wallet habe…

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So kann Digitalisierung funktionieren.

December 14th, 2021 — 8:28am

Bin ausnahmsweise mal richtig beeindruckt von der Digitalisierung in Deutschland – und zwar konkret hier in Köln.

Positiver Corona-Test wird digital ans Gesundheitsamt gemeldet. Gesundheitsamt schickt noch am selben Tag eine mail mit weiteren Hinweisen und einem Einladungslink zu einem Portal für weitere Dokumentation – das sogar gut benutzbar ist und kein zwölfstelliges Passwort mit mindestens drei Sonderzeichen verlangt. Dort können Kontakte gemeldet, einschlägige Regeln nachgelesen und Symptome berichtet werden. Wenige Tage später dann begleitender Anruf vom GA. Der Mitarbeiter hat offenbar alle Daten aus diesem Portal vor sich, weiß aber z.B. auch schon dass ich 3x geimpft bin. Nach dem Anruf steht im Portal wie angekündigt (und wirklich unmittelbar danach) die Ordnungsverfügung zur Quarantäne zum Download bereit. In dieser Verfügung ist bereits ein personalisierter Link auf das Genesenen-Portal enthalten wo ich mir später mein EU-Genesenen-Dokument mit QR-Code herunterladen kann.

Das hat keine andere Stadt/Kommune in Deutschland so konsequent umgesetzt. Vergleicht das mal bitte mit den Prozessen zu Beginn der Pandemie. Großen Respekt dafür Stadt Köln! Ist übrigens auch aufgrund einer super vorbildlichen Kooperation von IT-Amt der Stadt mit Startups aus der Region gelungen, besonders hervorzuheben sicherlich Jan Kus von Railslove, die Kollegen von Sidestream und Frank Bücher, stellv. Leiter der städtischen IT-Behörde. So kann es gehen! Hoffe wir können diesen Spirit auch über die Pandemie hinaus bewahren.

Denn es gibt noch viel zu tun in der Digitalisierung der Verwaltung, aber auch bei vielen anderen Prozessen drumherum.

Und was ich schon immer gesagt habe bzgl. Startup-Förderung hat sich hier aufs beste bewahrheitet: das mit Abstand beste was man für ein Startup tun kann – egal ob man Behörde, Corporate oder irgendwer anderes ist, sind Aufträge. Real work. Zum einen trägt das wirklich viel direkter zur Substanz und dem Standing gegenüber Investoren bei. Zum anderen können wir auch wirklich was bewegen. Wenn es dann noch gelingt das smart in städtische Prozesse einzuphasen und die Behörde selbst ein bisschen Startup-Kultur pflegt kann sowas gelingen.

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Die erste Generation wird schon von Algorithmen großgezogen

January 20th, 2021 — 1:20pm

Ich muss häufiger meine Töchter durch die Gegend fahren, gerade jetzt in der Pandemie nochmal mehr als vorher. Zum Stall und zurück, zur Freundin, abends irgendwo abholen usw.

Natürlich ist das nervig und ich könnte mit meiner Zeit bessere Sachen anfangen. Aber für Eltern pubertierender Kinder kann das auch eine überraschend wertvolle Zeit sein, denn man verbringt ja eine meist recht entspannte, relativ intime Zeit mit dem eigenen Kind. Das sonst eigentlich kaum mit einem redet, und wenn dann eher in Stress-Situationen. Häufig reden wir aber auch bei Auto-Fahren nicht, beide Töchter (13 und 16) lieben es auch dann mit mir Musik zu hören, genaugenommen mich aus ihren Spotify-Konten über die Auto-Boxen zu beschallen.

Normalerweise läuft dann bei der 16-jährigen viel Deutsch-Rap, ab und zu mal etwas balladenhaftes (meistens er hat sie verlassen), hält sie aber meist nicht für einen ganzen Song aus. Sie singt viel mit und die Playlist wechselt häufig. Es ist interessant sich darauf ein bisschen einzulassen, denn es öffnet oft regelrecht ein Fenster in die Seele des eigenen Kindes. Gerade bei Deutsch-Rap funktioniert das gut, weil es halt sehr “textlastig” ist. Abgesehen von der Regel, dass ich nichts offensichtlich frauenfeindliches hören will (auch das ist übrigens eine spannende Regel, denn sie möchte natürlich vermeiden diesbzgl. ermahnt zu werden), ist erstmal alles erlaubt. Sie hört häufig Songs von Rapperinnen, die davon singen wie sie nun überraschend doch oben schwimmen, nachdem sie jahrelange Loser-Schulkarrieren hinter sich haben. Oder harte Love-Stories, meistens nach dem Muster “Babe & Gangster”. Aktuell z.B.:

(wie sehr das ins Innere geht kann man daran erkennen, dass sie an einem anderen Tag, als wir mal wieder über die Erfüllung von Schulpflichten stritten sagte, sie müsse überhaupt keinen Beruf erlernen, da gäbe es auch andere Möglichkeiten an Geld zu kommen…)

In diesen Momenten habe ich das Gefühl, dass sie ganz bei sich ist – es gibt einen starken Connect zwischen der Musik und ihrer Seele. Ist ja auch klar – gerade in diesem Alter ist Musik, also die Entdeckung des eigenen Musik-Geschmacks und das sich darin dann suhlen ein wesentlicher Teil der Selbst-Konstitution – nicht nur aus Ausdruck nach draussen, sondern auch als ein Formen nach Innen. Ich habe in dem Alter z.B. weinerliche Balladen von Chris de Burgh gehört – und wenn mein größerer Bruder mich da nicht Schritt für Schritt rausgeholt hätte, wäre ich heute vielleicht Versicherungsagent in Mannheim. Denn zu meiner Zeit formte sich der Musik-Geschmack durch Empfehlungen von Freunden, was man im Radio und in der Disko(!) hörte und bei Leuten wie bei meinem Bruder vll. auch noch was in der Spex oder dem Rolling Stone zu lesen stand. Oder in der Bravo. Wir hörten auch immer mal wieder heimlich die Hitparade (also ich zumindest), ich glaube daher kenne ich “kleine Taschenlampe brenn”.


Gestern fuhr ich sie mal wieder, da ragte aus dem Nerv-Rap-Wust plötzlich ein anderer Song empor, nämlich “Empire State of Mind” von Alicia Keys. Großartiger Song. Aber ich fragte mich, wie sie jetzt darauf kommt. Und fragte auch die Tochter (hatten noch ein paar km vor uns). War relativ schnell klar, denn natürlich kommt ein großer Teil ihrer Inspirationen aus den Empfehlungen von Spotify und in diesem Fall noch aus irgendeiner anderen Plattform (vermute “Insta”) – da hatte sie Videos über “coolen Lifestyle” geschaut – daher kam der Song. Und sicher sonst auch noch aus anderen Social-Media Quellen. Aber ebenso sicher nicht aus dem Radio, der Hitparade oder irgendwas auf Papier gedrucktem.

Jetzt könnte man sagen: so what, gibt halt neue Medien. Stimmt ja auch, aber es gibt schon einen wesentlichen Unterschied. Denn in den alten Medien waren die Musikempfehlungen menschengemacht. RedakteuerInnen, Musik-Freaks, Vorbands in Konzerten – alle Impulse die damals auf einen einprasselten hatten sich andere Menschen ausgedacht, mal intuitiv und manchmal auch aus Überlegung.

Meine Tochter aber wird groß mit einem Musikgeschmack, der ziemlich weitgehend von Algorithmen geprägt ist. Die natürlich keiner kennt und/oder versteht. Aber nach allem was man inzwischen so z.B. über den Youtube-Algorithmus weiß* oder auch den bei Facebook lässt erahnen, dass die einen durchaus ambitionierten Job tun und nicht etwa nur die populärsten Songs in der Kategorie Deutsch-Rap nach oben spülen. Viele der größeren Algorithmen-Buden beschäftigen sogar längst PsychologInnen, die versuchen die Computer mit aktuellem Wissen über die Funktionsweise unserer Seelen zu füttern. Übrigens mit relativ banalen Zielen, oft geht es schlicht darum, die Verweildauer in den Systemen zu erhöhen um mehr Werbung unterbringen zu können. Aber das funktioniert halt dann am besten, wenn man möglichst tief in der Seele andocken kann.

Auf der anderen Seite des Algorithmus geht es um viel – nämlich darum, mit welchem Selbst-Konzept, welchem Gefühl von sich selbst und mit welcher Leidenschaft ein Mensch groß wird, und sich innerlich konstituiert. Und das haben wir schon jetzt nahezu vollständig in die Hände von Algorithmen gegeben. Mir fröstelt ein wenig bei der Vorstellung, aber Chris de Burgh schwächt wiederum meine Position.

*in einer schönen Recherche (leider hinter paywall) wurde in diesem Artikel z.B. nachgezeichnet, wie sich einer der Erstürmer des Kapitols über eintauchen in Youtube über den Algorithhmus Schritt für Schritt radikalisiert hat…

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Warum speisen wir unsere Kinder* mit solch einem IT-Müll ab?

January 11th, 2021 — 8:29am

*und LehrerInnen

Seit 1h läuft der zweite Lockdown mit Home-Schooling und es ist schon wieder zum Verzweifeln. Viele (vor allem die ohne eigene Schulkinder) fragen sich vielleicht: was hat sich verändert in den letzten 10 Monaten (ja, so lange geht das schon), wie haben die Schulen sich auf einen möglichen erneuten Lockdown vorbereitet?

Und man kann sagen: sie haben schon. Ein paar Sachen haben sich wirklich verbessert, viele nutzen Moodle, viele haben sich ein paar Gedanken zum Material gemacht und verwenden hier und dort sogar interaktive Übungen anstelle von PDF-Uploads, häufig gibt es Konzepte für den Einsatz von Video usw.

Aber gerade war ich kurz im Zimmer von K3 um ihr ein Toast vorbeizubringen nach der ersten Stunde. Und fragte kurz, wie es läuft – schliesslich haben wir über die Tage Ihren Arbeitsplatz verbessert, einen Mini-PC angeschafft, eine bessere Kamera usw. – wollte einfach mal hören ob alles funktioniert und so. Sagt sie “ja, das funktioniert schon bei mir, aber die meisten kamen eh nicht rein und wir sollen sowieso nur ohne Kamera dran teilnehmen, sonst geht es gar nicht.”. Es gibt sogar Anweisungen der Schulen (auch bei K2) dass bitte die Kamera grundsätzlich auszubleiben hat**. DAS MACHT MICH WAHNSINNIG. Denn ich bin ja selbst in der selben Situation, meine Firma, meine Kunden, meine Investoren – alle nutzen Video-Konferenz-Systeme um die Sache am Laufen zu halten. Wir schalten uns gleich in 15 Minuten zur ersten Konferenz mit Google-Meet zusammen (alle mit Kamera an natürlich), sicherlich gibt es heute auch noch Schalten mit WebEx und natürlich Zoom, bestimmt auch die eine oder andere mit MS-Teams oder vielleicht Skype.

Die Kinder nutzen nichts davon – die paar Schulen, die im Frühjahr mutig vorangeschritten sind und flächendeckend MS-Teams eingeführt haben wurden teilweise abgemahnt und mussten es wieder zurückfahren.

Bei den Schulen wird “Big-Blue Button” und “Jitsi” genutzt und vermutlich noch hier und da andere selbst-programmierte und aufgesetzte Lösungen.

Und jetzt verstehe man mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan von Open-Source und habe immer schon einen wesentlichen Teil meiner Arbeit daraus und dafür bestritten.

Aber ich frage Euch: warum nutzen wir in unseren beruflichen Kontexten nicht Jitsi und BBB? Warum schaffen wir es Video-Konferenzen zu machen mit Kamera an? Wir arbeiten ja zu ähnlichen Zeiten wie die SchülerInnen und in der gleichen physischen Realität…?

Es ist lohnend sich mal durchzulesen, was die Philosophie von Zoom ist, woran die vor allem gearbeitet haben in den letzten Jahren. Kann es aber auch vorwegnehmen: es ist die Produkt-Qualität, die Stabilität, Verlässlichkeit und Nutzbarkeit des Service. Das hat mit Caching zu tun, einer gut skalierenden Server-Infrastruktur und vielen kleinen Details. Getrieben vom Anspruch dass NutzerInnen einer Video-Lösung diese verlässlich mit Video nutzen wollen, auch wenn es gerade viele andere tun. Und das funktioniert ja auch. Auch in der Corona-Krise wurde da massiv nachgerüstet und die Infrastruktur verbessert und ich muss sagen – die genannten Lösungen sind eher stabiler geworden, ausserdem reicher an Features in den letzten Monaten. Und auch besser im Hinblick auf den Datenschutz – auch im Vergleich zu den meisten europäischen Lösungen, mehr Infos dazu siehe hier:

Also warum bitteschön erlauben wir es unseren Kindern, unserem Bildungs-System nicht wenigstens mit vernünftigen Ressourcen in den Distanz-Unterricht zu gehen? Warum müssen die mit nicht ladenden Seiten, Kamera-aus per default und abstürzenden Servern kämpfen jeden verdammten Morgen?

Ach ja, Datenschutz. Sie können ja keinesfalls auf einem System beschult werden, das auch nur ein Byte auf einem amerikanischen Server vorbeigeschickt hat.

Und auch hier: es kann sein, dass diese Datenschutz-Diskussion geführt werden muss. ABER WARUM MÜSSEN DAS DIE KINDER AUSBADEN? Warum nutzen wir nicht erstmal Jitsi und BBB für unsere super wichtigen Business-Meetings, bis es läuft?

Mich fuckt es total ab, wie wir mit unserem Bildungs-System umgehen und wie das ein paar Leute zur Spielwiese ihrer Kontroll-Phantasien machen. Vor allem aber, dass wir den Kids etwas zumuten, was wir in unserer Realität nach 10 Minuten aus dem Fenster werfen würden. Einfach, weil sich niemand wehrt.

**und nur zur Sicherheit: eine Video-Schalte, wo alle Kamera aus haben per default, ist eine Audio-Schalte. Gerade bei den Kindern glaube ich, dass der Präsenz-Effekt durch die Video-Verbindung essentiell wäre um einen brauchbaren Distanz-Unterricht hinzubekommen.

PS: nur um es klarzustellen: ich habe auch gar nichts dagegen, wenn ein perfekt aufgesetztes, gemonitortes und gut skalierendes BBB im Einsatz ist. Fände ich sogar selbst besser. Aber das ist nicht der Fall.

PPS: Live-Update. Gerade nochmal mit ihr gesprochen. Heute ging auch Moodle an sich meistens nicht. Lehrer hat versucht ein Audio-File hochzuladen für eine gemeinsame Analyse. Liess sich nicht abrufen, moodle down etc. – jetzt hat er per mail ein Transkript geschickt.

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Liebe Schulen, wir müssen reden.

March 23rd, 2020 — 8:24am

Kurzes Update: die Varianz ist doch recht hoch. Einige Schulen – genaugenommen muss man sagen, einige LehrerInnen – gehen wirklich mustergültig mit der Situation um. Nutzen Nextcloud für die Arbeitspapiere, bieten Video-Chat an und senden kurze Video-Messages zum Tagesbeginn. Das sollte nicht unerwähnt bleiben, allerdings zeigt es natürlich auch ein Problem: dass es in hohem Maße dem Zufall überlassen ist in unserem aktuellen System, ob ein Kind eine Top-Betreuung erhält oder halt nicht…


Ich verstehe, dass die aktuelle Herausforderung schnell und ungeplant kam. Und man könnte jetzt lange drüber diskutieren, ob nicht lange schon gemahnt wurde, dass insbs. in Deutschland die digitalen Lehr- und Lernmöglichkeiten zu wenig genutzt werden. Das führt aber jetzt zu nichts. Trotzdem durchläuft unser Schulsysem gerade so einen Härtetest, was das digitale Lernen anbelangt – und es sieht nicht gut aus. Ich habe selbst zwei Töchter in der Schule, eine 10. und eine 7. Klasse. Und ich kenne viele Eltern, die jetzt auch mit Ihren Kindern zuhause sitzen, und den Drucker im Hochleistungsmodus laufen haben.

Denn bisher sieht es grob so aus – Abweichungen nach oben und unten gibt es natürlich: SchülerInnen und Eltern werden mit Emails überhäuft, nicht selten hängen da für ein Fach eine zweistellige Zahl von auszudruckenden PDF-Seiten dran. Wochenpläne, Arbeitsblätter, Checklisten, Verweise auf Buchseiten. Manchmal wird eine Möglichkeit angeboten Ergebnisse irgendwo hochzuladen, manchmal soll man die als Attachment schicken, manchmal wird auch nur gesagt die Arbeitsergebnisse könnten “später” irgendwann geprüft werden. Übrigens ist schon diese Massnahme mit etlichen Hürden gepflastert, denn weder haben alle SchülerInnen einheitliche Email-Adressen, noch überhaupt die LehrerInnen. Datenschutz und so, ausserdem – sorry wenn ich das jetzt doch mal kurz sagen muss – digitale Verpeiltheit und Ablehnung. Aber egal, das wollte ich ja gar nicht thematisieren.

Gleichzeitig switcht das ganze analoge Arbeitsdeutschland auf Video-Conferencing, nutzt kollaborative Software-Lösungen und es werden sogar ganze Workshops und Kennenlern-Meetings ins Netz verlagert. Christoph Keesse, der konservative Ex-Manager des Axel-Springer Verlages veröffentlicht auf LinkedIn (einer digitalen Vernetzungs-Plattform für Arbeitstätige) seine Learnings zum Arbeiten im Netz. Fazit: funktioniert besser als gedacht, es wird konzentrierter, authentischer (u.a. weil man die Urlaubsbilder im Hintergrund an der Wand sieht oder schonmal ein Kind durchs Bild läuft) und ergebnisorientierter. Man kann die Arbeit fortsetzen, auch mit Kollegen und die Qualität leidet noch nichtmal unbedingt. Ich bin mir sicher, das Fazit von Keese hätte anders ausgesehen wenn er seinen Kollegen Emails mit Attachments geschickt hätte.

Also, das muss besser werden in der Schule. Und falls sie jetzt sagen/denken “ok, beim nächsten mal müssen wir da vll. wirklich besser vorbereitet reingehen und ab dem Herbst dann doch mal eine AG zu Arbeiten mit dem Internet anbieten”: nein. Es muss jetzt passieren.

Denn der Shutdown wird vermutlich noch Wochen dauern. Und ausserdem: es ist auch eine große Chance, auch für die Schulen! Die Möglichkeiten und Tools sind da, es gibt Leute die helfen wollen, und es ist auch einfach nötig. Im aktuellen Modus laufen wir Gefahr, dass für die Kinder ein halbes Schuljahr verloren geht, und übrigens die Eltern treibt es auch in den Wahnsinn so.

Was könnte man besser machen? Nun, ganz einfach und Schritt für Schritt. Hier erstmal ein paar Anregungen/Bausteine:

  • Video-Konferenz: es sollte ein System geben, über das sich z.b. eine Klasse per Video zusammenschalten kann. Z.b. morgens um 9(!) Uhr für ein kurzes “Standup”.
  • Gemeinsame Datei-Ablage: in einem Dokumenten-Portal werden pro Klasse und Fach alle Arbeitsaufgaben, Pläne etc. einheitlich abgelegt. Nur da.
  • Gemeinsam Dokumente bearbeiten: einfach mal die ganze Klasse ein Thema auf einem geteilten Dokument im Netz erstellen lassen (z.B. mit diesem Service https://yourpart.eu/ )
  • Video-Sprechstunde: jede/r FachlehrerIn bietet pro Tag eine Video-Sprechstunde an in die Kinder sich freiwillig einwählen können um Fragen zu stellen und Sachen erklärt zu bekommen
  • Fach-Chat: die FachlehrerInnen könnten je Klasse und Fach einen Chat-Channel aufsetzen, und dort Beratung zu anstehenden Aufgaben anbieten usw. (alternativ auch in Slack & Co s.u. möglich)
  • Digitale Referate: Kinder bereiten kleine Unterrichts-Einheiten vor (eher so 10 Minuten) und streamen diese per Video für Ihre MitschülerInnen
  • Digitale Materialien aus dem Netz nutzen: jede/r sitzt ja jetzt zuhause an einem vernetzten Computer mit allen Möglichkeiten. Also sollte das Füllhorn der anderen Quellen im Netz genutzt werden. Wer findet für dieses Mathe-Problem die tollste Erklärung auf Youtube? Vielleicht auch auf englisch, dann deckt man das gleich noch mit ab
  • Digitale Materialien erzeugen: SchülerInnen anleiten selbst Dinge zu erzeugen, ein Fach-Wiki, einen PodCast oder einfach eine informative Seite dazu, wie Desinfektion gegen Viren wirkt
  • Soziale Nähe digital herstellen: Home-Schooling ist psychosozial eine extreme Herausforderung, auch für die Kinder. Digitale Möglichkeiten können helfen soziale Nähe und Verbundenheit herzustellen, die sonst im Pausenhof entsteht. Machen Sie sich Gedanken über einen digitalen Pausenhof. Warum nicht alle in ein Schul-Minecraft einladen, die Schule nachbauen und jeder lässt seiner Kreativität nebenbei freien Lauf? Wie wäre es mit einem Klassen-Podcast? Der einst verhasste Klasssen-Chat wird jetzt plötzlich zum Backbone des Zusammehalts, gestalten sie es mit Ihren Schülerinnen. Bei uns in der Firma gibt es einen Video-Chat, der permanent offen ist und “Küche” heisst…
  • Digitale Experimente und Lehrinhalte: machen Sie die Herausforderung zur Chance. Klassen-Projekt zu Wikipedia, Ziel: gemeinsamen Artikel zu einem Thema kollaborativ erstellen, recherchieren, feinschleifen und dann die große Frage: schaffen wir es ihn in der “echten” Wikipedia zu veröffentlichen? Warum ist das eigentlich so schwierig und was kann man daraus lernen? Wie haben Lexika früher Qualität hergestellt und was kann man daraus wieder lernen? (–> Politik)
  • Oh oh, Datenschutz!! Ja, der Datenschutz wurde – insbs. seit DSGVO – oft herangeführt um Innovationen zu bremsen in der Vergangenheit. Nicht immer zu unrecht, es ist natürlich wichtig dass Daten der Kinder nicht in falsche Hände gelangen und dass LehrerInnen keine Urheberrechtsverletzungen angehängt bekommen. Aber dahinter kann man sich jetzt nicht mehr verstecken, denn das geht alles. Man kann datenschutzkonform moderne digitale Tools nutzen! Und noch ein kleiner Verlags-Rant: fast jede LehrerInnen-Mail ist mit einem Hinweis versehen, dass man das Material nicht teilen dürfe über die Klasse hinaus etc. – natürlich ein riesen Versäumnis, dass man nicht früher auf OER-Materialien gesetzt hat (bei Verlagen und Schulen). Was jetzt von Schulbuchverlagen gemacht werden könnte und was ich erwarte ist: ein Moratorium für Urheberrechts-Ansprüche bis Ende des Jahres. Alles kann geteilt werden ohne dass LehrerInnen und SchülerInnen Angst haben müssen Post vom Anwalt zu bekommen. Ich fände ein Statement der Verlage dazu mutig aber auch angemessen, tragt Euren Teil bei!
  • Alternatives Lernen: bitte nutzen sie die Zeit auch rauszufinden, welche Möglichkeiten des alternativen Lernens und Lehrens es geben könnte: welche Vorgaben zu Lernzeiten, überhaupt Uhrzeiten sind sinnvoll, welche nicht (laden sie die Kids doch ein, dazu was in einem Blogpost zu schreiben). Sagen Sie den Kids, dass sie 20% Ihrer Zeit für andere Projekte (mit Schulbezug) nutzen, und darüber berichten sollen. Setzen Sie mit den Kids Projekte auf, und lassen sie sie frei darin arbeiten, wie ein Forschungsteam. Denken sie über Möglichkeiten der Arbeitsvernetzung mit anderen Schulen in der ganzen Welt nach usw. Eine sehr schöne Inspirations-Quelle zum alternativen Lehren/Lernen in digitalen Zeiten sind die Beiträge von Dejan Mihajlovic aus Freiburg.

Die Liste könnte man noch beliebig weiterführen. Aber sie soll auch nicht erschlagen, denn es gibt eine wunderbare Sache, die man vom digitalen Arbeiten lernen kann: einfach loslegen! Kleine erste Versuche machen, verbessern, neu aufsetzen. Kleine Erweiterungen einfügen, ausprobieren, reflektieren. Manches wieder abschalten, anderes erweitern. Schämen Sie sich nicht, wenn ihnen das unsystematisch und komisch vorkommt. Das geht den Managern von Bayer genauso, wenn sie plötzlich mit digitalen Arbeitstechniken konfrontiert werden. Aber meistens springt schnell der Funke über und man versteht den Vorteil, ja den Spaß den diese Technik machen kann.

Vor allem aber sind solche Techniken hervorragend für Krisenzeiten geeignet. Und wir haben nicht nur eine Corona-Krise, sondern halt auch eine “digitale Schule Krise”. Wie toll wäre es, wenn wir das nicht als Versäumnis, sondern als Chance begreifen würden?

Und zuletzt noch – wie loslegen? Nicht einfach, ist klar. Aber es gibt auch eine riesige digitale Hilfs-Welle, die sich aktuell formiert. Die Leute von Chaos macht Schule z.B. arbeiten an Konzepten und Unterstützungsangeboten. Digitale Angebote wie z.B. Calliope mini haben sofort umgeschaltet auf Corona-Modus und bieten neue Inhalte an, die aktuell besonders gut funktionieren. In Ihrer Elternschaft befinden sich mit Sicherheit ein paar Menschen, die sich gut mit digitalen Möglichkeiten auskennen. Ich denke, es werden sich schon in Kürze (in wenigen Tagen) konkretere Angebote formieren. Ich werde diesen Artikel hier auch immer wieder aktualisieren, wenn etwas diesbezüglich zu berichten gibt. Bis dahin: machen Sie sich Gedanken und probieren Sie mit den Kindern vielleicht einfach mal eine Video-Session zu Beginn des Tages aus. Oder machen Sie mal eine Mathe-Stunde per Skype. Oder stellen Sie mal eine Unterrichtseinheit per Youtube zur Verfügung. Oder nehmen Sie mit einem Kollegen/einer Kollegin einen kleinen Podcast auf, vielleicht wird ja eine Reihe daraus. Nur mit Email-Attachments kommen wir jedenfalls nicht durch die Krise, so viel sollte klar sein.

We are all in this together.

Ach, eines noch: Es kursiert im Netz ein angeblicher Brief des französischen Bildungsministers an die SchülerInnen. Es ist schwer zu sagen, ob dieser authentisch ist, aber es ist auch egal. Denn in diesem Brief steckt eine wichtige Erkenntnis, die ich auch von unseren Kindern bestätigen kann: Nein, es sind keine Ferien – für niemanden fühlt sich der Corona-Shutdown so an. Die Grosseltern der Kinder leben seit Wochen in Abschottung, Papa macht keine Geschäftsreisen mehr, und auch die Kinder spüren diese seltsame Stimmung aus Angespanntheit und Ruhe in der Luft. Und natürlich Angst – dafür muss man nicht Militär-Laster zum Leichentransport im Fernsehen sehen – aber viele Kinder bekommen das vermutlich auch mit. Es ist also auch aus diesem Grund keine normale Schulsituation.
Ich sage das deshalb, weil eine Lehrerin heute schrieb “das Wichtigste was Ihr aktuell zu sein habt ist: SchülerInnen. Macht Eure Aufgaben, haltet die Zeiten ein”. Ich finde das emotional hilflos und unemphatisch. Alle sind in einer Krise, und für viele fühlt die sich existentiell und sehr bedrohlich an. Wenn die Todeszahlen in den nächsten Tagen ansteigen werden, wird sich dieser Eindruck noch verstärken. Noch ein Grund jetzt nicht mit aller Macht den Standard-Unterricht per PDF-Download und Motivations-Ansagen per mail durchzusetzen. Wir brauchen jetzt intelligentere, digitalere aber auch emotional der Situation angemessenere Angebote.

Und vielleicht noch als Vision: digitale Bildung kann so wundervoll sein. Meine Inspiration dazu kommt z.B. von den Erfahrungen mit den ersten Online-Kursen, die die Stanford-Universität vor ein paar Jahren ins Netz gestellt hat. Sie hat damit nicht nur völlig neue Wege beschritten Inhalte zu vermitteln – sondern auch den Zugang zu hochwertiger Bildung von Barrieren befreit, und Menschen weltweit zur Verfügung gestellt. Wer einmal ein Problem plötzlich verstanden hat, weil er eines dieser zahllosen Tuturials auf Youtube dazu gefunden hatte, versteht vielleicht was ich meine. Das Digitale kann die Bildung besser machen, zugänglicher, vielfältiger, intelligenter und besser auf die Erfordernisse der Kids zugeschnitten. Da sollten wir hin.

Ein paar erste Ideen/Links:

Podcasten:

Video-Conferencing:

  • https://meet.misax.net/ extrem niedrige Einstiegshürde, keine App o.ä. nötig, kostenlos
  • https://openvidu.io/
  • https://www.blizz.com/de/
  • Zoom erweist sich im Arbeits-Alltag gerade als sehr gutes Video-Tool. Zum ersten Ausprobieren sicher gut geeignet, man kann ja später auf eine Open-Source Variante wechseln. In der Basis-Version bis zu 100 TN und 40min pro Session kostenlos.
    (hat aber leider keine gute Datenschutz-Reputation aktuell)
  • https://meet.jit.si/ ist eine tolle nicht kommerzielle Variante, die schon von einigen Schulen genutzt wird

Document-Sharing:

  • https://www.ucloud4schools.com/ Ucloud von der kommunalen Regio-IT ist im Schulbetrieb erprobt und setzt auf Open-Source Komponenten
  • In vielen Firmen weltweit wird slack genutzt um in Teams zu kommunizieren. Man kann Channels anlegen zu einzelnen Themen (Fächern), Dokumente austauschen usw. – ist kostenlos nutzbar bis zu einer bestimmten Grenze und ein unabhängiges Unternehmen – mattermost ist eine open-source Variante zu slack, Microsoft Teams eine kommerzielle, die oft genutzt wird.
  • NextCloud ist eine Open-Source File-Sharing Plattform, die zB. von Chaos macht Schule eingesetzt wird. Muss allerdings lokal installiert werden.
  • Etherpads sind gemeinsam zu bearbeitende Online-Dokumente. Bei diesem Service hier kann man es ausprobieren. Dauerhaft sollte man das eher von seinem Dienstleister für die Schule installieren lassen.

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