Der geschickte Mythos von der unendlichen Arbeit

Heute ging zufällig ein frühes Video von Steve Jobs durchs Netz YouTube Preview Image
Meine spontane Reaktion (als aktuell mal wieder dreifacher Parallel-Gründer) war wie bei vielen – oh yes! Aber irgendwas in mir grummelte auch kurz, und dann hatte ich eine Parallel-Assoziation, nämlich von einer Generalversammlung in der Siedlergenossenschaft, in der meine Frau aufgewachsen ist. Das ist eine alte Hippy-Gemeinschaft, die es geschafft hat ihre vom Abriss bedrohte Siedlung in eine Genossenschaft zu überführen. Aber bei der Versammlung standen Neuwahlen eines AR-Mitgliedes an, und dabei kam die Frage auf, warum eigentlich ausnahmslos alle Positionen der Genossenschaft (also Vorstand und Aufsichtsrat) männlich besetzt seien. Kurzes heftiges hin- und her, und dann hob einer der alten Aufsichtsräte zu einer kurzen Warnrede an, das Amt sei sehr kräftezehrend, man müsse über viel Erfahrung und Fachwissen verfügen und im Schnitt mehrere Stunden(!) pro Tag investieren, wenn man es halbwegs richtig machen wolle. Aber darüberhinaus seien Frauen für das Amt natürlich herzlich willkommen. Das waren sehr ähnliche Worte wie oben bei Jobs. Und die aktuelle Quote von Frauen, die Startups gründen liegt irgendwo im einstelligen Bereich.
Hinzu kommt ein lustiges Detail aus meiner eigenen Gründer-Vita, an das ich mich erinnerte. In meinen ersten Verhandlungen mit Investoren stellte ich den Anspruch auf (wir hatten gerade ein 8-Monate altes Baby zuhause, ungefähr wie jetzt auch) in meinen CEO-Vertrag einen verbindlichen Anspruch auf Teilzeit eingebaut zu bekommen (die Firma verbrannte zu der Zeit ca 200.000 EUR pro Monat). Die Gesichter hätte ich aufzeichnen sollen für die Nachwelt… Aber es wurde ein wenig verhandelt, recherchiert und debattiert, und dann hatte ich eine 80%-Regelung drin. Auch da war das Haupt-Argument, dass Investoren sowas natürlich gar nicht gerne sähen und es eigentlich auch nicht funktionieren könnte, wenn die Mannschaft (sic) nicht zu 100% committed wäre…
Hat dann ja doch funktioniert, und übrigens hatte ich in der Gründungsphase meiner letzten Firma tatsächlich etwas mehr Zeit für die Familie als in meiner Zeit als leitender Angestellter einer grossen Marktforschungsfirma.
Man sollte also vorsichtig sein mit dem Mantra des unvermeidlichen Arbeitswahnsinns – zumal ich auch zutiefst davon überzeugt bin, dass es als Erfolgsfaktor für ein Startup nur eine mindere Rolle spielt, oftmals könnte es sogar hinderlich sein, wenn das Gründungsteam 12h pro Tag schuftet. Stumpfe-Säge-Baum-Problem sozusagen. Für ein erfolgreiches Unternehmen ist es viel wichtiger ein paar sehr gute Entscheidungen zu treffen und diese dann durchzustehen. Klar muss man manchmal auch kämpfen und sehr viel arbeiten. Aber es ermöglicht eben auch mitten in der Woche das Baby zu schaukeln (während ich dies schreibe), weil die Oma grad nicht kann und die Mama auch arbeiten ist – beide selbstständig übrigens…

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3 Responses to “Der geschickte Mythos von der unendlichen Arbeit”

  1. Pausanias

    Volle Zustimmung!

    Hatte nicht Gunther Dueck schon letztes Jahr einen schönen Vortrag darüber gehalten, dass dieses sich mit Tasks auf Teufel komm raus zuballern völlig ineffizient und innovationsfeindlich ist?

    Vielleicht müssen wir das Bild mal etwas größer zeichnen, die Prioliste sieht bei mir ungefähr so aus, wenn man sich mal die Frage stellt “Wem soll es eigentlich gut gehen?”

    1. Meinen Kindern
    2. Meiner Frau
    3. Mir
    4. Meiner Firma

    Das sieht so für eine*n Arbeitgeber*in oder Investor*in erstmal mau aus, ist aber glaube ich bei Licht betrachtet ganz schön weit oben. Denn wenn man sich einmal die Wechselwirkungen vor Augen führt, wird jede*r sofort einsehen müssen, dass ich nicht oder nur schwerlich in der Lage sein werde, produktives abzuliefern, wenn die ersten drei Punkte nicht erfüllt sind.

    Andersherum betrachtet ist es aber auch die Firma/die Arbeit, die zentral auf die drei oberen Punkte einzahlt, in Form von Geld und Erfüllung.

    Und zum Schluss noch etwas Wasser in den Wein aus dem Sozi-Hirn: Das ist eine ziemlich privilegierte Debatte, die wir qua Bildung und nervlicher Ausstattung zu führen imstande sind.

  2. calceola

    Möglich das sich die Welt einfach geändert hat, die Welt sich ändert. Möglich das es imme rnoch junge wilde BWLer gibt die an die Mähr von der ganz vielen Arbeit glauben.

    Andere fangen an über den Tellerrand zu schauen und zu merken dass es wichtig sein kann das Leben als ganzes und da besonders sein eigenes wie Pausanias es beschrieben hat in den Fokus zu bringen.

    Gehe mit der Reihenfolge der Wichtigkeit konform und glaube es werden mehr. Aber man sollte nicht vergessen, dass es ausreichend Positionen gibt in den man nicht darüber nachdenkt – leider.

    Wie wäre es, alle in Arbeit zu haben die sowohl den Geldbeutel als auch das Herz und die Seele erfühlt?

  3. Lutze

    Ja da stimme ich dir zu, früher habe ich auch bis in die Puppen gearbeitet und das Resultat war, dass es mir meine Familie übel genommen hat. Leider ist das in den meisten Anfangsphasen eines Startups / einer Selbstständigkeit zum größten Teil der Fall. Man muss versuchen sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und alle nebensächlichen Arbeiten von Experten erledigen zu lassen z.B. Buchhaltung etc.


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