Aus dem Fenster

Als meine Mutter vor ein paar Jahren starb, war mein erster Impuls, als wir ins Haus zurück kamen diesen Fernseher durchs geschlossene Fenster nach draussen zu werfen. Bereue heute noch manchmal, dass ich es unterlassen habe. Der Grund war: sie hat gefühlt die letzten 10 Jahre ihres Lebens etwa 80% ihrer Wach-Zeit vor dem Ding verbracht. Natürlich hat das auch was damit zu tun, dass sie allein war und unsere Beziehung nicht die beste, klar. Und es hat vermutlich was damit zu tun, dass Du nach Krieg, mehrfach Flucht und Terror anderer Art bei drei Kindern allein in einem feindlichen bayrischen Dorf aufziehen, wohl irgendwann einfach nicht mehr kannst. Aber ich habe das Ding trotzdem gehasst – einfach weil es das Leben aus Ihrem Zimmer gesaugt hat. Als wir zuletzt da waren, meinte meine Frau, ich solle den Fernseher doch mitnehmen, bevor mein Vater ihn noch auf den Müll wirft. Haben wir gemacht. In Köln angekommen meinte sie beiläufig, ich könne ja vielleicht irgendeine Bastelei damit machen. Nun. Obwohl ich viel zu tun habe, und den verdammten D64 Ticker noch verfassen muss, habe ich den ganzen Abend damit verbracht, das Ding mit einem selbst-gelöteten Adapter-Kabel und dem Calliope mini anzusteuern. Was tatsächlich…mit erheblichen Einschränkungen…gelang. Bei genauem Hinsehen kann man rechts oben “Hello World” erkennen. Mehr ging nicht. Jetzt ist es gut, habe das Gefühl, das Teil irgendwie bewältigt zu haben. Denn das ist für mich auch Digitalisierung: Aneignung der Welt mit neuen Mitteln. Passive Rezeption durch aktive Gestaltung ersetzen. Lineares Drecks-TV auf den Müll verfrachten mit Binärcode, anstelle des Wurfes aus dem Fenster. Tschüss Mama nochmal.

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