Category: Politik


Warum ich das mit dem BGE anders sehe

May 23rd, 2017 — 8:23am

Der liebe Martin Oetting hat auf seinem Blog vor ein paar Tagen einen lesenswerten Beitrag zum BGE veröffentlicht, der viel geteilt wurde. Er ist mit seiner Linie der Kritik am BGE als neoliberalem Experiment nicht alleine, das wurde auch schon verschiedentlich anderweitig formuliert (z.B. hier).
Etwas handstreichartig stellt Martin die These auf, das BGE würde letztlich zur Abschaffung des Sozialstaats führen (weil es zu teuer ist um beides aufrechtzuerhalten und natürlich bisherige Systeme ersetzen würde). Ausserdem sei es zu gering bemessen, um ein gutes Leben zu ermöglichen. Und es wird angeführt (in dem Zeit-Artikel oben insbs.), dass es letztlich eine Zweiklassen-Gesellschaft etablieren würde – auf der einen Seite die BGE-Abgehängten, auf der anderen Seite die in richtigen Berufen, die sich normal entfalten können.
Alles Risiken, die nicht ganz von der Hand zu weisen sind.
Trotzdem erscheint mir die Gegenargumentation zu stark vereinfacht, und letztlich polemisch. Ausserdem irgendwie überraschend unwillig. Zum Beispiel Höhe: wurde ja noch nicht festgelegt – wenn 1000 EUR zu wenig wäre, um ein gutes Leben zu führen, und es das Ziel wäre, das mit dem BGE zu erreichen – dann müsste es halt höher ausfallen. Verstehe nicht, warum das so ein fundamentales Argument dagegen sein soll.
Aber mein eigentlicher Punkt ist ein anderer: Ich liebe unseren Sozialstaat, also die Tatsache, dass man im Zweifel aufgefangen wird, dass niemand ins Nichts fällt* und dass eigentlich niemand hungern muss bei uns oder ohne Dach über dem Kopf leben. Und dass jede/r zur Schule und zum Arzt gehen kann. Und so vieles mehr. ABER: Martin schlägt ja vor, mal mit Leuten zu sprechen auf der Strasse, die von HartzIV leben. Gute Idee. Ich würde aber noch weiter gehen und vor allem nicht nur über die Höhe der Bezüge sprechen. Sondern über die Art und Weise, wie man an diese drankommt, und was das mit einem macht. Denn der viel gepriesene Sozialstaat ist – nach den Schröder-Reformen nochmal viel mehr – ein System von Drangsalierungen und Erniedrigungen. Das, was von Martin so gepriesen wird als ein System, das auf individuelle Not und Bedarfe eingeht, heisst im Alltag, dass Leute wegen kleinster Dinge, wie z.B. Zuschuss zur Erstausstattung wenn ein Kind in die Schule kommt, eine Tour sondergleichen machen müssen mit Wartezeiten, Vorlage von Papieren, Belegen und Unterschriften, blöden Kommentaren, Unterstellungen usw. usf.
Schön ist auch, wenn man seine Arbeit verliert und ausreichende Bemühungen um einen neuen Job nachweisen muss. Oder wenn man es nicht mehr erträgt die 18-jährige Tochter zuhause zu haben und argumentieren muss, dass diese nun Anspruch auf Wohngeld hat.
In der praktischen und alltäglichen Anmutung kommt dieser Sozialstaat überhaupt nicht wie ein freundliches Angebot eines reichen Landes daher, sondern wie eine widerwillig gewährte Notleistung mit permanenten Unterstellungen des Missbrauchs und der Minderleistung. Natürlich alles vorgetragen und kontrolliert von überfordertem und unfreundlichem Personal, das ist ja langsam eh der Standard.
Ich mag mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie mit diesem System weitergemacht werden soll, wenn die Gesellschaft sich vom Ziel der Vollbeschäftigung verabschieden sollte, und die Zahl der Anspruchs-StellerInnen sich vervielfachen würde, häufig ohne realistisches Ziel da je wieder rauszukommen.
Die Schröder-Reformen haben nach dem Prinzip “fördern und fordern” noch einen deutlich verschärften Instrumentenkasten der Massnahmen zur Drangsalierung und Kontrolle mitgebracht – Mitarbeiter der Arbeitsagenturen und Job-Center werden auch angehalten, diese scharf einzusetzen und angeblich gibt es sogar Kontroll- und Incentiv-Systeme, die sicherstellen, dass auch genügend gedrängelt und bedroht wird.
Dieses System ist nicht nur ein Bürokratie-Monster, sondern es ist gegen die Würde der Menschen gestrickt, die es in Anspruch nehmen müssen. Und es lebt natürlich noch von der Idee, dass eigentlich genügend Arbeit da ist und eigentlich jede/r einen Job haben könnte – WENN ER/SIE SICH DENN NUR GENÜGEND ANSTRENGEN WÜRDE!
Ich bin deswegen für das BGE, weil es mir vor diesem Hintergrund wie ein Befreiungs-Schlag für die Würde vorkommt. Und ja, vielleicht sogar wirklich auch ein Stück weit wie die Abschaffung des Sozialstaates – nämlich des drangsalierenden und entwürdigenden Sozialstaates.
Und warum sollte dieser eigentlich nicht trotzdem weiterhin da sein in Fällen, wo das BGE nicht reicht? Ich sehe nicht, warum ein BGE automatisch zur Abschaffung aller Prinzipien des fürsorglichen Staates führen müsste – das erscheint mir eher so eine Totschlag-Argumentation zu sein. Und: ein BGE wäre ja weiterhin sozial, nur halt ohne Nachweise und Drohkulisse.
Ich bin auch deshalb für das BGE, weil es uns als Gesellschaft zwingen würde nochmal neu nachzudenken, wie wir leben wollen. Was Arbeit für uns bedeutet. Denn das ist noch ein anderer Effekt, auf den ich setzen und hoffen würde – der nebenbei auch dafür sorgen täte, dass es eben keine Spaltung und Zweiklassengesellschaft gäbe. Menschen wollen arbeiten. Es ist erfüllend und toll, und man kann wachsen dabei und Glückserfahrungen haben (oder Momente der Selbstwirksamkeit). Das funktioniert dann besonders gut, wenn man nicht aus grösster Not irgendeine Drecksarbeit annehmen muss, sondern wenn man frei und mit guter Ausbildung wählen kann, was man/frau machen möchte, wo man denkt glücklich zu werden und einen Beitrag zu leisten zum besseren Leben aller. Zum einen glaube ich, dass das System von Bildung und späterem Beruf schon immer darauf zielt, Menschen in befriedigende Arbeitsverhältnisse zu bringen. Mit den Anforderungen, die Automatisierung und die Abkehr von der Vollbeschäftigung bringen wird, könnte das System aber nochmal viel nachhaltiger überarbeitet werden – nämlich so, dass wir Daseins-Vorsorge und erfüllende Arbeit soweit wie möglich entkoppeln. Eben mit einem BGE.

Und noch ein letztes – das macht es für die SPD (und viele andere mit protestantischer Arbeitsethik im Blut) auch so schwierig: Selbstverständlich sollte so ein BGE auch ermöglichen, dass Menschen gar nicht arbeiten oder einfach nur Kunst machen oder den ganzen Tag auf der Ukulele rumklimpern. Und das ohne das Gefühl, Leuten “auf der Tasche zu liegen” – sondern eher mit dem Gefühl, als glückliche Menschen einen genauso wertvollen Beitrag zur Gesellschaft zu liefern, wie der Nachbar-Malocher mit seinem BMW.

*halte ich übrigens für den grössten Fehler der Hartz-Reformen, dass genau das jetzt passiert, also dass Leute nach 30 Jahren arbeiten und einzahlen nach wenigen Monaten auf Sozialhilfeniveau fallen.

—-> Internet ist auch, wenn jemand anderes fast zeitgleich einen ähnlichen, nur viel elaborierteren und besser begründeten Text schreibt –> hier entlang

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Warum eben doch alle programmieren lernen sollten – und was “alle” dabei genau heisst.

April 17th, 2017 — 4:31pm

Natürlich müssen nicht alle jetzt programmieren lernen. Leute, die das so oder in ähnlicher Weise kolportieren haben aber auch nur wenig von dieser Diskussion verstanden. Fairerweise muss ich zugeben, dass ich auch lange von dieser immer wieder vorgetragenen Forderung genervt war, aber mittlerweile hat sich das geändert – aus mehreren Gründen.
Der Einwand stimmt zunächst auf der banalsten Ebene nicht, denn kaum jemand fordert überhaupt ernsthaft SchülerInnen landauf, landab sollten jetzt per default Programmieren lernen – einfach um des Programmierens willen. Oder weil so viele ProgrammiererInnen benötigt werden (von der bösen I N D U S T R I E !!!).
Alle Bildungsleute, die das irgendwie fordern, meinen üblicherweise etwas anderes, und es ist schlicht Unsinn, die Forderung auf dieser Ebene aushebeln zu wollen (sorry Sascha).
Oft wird die Forderung auch eingebettet in das Konzept der “digital literacy” oder eben in eine weitere Konzeption rund um ein Schulfach “Computer Science” oder “Digitalkunde” oder eben auch einfach “Informatik”.
Programmieren hat in dem Zusammenhang eine Reihe von Funktionen, von denen ich einfach mal zwei hervorheben will.
Zum einen dringt man mit dem Programmieren am schnellsten dorthin vor, wo die digitale Revolution/Transformation zusammengehalten wird – beim Code. Egal ober der nun “law” ist oder einfach nur Normen der alten Welt ersetzt, wenn z.b. Roboter oder KI-Systeme programmiert werden. Um beurteilen zu können, ob ein Pre-Crime Algorithmus rassistisch agiert oder ein Service-Roboter nach ethnischen Kriterien Tee ausschenkt, ist es einfach hilfreich erstmal im Kern zu verstehen, wie diese funktionieren. Also dass dort Code zum Einsatz kommt. Dass dieser von Menschen (zumindest bis heute) geschrieben wurde. Dass dem bestimmte Modellierungs-Schritte zugrundeliegen, und dabei auch viele Annahmen und Mikro-Entscheidungen eingebaut wurden. All das lernt man eben, wenn man kleine Sachen selbst programmiert am besten. Also z.B. einen Mathe-Trainer, der auf Sprache reagiert und Süssigkeiten für richtige Lösungen ausgibt*. Programmieren lernen heisst in dem Zusammenhang ein Verständnis für den Code zu vermitteln – und zwar den kulturellen, den Meta-Code sozusagen, also die Art wie soziale Zusammenhänge dort einfliessen und welche Entscheidungen dabei prä-modelliert werden. In den Tee-Roboter kann man/frau dann z.B. einfach mal reinschauen und prüfen, welche Datenquellen er heranzieht. Oder ihn experimentell untersuchen – weil man eine gute Idee hat, wie das Ding vermutlich intern funktioniert. Oder man kann schauen, ob das Ding Open-Source ist – vielleicht weil man in der Schule mit Open-Source Materialien gross geworden ist und eben das Konzept von klein an eingeatmet hat, dass häufig ein Code irgendwo drin werkelt und es spannend sein kann, sich diesen mal anzusehen. Ich glaube wirklich, dass das für zukünftige Generationen genau das gleiche sein wird, wie in unserer Schulzeit Botschaften von Print-Medien im Deutsch-Unterricht dekodiert (sic!) wurden oder eben Collagen aus Werbe-Sprüchen in Kunst erstellt werden mussten.
Die Forderung Programmieren zu lernen hat in dem Zusammenhang also praktisch gar nichts mit dem Heranziehen von ProgrammiererInnen zu tun – sondern vielmehr mit der Grundausbildung von sourveränen TeilnehmerInnen einer zukünftigen Zivilgesellschaft, die sehr viel stärker noch als heute von Code geprägt sein wird. Und wir sollten uns klar machen, dass Kinder, die heute eingeschult werden am Ende Ihrer Schulzeit in eine Welt starten werden, die in krasser Weise von digitaler Technik durchwirkt sein wird – was also heute wie die Spezialbeschäftigung mit einem Randthema erscheint, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit in 15 Jahren eine ganz andere Dimension haben – einfach weil z.B. alles immer und überall von Sensoren und Code und Kameras und Algorithmen umgeben sein wird, und verdammt viel davon abhängen wird, wie souverän man/frau sich darin bewegen kann.
Der zweite Aspekt der Programmieren im Zusammenhang mit Digitalerziehung so wichtig macht, ist die Motivation. Es macht Kindern (und Erwachsenen natürlich auch) einfach unglaublich viel Spass, das Ruder in die Hand zu nehmen und wirklich was zu programmieren. Die Erfolgserlebnisse des ersten lauffähigen Programmes kann meist jede/r erinnern, der/die das schonmal erfahren hat**. Und es ist immer wieder inspirierend SchülerInnen dabei zu beobachten, wenn ihnen das erstmals gelingt, oder wenn sie später ihre erste knackigere Aufgabe selbst gelöst haben. Programmieren ist die tollste Art, sich mit dem Digitalen auseinanderzusetzen, viel toller als jede Art von Medienerziehung und Auflisten von Gefahren aus dem Internet usw. Das mag sich zwar nach einer Banalität anhören – für die pädagogische Frage wie man Kinder fit fürs digitale Zeitalter machen kann ist das aber von grosser Bedeutung – denn mit dem Programmieren haben wir offenbar einen Schlüssel, um an viel Motivation ranzukommen, gleichzeitig entstehen viele Momente der Selbstwirksamkeit – meiner Ansicht nach eine der schönsten Sachen, die Bildung und Schule hervorbringen können.
Zusammengefasst: Programmieren ist wichtig, weil es mit viel Spass und Selbstmotivation einen tiefen Zugang zur digitalen Sphäre ermöglicht.
Und jetzt noch zu Frage warum “alle”, bzw. was das genau bedeutet im Zusammenhang mit einem Bildungs-System. Denn interessanterweise wird dieses “alle” immer wieder sehr schnell infrage gestellt, zuletzt z.B. im gerade ausgestrahlten Bildungs-Diskurs im Deutschlandradio von Christian Füller, der sonst nicht gerade für neoliberale Positionen in Bezug aufs Bildungs-System bekannt ist. Dennoch redet er – wie praktisch alle anderen TeilnehmerInnen der Debatte – einem Konzept der Schulbefähigung das Wort, also der Idee Schulen einfach Autonomie und Geld zu geben, damit sie das Problem selbst in die Hand nehmen können. Ich halte das für sehr gefährlich und auch ziemlich falsch. Denn damit wird eine riesige Qualität des Bildungs-Systems verspielt, die gerade in der Begleitung der digitalen Transformation so wichtig wäre. Es heisst nämlich deshalb Bildungs-”System”, weil es ein systematischer, flächendeckender Ansatz ist, der qua definition _alle_ Kinder erreicht. In Deutschland wird man sogar von der Polizei zur Schule gebracht, wenn die Eltern das nicht hinbekommen. Dieses “alle” ist mir wichtig, denn ich glaube der Anspruch sollte sein, dass tatsächlich alle Kinder einen Zugang zu digital literacy bekommen – auch dann, wenn sie in einer strukturschwachen Region wohnen, ignorante Eltern haben und es leider auch weder einen Förderverein noch zufällig einen engagierte/n LehrerIn gibt. Für die digitale Bildung (aber auch jegliche andere) heisst das: Es muss gelingen, das System zu überzeugen und in ein flächendeckendes sowie obligatorisches Angebot zu münden. Nur so ist Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu realisieren (und ja, um da wirklich hinzukommen sind noch diverse andere Dinge in diesem System zu fixen, aber das würde hier zu weit führen). Der Ansatz Schulen einfach machen zu lassen kann in dem Zusammenhang nur dann funktionieren, wenn er eingebettet ist in eine entsprechende Entscheidung des Systems als Ganzem (also z.B. die Aufnahme von Programmieren in einen obligatorischen Medienpass in NRW, um mal ein Beispiel zu nennen). Ach ja – obligatorisch ist dabei natürlich auch wichtig – zum einen weil nur so eine systematische Versorgung entsteht. Ausserdem weil die Versorgungslücken wie meist nicht zufällig verlaufen, sondern z.B. entlang von Geschlechtergrenzen. Ein freiwilliges AG-Angebot “Programmieren” oder “Elektro-Basteln” in der Grundschule wird immer mehrheitlich von Jungen besucht werden. Bei einem obligatorischen Angebot entsteht das Problem gar nicht erst.

Also: Ja, tatsächlich sollten alle SchülerInnen in Deutschland programmieren lernen, so schnell und flächendeckend wie möglich.

*dabei habe ich übrigens gelernt, dass das eingesetzte Sprach-System (Open-Sphinx) Kinder deutlich schlechter versteht als Erwachsene. Das ist ein interessanter Design-Bias denn das System sollte eigentlich von solchen Faktoren unabhängig funktionieren.

**alle die sich jetzt sagten “ja, stimmt – das war geil” bitte mal kurz innehalten und überlegen: warum eigentlich? Ich glaube nämlich, dass es mehr ist als nur der “mastery-effekt”, also die Tatsache, dass man etwas geschafft hat worauf man hingearbeitet hat. Es ist doch eher so, als hätte man etwas geknackt was ein grosses Tor zu weiterem öffnet oder eben Magie ausstrahlt.

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Bundesregierung will Algorithmen regulieren – wirklich?

May 13th, 2016 — 4:39pm

Heute schreibt Patrick Beuth in der Zeit unter dem Titel “Bundesregierung will mehr über Googles Algorithmus wissen” von einem Positionspapier der Regierung zum Thema Offenlegung von Algorithmen, das offenbar an die EU-Kommission geschickt wurde um eine stärkere Regulierung von Algorithmen bei grossen Digital-Konzernen zu erreichen.
Hört sich erstmal ganz gut an, und auch ich habe diese Forderung ja vor langer Zeit (2012) in der FAZ formuliert. Die Idee dort war in drei Stufen zu verfahren, zum einen Stellen wo Algorithmen Entscheidungen treffen oder Filterungen vornehmen zu kennzeichnen (1), dann Möglichkeiten der Einsicht anzubieten, also wie der Algorithmus in diesem Fall konkret funktioniert (2), und idealerweise das ganze auch abschaltbar zu machen (3). Das würde im Falle einer News-Website z.B. bedeuten, dass man einen ungefilterten Stream sieht – so wie man bei Facebook mit etwas Mühe eine chronologische Sortierung des News-Feeds aktivieren kann anstelle der algorithmisch gefilterten.
In der Premium-Klasse würde man dann auch noch die Algorithmen selbst offenlegen.
Diese Forderungen und Ideen sind also nicht neu, auch auf der re:publica 2013 haben wir dazu ein Panel gemacht und intensiv darüber diskutiert. Aber es gab auch zahlreiche andere Initiativen und Vorträge in die Richtung.
Jetzt könnte man sagen – ja ja, steter Tropfen hölt den Stein, ist doch gut, dass darüber gesprochen wird und jetzt endlich auch in der Bundesregierung. Nun ja. Wirklich interessant finde ich, dass es jetzt so ein Papier gibt, wo doch vor wenigen Wochen die Datenschutz-Grundverordnung nach jahrelanger Arbeit endlich beschlossen wurde. Denn in dieser Verordnung gibt es einen Paragraphen zum sog. “Profiling” (Artikel 22), in der Verordnung heisst es auch “automatisierte Entscheidungen inkl. Profiling”. Dieser Paragraph sollte Fälle wie z.B. das vieldiskutierte Scoring regeln (also Schufa & Co), aber hätte theoretisch eben auch problemlos andere Fälle automatisierter Entscheidungen regeln können – eben solche wie sie im obigen Positionspapier der Bundesregierung behandelt werden. Man hätte z.B. ohne Schwierigkeiten hier eine allgemeine Kennzeichnungspflicht unterbringen können. Aber auch Auskunftsrechte wären denkbar gewesen. Allerdings hätte man dafür den Wirkungskreis des Paragraphen nicht dermassen einschränken dürfen, dass nur noch solche automatisierten Entscheidungen betroffen sind, die “eine rechtliche Wirkung entfalten” oder “erheblich einschränkend sind” (in älteren Fassungen der VO war das nicht so eingeschränkt). Denn damit dürften ziemlich sicher Anzeigen von Suchergebnissen, Filterungen von News-Artikeln und diverse andere algorithmische Filterungen aussen vor sein. Insofern finde ich es ziemlich scheinheilig, jetzt von einer Initiative zur Regulierung von Algorithmen zu sprechen – das hat man gerade erst sträflich unterlassen.
Soviel zur Bundesregierung. Im Artikel wird auch gesagt, eine Offenlegung von Algorithmen käme einer Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen gleich, und wäre damit praktisch unmöglich. Nun ja. Das wird natürlich immer wieder von den Unternehmen so vorgetragen und ist in der Tat schweres juristisches Geschütz. Aber es gibt auch in anderen Fällen schöne Beispiele dafür, wie trotzdem Auskunftsrechte und Eingriffsmöglichkeiten für User realisiert werden konnten, ohne den Unternehmen den garaus zu machen, z.B. im Fair Credit Reporting Act der FCC aus dem Jahre 1970, der regelt wie BürgerInnen Einsicht in Algorithmen, Daten und Verfahren im Rahmen von Kreditentscheidungen bekommen können. Warum sollte es nicht möglich sein, etwas ähnliches für Algorithmen im Netz hinzubekommen, zumal dort die technischen Möglichkeiten eigentlich noch viel einfachere und elaboriertere Auskünfte direkt im Kontext ermöglichen würden? Überdies müssten dafür eben nicht zwangsläufig die Algorithmen im Quelltext offengelegt werden (mal abgesehen davon, dass viele Unternehmen eh Verfahren einsetzen, die in der scientific community weithin bekannt sind) – eine lesbare Beschreibung der generellen Verfahrensweise würde in vielen Fällen auch reichen, und wenn dann noch die konkret beteiligten Daten angezeigt würden wäre die Transparenz für Internet-UserInnen schon um ein vielfaches höher als heute (das kürzlich gelaunchte Projekt algorithmwatch geht in eine ähnliche Richtung).
Ein anderes Modell, das Pate stehen könnte für eine Veröffentlichungspflicht bei gleichzeitiger Wahrung von Geschäftsgeheimnissen könnte das Handelsregister sein. Hier müssen Kapitalgesellschaften schon immer heikle Informationen aus ihrem Geschäftsbetrieb in standardisierter Form veröffentlichen – das Ziel ist hier ein vertrauensvolles Wirtschaften der Unternehmen untereinander zu ermöglichen. Bilanzen, wichtige Änderungen in der Leitungs-Struktur oder neue Beteiligungen müssen hier der Öffentlichkeit kundgegeben werden, und können mittlerweile sogar über ein Online-Portal eingesehen werden. Könnte das nicht ein Modell für Veröffentlichung von Informationen zu eingesetzen Algorithmen sein? In der aktuellen Blockchain-Hype-Debatte wird ja auch schon thematisiert, dass es zukünftig evtl. Firmen geben wird, die komplett nur aus einem in der Chain abgelegten smart contract bestehen (also einem Algorithmus) – so abwegig ist der Gedanke also vielleicht wirklich nicht.
Jedenfalls sollte man weitere Schritte in die Richtung unternehmen, ohne sich von Blender-Aktivitäten wie dem o.g. Positionspapier in die Irre führen zu lassen.

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Leise digitale Zweifel

March 28th, 2016 — 3:26pm

Kürzlich war meine Frau auf einem Psychotherapeuten-Kongress, und ich Begleitpersonal. Die meiste Zeit schob ich also das Baby durch die schöne Stadt Leipzig – da wir vergessen hatten Bücher fürs Kind mit einzupacken, schaute ich auch in einer netten Buchhandlung vorbei, und erwarb ein paar Kinderbücher. Das Kind ist derzeit sehr affin für Schiebetechnik und Anfassbücher.
Bei einem Vortrag aus dem Programm des Kongresses wollte ich aber unbedingt dabei sein, und zwar dem von Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin, Gender-Forscherin und Filmemacherin aus Berlin. Mir war relativ egal worüber sie genau sprechen würde, denn ich habe einen Vortrag von ihr, der etwa 20 Jahre zurückliegen dürfte, als einen der inspirierendsten in Erinnerung, den ich je gehört habe. Also habe ich mich in den Kongress hineingeschummelt und hörte ihr zu – mit Baby auf dem Arm und später dann krabbelnd auf dem Boden (beide).
Der Vortrag von Christina von Braun war zum Thema “Vatersprache – Muttersprache – Alphabet” – es ging dabei um die Frage, inwiefern das Alphabet selbst historisch konnotiert ist, und insbs. geschlechtsspezifische Prägungen mit-transportiert – wo ja gemeinhin auch in der Forschung gerne mit der Annahme gearbeitet wird, die Buchstaben seien abstrakte Symbole ohne nähere Bedeutung. Der Vortrag war wieder absolut faszinierend. Fast spielerisch konnte sie darlegen, wie sehr die Einführung des griechischen Alphabetes vor etwa 3000 Jahren mit zwei anderen gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden war – zum einen der zunehmenden Ökonomisierung (Schrift wurde überhaupt anfänglich vor allem für Zwecke der Buchhaltung entwickelt), zum anderen einem Umbruch vom matriarchalen vom patriarchalen System, einhergehend mit der Ablösung einer eher oralen Erinnerungskultur durch die schriftsprachliche. Das kann man in die verschiedensten Verästelungen nachvollziehen, z.B. in der Ordnung der Buchstaben, der Bedeutung des Buchstabens “A” (steht für Ochse, männliche Fruchtbarkeit etc. – aber auch graphisch verwandt mit diversen späteren Währungs-Symbolen, von den Viechern vor der Wallstreet mal ganz zu schweigen), aber auch darin, dass generell in der Kulturgeschichte bis heute seitdem eine Annahme kultiviert wird, die dem weiblichen eher das körperliche, und dem männlichen eher das geistige zuspricht (verbunden mit der Sprache und der Schrift). Teilweise übrigens ganz physisch zu verstehen wenn nur den Männern der Zugang zu Kultschriften gewährt wurde. Ich kann das hier nur dilletantisch wiedergeben, aber es gibt einen gut lesbaren 10-seitigen Text auf Ihrer Homepage, der das Thema gut darlegt.
Wieder zurück im Hotelzimmer führte ich meiner 9-monate alten Tochter die neu erworbenen Bilderbücher vor. Auf eines davon war ich besonders gespannt, denn es war ein sog. Sound-Buch mit eingebautem Mikrocontroller und Soundausgabe. Es heisst “hörst du die Vögel” und bietet ein paar Vogel-Bilder mit jeweils einem kleinen Touch-Punkt, bei dessen Berührung der zugehörige Vogel-Sound abgespielt wird. Sie liebt Bücher, insofern machte sie sich direkt darüber her. Spannend war aber ihre Reaktion auf das “interaktive Feature”. Sie reagierte irgendwie verwundert, fast respektvoll und weigerte sich standhaft den Punkt zu berühren. Noch tagelang ging das so, oft tat sie sogar so, als würde sie den Punkt berühren und tippte daneben…

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Die Digitalisierung. Ich gehöre ja auch zu den Apologeten einer stärkeren Umarmung derselben – egal ob im eigenen Leben, in der Schule, bei der Arbeit oder z.B. bei der Partei-Arbeit. Ich glaube, wir können die digitalen Mittel zum Besseren nutzen und sollten unsere Kinder so gut wie möglich auf eine Welt vorbereiten, in der sie überall von digitalen Dingen umgeben sein werden. Dazu gehört idealerweise auch ein Einblick in Code und wie dieser funktioniert, klar. Ich denke zwar nicht, dass jede/r programmieren können sollte, allerdings bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass in naher Zukunft Code tatsächlich law sein wird und ein Fortbestand der Zivilgesellschaft auch davon abhängen wird, wie gut wir Code beherrschen werden. Bisweilen wird in dem Zusammenhang ja sogar die Forderung laut, Programmieren solle wie eine weitere Fremdsprache verpflichtend gelernt werden.
Eine neue Sprache…was sagte Christina von Braun in Leipzig nochmal? Sprache ist immer auch gesellschaftlicher Kontext, sie transportiert und festigt genderspezifische Strukturen, teilweise so subtil, dass es uns gar nicht als Setzung auffällt, obwohl die prägende Kraft durch das Herabsinken ins Unbewusste eher noch stärker wird.
Wir propagieren also die Einführung einer neuen Sprache – oder sogar mehr? In einer Reaktion auf meinen gestrigen Artikel zur Notwendigkeit eines digitalen Schulfaches spricht der Bildungspolitiker Richard Ralfs sogar von einer “zweiten kopernikanischen Wende” und einer neuen Dimension der Aufklärung durch die Digitalisierung.
Tatsächlich könnte es um mehr als nur eine neue Sprache gehen. Digitalisier*ung beinhaltet ja bereits die Umwandlung, also nicht nur eine neue Beschreibung der Welt, sondern eine Umwandlung, aus dem Analogen wird ein Digitales. Und aus der oralen Überlieferung eine…digitale.
Zurück zum Bilderbuch. War es vielleicht ein Schauer, der meine Tochter innehalten liess, vor dem Bedienen der digitalen Funktion? Denn tatsächlich hat die Hinterlegung mit digitalen Vogelstimmen nebst Elektronik zur Touch-Auslösung ja etwas perverses – denn ohne dies hätte ich erzählt, was für ein Vogel das ist und sicherlich versucht, das Piepen nachzumachen – ich als Papa, mit meiner eigenen Stimme, mit viel Raum zur Imagination. Stattdessen der perfekt digitalisierte Sound eines Kuckuck, jedesmal exakt gleich, in jeder Kopie des “Buches” irgendwo auf der Welt. Vielleicht wirklich ein passendes Bild dafür, wie das Digitale die Welt auffrisst und zurückverwandelt, nur dass es dann eine standardisierte Simulation ist, mit der wir uns abfinden müssen.
Ich weiss, der Gedankengang wirkt ein bisschen verwegen, ich kann auch damit leben, wenn viele dem nicht folgen können.
Wendet Euch der Digitalisierung zu, umarmt sie. Einer der stärksten Kämpfer für diesen Glauben ist ja Google..äh… Alphabet…? Oh.
Ich denke es lohnt einmal genauer hinzusehen, bevor wir diese Forderung immer wieder runterleiern. Welches Geschlechterverhältnis reproduziert die digitale Sprache? Gibt es gute Anhaltspunkte dafür, dass die digitale Sphäre wenigstens tendentiell ein weniger männerdominiertes Rollenbild transportieren wird? Wie ist das auf Tech-Konferenzen, in den Führungsetagen der Digital-Konzerne und in den digitalen Medien? Müssten wir – wissend aus welchem Schlamassel wir kommen – uns nicht sogar aktiv darum bemühen, dass die digitale Sphäre von einer feministischen Art des Codens geprägt wird, wenn wir das schon für so unvermeidlich halten (was ich tue)?
Ich bin auch kein Gender-Forscher, doch wenn ich mir Programmier-Bücher so ansehe, so ist da viel von “Kontrollstrukturen”, “Variablen-Zuweisung” und generell viel von vermeintlich harter Logik (if this, while true etc.) die Rede. Generell wohnt dem Programmieren die Idee einer Abbildbarkeit der Wirklichkeit in solchen Strukturen inne, zunehmend auch die der Reproduzierbarkeit von Wirklichkeit und Erleben.
Mich besorgt das sehr. Ich habe einfach keinen Bock für die Einführung eines neuen Systems mit geworben zu haben, das am Ende eine noch weniger gerechte und offene Gesellschaft etablieren hilft, als wir sie schon haben. Vielmehr würde ich gerne die Chance genützt sehen, dass wir wohl wirklich an so einer Zeitenwende stehen, wie die griechische Gesellschaft vor 3000 Jahren.
Damals wurde das Patriarchat und die Herrschaft der Ökonomie über die Lebensverhältnisse eingezogen. Können wir diesmal bitte etwas anderes ausprobieren?

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Algorithms welcome

January 4th, 2016 — 11:25pm

Für die Weihnachtsferien hatte ich mir vorgenommen, endlich mal unser Bilder-Chaos in Ordnung zu bringen – also die mutmasslich tausenden von Digital-Fotos auf unterschiedlichsten Devices sicher abzulegen, und mit Redundanz auszustatten. Hatte ich mir übrigens auch letztes Jahr schon vorgenommen, und davor auch schon. Diesmal hat es geklappt, genaugenommen bin ich seit 3 Tagen und Nächten noch dabei, die annähernd 100.000 Fotos (kein Witz) auf 6 unterschiedlichen Laptops und aus anderen Online-Quellen zusammenzutragen, auf ein lokales NAS zu speichern, aber zugleich auch auf einen Cloud-Service, konkret Google Photos.
Ein bisschen hatte ich auch Angst vor dieser Aktion, nicht nur wegen dem vermuteten Zeitaufwand und dem Horror vor uralten Laptops und den Untiefen der Verzeichnissysteme, sowie dem Knacken bescheuerter Apple-Beschränkungen, um an die echten Files dranzukommen. Der Horror hatte auch noch eine tiefere Quelle, nämlich weil es so ein unüberwindbares Chaos zu sein schien. Hatte zwar nur mit etwa 20-30k Bildern gerechnet, aber wie sollte man in diese irgendeine Art von Ordnung und Struktur reinbringen, so dass das neue Archiv auch überhaupt irgendeinen Sinn machen würde?
Für mich ist das auch ein gutes Sinnbild des Digitalen, oder der “Digitalisierung”, wie man es jetzt so gerne nennt. Es explodiert förmlich, nicht nur weil irgendwelche Firmen es so wollen, sondern auch und vielleicht vor allem weil wir die neuen Möglichkeiten explosionsartig mehr nutzen. Man fotografiert anders heute – gleichzeitig entziehen sich die anfallenden Artefakte aber den klassischen Ordnungsprinzipien der analogen Welt immer mehr. Erst haben wir aufgegeben, Fotoalben zu machen. Dann haben wir aufgegeben, die abgespeicherten Bilder zu benennen (ist wirklich so, Bilder aus 2007 haben häufig noch sprechende Datei-Namen). Dann haben wir aufgegeben, eine bestimmte Ordner-Struktur dafür anzulegen, und zu pflegen (ungefähr ab 2009) – geholfen haben dabei aufkommende Universal-Suchmaschinen für lokale Dateien, die Ordner-Strukturen gestrig aussehen liessen. Und jetzt stehe ich hier vor einem Berg von 100.000 Fotos aus Urlauben, Kindergeburtstagen, Selfies, Besuchskindern, Geburten, Weihnachten vor und zurück, Skiurlaube, Strandurlaube…
Kuratieren wäre eine Möglichkeit, einfach mal aus dem Berg die schönsten 500 Fotos raussuchen, dabei wichtige Ereignisse nicht vergessen usw. – puh. Und dann ab jetzt schön aktuell halten.
Kurz hatte ich auch überlegt, mit viel Mühe wieder eine Ordner-Struktur einzuziehen, mit bisschen grep-Unterstützung. Verworfen.
Doch dann meldete sich Google zum ersten mal mit einem kleinen roten Sternchen im Reiter “Assistent”. Eine Reihe von Animationen und kleinen Filmchen sowie diverse Collagen aus allen hochgeladenen Bildern lag zur Ansicht bereit. Oh. Erstmal mit spitzen Fingern angesehen und…positiv überrascht. Meine Frau dazugerufen, und uns amüsiert über ein paar Beispiele – etwa 70% der Vorschläge speicherten wir gleich permanent ab. Dann kamen weitere Vorschläge rein. Zwei davon verschickten wir alten Freunden, mit denen wir vor Jahren im Urlaub waren*. Mehrere zeigte ich der Großmama, als sie heute kurz zum Kaffee reinkam. Und es kommen weitere.
Dann wollte ich mal kurz die Suche ausprobieren. Der Startbildschirm der Suche überraschte mich mit zig Kacheln, die Fotos thematisch gruppierten, der erste Block nach Orten – ok, das war zu erwarten. Doch der zweite Block hatte als Sortierungen Kategorien wie “Weihnachten”, “Berge”, “Strand”, “Sonnenuntergang”, “Motorräder” usw. zur Verfügung. Ziemlich spektaktulär, insbs. auch da ich erst vor wenigen Tagen den grossartigen CRE-Podcast zum Thema “deep learning” gehört hatte, in dem es genau um diese Technik ging.

google_photos

Unnötig zu sagen, dass Google kleine Helper für jede Art von Device anbietet, die automatisch neue Bilder reinsaugt, und die Kategorien selbstlernend sind, und ausserdem ständig wieder so nette kleine Nachrichten eintrudeln, dass wieder neue Vorschläge des Assistenten vorliegen…
Ach, und natürlich Face-Recognition! Die ist zwar in Europa per default abgeschaltet, aber ein kleiner VPN-Tunnel Trick genügt, und schon ist auch dieses Feature aktiv. Super praktisch und erstaunlich treffsicher.
Google kann jetzt also für mich beantworten, wann meine Tochter einen Strandurlaub hatte, und bei welchem Weihnachtsfest meine Mutter dabei war. Nur für mich? Ok, das war jetzt bemüht reingearbeitet, stimmts? Weil diese Creepieness sich meiner Ansicht nach hier gar nicht so aufdrängt, es ist einfach super-praktisch und wirklich ziemlich magic, was die Algorithmen da so für mich tun. Und dennoch _ist_ es verdammt creepy…
Also stelle ich mir diese Frage:
Kann es sein, dass wir mit der Digitalisierung tatsächlich unausweichlich unsere Belastungsgrenze in Sachen Creepieness verschieben werden? Es schon lang tun? Dass Digitalisierung überdies gar nicht anders geht, als mit der Hilfe von Algorithmen? Wir das vielleicht bald schon stinknormal finden werden, genauso wie es uns komisch vorkäme, eine viel befahrene Kreuzung mit was anderem als Ampeln zu regeln? Und, falls die Antwort ja sein sollte – für das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Algorithmen wäre das schon harter Stoff, wenn es bald schon gar nicht mehr denkbar ist, ohne sie voranzukommen. Also praktisch der Tag, an dem BMW das erste Modell rausbringt, das den Knopf für spontanes “self driving” nicht mehr enthält…
Und rational – für die Diskussion um Regulierung von Algorithmen und Datenschutz im Zeitalter von Big-Data hätte es auch gravierende Konsequenzen wenn man tatsächlich von einem “neuen Spiel” sprechen müsste und nicht von einer graduellen Anpassung der Spielregeln.
Ich bin allerdings nicht sicher – schon alleine weil dieses Narrativ von einigen Playern auf dem Spielfeld zu sehr gewollt daherkommt. Und auch weil es deutliche Anzeichnen für negative Seiteneffekte der Digitalisierung jetzt schon gibt. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob es nicht gruseliger wäre, dieser Konsequenz der Digitalisierung mit einer Ignoranz gegenüber dem Ausmaß der tatsächlichen Effekte zu begegnen.

*ein Kommentar dazu war übrigens “wusste gar nicht, dass es dieses Material überhaupt gab”. Gab es auch nicht, denn der verschickte Kurzfilm war von Google selbstgesteuert aus einer Reihe von normalen Fotos zusammengesetzt und mit Musik unterlegt worden…

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Oettinger verhöhnt die Opfer von Paris

November 28th, 2015 — 1:36pm

Die letzten Opfer sind vermutlich noch nichtmal zu Grabe getragen, und viele liegen noch in den Krankenhäusern, da entblödet sich der Digital-Kommmissar der EU nicht, mit folgendem Vorstoss an die Öffentlichkeit zu gehen: die Deutschen mögen Ihre Vorbehalte gegen Geheimdienste endlich ablegen und einer intensiveren Internet-Überwachung nicht mehr im Wege stehen.
Jetzt kann man lange über Internet-Überwachung, VDS usw. streiten, auch darüber, ob das Ablegen von Vorbehalten gegenüber den Geheimdiensten in Angesicht des laufenden NSU-Prozesses ein seriöser Vorschlag sein kann – aber darum geht es mir hier erstmal nicht.
Die Anschläge von Paris waren grauenhaft, und die Opfer haben mindestens Respekt verdient – dazu gehört auch, dass sich eine politische Instrumentalisierung eigentlich verbieten sollte (egal in welche Richtung).
Viele sahen in den Anschlägen Angriffe auf die westliche Lebensart, die Freiheit und Offenheit unserer Gesellschaft, das war die Logik in der Auswahl der Anschlagsziele.
Ich finde Oettingers Vorstoss aus zwei Gründen extrem respektlos gegenüber den Opfern: zum einen haben sie eine nüchterne und aufrichtige Analyse des Geschehens verdient, also vor allem der Frage “warum konnte das nicht verhindert werden?”. Und da gibt es ein paar ganz einfache Erkenntnisse – die Anschläge wurden mit einer SMS koordiniert (also nicht mit Verschlüsselung) und in einem Land geplant und durchgeführt, das die schärfsten Gesetze zur Überwachung und Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten in Europa implementiert hat. Das alles hat also offenbar nicht geholfen, so einen Anschlag auch nur zu erahnen, bei dem mit Kalaschnikows bewaffnete Terroristen mehrere Stunden in der Pariser Innenstadt vor einer Konzerthallte in einem Kleinwagen auf Ihren Einsatz warten konnten, ohne irgendwie behelligt zu werden. Daraus jetzt die Forderung abzuleiten, wir bräuchten mehr Überwachung ist unfassbar respektlos und eine kalte Instrumentalisierung der Ereignisse für eigene Zwecke (hat die Netzneutralität eigentlich auch irgendwie eine hinderliche Rolle gespielt?).
Zum anderen sollten wir uns alle klarmachen – das war ein Angriff auf unsere Freiheit, unsere Art zu Leben. Was ist da von einem Vorschlag zur Einschränkung eben dieser Freiheit qua neuer Überwachungsgesetze zu halten? Das ist nicht mehr nur respektlos, ich finde damit verhöhnt man die Opfer dieser Anschläge regelrecht, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass mit solchen Vorschlägen die Agenda der Terroristen nur verlängert wird, anstatt ihnen etwas entgegenzusetzen.
Respektvoll wäre es gewesen, ein Manifest der Freiheit zu verfassen – ganz so wie es der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg nach den Anschlägen von Utøya demonstriert hat. Dazu ist Oettinger vielleicht nicht in der Lage – aber die Anschläge so dummdreist umzufunktionieren zu einer Agenda für mehr Überwachung ist schlicht ekelhaft.
Oder, noch viel besser gesagt, einfach Jacob Appelbaum anhören:
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Am liebsten würden sie die Smartphones verbrennen

October 26th, 2015 — 10:49pm

Ich beschäftige mich ja schon seit längerem mit der Frage, wie SchülerInnen mehr digitale Fertigkeiten und Kenntnisse an den Schulen vermittelt werden können. Denn es schaut ziemlich düster aus, wenn man an deutsche Schulen geht und sich danach mal umsieht (oder gar eigene Kinder im schulfähigen Alter hat). Selten funktionierendes WLAN, häufig noch nichtmal für die Lehrer, und wenn dann meist stiefmütterlich gepflegt und notorisch instabil. Handyverbote allerorten, Informatik-AGs, die nicht zustande kommen oder als minderwertige Word/Excel-Kurse abgehalten werden, Ausstattung, die einem die Tränen in die Augen treibt.
Auch wenn man von aussen draufschaut, sieht es nicht freundlicher aus – in nahezu jeder Kategorie, die dafür relevant ist (z.B. Nutzung digitaler Hilfsmittel durch LehrerInnen, Verfügbarkeit digitaler Lehrmittel (oder gar OER Materialien), Präsenz von digitalen Lehrinhalten in den Lehrplänen, der Lehrerausbildung usw.) liegt Deutschland im internationalen Vergleich auf den hinteren Plätzen. Zwar regt sich in den letzten 1-2 Jahren so langsam etwas, allerdings ist das noch weit von dem entfernt, was nötig wäre – zudem hängen uns Nachbarländer längst mit viel entschlosseneren Initiativen ab (UK z.B. mit Einführung von Informatik-Unterricht verpflichtend ab 1. Klasse + Schul-Microcontroller MicroBit für alle Schüler landesweit).
Lange habe ich als Ursache vor allem das föderale Bildungs-System in Kombination mit einer gewissen Wohlstands-Trägkeit angesehen, aber so langsam komme ich zu einer ganz anderen Überzeugung.
Das erste mal wurde mir das klar, als mal wieder auf einem Elternabend in der Klasse meiner Tochter ein Handy-Verbot diskutiert wurde. Mein Werben für einen differenzierten und vor allem pädagogischen Umgang mit dem Thema anstelle eines Verbotes wurde weggefegt, und schliesslich beschloss die Elternvertretung zusammen mit der Lehrerschaft ein allumfassendes Handy-Verbot bis zu Oberstufe für die gesamte Schule inkl. Aussenflächen mit recht drastischen Sanktionen bei Verstössen.
Da dachte ich zum ersten mal: was ist das eigentlich für eine starke negative Energie und Ablehnung? Haben die Eltern wirklich Sorge, dass Ihre Kinder vom Lernen zu sehr abgelenkt werden? Auf dem Schulhof? Als Begründung wird ja gern dann mit viel unterstützendem Kopfnicken gesagt, die Kids würden ja “nur noch vor diesen Dingern hängen”…(obwohl die Studien von Danah Boyd relativ klar belegen, dass Jugendliche sich über “die Dinger” vor allem vernetzen, ihre Identität ausprobieren, ausbauen und vor allem: ihr Leben leben…)
Ein zweites Indiz ergab sich, als ich für eine spezielle Unterrichts-Stunde zur Sonnenfinsternis in die Schule gerufen wurde, um das Streaming des Ereignisses zu ermöglichen (über Köln lagen Wolken) – da die Schule kein funktionierendes WiFi hatte, musste ich mit meinem MiFi und eigenem Rechner anrücken. Während dieser Spezial-Unterrichts-Stunde waren zwei LehrerInnen anwesend. Da zwischendurch immer auch ein wenig Unterricht gemacht wurde, tauchten zwei spezielle Fragen auf, die von beiden LehrerInnen nicht beantwortet werden konnten.
Frage 1: “Wie ist der Mond entstanden?” (zahlreiche teils abstruse Vorschläge seitens der SchülerInnen)
Frage 2: “Was heisst Sonnenfinsternis auf französisch?” (die Französisch-Lehrerin war anwensend)
Beides mal kurzes Ringen um eine Antwort seitens der Lehrerschaft, und dann die Frage: “kann das mal eben einer von Euch nachschauen?”. Damit war das HANDY gemeint (es war noch vor dem Verbot). Beide male konnte die korrekte Antwort in wenigen Sekunden ermittelt werden – schon darin war übrigens ein Stück Medien-Erziehung enthalten, das vermutlich mehr Relevanz für die Zukunft der SchülerInnen beinhaltete als die ganze Stunde über die Sonnen-Finsternis: nämlich, wie man Quellen beurteilt und im Internet gute Informationen findet (denn natürlich gibt es zur Mond-Enstehung auch ne Menge abstruse Erklärungen im Netz).
War aber vor allem wirklich schön zu sehen, wie offensichtlich der Nutzen von Smartphones für den Unterricht sein kann – und da sind wir noch nicht in Physik (Handy als Sensor für Experimente) oder Geschichte o.ä. angelangt, wo das Smartphone vll. noch viel fundamentaler didaktisches Element sein könnte.

Warum also das Verbot?

Ich glaube die wirkliche Antwort auf die Frage steckt letztlich auch in der obigen Szene, denn: es geht schlicht um Macht. Ein Handy in der Hand einer Schülerin verschiebt das im traditionellen Bildungs-System angelegte Machtverhältnis von LehrerIn zu SchülerIn auf dramatische Weise – und zwar nicht nur, weil der Lehrer sich damit nicht auskennt, nein – das Smartphone stellt letztlich das ganze auf Fakten-Wissen angelegte System in Frage, und das ist bei Licht betrachtet ein riesiger Teil des Bildungs-Systems, der noch nichtmal mit der Schule endet…
Damit könnte man den Widerstand der LehrerInnen ganz gut erklären – doch warum ist die Gegen-Front auch in der Elternschaft so stark? Da kommt meiner Ansicht nach noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, der noch tiefer geht. Die Menschen spüren, dass wir am Rande einer kaum mehr aufzuhaltenden Revolution stehen, die alle Gesellschaftsbereiche betreffen, und kaum einen Stein auf dem anderen lassen wird. Viele Berufsbilder werden verschwinden oder komplett umdefiniert werden, die bisher sichere Machtoptionen darstellen, wie z.b. Rechtsanwalt, Mediziner, Professor, Architekt, Ingenieur usw. – aber auch Insititutionen, das politische System und selbst so banale Dinge wie das Taxigewerbe sind plötzlich vom Aussterben bedroht. Die digitale Revolution wird selbst nach Meinung gemässigter Experten rückblickend vermutlich ähnliche Ausmasse entfaltet haben, wie seinerzeit der Buchdruck oder die Industrialisierung. Damit ist aber auch klar, dass viele alte Machtpositionen in Gefahr sind, vielleicht so viele, wie schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten nicht mehr. Eigentlich muss man sich fast wundern, dass der Widerstand gegen alles Digitale nicht noch viel fundamentaler ausfällt – jedenfalls habe ich immer mehr den Eindruck, dass wir beim Versuch digitale Inhalte an die Schulen zu bringen de facto mit agressivem Widerstand zu rechnen haben (der natürlich pädagogisch motiviert daherkommt) und nicht nur mit Trägkeit und Innovationsbremserei. Und das verändert natürlich die Lage ganz erheblich…

— Update —-
Einige LeserInnen haben im Text oben “Lehrer-Bashing” gelesen. Nichts könnte mir ferner liegen – ich finde selbst die angeführten Unterrichtsbeispiele eher Fälle von geschickter Integration von Digital-Medien. Der Text richtet sich ja vielmehr gegen die Eltern, von denen so viel mehr Ablehnung ausgeht. Dass ich viel davon halte, mit engagierten LehrerInnen zusammenzuarbeiten und nicht nur zu lamentieren kann man verschiedentlich in meinem Blog nachlesen (Elektro-Basteln mit Grundschul-Kindern und meine Meinung zu moderner Pädagogik an einer Inklusions-Schule etc.). Auch das von mir mit-initiierte Projekt des Beirates junge digitale Wirtschaft für ein Fach Digital-Kunde aber der 1.Klasse lebt davon dass Pilot-Projekte mit diversen Schulen durchgeführt und die Erfahrungen gesammelt werden.

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Warum ich die Resolution von @digitalcourage zur EU-Datenschutzverordnung für falsch halte

June 6th, 2015 — 5:27pm

Der Datenschutz-Förderverein Digitalcourage hat heute zur Zeichnung einer Resolution gegen die Aushölung des Datenschutzes im Zuge der EU-Datenschutzgrundverordnung aufgerufen, die kurz vor dem Abschluss steht.
Die Lesart ist: Google, Facebook & Co, sowie im generellen die Daten-Handels-Lobbyisten versuchen den Datenschutz auszuhölen, indem wichtige Datenschutzkriterien wie z.B. die Zweckbindung und die Datensparksamkeit geschliffen werden sollen.
Tatsächlich ist alles natürlich viel komplizierter.
Zum einen kann für Google, Facebook & Co derzeit kaum etwas besseres passieren, als eine strenge EU-Datenschutzgrundverordnung, denn diese wird – trotz anderslautender Ankündigungen zum sog. “Marktortprinzip” – für US-Unternehmen in vielfacher Weise nicht gelten, insbs. weil es keine Bestrebungen gibt, das bilaterale Safe-Harbor Abkommen (bzw. die Entscheidung der EU-Kommission diesbzgl.) aufzuheben, das es US Unternehmen ermöglicht, durch eine einfache Erklärung (gegenüber US-Autoritäten) so behandelt zu werden, als wären Ihre Daten und Datenverarbeitungsprozesse auf EU-Level. Der Staatssekretär des BMI, Ole Schröder, hat noch vor wenigen Wochen auf einer Konferenz der FAZ in Berlin zum Thema gesagt, es gäbe keine Pläne Safe-Harbor aufzukündigen. Dies wird auch von anderen Stellen bestätigt. Hinzu kommen weitere Handels-Abkommen, die eine ähnliche Wirkung haben werden, wie z.B. das aktuell bekannt gewordene TISA.
Der Effekt für US-Unternehmen wäre also grob: höheres Datenschutz-Niveau für Digital-Unternehmen, die in der EU ansässig sind (mit ihrem Haupt-Sitz), und gleichbleibend lasche Regeln für US-Unternehmen. Warum sollte man dagegen anlaufen?
Tatsächlich wird die EU-Grundverordnung in vielen Bereichen eine deutliche Verschärfung des Datenschutz-Niveaus zur Folge haben, insbs. auch in anderen EU-Staaten, die bisher laschere nationale Regeln implementiert haben, aber auch in Deutschland. Denn hier gilt bisher z.B. der wichtige Absatz 15(3) des Telemediengesetzes, der die sog. “Pseudonymisierung” ermöglicht, und Unternehmen im Gegenzug erlaubt derart abgesicherte Daten ohne vorherige Zustimmung des Nutzers, sondern nur mit Widerspruchsmöglichkeit zu verarbeiten (Pseudonymisierung bedeutet, dass in einem Datensatz die Merkmale entfernt werden, die einen direkten Personenbezug ermöglichen). Diese Regel ist so nicht in der EU-Verordnung implementiert (zumindest nicht im Entwurf des Rates, aber selbst im Text des Parlamentes taucht das Prinzip nur bruchstückhaft auf). Das würde bedeuten, dass in Zukunft alle erhobenen Daten als personenbezogene Daten gelten und damit ein strenges Zustimmungs- oder Opt-In Regime einzieht*. Das ist ein bemerkenswerter Sieg der Datenschutz-Lobby, insbs. der Article-29 Working Party (Zusammenschluss von Datenschutz-Beauftragten in der EU mit quasi-amtlichem Status in Brüssel).
Natürlich wird seitens der Wirtschafts-Lobbyisten versucht, das noch aufzuweichen, insbs. über sog. “legitime Interessen”, aber der Versuch der Bundesregierung das Prinzip der Pseudonymisierung noch einzufügen wurde von den anderen EU-Mitglieds-Staaten mit grosser Mehrheit abgelehnt.
Was ich aus zwei Gründen für fatal halte, und da sind wir beim eigentlichen Problem.
Zum einen ist es fatal, weil Pseudonymisierung ein Datenschutz-Tool ist/war, und demzufolge auch von Datenschützern unterstützt wurde. Es war aber auch ein Incentive für Unternehmen mit speziellen Vorkehrungen besonders datenschutzfreundlich zu arbeiten, indem sie problematische Personenbezüge in den Daten entfernten oder gar nicht erst aufkommen liessen. Es wäre ein Verlust für datenschutzfreundliche Geschäftsmodelle, wenn diese Option wegfiele.

Nun aber zu meinem Haupt-Punkt: Ich glaube, wir stehen vor einem grösseren Problem und die Lösungen von Digitalcourage wären auch dann falsch, wenn die Annahmen bzgl. der Interessen von Lobbyisten alle richtig lägen.
Denn: Big-Data ist nicht böse. Natürlich hat es hochproblematische Anwendungsfälle und es gibt predictive policing, Aushölung der Solidarität im Gesundheitswesen über Daten-Tarife usw. – keine Frage. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass Big-Data Anwendungen zu den wichtigsten Quellen für Innovation, Wohlstand und allgemein Zukunftstechnologien beitragen werden, vereinfacht: wer die Möglichkeiten von Big-Data erschwert, erschwert Innovation auf zahlreichen Gebieten. So sind zum Beispiel sowohl das selbstfahrende Auto (das in Zukunft viele Leben retten wird) als auch die unglaublichen Durchbrüche im Bereich automatisierter Übersetzungen Big-Data Anwendungen, die möglich wurden, weil massenhaft nicht zustimmungspflichtige Daten verfügbar waren, die auch keine Einschränkung hinsichtlich Zweckbindung aufwiesen (z.B. Übersetzungen von EU-Gesetzen, aber auch zig andere Quellen aus Diensten, die z.B. Sprachverarbeitung ermöglichen). Das britische Gesundheitssystem setzt gerade voll auf Innovationen und Effizienz-Effekte durch die Öffnung von ehemals strikt personenbezogenen und hoch-geschützten Gesundheitsdaten. Und das nicht, weil Daten-Lobbyisten das gewollt haben, sondern weil man das Innovationspotential einer offenen Datenpolitik selbst in so sensiblen Bereichen einfach heben muss, um die explodierenden Gesundheitskosten gegenfinanzieren zu können (so zumindest die Argumentation des NHS). Effekte, die z.B. einfach dadurch entstehen können, dass sowohl Patienten ihren kompletten Health-Record inkl. API zur Verfügung gestellt bekommen, als auch Unternehmen und Startups in pseudonymisierter Form (ja, da gibt es viele Diskussionen und Probleme).
Die altehrwürdigen Prinzipien von Zweckbindung und Zustimmungserfordernis sowie generell Datensparsamkeit greifen einfach nicht mehr für die Zukunft, das ist meine tiefe Überzeugung, denn wenn Big-Data Anwendungen eines nicht kennen, dann ist es Datensparsamkeit und Zweckbezug (vorab). Das widerspricht sich also im Kern.
Allerdings sollten die Prinzipien nicht einfach über Bord geworfen werden, keineswegs. Aber wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung von Datenschützern, Politikern, Unternehmen und Lobbyisten (ja!) um neue Datenschutz-Prinzipien zu finden, die für das Big-Data Zeitalter taugen. Wenn die Datenschützer sich einfach hinter den alten Prinzipien verschanzen, hilft das niemandem. Genausowenig hilft es, wenn Unternehmen jetzt einfach loswurschteln (weil die Aufsicht total überfordert ist z.B.) oder PolitikerInnen irgendwelche Gesetze erlassen, nur damit mal Ruhe ist (ein bisschen passiert das gerade mit der Verordnung).
Wir müssen vermutlich noch mehr als das TMG mehrere Klassen von Daten einführen, und weiter über Pseudonymisierung und deren Absicherung nachdenken. Wir müssen vermutlich an vielen Stellen vom Prinzip der Zweckbindung abgehen, vll. auch indem neue Zwecke mit Zustimmung definiert werden können, vermutlich aber eher indem auf sog. risikobasierte Ansätze geswitched wird oder eben rechtliche Fragen im Moment der Anwendung von Daten (und nicht im Moment der Erhebung) relevant gemacht werden. Wir müssen sicher auch einen Bereich personenbezogener Daten definieren, der vll. noch stärker als bisher abgesichert wird. Wir müssen die im Digitalen viel leichter zu nutzenden Möglichkeiten der Transparenz wirksam in Gesetze und Praxis einziehen, z.B. indem Nutzer ihre Daten und deren Nutzung jederzeit nachverfolgen und auch nachjustieren können. Und ich würde sogar soweit gehen, dass es in bestimmten Bereichen regelrecht Prinzipien der Daten-Verschwendung geben muss, also maximale Daten-Erzeugung, Zugänglichmachung, Standardisierung etc.

Das wird schwierig und fundamental. Aber ich halte es für eine essentielle Aufgabe, wenn wir eine neue Balance von Schutz/Regulierung, Empowerment des Nutzers und Nutzungsmöglichkeiten für Unternehmen finden wollen.

*eine andere Lesart in einigen EU-Staaten ist übrigens dass pseudonymisierte Daten als “anonyme” Daten behandelt werden sollten und damit überhaupt nicht unter die Verordnung fallen (weil diese nur personenbezogene Daten regelt). In Deutschland sollte diese Lesart angesichts von 15(3) TMG und der jahrzehntelangen Praxis und Rechtsprechung dazu schwierig werden. Ein Outcome könnte also sein, dass in Zukunft solche Daten in Deutschland als unter die Verordnung fallend betrachtet werden, in Litauen aber zum Beispiel nicht – auch wenn solche Effekte durch die Verordnung an sich verhindert werden sollen. Jedenfalls wäre der Effekt wenn Pseudonymisierung in der VO geregelt würde, dass diese Daten-Klasse explizit in die Verordnung reinkäme, also in allen Ländern damit ein klares Improvement für den Datenschutz in der EU.

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Ohne VDS sterben die Patienten bei der Telemedizin, äh, also in den Autos…

May 17th, 2015 — 11:38am

Oettinger rückt von der Netzneutralität ab. Soweit, so erwartbar. Was mich aber vor allem ärgert ist, mit welch billigen Mitteln uns diese zentrale Errungenschaft des Internets nun abgeschwatzt werden soll. Denn auch Oettinger verwendet zwei Anwendungsfälle, um zu erläutern warum Netzneutralität kritisch sein kann: Telemedizin (oder “Gesundheitsdienste”) und Verkehr.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert: Zum einen taucht dieses Begründungsmuster an vielen anderen Stellen auf, wenn PolitikerInnen sich gegen die Netzneutralität wenden. Angela Merkel hat kürzlich die exakt gleiche Kombination verwendet. Markus Beckedahl hat auf netzpolitik.org sogar ein kleines Quiz dazu eingerichtet, wo man die Begründung auch noch direkt von Telefonica, Vodafone oder der Telekom bekommen kann. CDU und die Telekom-Lobbyisten mag man denken – aber auch Sigmar Gabriel sieht die Telemedizin in Gefahr.
Wenn schon das freie und neutrale Internet kaputtreguliert werden soll, dann wünsche ich mir wenigstens ein bisschen mehr Anstrengung, denn natürlich wird kein Auto den Bremsvorgang einleiten, nachdem es übers Internet kurz abgechecked hat, wie die Verkehrslage sonst noch so ist, auch nicht mit Sondergenehmigung als “Spezialdienst”. Und wenn Herr Oettinger meint, man würde einen OP-Roboter übers Internet (als “Spezialdienst”) steuern, dann wünsche ich ihm viel Glück bei der nächsten OP.
Wahrscheinlich meinen die Lobbyisten, sie hätten da geschickt was eingefädelt, denn mit Video-Streaming oder schlicht Mehreinnahmen durch ein Zwei-Klassen-Internet für die Telkos lässt sich halt nicht so gut argumentieren. Aber wenn es irgendwie um Menschenleben ginge, das wär doch schick. Und irgendwas mit Autos kommt in Deutschland immer gut. Vermutlich wurde sogar kurz erwogen, eine Verbindung von Netzneutralität und Speed-Limit hinzubekommen, so im Sinne von “Automobilkonzerne erwägen Geschwindigkeitsbegrenzung bei unzureichendem Datenzugang”. Wäre nicht irgendwas mit Kinderpornographie noch drin gewesen? Hey, kommt, strengt Euch mal an! “International gesuchter Kinderschänder entwischt Polizei aufgrund zu langsamer Netzverbindung”. “Kinderschutzbund mahnt: Gebt den Ermittlern schnelleres Netz!”. “Die Vorsitzende des Verbands ‘safe our children’ fordert schnelles Netz für die Polizei – es könne nicht sein, dass die Internet-Taliban für Ihre Kostenlosangebote das Leben unserer Kinder aufs Spiel setzten”. Da geht noch was.

Ich wünsche mir, dass Politiker, die sich in so einer fundamentalen Sache positionieren, wenigstens vernünftig informiert wurden, und mit ernstzunehmenden Beispielen arbeiten. Ich möchte wenigstens intelligent verarscht werden.

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Why is it so hard to be good?

October 9th, 2014 — 11:57am

Letzte Woche auf den DataDays kam mehrfach die Frage auf, wie man mit Data-Science, Internet of Things, Algorithmen usw. vielleicht auch mal was Gutes tun könnte, also etwas, das Menschen wirklich hilft oder die Gesellschaft nach vorne bringt, anstelle von Dystopie-Annäherungen und Geschäft? Klaas Bollhöfer brachte es auf den Punkt, und es gab sogar kurz selbstkritischen Applaus: Perhaps because we don’t care at all? Jeder hat eigentlich nur Geschäftsinteresse und verbrämt das vielleicht hier und dort mit darübergestülpten sozialen Motiven?
Vielleicht. Aber ich bin mir nicht so sicher, vor allem aber will ich es natürlich nicht glauben.
Was mich aber über diese Motivationsfrage hinaus beschäftigt, ist die Frage, warum es so schwierig ist, wenigstens anteilig Gutes zu Schaffen mit den neuen Technologien, dem Internet und all dem.
Warum fällt es uns so leicht Tracking für Werbekunden aufzusetzen, und so schwer Angst und Hate-Speech zu tracken und darum Unterstützungsnetzwerke aufzubauen (ich beziehe mich dabei auf die Aussage von Richard Rogers, als er gefragt wurde, was er sich am meisten wünschen würde als Fortsetzung von Bigdata – „i would want to see tracking of fear and hate-speech“)? Warum scheinen die Vernetzungs- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes so viel mehr den Hatern, Trollen und generell der Bösartigkeit zugutezukommen? Warum schützt Anonymität so viel häufiger die Stalker als die Verfolgten? Warum kommt bei dem Versuch neue politische Versuche mithilfe des Netzes zu unternehmen, die Piratenpartei heraus? Warum sieht es so aus, als sei das Online-Geschäftsmodell für Journalismus gefunden, und es heisst heftig.co? Warum könnte das Netz neuartige Weisen des Zusammenarbeitens ermöglichen und heraus kommt Rocket Internet und Microsoft? Warum kommen bei Innovationen im Netz meistens Dinge raus, wo einem schnell bösartige Anwendungen einfallen, aber nur mit Mühe gutartige? (funktioniert insbs. bei jeder Art von Big-Data Anwendung und Analyse mit hoher Treffsicherheit)
Ein bisschen hat es tatsächlich mit Geld zu tun, ok – das kann ich sogar persönlich bestätigen. Ich habe mich mit Algorithmen bei der Fraunhofer Gesellschaft beschäftigt, die designed waren, um Museumsbesuchern neue Exponate näher zu bringen, die sie interessieren könnten. Dann haben wir versucht, den Algorithmus auf Content-Empfehlungen anzupassen, durchaus noch mit dem Ziel Online-Journalismus spannend zu machen, und den Nutzwert von Seiten zu erhöhen. Schliesslich habe ich nugg.ad gegründet, weil die einzige Art mit solchen Verfahren Geld zu verdienen, de facto die Werbeindustrie war (ist?).
Aber ist das schon die ganze Antwort? Erklärt das all die anderen Hassphänomene und dystopischen Elemente? Irgendwie nicht, oder?
Wir haben mit dem Internet, und jetzt nochmal mehr mit BigData, Algorithmen und der weltweiten Vernetzung von Arbeit und Menschen geschichtlich ziemlich einmalige Möglichkeiten in der Hand, Veränderungen herbeizuführen und Machtverhältnisse in Frage zu stellen. Und es passiert ja auch – wenn heute in der U-bahn 9 von 10 Leuten in ein Smartphone starren, dann ist das ein physischer Ausdruck einer Machtverschiebung, aber auch ein unglaubliches Potential darin die Leute zu erreichen, zu beteiligen und zu vernetzen. Was ja auch funktioniert – bestimmt die Hälfte meines Freundeskreises ist heute ohne online nicht mehr denkbar.
Aber warum haben wir noch nicht eindrucksvoller bewiesen, dass das alles zu einer guten Entwicklung beitragen kann? Warum gibt es keinen Notknopf für Opfer von Übergriffen, der alle Smartphones in der Umgebung blinken lässt, und eine Selbstverpflichtung dann auch zu helfen? Warum gelingt es uns nicht häufiger, Bigdata-Analysen zu verwenden um Ungerechtigkeit aufzudecken und anzuprangern oder Hass-Netzwerke zu visualisieren (wie vor wenigen Tagen in einem Artikel bei zeit.online zum Beispiel)? Warum zieht das Internet mehr Hass als Liebe an?
Und noch konkreter – könnt ihr mir helfen mit Ideen, wie das Internet of Things diese Wende hin zum Guten schaffen könnte? Fallen Euch „Things“ ein, die Frontex das Leben schwermachen würden? Oder kleine Devices, die SchülerInnen zu mehr Empathie und weniger Bullying und Ausgrenzung anregen? Anwendungen die Obdachlosen den Zugang zu Leergut erleichtern?
Beeindruckt hat mich auf den Data-Days die USB-Ladebank von Nan Zhao vom MIT. Ihre Idee ist nicht nur eine Lademöglichkeit zu schaffen mit Solarstrom, sondern eine Art Treffpunkt mit Schnittstelle von der physischen in die digitale Welt. Irgendwie nicht revolutionär, aber immerhin schonmal ein bisschen gut, oder?

— Update —
Ein wichtiges Beispiel hatte ich noch vergessen, das mir in dem Zusammenhang zu denken gibt (und auch gut zur Piratenpartei passt, aber auch zu diversen anderen Beispielen): Mail-Kommunikation. Ich bin ja auch schon ein paar Jahre im Geschäft in diversen Digital-Firmen, und wenn eines sich als konsistent gezeigt hat, dann ist es das: Email funktioniert nicht, wenn es um kritische Kommunikation geht, also um mehr als bloss Fakten-Sharing. Sobald Emotionen beteiligt sind (also fast immer), neigt das Medium Email dazu die Kommunikation kaputt zu machen, Missverständnisse hochschiessen zu lassen und Verletzungen sind fast immer der Fall, selbst wenn man sich des Problems bewusst ist und sich Mühe gibt. Es funktioniert einfach nicht. Ich traue mich kaum den Schluss von dieser Erkenntnis (wenn es denn eine ist) auf die generelle Tauglichkeit des Netzes für gute Dinge zu ziehen, insbs. wenn Zwischenmenchliches und Vernetzung dabei eine Rolle spielt… Und ja, natürlich gibt es auch positive Beispiele. Aber ich finde Email ist schon überzeugend schlecht im Vergleich zu f2f Kommunikation oder sogar Telefon wenn es darum geht gut zu kommunizieren.

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