Category: Politik


Bundesregierung will Algorithmen regulieren – wirklich?

May 13th, 2016 — 4:39pm

Heute schreibt Patrick Beuth in der Zeit unter dem Titel “Bundesregierung will mehr über Googles Algorithmus wissen” von einem Positionspapier der Regierung zum Thema Offenlegung von Algorithmen, das offenbar an die EU-Kommission geschickt wurde um eine stärkere Regulierung von Algorithmen bei grossen Digital-Konzernen zu erreichen.
Hört sich erstmal ganz gut an, und auch ich habe diese Forderung ja vor langer Zeit (2012) in der FAZ formuliert. Die Idee dort war in drei Stufen zu verfahren, zum einen Stellen wo Algorithmen Entscheidungen treffen oder Filterungen vornehmen zu kennzeichnen (1), dann Möglichkeiten der Einsicht anzubieten, also wie der Algorithmus in diesem Fall konkret funktioniert (2), und idealerweise das ganze auch abschaltbar zu machen (3). Das würde im Falle einer News-Website z.B. bedeuten, dass man einen ungefilterten Stream sieht – so wie man bei Facebook mit etwas Mühe eine chronologische Sortierung des News-Feeds aktivieren kann anstelle der algorithmisch gefilterten.
In der Premium-Klasse würde man dann auch noch die Algorithmen selbst offenlegen.
Diese Forderungen und Ideen sind also nicht neu, auch auf der re:publica 2013 haben wir dazu ein Panel gemacht und intensiv darüber diskutiert. Aber es gab auch zahlreiche andere Initiativen und Vorträge in die Richtung.
Jetzt könnte man sagen – ja ja, steter Tropfen hölt den Stein, ist doch gut, dass darüber gesprochen wird und jetzt endlich auch in der Bundesregierung. Nun ja. Wirklich interessant finde ich, dass es jetzt so ein Papier gibt, wo doch vor wenigen Wochen die Datenschutz-Grundverordnung nach jahrelanger Arbeit endlich beschlossen wurde. Denn in dieser Verordnung gibt es einen Paragraphen zum sog. “Profiling” (Artikel 22), in der Verordnung heisst es auch “automatisierte Entscheidungen inkl. Profiling”. Dieser Paragraph sollte Fälle wie z.B. das vieldiskutierte Scoring regeln (also Schufa & Co), aber hätte theoretisch eben auch problemlos andere Fälle automatisierter Entscheidungen regeln können – eben solche wie sie im obigen Positionspapier der Bundesregierung behandelt werden. Man hätte z.B. ohne Schwierigkeiten hier eine allgemeine Kennzeichnungspflicht unterbringen können. Aber auch Auskunftsrechte wären denkbar gewesen. Allerdings hätte man dafür den Wirkungskreis des Paragraphen nicht dermassen einschränken dürfen, dass nur noch solche automatisierten Entscheidungen betroffen sind, die “eine rechtliche Wirkung entfalten” oder “erheblich einschränkend sind” (in älteren Fassungen der VO war das nicht so eingeschränkt). Denn damit dürften ziemlich sicher Anzeigen von Suchergebnissen, Filterungen von News-Artikeln und diverse andere algorithmische Filterungen aussen vor sein. Insofern finde ich es ziemlich scheinheilig, jetzt von einer Initiative zur Regulierung von Algorithmen zu sprechen – das hat man gerade erst sträflich unterlassen.
Soviel zur Bundesregierung. Im Artikel wird auch gesagt, eine Offenlegung von Algorithmen käme einer Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen gleich, und wäre damit praktisch unmöglich. Nun ja. Das wird natürlich immer wieder von den Unternehmen so vorgetragen und ist in der Tat schweres juristisches Geschütz. Aber es gibt auch in anderen Fällen schöne Beispiele dafür, wie trotzdem Auskunftsrechte und Eingriffsmöglichkeiten für User realisiert werden konnten, ohne den Unternehmen den garaus zu machen, z.B. im Fair Credit Reporting Act der FCC aus dem Jahre 1970, der regelt wie BürgerInnen Einsicht in Algorithmen, Daten und Verfahren im Rahmen von Kreditentscheidungen bekommen können. Warum sollte es nicht möglich sein, etwas ähnliches für Algorithmen im Netz hinzubekommen, zumal dort die technischen Möglichkeiten eigentlich noch viel einfachere und elaboriertere Auskünfte direkt im Kontext ermöglichen würden? Überdies müssten dafür eben nicht zwangsläufig die Algorithmen im Quelltext offengelegt werden (mal abgesehen davon, dass viele Unternehmen eh Verfahren einsetzen, die in der scientific community weithin bekannt sind) – eine lesbare Beschreibung der generellen Verfahrensweise würde in vielen Fällen auch reichen, und wenn dann noch die konkret beteiligten Daten angezeigt würden wäre die Transparenz für Internet-UserInnen schon um ein vielfaches höher als heute (das kürzlich gelaunchte Projekt algorithmwatch geht in eine ähnliche Richtung).
Ein anderes Modell, das Pate stehen könnte für eine Veröffentlichungspflicht bei gleichzeitiger Wahrung von Geschäftsgeheimnissen könnte das Handelsregister sein. Hier müssen Kapitalgesellschaften schon immer heikle Informationen aus ihrem Geschäftsbetrieb in standardisierter Form veröffentlichen – das Ziel ist hier ein vertrauensvolles Wirtschaften der Unternehmen untereinander zu ermöglichen. Bilanzen, wichtige Änderungen in der Leitungs-Struktur oder neue Beteiligungen müssen hier der Öffentlichkeit kundgegeben werden, und können mittlerweile sogar über ein Online-Portal eingesehen werden. Könnte das nicht ein Modell für Veröffentlichung von Informationen zu eingesetzen Algorithmen sein? In der aktuellen Blockchain-Hype-Debatte wird ja auch schon thematisiert, dass es zukünftig evtl. Firmen geben wird, die komplett nur aus einem in der Chain abgelegten smart contract bestehen (also einem Algorithmus) – so abwegig ist der Gedanke also vielleicht wirklich nicht.
Jedenfalls sollte man weitere Schritte in die Richtung unternehmen, ohne sich von Blender-Aktivitäten wie dem o.g. Positionspapier in die Irre führen zu lassen.

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Leise digitale Zweifel

March 28th, 2016 — 3:26pm

Kürzlich war meine Frau auf einem Psychotherapeuten-Kongress, und ich Begleitpersonal. Die meiste Zeit schob ich also das Baby durch die schöne Stadt Leipzig – da wir vergessen hatten Bücher fürs Kind mit einzupacken, schaute ich auch in einer netten Buchhandlung vorbei, und erwarb ein paar Kinderbücher. Das Kind ist derzeit sehr affin für Schiebetechnik und Anfassbücher.
Bei einem Vortrag aus dem Programm des Kongresses wollte ich aber unbedingt dabei sein, und zwar dem von Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin, Gender-Forscherin und Filmemacherin aus Berlin. Mir war relativ egal worüber sie genau sprechen würde, denn ich habe einen Vortrag von ihr, der etwa 20 Jahre zurückliegen dürfte, als einen der inspirierendsten in Erinnerung, den ich je gehört habe. Also habe ich mich in den Kongress hineingeschummelt und hörte ihr zu – mit Baby auf dem Arm und später dann krabbelnd auf dem Boden (beide).
Der Vortrag von Christina von Braun war zum Thema “Vatersprache – Muttersprache – Alphabet” – es ging dabei um die Frage, inwiefern das Alphabet selbst historisch konnotiert ist, und insbs. geschlechtsspezifische Prägungen mit-transportiert – wo ja gemeinhin auch in der Forschung gerne mit der Annahme gearbeitet wird, die Buchstaben seien abstrakte Symbole ohne nähere Bedeutung. Der Vortrag war wieder absolut faszinierend. Fast spielerisch konnte sie darlegen, wie sehr die Einführung des griechischen Alphabetes vor etwa 3000 Jahren mit zwei anderen gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden war – zum einen der zunehmenden Ökonomisierung (Schrift wurde überhaupt anfänglich vor allem für Zwecke der Buchhaltung entwickelt), zum anderen einem Umbruch vom matriarchalen vom patriarchalen System, einhergehend mit der Ablösung einer eher oralen Erinnerungskultur durch die schriftsprachliche. Das kann man in die verschiedensten Verästelungen nachvollziehen, z.B. in der Ordnung der Buchstaben, der Bedeutung des Buchstabens “A” (steht für Ochse, männliche Fruchtbarkeit etc. – aber auch graphisch verwandt mit diversen späteren Währungs-Symbolen, von den Viechern vor der Wallstreet mal ganz zu schweigen), aber auch darin, dass generell in der Kulturgeschichte bis heute seitdem eine Annahme kultiviert wird, die dem weiblichen eher das körperliche, und dem männlichen eher das geistige zuspricht (verbunden mit der Sprache und der Schrift). Teilweise übrigens ganz physisch zu verstehen wenn nur den Männern der Zugang zu Kultschriften gewährt wurde. Ich kann das hier nur dilletantisch wiedergeben, aber es gibt einen gut lesbaren 10-seitigen Text auf Ihrer Homepage, der das Thema gut darlegt.
Wieder zurück im Hotelzimmer führte ich meiner 9-monate alten Tochter die neu erworbenen Bilderbücher vor. Auf eines davon war ich besonders gespannt, denn es war ein sog. Sound-Buch mit eingebautem Mikrocontroller und Soundausgabe. Es heisst “hörst du die Vögel” und bietet ein paar Vogel-Bilder mit jeweils einem kleinen Touch-Punkt, bei dessen Berührung der zugehörige Vogel-Sound abgespielt wird. Sie liebt Bücher, insofern machte sie sich direkt darüber her. Spannend war aber ihre Reaktion auf das “interaktive Feature”. Sie reagierte irgendwie verwundert, fast respektvoll und weigerte sich standhaft den Punkt zu berühren. Noch tagelang ging das so, oft tat sie sogar so, als würde sie den Punkt berühren und tippte daneben…

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Die Digitalisierung. Ich gehöre ja auch zu den Apologeten einer stärkeren Umarmung derselben – egal ob im eigenen Leben, in der Schule, bei der Arbeit oder z.B. bei der Partei-Arbeit. Ich glaube, wir können die digitalen Mittel zum Besseren nutzen und sollten unsere Kinder so gut wie möglich auf eine Welt vorbereiten, in der sie überall von digitalen Dingen umgeben sein werden. Dazu gehört idealerweise auch ein Einblick in Code und wie dieser funktioniert, klar. Ich denke zwar nicht, dass jede/r programmieren können sollte, allerdings bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass in naher Zukunft Code tatsächlich law sein wird und ein Fortbestand der Zivilgesellschaft auch davon abhängen wird, wie gut wir Code beherrschen werden. Bisweilen wird in dem Zusammenhang ja sogar die Forderung laut, Programmieren solle wie eine weitere Fremdsprache verpflichtend gelernt werden.
Eine neue Sprache…was sagte Christina von Braun in Leipzig nochmal? Sprache ist immer auch gesellschaftlicher Kontext, sie transportiert und festigt genderspezifische Strukturen, teilweise so subtil, dass es uns gar nicht als Setzung auffällt, obwohl die prägende Kraft durch das Herabsinken ins Unbewusste eher noch stärker wird.
Wir propagieren also die Einführung einer neuen Sprache – oder sogar mehr? In einer Reaktion auf meinen gestrigen Artikel zur Notwendigkeit eines digitalen Schulfaches spricht der Bildungspolitiker Richard Ralfs sogar von einer “zweiten kopernikanischen Wende” und einer neuen Dimension der Aufklärung durch die Digitalisierung.
Tatsächlich könnte es um mehr als nur eine neue Sprache gehen. Digitalisier*ung beinhaltet ja bereits die Umwandlung, also nicht nur eine neue Beschreibung der Welt, sondern eine Umwandlung, aus dem Analogen wird ein Digitales. Und aus der oralen Überlieferung eine…digitale.
Zurück zum Bilderbuch. War es vielleicht ein Schauer, der meine Tochter innehalten liess, vor dem Bedienen der digitalen Funktion? Denn tatsächlich hat die Hinterlegung mit digitalen Vogelstimmen nebst Elektronik zur Touch-Auslösung ja etwas perverses – denn ohne dies hätte ich erzählt, was für ein Vogel das ist und sicherlich versucht, das Piepen nachzumachen – ich als Papa, mit meiner eigenen Stimme, mit viel Raum zur Imagination. Stattdessen der perfekt digitalisierte Sound eines Kuckuck, jedesmal exakt gleich, in jeder Kopie des “Buches” irgendwo auf der Welt. Vielleicht wirklich ein passendes Bild dafür, wie das Digitale die Welt auffrisst und zurückverwandelt, nur dass es dann eine standardisierte Simulation ist, mit der wir uns abfinden müssen.
Ich weiss, der Gedankengang wirkt ein bisschen verwegen, ich kann auch damit leben, wenn viele dem nicht folgen können.
Wendet Euch der Digitalisierung zu, umarmt sie. Einer der stärksten Kämpfer für diesen Glauben ist ja Google..äh… Alphabet…? Oh.
Ich denke es lohnt einmal genauer hinzusehen, bevor wir diese Forderung immer wieder runterleiern. Welches Geschlechterverhältnis reproduziert die digitale Sprache? Gibt es gute Anhaltspunkte dafür, dass die digitale Sphäre wenigstens tendentiell ein weniger männerdominiertes Rollenbild transportieren wird? Wie ist das auf Tech-Konferenzen, in den Führungsetagen der Digital-Konzerne und in den digitalen Medien? Müssten wir – wissend aus welchem Schlamassel wir kommen – uns nicht sogar aktiv darum bemühen, dass die digitale Sphäre von einer feministischen Art des Codens geprägt wird, wenn wir das schon für so unvermeidlich halten (was ich tue)?
Ich bin auch kein Gender-Forscher, doch wenn ich mir Programmier-Bücher so ansehe, so ist da viel von “Kontrollstrukturen”, “Variablen-Zuweisung” und generell viel von vermeintlich harter Logik (if this, while true etc.) die Rede. Generell wohnt dem Programmieren die Idee einer Abbildbarkeit der Wirklichkeit in solchen Strukturen inne, zunehmend auch die der Reproduzierbarkeit von Wirklichkeit und Erleben.
Mich besorgt das sehr. Ich habe einfach keinen Bock für die Einführung eines neuen Systems mit geworben zu haben, das am Ende eine noch weniger gerechte und offene Gesellschaft etablieren hilft, als wir sie schon haben. Vielmehr würde ich gerne die Chance genützt sehen, dass wir wohl wirklich an so einer Zeitenwende stehen, wie die griechische Gesellschaft vor 3000 Jahren.
Damals wurde das Patriarchat und die Herrschaft der Ökonomie über die Lebensverhältnisse eingezogen. Können wir diesmal bitte etwas anderes ausprobieren?

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Algorithms welcome

January 4th, 2016 — 11:25pm

Für die Weihnachtsferien hatte ich mir vorgenommen, endlich mal unser Bilder-Chaos in Ordnung zu bringen – also die mutmasslich tausenden von Digital-Fotos auf unterschiedlichsten Devices sicher abzulegen, und mit Redundanz auszustatten. Hatte ich mir übrigens auch letztes Jahr schon vorgenommen, und davor auch schon. Diesmal hat es geklappt, genaugenommen bin ich seit 3 Tagen und Nächten noch dabei, die annähernd 100.000 Fotos (kein Witz) auf 6 unterschiedlichen Laptops und aus anderen Online-Quellen zusammenzutragen, auf ein lokales NAS zu speichern, aber zugleich auch auf einen Cloud-Service, konkret Google Photos.
Ein bisschen hatte ich auch Angst vor dieser Aktion, nicht nur wegen dem vermuteten Zeitaufwand und dem Horror vor uralten Laptops und den Untiefen der Verzeichnissysteme, sowie dem Knacken bescheuerter Apple-Beschränkungen, um an die echten Files dranzukommen. Der Horror hatte auch noch eine tiefere Quelle, nämlich weil es so ein unüberwindbares Chaos zu sein schien. Hatte zwar nur mit etwa 20-30k Bildern gerechnet, aber wie sollte man in diese irgendeine Art von Ordnung und Struktur reinbringen, so dass das neue Archiv auch überhaupt irgendeinen Sinn machen würde?
Für mich ist das auch ein gutes Sinnbild des Digitalen, oder der “Digitalisierung”, wie man es jetzt so gerne nennt. Es explodiert förmlich, nicht nur weil irgendwelche Firmen es so wollen, sondern auch und vielleicht vor allem weil wir die neuen Möglichkeiten explosionsartig mehr nutzen. Man fotografiert anders heute – gleichzeitig entziehen sich die anfallenden Artefakte aber den klassischen Ordnungsprinzipien der analogen Welt immer mehr. Erst haben wir aufgegeben, Fotoalben zu machen. Dann haben wir aufgegeben, die abgespeicherten Bilder zu benennen (ist wirklich so, Bilder aus 2007 haben häufig noch sprechende Datei-Namen). Dann haben wir aufgegeben, eine bestimmte Ordner-Struktur dafür anzulegen, und zu pflegen (ungefähr ab 2009) – geholfen haben dabei aufkommende Universal-Suchmaschinen für lokale Dateien, die Ordner-Strukturen gestrig aussehen liessen. Und jetzt stehe ich hier vor einem Berg von 100.000 Fotos aus Urlauben, Kindergeburtstagen, Selfies, Besuchskindern, Geburten, Weihnachten vor und zurück, Skiurlaube, Strandurlaube…
Kuratieren wäre eine Möglichkeit, einfach mal aus dem Berg die schönsten 500 Fotos raussuchen, dabei wichtige Ereignisse nicht vergessen usw. – puh. Und dann ab jetzt schön aktuell halten.
Kurz hatte ich auch überlegt, mit viel Mühe wieder eine Ordner-Struktur einzuziehen, mit bisschen grep-Unterstützung. Verworfen.
Doch dann meldete sich Google zum ersten mal mit einem kleinen roten Sternchen im Reiter “Assistent”. Eine Reihe von Animationen und kleinen Filmchen sowie diverse Collagen aus allen hochgeladenen Bildern lag zur Ansicht bereit. Oh. Erstmal mit spitzen Fingern angesehen und…positiv überrascht. Meine Frau dazugerufen, und uns amüsiert über ein paar Beispiele – etwa 70% der Vorschläge speicherten wir gleich permanent ab. Dann kamen weitere Vorschläge rein. Zwei davon verschickten wir alten Freunden, mit denen wir vor Jahren im Urlaub waren*. Mehrere zeigte ich der Großmama, als sie heute kurz zum Kaffee reinkam. Und es kommen weitere.
Dann wollte ich mal kurz die Suche ausprobieren. Der Startbildschirm der Suche überraschte mich mit zig Kacheln, die Fotos thematisch gruppierten, der erste Block nach Orten – ok, das war zu erwarten. Doch der zweite Block hatte als Sortierungen Kategorien wie “Weihnachten”, “Berge”, “Strand”, “Sonnenuntergang”, “Motorräder” usw. zur Verfügung. Ziemlich spektaktulär, insbs. auch da ich erst vor wenigen Tagen den grossartigen CRE-Podcast zum Thema “deep learning” gehört hatte, in dem es genau um diese Technik ging.

google_photos

Unnötig zu sagen, dass Google kleine Helper für jede Art von Device anbietet, die automatisch neue Bilder reinsaugt, und die Kategorien selbstlernend sind, und ausserdem ständig wieder so nette kleine Nachrichten eintrudeln, dass wieder neue Vorschläge des Assistenten vorliegen…
Ach, und natürlich Face-Recognition! Die ist zwar in Europa per default abgeschaltet, aber ein kleiner VPN-Tunnel Trick genügt, und schon ist auch dieses Feature aktiv. Super praktisch und erstaunlich treffsicher.
Google kann jetzt also für mich beantworten, wann meine Tochter einen Strandurlaub hatte, und bei welchem Weihnachtsfest meine Mutter dabei war. Nur für mich? Ok, das war jetzt bemüht reingearbeitet, stimmts? Weil diese Creepieness sich meiner Ansicht nach hier gar nicht so aufdrängt, es ist einfach super-praktisch und wirklich ziemlich magic, was die Algorithmen da so für mich tun. Und dennoch _ist_ es verdammt creepy…
Also stelle ich mir diese Frage:
Kann es sein, dass wir mit der Digitalisierung tatsächlich unausweichlich unsere Belastungsgrenze in Sachen Creepieness verschieben werden? Es schon lang tun? Dass Digitalisierung überdies gar nicht anders geht, als mit der Hilfe von Algorithmen? Wir das vielleicht bald schon stinknormal finden werden, genauso wie es uns komisch vorkäme, eine viel befahrene Kreuzung mit was anderem als Ampeln zu regeln? Und, falls die Antwort ja sein sollte – für das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Algorithmen wäre das schon harter Stoff, wenn es bald schon gar nicht mehr denkbar ist, ohne sie voranzukommen. Also praktisch der Tag, an dem BMW das erste Modell rausbringt, das den Knopf für spontanes “self driving” nicht mehr enthält…
Und rational – für die Diskussion um Regulierung von Algorithmen und Datenschutz im Zeitalter von Big-Data hätte es auch gravierende Konsequenzen wenn man tatsächlich von einem “neuen Spiel” sprechen müsste und nicht von einer graduellen Anpassung der Spielregeln.
Ich bin allerdings nicht sicher – schon alleine weil dieses Narrativ von einigen Playern auf dem Spielfeld zu sehr gewollt daherkommt. Und auch weil es deutliche Anzeichnen für negative Seiteneffekte der Digitalisierung jetzt schon gibt. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob es nicht gruseliger wäre, dieser Konsequenz der Digitalisierung mit einer Ignoranz gegenüber dem Ausmaß der tatsächlichen Effekte zu begegnen.

*ein Kommentar dazu war übrigens “wusste gar nicht, dass es dieses Material überhaupt gab”. Gab es auch nicht, denn der verschickte Kurzfilm war von Google selbstgesteuert aus einer Reihe von normalen Fotos zusammengesetzt und mit Musik unterlegt worden…

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Oettinger verhöhnt die Opfer von Paris

November 28th, 2015 — 1:36pm

Die letzten Opfer sind vermutlich noch nichtmal zu Grabe getragen, und viele liegen noch in den Krankenhäusern, da entblödet sich der Digital-Kommmissar der EU nicht, mit folgendem Vorstoss an die Öffentlichkeit zu gehen: die Deutschen mögen Ihre Vorbehalte gegen Geheimdienste endlich ablegen und einer intensiveren Internet-Überwachung nicht mehr im Wege stehen.
Jetzt kann man lange über Internet-Überwachung, VDS usw. streiten, auch darüber, ob das Ablegen von Vorbehalten gegenüber den Geheimdiensten in Angesicht des laufenden NSU-Prozesses ein seriöser Vorschlag sein kann – aber darum geht es mir hier erstmal nicht.
Die Anschläge von Paris waren grauenhaft, und die Opfer haben mindestens Respekt verdient – dazu gehört auch, dass sich eine politische Instrumentalisierung eigentlich verbieten sollte (egal in welche Richtung).
Viele sahen in den Anschlägen Angriffe auf die westliche Lebensart, die Freiheit und Offenheit unserer Gesellschaft, das war die Logik in der Auswahl der Anschlagsziele.
Ich finde Oettingers Vorstoss aus zwei Gründen extrem respektlos gegenüber den Opfern: zum einen haben sie eine nüchterne und aufrichtige Analyse des Geschehens verdient, also vor allem der Frage “warum konnte das nicht verhindert werden?”. Und da gibt es ein paar ganz einfache Erkenntnisse – die Anschläge wurden mit einer SMS koordiniert (also nicht mit Verschlüsselung) und in einem Land geplant und durchgeführt, das die schärfsten Gesetze zur Überwachung und Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten in Europa implementiert hat. Das alles hat also offenbar nicht geholfen, so einen Anschlag auch nur zu erahnen, bei dem mit Kalaschnikows bewaffnete Terroristen mehrere Stunden in der Pariser Innenstadt vor einer Konzerthallte in einem Kleinwagen auf Ihren Einsatz warten konnten, ohne irgendwie behelligt zu werden. Daraus jetzt die Forderung abzuleiten, wir bräuchten mehr Überwachung ist unfassbar respektlos und eine kalte Instrumentalisierung der Ereignisse für eigene Zwecke (hat die Netzneutralität eigentlich auch irgendwie eine hinderliche Rolle gespielt?).
Zum anderen sollten wir uns alle klarmachen – das war ein Angriff auf unsere Freiheit, unsere Art zu Leben. Was ist da von einem Vorschlag zur Einschränkung eben dieser Freiheit qua neuer Überwachungsgesetze zu halten? Das ist nicht mehr nur respektlos, ich finde damit verhöhnt man die Opfer dieser Anschläge regelrecht, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass mit solchen Vorschlägen die Agenda der Terroristen nur verlängert wird, anstatt ihnen etwas entgegenzusetzen.
Respektvoll wäre es gewesen, ein Manifest der Freiheit zu verfassen – ganz so wie es der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg nach den Anschlägen von Utøya demonstriert hat. Dazu ist Oettinger vielleicht nicht in der Lage – aber die Anschläge so dummdreist umzufunktionieren zu einer Agenda für mehr Überwachung ist schlicht ekelhaft.
Oder, noch viel besser gesagt, einfach Jacob Appelbaum anhören:
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Am liebsten würden sie die Smartphones verbrennen

October 26th, 2015 — 10:49pm

Ich beschäftige mich ja schon seit längerem mit der Frage, wie SchülerInnen mehr digitale Fertigkeiten und Kenntnisse an den Schulen vermittelt werden können. Denn es schaut ziemlich düster aus, wenn man an deutsche Schulen geht und sich danach mal umsieht (oder gar eigene Kinder im schulfähigen Alter hat). Selten funktionierendes WLAN, häufig noch nichtmal für die Lehrer, und wenn dann meist stiefmütterlich gepflegt und notorisch instabil. Handyverbote allerorten, Informatik-AGs, die nicht zustande kommen oder als minderwertige Word/Excel-Kurse abgehalten werden, Ausstattung, die einem die Tränen in die Augen treibt.
Auch wenn man von aussen draufschaut, sieht es nicht freundlicher aus – in nahezu jeder Kategorie, die dafür relevant ist (z.B. Nutzung digitaler Hilfsmittel durch LehrerInnen, Verfügbarkeit digitaler Lehrmittel (oder gar OER Materialien), Präsenz von digitalen Lehrinhalten in den Lehrplänen, der Lehrerausbildung usw.) liegt Deutschland im internationalen Vergleich auf den hinteren Plätzen. Zwar regt sich in den letzten 1-2 Jahren so langsam etwas, allerdings ist das noch weit von dem entfernt, was nötig wäre – zudem hängen uns Nachbarländer längst mit viel entschlosseneren Initiativen ab (UK z.B. mit Einführung von Informatik-Unterricht verpflichtend ab 1. Klasse + Schul-Microcontroller MicroBit für alle Schüler landesweit).
Lange habe ich als Ursache vor allem das föderale Bildungs-System in Kombination mit einer gewissen Wohlstands-Trägkeit angesehen, aber so langsam komme ich zu einer ganz anderen Überzeugung.
Das erste mal wurde mir das klar, als mal wieder auf einem Elternabend in der Klasse meiner Tochter ein Handy-Verbot diskutiert wurde. Mein Werben für einen differenzierten und vor allem pädagogischen Umgang mit dem Thema anstelle eines Verbotes wurde weggefegt, und schliesslich beschloss die Elternvertretung zusammen mit der Lehrerschaft ein allumfassendes Handy-Verbot bis zu Oberstufe für die gesamte Schule inkl. Aussenflächen mit recht drastischen Sanktionen bei Verstössen.
Da dachte ich zum ersten mal: was ist das eigentlich für eine starke negative Energie und Ablehnung? Haben die Eltern wirklich Sorge, dass Ihre Kinder vom Lernen zu sehr abgelenkt werden? Auf dem Schulhof? Als Begründung wird ja gern dann mit viel unterstützendem Kopfnicken gesagt, die Kids würden ja “nur noch vor diesen Dingern hängen”…(obwohl die Studien von Danah Boyd relativ klar belegen, dass Jugendliche sich über “die Dinger” vor allem vernetzen, ihre Identität ausprobieren, ausbauen und vor allem: ihr Leben leben…)
Ein zweites Indiz ergab sich, als ich für eine spezielle Unterrichts-Stunde zur Sonnenfinsternis in die Schule gerufen wurde, um das Streaming des Ereignisses zu ermöglichen (über Köln lagen Wolken) – da die Schule kein funktionierendes WiFi hatte, musste ich mit meinem MiFi und eigenem Rechner anrücken. Während dieser Spezial-Unterrichts-Stunde waren zwei LehrerInnen anwesend. Da zwischendurch immer auch ein wenig Unterricht gemacht wurde, tauchten zwei spezielle Fragen auf, die von beiden LehrerInnen nicht beantwortet werden konnten.
Frage 1: “Wie ist der Mond entstanden?” (zahlreiche teils abstruse Vorschläge seitens der SchülerInnen)
Frage 2: “Was heisst Sonnenfinsternis auf französisch?” (die Französisch-Lehrerin war anwensend)
Beides mal kurzes Ringen um eine Antwort seitens der Lehrerschaft, und dann die Frage: “kann das mal eben einer von Euch nachschauen?”. Damit war das HANDY gemeint (es war noch vor dem Verbot). Beide male konnte die korrekte Antwort in wenigen Sekunden ermittelt werden – schon darin war übrigens ein Stück Medien-Erziehung enthalten, das vermutlich mehr Relevanz für die Zukunft der SchülerInnen beinhaltete als die ganze Stunde über die Sonnen-Finsternis: nämlich, wie man Quellen beurteilt und im Internet gute Informationen findet (denn natürlich gibt es zur Mond-Enstehung auch ne Menge abstruse Erklärungen im Netz).
War aber vor allem wirklich schön zu sehen, wie offensichtlich der Nutzen von Smartphones für den Unterricht sein kann – und da sind wir noch nicht in Physik (Handy als Sensor für Experimente) oder Geschichte o.ä. angelangt, wo das Smartphone vll. noch viel fundamentaler didaktisches Element sein könnte.

Warum also das Verbot?

Ich glaube die wirkliche Antwort auf die Frage steckt letztlich auch in der obigen Szene, denn: es geht schlicht um Macht. Ein Handy in der Hand einer Schülerin verschiebt das im traditionellen Bildungs-System angelegte Machtverhältnis von LehrerIn zu SchülerIn auf dramatische Weise – und zwar nicht nur, weil der Lehrer sich damit nicht auskennt, nein – das Smartphone stellt letztlich das ganze auf Fakten-Wissen angelegte System in Frage, und das ist bei Licht betrachtet ein riesiger Teil des Bildungs-Systems, der noch nichtmal mit der Schule endet…
Damit könnte man den Widerstand der LehrerInnen ganz gut erklären – doch warum ist die Gegen-Front auch in der Elternschaft so stark? Da kommt meiner Ansicht nach noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, der noch tiefer geht. Die Menschen spüren, dass wir am Rande einer kaum mehr aufzuhaltenden Revolution stehen, die alle Gesellschaftsbereiche betreffen, und kaum einen Stein auf dem anderen lassen wird. Viele Berufsbilder werden verschwinden oder komplett umdefiniert werden, die bisher sichere Machtoptionen darstellen, wie z.b. Rechtsanwalt, Mediziner, Professor, Architekt, Ingenieur usw. – aber auch Insititutionen, das politische System und selbst so banale Dinge wie das Taxigewerbe sind plötzlich vom Aussterben bedroht. Die digitale Revolution wird selbst nach Meinung gemässigter Experten rückblickend vermutlich ähnliche Ausmasse entfaltet haben, wie seinerzeit der Buchdruck oder die Industrialisierung. Damit ist aber auch klar, dass viele alte Machtpositionen in Gefahr sind, vielleicht so viele, wie schon seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten nicht mehr. Eigentlich muss man sich fast wundern, dass der Widerstand gegen alles Digitale nicht noch viel fundamentaler ausfällt – jedenfalls habe ich immer mehr den Eindruck, dass wir beim Versuch digitale Inhalte an die Schulen zu bringen de facto mit agressivem Widerstand zu rechnen haben (der natürlich pädagogisch motiviert daherkommt) und nicht nur mit Trägkeit und Innovationsbremserei. Und das verändert natürlich die Lage ganz erheblich…

— Update —-
Einige LeserInnen haben im Text oben “Lehrer-Bashing” gelesen. Nichts könnte mir ferner liegen – ich finde selbst die angeführten Unterrichtsbeispiele eher Fälle von geschickter Integration von Digital-Medien. Der Text richtet sich ja vielmehr gegen die Eltern, von denen so viel mehr Ablehnung ausgeht. Dass ich viel davon halte, mit engagierten LehrerInnen zusammenzuarbeiten und nicht nur zu lamentieren kann man verschiedentlich in meinem Blog nachlesen (Elektro-Basteln mit Grundschul-Kindern und meine Meinung zu moderner Pädagogik an einer Inklusions-Schule etc.). Auch das von mir mit-initiierte Projekt des Beirates junge digitale Wirtschaft für ein Fach Digital-Kunde aber der 1.Klasse lebt davon dass Pilot-Projekte mit diversen Schulen durchgeführt und die Erfahrungen gesammelt werden.

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Warum ich die Resolution von @digitalcourage zur EU-Datenschutzverordnung für falsch halte

June 6th, 2015 — 5:27pm

Der Datenschutz-Förderverein Digitalcourage hat heute zur Zeichnung einer Resolution gegen die Aushölung des Datenschutzes im Zuge der EU-Datenschutzgrundverordnung aufgerufen, die kurz vor dem Abschluss steht.
Die Lesart ist: Google, Facebook & Co, sowie im generellen die Daten-Handels-Lobbyisten versuchen den Datenschutz auszuhölen, indem wichtige Datenschutzkriterien wie z.B. die Zweckbindung und die Datensparksamkeit geschliffen werden sollen.
Tatsächlich ist alles natürlich viel komplizierter.
Zum einen kann für Google, Facebook & Co derzeit kaum etwas besseres passieren, als eine strenge EU-Datenschutzgrundverordnung, denn diese wird – trotz anderslautender Ankündigungen zum sog. “Marktortprinzip” – für US-Unternehmen in vielfacher Weise nicht gelten, insbs. weil es keine Bestrebungen gibt, das bilaterale Safe-Harbor Abkommen (bzw. die Entscheidung der EU-Kommission diesbzgl.) aufzuheben, das es US Unternehmen ermöglicht, durch eine einfache Erklärung (gegenüber US-Autoritäten) so behandelt zu werden, als wären Ihre Daten und Datenverarbeitungsprozesse auf EU-Level. Der Staatssekretär des BMI, Ole Schröder, hat noch vor wenigen Wochen auf einer Konferenz der FAZ in Berlin zum Thema gesagt, es gäbe keine Pläne Safe-Harbor aufzukündigen. Dies wird auch von anderen Stellen bestätigt. Hinzu kommen weitere Handels-Abkommen, die eine ähnliche Wirkung haben werden, wie z.B. das aktuell bekannt gewordene TISA.
Der Effekt für US-Unternehmen wäre also grob: höheres Datenschutz-Niveau für Digital-Unternehmen, die in der EU ansässig sind (mit ihrem Haupt-Sitz), und gleichbleibend lasche Regeln für US-Unternehmen. Warum sollte man dagegen anlaufen?
Tatsächlich wird die EU-Grundverordnung in vielen Bereichen eine deutliche Verschärfung des Datenschutz-Niveaus zur Folge haben, insbs. auch in anderen EU-Staaten, die bisher laschere nationale Regeln implementiert haben, aber auch in Deutschland. Denn hier gilt bisher z.B. der wichtige Absatz 15(3) des Telemediengesetzes, der die sog. “Pseudonymisierung” ermöglicht, und Unternehmen im Gegenzug erlaubt derart abgesicherte Daten ohne vorherige Zustimmung des Nutzers, sondern nur mit Widerspruchsmöglichkeit zu verarbeiten (Pseudonymisierung bedeutet, dass in einem Datensatz die Merkmale entfernt werden, die einen direkten Personenbezug ermöglichen). Diese Regel ist so nicht in der EU-Verordnung implementiert (zumindest nicht im Entwurf des Rates, aber selbst im Text des Parlamentes taucht das Prinzip nur bruchstückhaft auf). Das würde bedeuten, dass in Zukunft alle erhobenen Daten als personenbezogene Daten gelten und damit ein strenges Zustimmungs- oder Opt-In Regime einzieht*. Das ist ein bemerkenswerter Sieg der Datenschutz-Lobby, insbs. der Article-29 Working Party (Zusammenschluss von Datenschutz-Beauftragten in der EU mit quasi-amtlichem Status in Brüssel).
Natürlich wird seitens der Wirtschafts-Lobbyisten versucht, das noch aufzuweichen, insbs. über sog. “legitime Interessen”, aber der Versuch der Bundesregierung das Prinzip der Pseudonymisierung noch einzufügen wurde von den anderen EU-Mitglieds-Staaten mit grosser Mehrheit abgelehnt.
Was ich aus zwei Gründen für fatal halte, und da sind wir beim eigentlichen Problem.
Zum einen ist es fatal, weil Pseudonymisierung ein Datenschutz-Tool ist/war, und demzufolge auch von Datenschützern unterstützt wurde. Es war aber auch ein Incentive für Unternehmen mit speziellen Vorkehrungen besonders datenschutzfreundlich zu arbeiten, indem sie problematische Personenbezüge in den Daten entfernten oder gar nicht erst aufkommen liessen. Es wäre ein Verlust für datenschutzfreundliche Geschäftsmodelle, wenn diese Option wegfiele.

Nun aber zu meinem Haupt-Punkt: Ich glaube, wir stehen vor einem grösseren Problem und die Lösungen von Digitalcourage wären auch dann falsch, wenn die Annahmen bzgl. der Interessen von Lobbyisten alle richtig lägen.
Denn: Big-Data ist nicht böse. Natürlich hat es hochproblematische Anwendungsfälle und es gibt predictive policing, Aushölung der Solidarität im Gesundheitswesen über Daten-Tarife usw. – keine Frage. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass Big-Data Anwendungen zu den wichtigsten Quellen für Innovation, Wohlstand und allgemein Zukunftstechnologien beitragen werden, vereinfacht: wer die Möglichkeiten von Big-Data erschwert, erschwert Innovation auf zahlreichen Gebieten. So sind zum Beispiel sowohl das selbstfahrende Auto (das in Zukunft viele Leben retten wird) als auch die unglaublichen Durchbrüche im Bereich automatisierter Übersetzungen Big-Data Anwendungen, die möglich wurden, weil massenhaft nicht zustimmungspflichtige Daten verfügbar waren, die auch keine Einschränkung hinsichtlich Zweckbindung aufwiesen (z.B. Übersetzungen von EU-Gesetzen, aber auch zig andere Quellen aus Diensten, die z.B. Sprachverarbeitung ermöglichen). Das britische Gesundheitssystem setzt gerade voll auf Innovationen und Effizienz-Effekte durch die Öffnung von ehemals strikt personenbezogenen und hoch-geschützten Gesundheitsdaten. Und das nicht, weil Daten-Lobbyisten das gewollt haben, sondern weil man das Innovationspotential einer offenen Datenpolitik selbst in so sensiblen Bereichen einfach heben muss, um die explodierenden Gesundheitskosten gegenfinanzieren zu können (so zumindest die Argumentation des NHS). Effekte, die z.B. einfach dadurch entstehen können, dass sowohl Patienten ihren kompletten Health-Record inkl. API zur Verfügung gestellt bekommen, als auch Unternehmen und Startups in pseudonymisierter Form (ja, da gibt es viele Diskussionen und Probleme).
Die altehrwürdigen Prinzipien von Zweckbindung und Zustimmungserfordernis sowie generell Datensparsamkeit greifen einfach nicht mehr für die Zukunft, das ist meine tiefe Überzeugung, denn wenn Big-Data Anwendungen eines nicht kennen, dann ist es Datensparsamkeit und Zweckbezug (vorab). Das widerspricht sich also im Kern.
Allerdings sollten die Prinzipien nicht einfach über Bord geworfen werden, keineswegs. Aber wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung von Datenschützern, Politikern, Unternehmen und Lobbyisten (ja!) um neue Datenschutz-Prinzipien zu finden, die für das Big-Data Zeitalter taugen. Wenn die Datenschützer sich einfach hinter den alten Prinzipien verschanzen, hilft das niemandem. Genausowenig hilft es, wenn Unternehmen jetzt einfach loswurschteln (weil die Aufsicht total überfordert ist z.B.) oder PolitikerInnen irgendwelche Gesetze erlassen, nur damit mal Ruhe ist (ein bisschen passiert das gerade mit der Verordnung).
Wir müssen vermutlich noch mehr als das TMG mehrere Klassen von Daten einführen, und weiter über Pseudonymisierung und deren Absicherung nachdenken. Wir müssen vermutlich an vielen Stellen vom Prinzip der Zweckbindung abgehen, vll. auch indem neue Zwecke mit Zustimmung definiert werden können, vermutlich aber eher indem auf sog. risikobasierte Ansätze geswitched wird oder eben rechtliche Fragen im Moment der Anwendung von Daten (und nicht im Moment der Erhebung) relevant gemacht werden. Wir müssen sicher auch einen Bereich personenbezogener Daten definieren, der vll. noch stärker als bisher abgesichert wird. Wir müssen die im Digitalen viel leichter zu nutzenden Möglichkeiten der Transparenz wirksam in Gesetze und Praxis einziehen, z.B. indem Nutzer ihre Daten und deren Nutzung jederzeit nachverfolgen und auch nachjustieren können. Und ich würde sogar soweit gehen, dass es in bestimmten Bereichen regelrecht Prinzipien der Daten-Verschwendung geben muss, also maximale Daten-Erzeugung, Zugänglichmachung, Standardisierung etc.

Das wird schwierig und fundamental. Aber ich halte es für eine essentielle Aufgabe, wenn wir eine neue Balance von Schutz/Regulierung, Empowerment des Nutzers und Nutzungsmöglichkeiten für Unternehmen finden wollen.

*eine andere Lesart in einigen EU-Staaten ist übrigens dass pseudonymisierte Daten als “anonyme” Daten behandelt werden sollten und damit überhaupt nicht unter die Verordnung fallen (weil diese nur personenbezogene Daten regelt). In Deutschland sollte diese Lesart angesichts von 15(3) TMG und der jahrzehntelangen Praxis und Rechtsprechung dazu schwierig werden. Ein Outcome könnte also sein, dass in Zukunft solche Daten in Deutschland als unter die Verordnung fallend betrachtet werden, in Litauen aber zum Beispiel nicht – auch wenn solche Effekte durch die Verordnung an sich verhindert werden sollen. Jedenfalls wäre der Effekt wenn Pseudonymisierung in der VO geregelt würde, dass diese Daten-Klasse explizit in die Verordnung reinkäme, also in allen Ländern damit ein klares Improvement für den Datenschutz in der EU.

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Ohne VDS sterben die Patienten bei der Telemedizin, äh, also in den Autos…

May 17th, 2015 — 11:38am

Oettinger rückt von der Netzneutralität ab. Soweit, so erwartbar. Was mich aber vor allem ärgert ist, mit welch billigen Mitteln uns diese zentrale Errungenschaft des Internets nun abgeschwatzt werden soll. Denn auch Oettinger verwendet zwei Anwendungsfälle, um zu erläutern warum Netzneutralität kritisch sein kann: Telemedizin (oder “Gesundheitsdienste”) und Verkehr.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert: Zum einen taucht dieses Begründungsmuster an vielen anderen Stellen auf, wenn PolitikerInnen sich gegen die Netzneutralität wenden. Angela Merkel hat kürzlich die exakt gleiche Kombination verwendet. Markus Beckedahl hat auf netzpolitik.org sogar ein kleines Quiz dazu eingerichtet, wo man die Begründung auch noch direkt von Telefonica, Vodafone oder der Telekom bekommen kann. CDU und die Telekom-Lobbyisten mag man denken – aber auch Sigmar Gabriel sieht die Telemedizin in Gefahr.
Wenn schon das freie und neutrale Internet kaputtreguliert werden soll, dann wünsche ich mir wenigstens ein bisschen mehr Anstrengung, denn natürlich wird kein Auto den Bremsvorgang einleiten, nachdem es übers Internet kurz abgechecked hat, wie die Verkehrslage sonst noch so ist, auch nicht mit Sondergenehmigung als “Spezialdienst”. Und wenn Herr Oettinger meint, man würde einen OP-Roboter übers Internet (als “Spezialdienst”) steuern, dann wünsche ich ihm viel Glück bei der nächsten OP.
Wahrscheinlich meinen die Lobbyisten, sie hätten da geschickt was eingefädelt, denn mit Video-Streaming oder schlicht Mehreinnahmen durch ein Zwei-Klassen-Internet für die Telkos lässt sich halt nicht so gut argumentieren. Aber wenn es irgendwie um Menschenleben ginge, das wär doch schick. Und irgendwas mit Autos kommt in Deutschland immer gut. Vermutlich wurde sogar kurz erwogen, eine Verbindung von Netzneutralität und Speed-Limit hinzubekommen, so im Sinne von “Automobilkonzerne erwägen Geschwindigkeitsbegrenzung bei unzureichendem Datenzugang”. Wäre nicht irgendwas mit Kinderpornographie noch drin gewesen? Hey, kommt, strengt Euch mal an! “International gesuchter Kinderschänder entwischt Polizei aufgrund zu langsamer Netzverbindung”. “Kinderschutzbund mahnt: Gebt den Ermittlern schnelleres Netz!”. “Die Vorsitzende des Verbands ‘safe our children’ fordert schnelles Netz für die Polizei – es könne nicht sein, dass die Internet-Taliban für Ihre Kostenlosangebote das Leben unserer Kinder aufs Spiel setzten”. Da geht noch was.

Ich wünsche mir, dass Politiker, die sich in so einer fundamentalen Sache positionieren, wenigstens vernünftig informiert wurden, und mit ernstzunehmenden Beispielen arbeiten. Ich möchte wenigstens intelligent verarscht werden.

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Why is it so hard to be good?

October 9th, 2014 — 11:57am

Letzte Woche auf den DataDays kam mehrfach die Frage auf, wie man mit Data-Science, Internet of Things, Algorithmen usw. vielleicht auch mal was Gutes tun könnte, also etwas, das Menschen wirklich hilft oder die Gesellschaft nach vorne bringt, anstelle von Dystopie-Annäherungen und Geschäft? Klaas Bollhöfer brachte es auf den Punkt, und es gab sogar kurz selbstkritischen Applaus: Perhaps because we don’t care at all? Jeder hat eigentlich nur Geschäftsinteresse und verbrämt das vielleicht hier und dort mit darübergestülpten sozialen Motiven?
Vielleicht. Aber ich bin mir nicht so sicher, vor allem aber will ich es natürlich nicht glauben.
Was mich aber über diese Motivationsfrage hinaus beschäftigt, ist die Frage, warum es so schwierig ist, wenigstens anteilig Gutes zu Schaffen mit den neuen Technologien, dem Internet und all dem.
Warum fällt es uns so leicht Tracking für Werbekunden aufzusetzen, und so schwer Angst und Hate-Speech zu tracken und darum Unterstützungsnetzwerke aufzubauen (ich beziehe mich dabei auf die Aussage von Richard Rogers, als er gefragt wurde, was er sich am meisten wünschen würde als Fortsetzung von Bigdata – „i would want to see tracking of fear and hate-speech“)? Warum scheinen die Vernetzungs- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes so viel mehr den Hatern, Trollen und generell der Bösartigkeit zugutezukommen? Warum schützt Anonymität so viel häufiger die Stalker als die Verfolgten? Warum kommt bei dem Versuch neue politische Versuche mithilfe des Netzes zu unternehmen, die Piratenpartei heraus? Warum sieht es so aus, als sei das Online-Geschäftsmodell für Journalismus gefunden, und es heisst heftig.co? Warum könnte das Netz neuartige Weisen des Zusammenarbeitens ermöglichen und heraus kommt Rocket Internet und Microsoft? Warum kommen bei Innovationen im Netz meistens Dinge raus, wo einem schnell bösartige Anwendungen einfallen, aber nur mit Mühe gutartige? (funktioniert insbs. bei jeder Art von Big-Data Anwendung und Analyse mit hoher Treffsicherheit)
Ein bisschen hat es tatsächlich mit Geld zu tun, ok – das kann ich sogar persönlich bestätigen. Ich habe mich mit Algorithmen bei der Fraunhofer Gesellschaft beschäftigt, die designed waren, um Museumsbesuchern neue Exponate näher zu bringen, die sie interessieren könnten. Dann haben wir versucht, den Algorithmus auf Content-Empfehlungen anzupassen, durchaus noch mit dem Ziel Online-Journalismus spannend zu machen, und den Nutzwert von Seiten zu erhöhen. Schliesslich habe ich nugg.ad gegründet, weil die einzige Art mit solchen Verfahren Geld zu verdienen, de facto die Werbeindustrie war (ist?).
Aber ist das schon die ganze Antwort? Erklärt das all die anderen Hassphänomene und dystopischen Elemente? Irgendwie nicht, oder?
Wir haben mit dem Internet, und jetzt nochmal mehr mit BigData, Algorithmen und der weltweiten Vernetzung von Arbeit und Menschen geschichtlich ziemlich einmalige Möglichkeiten in der Hand, Veränderungen herbeizuführen und Machtverhältnisse in Frage zu stellen. Und es passiert ja auch – wenn heute in der U-bahn 9 von 10 Leuten in ein Smartphone starren, dann ist das ein physischer Ausdruck einer Machtverschiebung, aber auch ein unglaubliches Potential darin die Leute zu erreichen, zu beteiligen und zu vernetzen. Was ja auch funktioniert – bestimmt die Hälfte meines Freundeskreises ist heute ohne online nicht mehr denkbar.
Aber warum haben wir noch nicht eindrucksvoller bewiesen, dass das alles zu einer guten Entwicklung beitragen kann? Warum gibt es keinen Notknopf für Opfer von Übergriffen, der alle Smartphones in der Umgebung blinken lässt, und eine Selbstverpflichtung dann auch zu helfen? Warum gelingt es uns nicht häufiger, Bigdata-Analysen zu verwenden um Ungerechtigkeit aufzudecken und anzuprangern oder Hass-Netzwerke zu visualisieren (wie vor wenigen Tagen in einem Artikel bei zeit.online zum Beispiel)? Warum zieht das Internet mehr Hass als Liebe an?
Und noch konkreter – könnt ihr mir helfen mit Ideen, wie das Internet of Things diese Wende hin zum Guten schaffen könnte? Fallen Euch „Things“ ein, die Frontex das Leben schwermachen würden? Oder kleine Devices, die SchülerInnen zu mehr Empathie und weniger Bullying und Ausgrenzung anregen? Anwendungen die Obdachlosen den Zugang zu Leergut erleichtern?
Beeindruckt hat mich auf den Data-Days die USB-Ladebank von Nan Zhao vom MIT. Ihre Idee ist nicht nur eine Lademöglichkeit zu schaffen mit Solarstrom, sondern eine Art Treffpunkt mit Schnittstelle von der physischen in die digitale Welt. Irgendwie nicht revolutionär, aber immerhin schonmal ein bisschen gut, oder?

— Update —
Ein wichtiges Beispiel hatte ich noch vergessen, das mir in dem Zusammenhang zu denken gibt (und auch gut zur Piratenpartei passt, aber auch zu diversen anderen Beispielen): Mail-Kommunikation. Ich bin ja auch schon ein paar Jahre im Geschäft in diversen Digital-Firmen, und wenn eines sich als konsistent gezeigt hat, dann ist es das: Email funktioniert nicht, wenn es um kritische Kommunikation geht, also um mehr als bloss Fakten-Sharing. Sobald Emotionen beteiligt sind (also fast immer), neigt das Medium Email dazu die Kommunikation kaputt zu machen, Missverständnisse hochschiessen zu lassen und Verletzungen sind fast immer der Fall, selbst wenn man sich des Problems bewusst ist und sich Mühe gibt. Es funktioniert einfach nicht. Ich traue mich kaum den Schluss von dieser Erkenntnis (wenn es denn eine ist) auf die generelle Tauglichkeit des Netzes für gute Dinge zu ziehen, insbs. wenn Zwischenmenchliches und Vernetzung dabei eine Rolle spielt… Und ja, natürlich gibt es auch positive Beispiele. Aber ich finde Email ist schon überzeugend schlecht im Vergleich zu f2f Kommunikation oder sogar Telefon wenn es darum geht gut zu kommunizieren.

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Braintime

June 20th, 2014 — 2:07pm

Ich wäre gerne 10kg leichter. Könnten auch 15 sein. Das wäre ich gerne seit ca. 20 Jahren, könnten auch 25 sein. Damals hatte ich mit dem Rauchen aufgehört und mir die zusätzlichen Kilos angefressen. Seitdem ist das ein beherrschendes Thema, wenn auch häufig nur so unterschwellig. Meine Grossmutter z.B. pflegte in ihren letzten Jahren grundsätzlich zu sagen, wenn sie mich sah „Du bisch aber dick gworde“. Übrigens unabhängig davon, ob das wirklich der Fall war – also wenn ich im Kopf errechnete wann ich sie zuletzt gesehen hatte, und welche Gewichtsdifferenz in dem Zeitraum zu verzeichnen war. Denn das wusste ich immer relativ genau – ein Subprozess im Hirn führte ständig Buch und kannte das ungefähre Gewicht 12 Monate zurück oder 2 Jahre oder zum Zeitpunkt des Abiturs oder des letzten Klassentreffens oder 4 Jahre zurück als ich meinen Ex-Chef zum letzten mal sah, als er auch statt erstmal ‚Hallo’ sagte ich sei ja ganz schön dick geworden. Meine Freunde beschäftigen sich auch viel mit dem Thema, das weiß ich, also dieser ganze „oh, er hat ja abgenommen, läuft er wieder?“ oder „oh, er hat ja wieder ganz schön zugelegt, läuft er nicht mehr?“ Komplex. Mir tun sie manchmal leid, weil sie ja auch komplett Buch führen müssen in ihren Köpfen für diese Betrachtungen.
Ich habe übrigens nicht viel Diät-Erfahrung, ist mir zu blöd. Aber natürlich habe ich – heimlich oft – zahllose Artikel und Studienergebnisse und „Fett vermeiden!“, „Kohlenhydrate vermeiden!!“, „neue Studien belegen: Kohlenhydrate sind gut!“ und „die Mittelmeer-Diät, warum Öl so wichtig ist“ Artikel in mich reingefressen und weiss also bei jedem Lebensmittel grob Bescheid, was es bedeutet und wie schwarz es meine Bilanz an diesem Tag mal wieder macht. Natürlich habe ich mich auch quantified, habe runtastische Aktivitäten gestartet und um Anfeuerung in sozialen Netzwerken gebeten, habe meine Wage ins Netz gehängt und lasse mich per App über den Verlauf informieren. Blutdruck habe ich auch, unnötig zu erwähnen, inkl. App übrigens.

Und dann – jetzt, zum Sommeranfang z.B. wenn man mit Angstschweiß an den Schrank geht um den Stapel unten mit den kurzen Hosen rauszuholen gibt es wieder diesen anderen Moment, nach tagelang aufgestautem Schuldgefühl, weil man ja bestimmt wieder fetter geworden ist (und die Wage gerade einfach mal meidet) – da passen einfach alle Hosen aus dem letzten Jahr noch. Hm? Und die Jeans die man für die Gartenarbeit anzieht, passt auch noch (ok, bisschen zwickig), aber die hat man vor 5 Jahren gekauft.

In diesen Momenten denke ich, was ein fuck! Was beschäftige ich mich eigentlich tagaus, tagein mit diesem total blödsinnigen Thema, nur um dann festzustellen, dass es eigentlich nur eine Sinuskurve mit 5kg rauf oder runter ist die ich halt mal mit maximalem Sport- und Essensterror runterdrücke oder eben mit Schuldgefühlen und Wagenvermeidungsterror hochlaufen lasse. Und wieviel Braintime bitte geht dafür drauf, mit Nachdenken über Essen oder nicht Essen, Schuldgefühlen, Apps ablesen, Freunde nicht besuchen weil sie einen zuletzt beim unteren Punkt in der Sinuskurve gesehen haben, dämliche Studien lesen usw. – das ist wirklich ein grandioses Hirn-Beschäftigungsprogramm. Nicht nur für mich – für all die anderen die immer schön mit-messen ja auch. Zumal man bei den anderen vermuten kann, dass ihre Aufmerksamkeit für das Thema auch nicht aus Sorge um meinen Zustand, sondern viel mehr aus eigener krankhafter Aufmerksamkeit für das Thema gespeist wird – die werden also bestimmt nicht nur meinen Zustand im Monitoring haben sondern ihren eigenen genauso und noch den von zig anderen Freunden, dem Partner, den Kindern. Auf das bloß alle nicht zu dick werden, GOTT BEHÜTE! Und was ist bitte eigentlich so weltbewegend toll daran 5kg weniger zu wiegen, was genau ist dann eigentlich besser, also in Syrien z.B., oder was die Verschmutzung der Meere anbelangt, oder in der Liebe – wieviel anders bläst der Wind in den Wipfeln wenn wir leichter sind als letzte Woche?

Wie wäre es wenn wir diese Braintime für andere Dinge einsetzten, also z.B. für mehr Gerechtigkeit, bessere Bedingungen für alleinerziehende Mütter, Abschaffung von Frontex, selbstbestimmteres Leben im Alter, Weltfrieden, autofreie Siedlungen, neue Energieversorgungskonzepte, Politik! Mit all der verschleuderten Braintime könnten wir vermutlich alle locker in eine Partei eintreten und mit links diverse Ortsversammlungen mitmachen und Papiere verfassen und dabei noch ein Instrument erlernen und Gedichte verfassen. Und dabei unbemerkt mal ein bisschen mehr und mal ein bisschen weniger wiegen.
Und wenn Freund aufeinandertreffen könnte man sagen – was, Du bist jetzt auch in eine Partei eingetreten, cool! Oder: Wow, Du hast viel über neue Konzepte in der Energieversorgung nachgedacht, das sieht man.

Anders gefragt – wenn man ein Programm aufsetzen wollte, um eine Gesellschaft möglichst kollektiv ruhigzustellen und mit Schuldgefühlen auszustatten und dabei am besten auch noch den Konsum anzukurbeln, was würde man wohl tun?

Ich hab es jedenfalls satt (sic!). Ich will nicht mehr darüber nachdenken und auch nicht mehr darauf angesprochen werden. Und wenn ich die freiwerdende Zeit mit der Betrachtung von Wolkenformationen beim Vorbeifahren an Bielefeld verbrächte, es wäre besser investiert.

Graue, tiefhängende Wolken mit hier und dort weißen Auftürmungen in Bodennähe. Irgendetwas scheint sich da oben zu spiegeln von der Landschaft, in dem in sich verwobenen dichten Wolkenteppich.

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Das Recht auf Vergessen

May 13th, 2014 — 11:16pm

Der europäische Gerichtshof hat also Google auferlegt, ein paar Links zu entfernen. Links auf einen Fall eines spanischen Mannes, der seine finanziellen Probleme aus der Vergangenheit nicht mehr in der Öffentlichkeit haben möchte. Und was ist los? Hell freezes over! Zensur wird eingeführt! Jimmy Wales äussert sich im Atlantic tief besorgt über dieses Urteil und wie sehr es das Internet verändern könnte – ausserdem sagt er, er habe so ein Urteil eigentlich eher von einem autoritären Land erwartet…
Die deutsche Szene tobt ebenso – ein Angriff auf Google (moment, habe ich ‚Angriff’ gesagt?) wird immer noch gern gleichgesetzt mit einem Angriff auf das Web an sich usw. – und ja, auch ich habe nach den Erfahrungen der letzten Jahre Sorge, dass durch irgendeine Hintertür Zensurmechanismen eingeführt werden (im Prinzip passiert es ja auch am laufenden Band – ein neuer ‚Kodex’ des Zentralverbandes der Werbeindustrie wurde z.B. gerade still und leise eingeführt mit dem Ziel illegale Seiten ‚auszutrocknen’…).
Aber eine Sache an der Diskussion stört mich gewaltig – und übrigens ist es mir noch klarer geworden beim Lesen des Atlantic-Beitrages, weil der Autor immer wieder betont, wie schade es doch jetzt sei, dass durch dieses Urteil die finanziellen Probleme dieses Mannes gerade in der Öffentlichkeit seien, echt ärgerlich…
Also, was mich stört, ist die Ungnade gegenüber diesem Mann und seinem legitimen Anliegen, das er vorbringt stellvertretend für Millionen von Menschen, die mal ein Problem hatten und nach einer bestimmten Zeit neu anfangen wollen. Und übrigens ein Anliegen, das in unserem Rechtssystem durch das hohe Recht der informationellen Selbstbestimmung geschützt ist. Aber lasst es uns mal für einen Moment ohne das Web diskutieren – nehmen wir z.B. die Schufa. Wer schonmal erlebt hat, was es bedeutet einen Schufa-Eintrag zu haben oder jemanden kennt, dem das passiert ist weiß, dass es die Hölle ist. Man bekommt keinen Mietvertrag mehr, keinen Kredit, kein Handy, nur mit Schwierigkeiten ein Girokonto und zahlreiche andere Dinge nicht. Die Schufa wurde gezwungen, die Daten nach einer bestimmten Zeit aus ihren Registern zu löschen – übrigens ein Prinzip das unsere Gesellschaft an zahlreichen anderen Stellen ebenfalls kennt, seien es Punkte in Flensburg, Vorstrafen, Überschuldung usw. usf. Es hat etwas mit Gnade zu tun und auch mit Solidarität und natürlich Menschlichkeit. Etwa ein Viertel aller Gefangenen auf der Welt sitzen in den USA im Gefängnis, teils wegen kleiner Vergehen (mehrfach begangen) – dieses Land ist für mich auch was das anbelangt keine Referenz. Das vielzitierte „Recht auf Vergessen“ ist ein schwieriges Konzept, vielfach zu Recht verlacht z.B. wegen seiner technischen Naivität. Vielleicht brauchen wir ein anderes Konzept oder einen anderen Namen dafür. Aber ich möchte tatsächlich, dass das zutiefst menschliche Prinzip das wir gegenüber der Schufa einfordern, auch für unser heiliges Internet gelten soll. Und natürlich muss das gegen andere Rechte abgewogen werden damit keine Zensur entsteht – das ist aber nichts Neues und liegt eher im Wesen eines funktionierenden Rechtsstaates.
In dem aktuellen Fall jedenfalls habe ich viel mehr die Sorge, dass wir uns vor den Karren einer geschickt agierenden neoliberalen Ideologie spannen lassen, die sich ein System wünscht, das kein Vergessen kennt und Vergehen ohne Gnade bis ans Lebensende vorhält – u.a. auch um sie schön in irgendwelchen Risiko-Kalkulationen von Versicherungen, Banken und sonstigen Big-Data Apologeten einfliessen zu lassen.

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