Algorithmen, Streikrecht und öffentlicher Raum

July 26th, 2015 — 3:45am

Neulich fuhren wir vom Strand nach Hause, also von Deauville in der Normandie ein bisschen ins Landesinnere. Wir waren den Weg schon ein paar mal gefahren, und so wunderte ich mich, dass das Navi uns ein wenig anders führte diesmal, aber eigentlich bemerkte ich es kaum. Erst als wir überraschend in einen kleinen Stau vor einer Autobahnauffahrt gerieten aufgrund einer frisch errichteten Barrikade, wurde mir klar: Google hatte uns die ganze Zeit schon an einem gross-angelegten Bummelstreik der französischen Bauern herumgeführt. Mit ein wenig Glück hätten wir von diesem Streik sogar überhaupt gar nichts bemerkt – ausser einer etwas längeren Fahrtzeit zu unserem Ferienhaus im Hinterland.
Ich fand das gespenstisch. In wenigen Jahren werden die meisten aller Autos mit selbstoptimierenden Navis ausgestattet sein, die permanent mit aktuellen Verkehrsinformationen gefüttert werden – schon heute erkennt Google die meisten Verkehrsprobleme und Staus nicht mehr anhand von öffentlich zugänglichen Verkehrsinformationen (z.B. der Radiostationen), sondern anhand von Bewegungsmustern von Mobiltelefonen der Autofahrer vor einem. Das ist extrem hilfreich und effizient, und nur anhand der Schriftfarbe der errechneten Restfahrzeit erkennt man häufig noch, dass irgendwo auf der Route ein Stau zu sein scheint, der aber vermutlich umfahren wird. In noch ein paar Jahren werden immer mehr Autos ganz autonom durch die Gegend fahren, und nicht mal mehr mit der Schriftfarbe auf so ein Hindernis hinweisen.
Ein Hindernis. Ein Streik ist ja eigentlich gar kein Hindernis, sondern ein – nicht nur in Frankreich – umfassend geschützter Akt der gesellschaftlichen Partizipation und des Interessens-Ausgleiches. In diesem Fall das Interesse der Bauern auf faire Bezahlung ihrer Erzeugnisse gegen das Interesse der Urlauber schnell nach Hause zu kommen. Vermittelt über den gemeinsam genutzten öffentlichen Raum, in dem sich Streiks ereignen – ohne öffentlichen und von vielen geteilten Raum sind Streiks gar nicht denkbar.
Was ist, wenn die Algorithmen diesen öffentlichen Raum plötzlich wegdefinieren und Streiks – selbst bei spontan errichteten und mobilen Barrikaden, unbemerkt umfahren? Dann trifft der Algorithmus die Entscheidung, dass dieser Streik nicht stattfindet für mich.
Das Ganze lässt sich leicht noch weiter denken – wenn in Zukunft mein Weg zur Arbeit oder zum nächsten Termin ebenfalls von datengetriebenen Algorithmen gesteuert und optimiert wird, angefangen von der individuell errechneten Weckzeit bis zur Wahl des Verkehrsmittels usw. – wenn das alles sogar noch mit Vorhersagefunktionen angereichert und verbessert wird (in die ggf. sogar Informationen aus mails der Bauern untereinander einfliessen – vollautomatisch) – werden Streiks dann nur noch in gespenstisch leeren Strassen stattfinden? Wird gar keine Anmeldung und kein Polizeischutz mehr erforderlich sein, weil alle beteiligten Systemkomponenten sich eh um das Ereignis herumoptimieren?
Technisch ist das alles weder abwegig noch abzulehen, schliesslich geht es ja nur um die Optimierung eines Fahrtweges.
Ich frage mich allerdings, ob uns das nicht beunruhigen sollte, wenn das Streikrecht plötzlich auf ganz unerwartete Weise ausgehölt wird. Streiks funktionieren über den gemeinsam genutzten öffentlichen Raum – ob es nun die Strasse ist, die U-Bahn oder der Platz inmitten der Stadt. Wird nicht eigentlich der öffentliche Raum selbst verschwinden, wenn wir in vielen Fällen gar nicht mehr selbst entscheiden, ob und wann wir jenen Platz überqueren werden? Oder müssten zukünftige Streiks notwendigerweise auch (oder nur?) in der Welt der Algorithmen stattfinden? In Google-Now und Apple-Siri errichtete Barrikaden, Verzögerungen und Falsch-Aussagen wären in der Zukunft vielleicht die naheliegendere Form des Protestes für bessere Milchpreise.

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Warum ich die Resolution von @digitalcourage zur EU-Datenschutzverordnung für falsch halte

June 6th, 2015 — 5:27pm

Der Datenschutz-Förderverein Digitalcourage hat heute zur Zeichnung einer Resolution gegen die Aushölung des Datenschutzes im Zuge der EU-Datenschutzgrundverordnung aufgerufen, die kurz vor dem Abschluss steht.
Die Lesart ist: Google, Facebook & Co, sowie im generellen die Daten-Handels-Lobbyisten versuchen den Datenschutz auszuhölen, indem wichtige Datenschutzkriterien wie z.B. die Zweckbindung und die Datensparksamkeit geschliffen werden sollen.
Tatsächlich ist alles natürlich viel komplizierter.
Zum einen kann für Google, Facebook & Co derzeit kaum etwas besseres passieren, als eine strenge EU-Datenschutzgrundverordnung, denn diese wird – trotz anderslautender Ankündigungen zum sog. “Marktortprinzip” – für US-Unternehmen in vielfacher Weise nicht gelten, insbs. weil es keine Bestrebungen gibt, das bilaterale Safe-Harbor Abkommen (bzw. die Entscheidung der EU-Kommission diesbzgl.) aufzuheben, das es US Unternehmen ermöglicht, durch eine einfache Erklärung (gegenüber US-Autoritäten) so behandelt zu werden, als wären Ihre Daten und Datenverarbeitungsprozesse auf EU-Level. Der Staatssekretär des BMI, Ole Schröder, hat noch vor wenigen Wochen auf einer Konferenz der FAZ in Berlin zum Thema gesagt, es gäbe keine Pläne Safe-Harbor aufzukündigen. Dies wird auch von anderen Stellen bestätigt. Hinzu kommen weitere Handels-Abkommen, die eine ähnliche Wirkung haben werden, wie z.B. das aktuell bekannt gewordene TISA.
Der Effekt für US-Unternehmen wäre also grob: höheres Datenschutz-Niveau für Digital-Unternehmen, die in der EU ansässig sind (mit ihrem Haupt-Sitz), und gleichbleibend lasche Regeln für US-Unternehmen. Warum sollte man dagegen anlaufen?
Tatsächlich wird die EU-Grundverordnung in vielen Bereichen eine deutliche Verschärfung des Datenschutz-Niveaus zur Folge haben, insbs. auch in anderen EU-Staaten, die bisher laschere nationale Regeln implementiert haben, aber auch in Deutschland. Denn hier gilt bisher z.B. der wichtige Absatz 15(3) des Telemediengesetzes, der die sog. “Pseudonymisierung” ermöglicht, und Unternehmen im Gegenzug erlaubt derart abgesicherte Daten ohne vorherige Zustimmung des Nutzers, sondern nur mit Widerspruchsmöglichkeit zu verarbeiten (Pseudonymisierung bedeutet, dass in einem Datensatz die Merkmale entfernt werden, die einen direkten Personenbezug ermöglichen). Diese Regel ist so nicht in der EU-Verordnung implementiert (zumindest nicht im Entwurf des Rates, aber selbst im Text des Parlamentes taucht das Prinzip nur bruchstückhaft auf). Das würde bedeuten, dass in Zukunft alle erhobenen Daten als personenbezogene Daten gelten und damit ein strenges Zustimmungs- oder Opt-In Regime einzieht*. Das ist ein bemerkenswerter Sieg der Datenschutz-Lobby, insbs. der Article-29 Working Party (Zusammenschluss von Datenschutz-Beauftragten in der EU mit quasi-amtlichem Status in Brüssel).
Natürlich wird seitens der Wirtschafts-Lobbyisten versucht, das noch aufzuweichen, insbs. über sog. “legitime Interessen”, aber der Versuch der Bundesregierung das Prinzip der Pseudonymisierung noch einzufügen wurde von den anderen EU-Mitglieds-Staaten mit grosser Mehrheit abgelehnt.
Was ich aus zwei Gründen für fatal halte, und da sind wir beim eigentlichen Problem.
Zum einen ist es fatal, weil Pseudonymisierung ein Datenschutz-Tool ist/war, und demzufolge auch von Datenschützern unterstützt wurde. Es war aber auch ein Incentive für Unternehmen mit speziellen Vorkehrungen besonders datenschutzfreundlich zu arbeiten, indem sie problematische Personenbezüge in den Daten entfernten oder gar nicht erst aufkommen liessen. Es wäre ein Verlust für datenschutzfreundliche Geschäftsmodelle, wenn diese Option wegfiele.

Nun aber zu meinem Haupt-Punkt: Ich glaube, wir stehen vor einem grösseren Problem und die Lösungen von Digitalcourage wären auch dann falsch, wenn die Annahmen bzgl. der Interessen von Lobbyisten alle richtig lägen.
Denn: Big-Data ist nicht böse. Natürlich hat es hochproblematische Anwendungsfälle und es gibt predictive policing, Aushölung der Solidarität im Gesundheitswesen über Daten-Tarife usw. – keine Frage. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass Big-Data Anwendungen zu den wichtigsten Quellen für Innovation, Wohlstand und allgemein Zukunftstechnologien beitragen werden, vereinfacht: wer die Möglichkeiten von Big-Data erschwert, erschwert Innovation auf zahlreichen Gebieten. So sind zum Beispiel sowohl das selbstfahrende Auto (das in Zukunft viele Leben retten wird) als auch die unglaublichen Durchbrüche im Bereich automatisierter Übersetzungen Big-Data Anwendungen, die möglich wurden, weil massenhaft nicht zustimmungspflichtige Daten verfügbar waren, die auch keine Einschränkung hinsichtlich Zweckbindung aufwiesen (z.B. Übersetzungen von EU-Gesetzen, aber auch zig andere Quellen aus Diensten, die z.B. Sprachverarbeitung ermöglichen). Das britische Gesundheitssystem setzt gerade voll auf Innovationen und Effizienz-Effekte durch die Öffnung von ehemals strikt personenbezogenen und hoch-geschützten Gesundheitsdaten. Und das nicht, weil Daten-Lobbyisten das gewollt haben, sondern weil man das Innovationspotential einer offenen Datenpolitik selbst in so sensiblen Bereichen einfach heben muss, um die explodierenden Gesundheitskosten gegenfinanzieren zu können (so zumindest die Argumentation des NHS). Effekte, die z.B. einfach dadurch entstehen können, dass sowohl Patienten ihren kompletten Health-Record inkl. API zur Verfügung gestellt bekommen, als auch Unternehmen und Startups in pseudonymisierter Form (ja, da gibt es viele Diskussionen und Probleme).
Die altehrwürdigen Prinzipien von Zweckbindung und Zustimmungserfordernis sowie generell Datensparsamkeit greifen einfach nicht mehr für die Zukunft, das ist meine tiefe Überzeugung, denn wenn Big-Data Anwendungen eines nicht kennen, dann ist es Datensparsamkeit und Zweckbezug (vorab). Das widerspricht sich also im Kern.
Allerdings sollten die Prinzipien nicht einfach über Bord geworfen werden, keineswegs. Aber wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung von Datenschützern, Politikern, Unternehmen und Lobbyisten (ja!) um neue Datenschutz-Prinzipien zu finden, die für das Big-Data Zeitalter taugen. Wenn die Datenschützer sich einfach hinter den alten Prinzipien verschanzen, hilft das niemandem. Genausowenig hilft es, wenn Unternehmen jetzt einfach loswurschteln (weil die Aufsicht total überfordert ist z.B.) oder PolitikerInnen irgendwelche Gesetze erlassen, nur damit mal Ruhe ist (ein bisschen passiert das gerade mit der Verordnung).
Wir müssen vermutlich noch mehr als das TMG mehrere Klassen von Daten einführen, und weiter über Pseudonymisierung und deren Absicherung nachdenken. Wir müssen vermutlich an vielen Stellen vom Prinzip der Zweckbindung abgehen, vll. auch indem neue Zwecke mit Zustimmung definiert werden können, vermutlich aber eher indem auf sog. risikobasierte Ansätze geswitched wird oder eben rechtliche Fragen im Moment der Anwendung von Daten (und nicht im Moment der Erhebung) relevant gemacht werden. Wir müssen sicher auch einen Bereich personenbezogener Daten definieren, der vll. noch stärker als bisher abgesichert wird. Wir müssen die im Digitalen viel leichter zu nutzenden Möglichkeiten der Transparenz wirksam in Gesetze und Praxis einziehen, z.B. indem Nutzer ihre Daten und deren Nutzung jederzeit nachverfolgen und auch nachjustieren können. Und ich würde sogar soweit gehen, dass es in bestimmten Bereichen regelrecht Prinzipien der Daten-Verschwendung geben muss, also maximale Daten-Erzeugung, Zugänglichmachung, Standardisierung etc.

Das wird schwierig und fundamental. Aber ich halte es für eine essentielle Aufgabe, wenn wir eine neue Balance von Schutz/Regulierung, Empowerment des Nutzers und Nutzungsmöglichkeiten für Unternehmen finden wollen.

*eine andere Lesart in einigen EU-Staaten ist übrigens dass pseudonymisierte Daten als “anonyme” Daten behandelt werden sollten und damit überhaupt nicht unter die Verordnung fallen (weil diese nur personenbezogene Daten regelt). In Deutschland sollte diese Lesart angesichts von 15(3) TMG und der jahrzehntelangen Praxis und Rechtsprechung dazu schwierig werden. Ein Outcome könnte also sein, dass in Zukunft solche Daten in Deutschland als unter die Verordnung fallend betrachtet werden, in Litauen aber zum Beispiel nicht – auch wenn solche Effekte durch die Verordnung an sich verhindert werden sollen. Jedenfalls wäre der Effekt wenn Pseudonymisierung in der VO geregelt würde, dass diese Daten-Klasse explizit in die Verordnung reinkäme, also in allen Ländern damit ein klares Improvement für den Datenschutz in der EU.

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Liebe Delegierte des SPD-Parteikonvents,

June 3rd, 2015 — 11:47am

auch ich möchte mich an Sie wenden mit einer Bitte zum kommenden Parteikonvent in Sachen Vorratsdatenspeicherung.

Ich bin ein Internet-Unternehmer aus Köln und in vielfacher Weise auch politisch aktiv, u.a. im Beirat des Wirtschaftsministeriums und dem der Ministerpräsidentin Malu Dreyer, ich bin aber auch Gründungsmitglied von D64.
Ich möchte mich an Sie aber vor allem als Digital-Unternehmer wenden.
Das mag Sie vielleicht verwundern, denn auf den ersten Blick hat die Vorratsdatenspeicherung nichts mit der digitalen Wirtschaft zu tun.

Hat sie aber doch, und zwar vor allem aus zwei wichtigen Gründen.

Erstens: die Digitalisierung unserer Gesellschaft und der Wirtschaft schreitet zügig voran – in Zukunft werden Fabriken vernetzt sein aber auch unsere Häuser, unsere Kleidung und viele andere Dinge des Alltags. So wird es z.B. für Menschen im Alter leichter fallen, länger in Ihrer vertrauten Wohnung zu bleiben, weil digitale Hilfsmittel den Pflegedienst automatisch benachrichtigen, wenn es nötig ist. Digitales Arbeiten macht Teilhabe an Arbeit leichter, für Menschen auf dem Land, mit Kindern oder mit anderen Einschränkungen was die ständige Präsenz im Büro anbelangt.
Zahlreiche neue Geschäftsmodelle und Unternehmen werden in diesem Ökosystem entstehen, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass schon in naher Zukunft die Mehrzahl der Arbeitsplätze von digitalen Technologien geprägt sein werden. Über Arbeit reden wird also in 10 Jahren vor allem “über digitale Arbeit reden” bedeuten.
Die Vorratsdatenspeicherung – auch in der Variante von Herrn Maas – würde das Vertrauen der Bürger und Unternehmer in die zentrale Infrastruktur dieses digitalen Wandels unterminieren – weil vorrangig Überwachungsziele damit umgesetzt würden. Das mag heute noch vielen unkritisch erscheinen – spätestens wenn die Toilette, der Badspiegel und die Bremsanlage des Autos permanent mit dem Netz verbunden sein werden, wird es uns alle betreffen. Wir brauchen ein Internet, das nicht als Instrument zur anlasslosen Massenüberwachung instrumentalisiert wird!

Zweitens: Die SPD macht in den letzten 2-3 Jahren eine immer bessere Figur, was digitale Fragen anbelangt. Das ist schön und findet zunehmend (wenn auch langsam) auch Zuspruch bei den Menschen, die sich mit digitalen Medien und Technologien beschäftigen. Und der digitale Wandel braucht die SPD – wenn Netzpolitik heute schon Gesellschaftspolitik ist, dann brauchen wir dafür die sozialdemokratische Sicht um ein Netz zu bauen, das nicht nur die Wirtschaft beflügelt, sondern auch auf Gerechtigkeit, Solidarität und Teilhabe setzt! Bitte verspielen Sie dieses Vertrauen jetzt nicht. Ich kann Ihnen versichern, alle Augen sind am 20.6. auf den Konvent gerichtet – wenn die SPD jetzt ohne Not eine Vorratsdatenspeicherung zum Gesetz macht, wird sie ihre Stimme in der Digitalpolitik für lange Zeit verloren haben.

Herzliche Grüsse,

Stephan Noller

willy

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Ohne VDS sterben die Patienten bei der Telemedizin, äh, also in den Autos…

May 17th, 2015 — 11:38am

Oettinger rückt von der Netzneutralität ab. Soweit, so erwartbar. Was mich aber vor allem ärgert ist, mit welch billigen Mitteln uns diese zentrale Errungenschaft des Internets nun abgeschwatzt werden soll. Denn auch Oettinger verwendet zwei Anwendungsfälle, um zu erläutern warum Netzneutralität kritisch sein kann: Telemedizin (oder “Gesundheitsdienste”) und Verkehr.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert: Zum einen taucht dieses Begründungsmuster an vielen anderen Stellen auf, wenn PolitikerInnen sich gegen die Netzneutralität wenden. Angela Merkel hat kürzlich die exakt gleiche Kombination verwendet. Markus Beckedahl hat auf netzpolitik.org sogar ein kleines Quiz dazu eingerichtet, wo man die Begründung auch noch direkt von Telefonica, Vodafone oder der Telekom bekommen kann. CDU und die Telekom-Lobbyisten mag man denken – aber auch Sigmar Gabriel sieht die Telemedizin in Gefahr.
Wenn schon das freie und neutrale Internet kaputtreguliert werden soll, dann wünsche ich mir wenigstens ein bisschen mehr Anstrengung, denn natürlich wird kein Auto den Bremsvorgang einleiten, nachdem es übers Internet kurz abgechecked hat, wie die Verkehrslage sonst noch so ist, auch nicht mit Sondergenehmigung als “Spezialdienst”. Und wenn Herr Oettinger meint, man würde einen OP-Roboter übers Internet (als “Spezialdienst”) steuern, dann wünsche ich ihm viel Glück bei der nächsten OP.
Wahrscheinlich meinen die Lobbyisten, sie hätten da geschickt was eingefädelt, denn mit Video-Streaming oder schlicht Mehreinnahmen durch ein Zwei-Klassen-Internet für die Telkos lässt sich halt nicht so gut argumentieren. Aber wenn es irgendwie um Menschenleben ginge, das wär doch schick. Und irgendwas mit Autos kommt in Deutschland immer gut. Vermutlich wurde sogar kurz erwogen, eine Verbindung von Netzneutralität und Speed-Limit hinzubekommen, so im Sinne von “Automobilkonzerne erwägen Geschwindigkeitsbegrenzung bei unzureichendem Datenzugang”. Wäre nicht irgendwas mit Kinderpornographie noch drin gewesen? Hey, kommt, strengt Euch mal an! “International gesuchter Kinderschänder entwischt Polizei aufgrund zu langsamer Netzverbindung”. “Kinderschutzbund mahnt: Gebt den Ermittlern schnelleres Netz!”. “Die Vorsitzende des Verbands ‘safe our children’ fordert schnelles Netz für die Polizei – es könne nicht sein, dass die Internet-Taliban für Ihre Kostenlosangebote das Leben unserer Kinder aufs Spiel setzten”. Da geht noch was.

Ich wünsche mir, dass Politiker, die sich in so einer fundamentalen Sache positionieren, wenigstens vernünftig informiert wurden, und mit ernstzunehmenden Beispielen arbeiten. Ich möchte wenigstens intelligent verarscht werden.

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Ihre Tochter kann jetzt mit Füller schreiben

May 10th, 2015 — 11:10am

Raul Krauthausen hat zur re:publica ein tolles Interview zum Thema „Inklusion für alle“ gegeben (ich glaube der talk dazu war auch super, nur noch nicht angesehen).
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=QTsRvHNOoHA[/youtube]
Was mich daran so bewegt hat, sind zwei Dinge. Zum einen die Tatsache, dass es diese utopisch erscheinende Idee der inklusiven Schule für alle tatsächlich schon gibt, nicht in der Theorie oder in uninahen Forschungs-Schulen, sondern in der ganz alltäglichen Grundschule – nämlich dort, wo meine Tochter hingeht. Na gut, es ist eine neu gegründete Grundschule mit einem sehr engagierten Team und einem exzellenten Direktor. Aber dennoch – eine normale Grundschule um die Ecke. Wie weit die Inklusions-Idee dort geht, wurde mir klar, als vor ein paar Wochen die Lehrerin meiner Tochter auf mich zukam und sagte: Ihr Kind kann jetzt mit Füller schreiben – vielleicht gehen Sie heute nachmittag mit Ihr in den Schreibwarenladen und lassen sie einen aussuchen, der ihr gefällt.
Ich erinnere mich noch ganz gut, wann ich mit dem Füller anfangen durfte. Das war nämlich mit dem Beginn der zweiten Klasse. Für alle. An der Schule meiner Tochter gibt es überhaupt keinen festgelegten Zeitpunkt dafür, denn die Entscheidung ob ein Kind reif ist für das neue Schreibgerät wird komplett individuell getroffen anhand von einer ganzen Reihe von Parametern und Einschätzungen. Was auch bedeutet, dass jedes Kind sich individuell an diesen Punkt heranentwickeln kann, in seinem eigenen Tempo und mit der ihm passenden Schwerpunktsetzung. Denn vielleicht ist es ja schneller mit dem kleinen Einmaleins als im Schreiben. Das faszinierende daran ist, dass so etwas tatsächlich funktionieren kann an einer normalen Schule, in diesem Fall eine Inklusions-Schule mit MINT-Schwerpunkt. Denn es erfordert ja einen ungleich höheren Aufwand für die LehrerInnen das Lernen individuell zu organisieren und zu koordinieren. Aber es ist natürlich grossartig, dass so etwas geht (und übrigens nicht nur für die Füller-Entscheidung – der ganze Lehrplann ist dort nach dem Prinzip organisiert). Und es hat noch eine Konsequenz – und da bin ich wieder bei Raul’s Interview: in dem Moment wo Schule so arbeitet, sind alle inklusionsbedürftig, egal ob hoch oder tiefbegabt, eingeschränkt oder besonders leistungsstark – die Anpassung von Lerninhalten und Geschwindigkeit ist der Standard und insofern ist es überhaupt nichts besonderes mehr, wenn bestimmte Kindern ein eigenes Tempo benötigen – alle arbeiten nach einem eigenen Tempo.
Damit fördert die Schule im innersten Kern Diversität und Toleranz – ohne den Bildungsanspruch aufzugeben (eher im Gegenteil). Wie toll ist das.
Zugegeben – das gilt sicherlich noch nicht für alle Schulen und ich habe die Befürchtung, dass es auf bestimmten Schulformen wie z.B. (und insbesondere) dem Gymnasium tatsächlich noch eine weit entfernt liegende Utopie ist, so ein individuelles Lernen (und Lehren) einzuführen. Aber ich finde es sehr inspirierend, dass es offenbar tatsächlich geht.
Denn damit – und das ist der zweite Punkt, der mich bewegt – bedeutet Inklusion nicht mehr „Leute mit Behinderung irgendwie unterbringen“, sondern „alle sind behindert…und befähigt, jede/r auf seine Weise“. Wie schön wäre das, wenn Schule in Deutschland generell nach diesem Modell funktionieren würde. Und wenn wir – wie Raul es in dem Interview oben skizziert – den Umgang mit Behinderung im Alltag auch nach diesem Diversitäts-Prinzip hinbekämen, anstatt immer nur Defizite ausgleichen zu wollen. Raul ist schonmal Klippo.

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Elektro-Basteln mit Grundschülern – Stufe 2 mit Mikro-Controller “Thekla”

March 21st, 2015 — 3:23pm

Da es bei der ganzen Elektro-Bastelei ja um das Ziel “Vermittlung digitaler Fertigkeiten” gehen soll, fehlte natürlich noch ein bisschen digitales, konkret Computer und Programmierung.
Habe mir Gedanken gemacht, wie man das mit GrundschülerInnen hinbekommen könnte, und dabei den Prinzipien der Elektro-AG treu bleiben kann. Herausgekommen ist Thekla, der Mikro-Controller mit kinderfreundlichen Krokodilklemmen anstelle von Lötkontakten:
thekla

Thekla basiert auf dem Adafruit Gemma Board, das man für wenige Euro bei diversen Händlern bestellen kann. Gemma ist für Wearables konzipiert und kann auch gut eingenäht werden. Es ist überdies ein Arduino-kompatibler Mikro-Controller, d.h. ein kleiner Computer, der ein Stück Code permanent ausführt (siehe unten in der Sektion “loop”) und dabei verschiedene Dinge tun kann, u.a. auch an seinen Kontakten Strom messen sowie ausgeben (um z.B. eine LED zu schalten). Die Schaltung unten misst z.B. den Strom an Pin 1 (“sensor”), dieser wird über eine Licht-Zelle vermittelt und schwankt daher mit der Intensität des Lichtes. Damit das gut messbar ist, muss ein Spannungsteiler eingebaut werden mit einem zusätzlichen Widerstand, der gegen “Ground” geschaltet wird. Der Spannungsteiler ist eine wichtige Basis-Schaltung in der Elektronik mit der Spannungen reduziert werden können – indem hier ein kleinerer Teil der Spannung durch die Lichtzelle geht kann deren Ausschlag besser gemessen werden.

//Thekla - LED Steuerung mit Licht
int led = 0; //die LED hängt an PIN 0
int sensor = 1; //der Sensor (Lichtzelle) an PIN 1
int pause; //Variable für Wartezeit der Blinksequenz

void setup() {
pinMode(led, OUTPUT); //LED PIN wird konfiguriert
}

//der folgende Programmblock läuft in einer ständigen Schleife
void loop() {
int light = analogRead(sensor); //Lichtzelle auslesen
pause = light/2; //Pause aus Sensordatum berechnen
digitalWrite(led, HIGH); //LED anschalten
delay(pause); //warten
digitalWrite(led, LOW); //LED ausschalten
delay(pause); //warten
}

Hier im Einsatz:
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=6lxkKTFKq9U[/youtube]

Wenn Ihr das selbst ausprobieren wollt, könnt Ihr einfach Gemma “naked” kaufen, z.B. hier bei Tinkersoup. Man kann mit dem Kupfer-Klebeband auch direkt an die Pads von Gemma kleben, die Krokodilklemmen oben sollen es nur einfacher und robuster machen (die von mir verwendeten gibts bei Conrad, die sind schön klein). Die Lichtzelle gibts auch bei Tinkersoup, ebenso den benötigten 1K-Ohm Widerstand.
Vielleicht sind die Leute von Tinkersoup ja sogar bereit das ebenfalls als Set anzubieten, mal schauen.
Ich werde jedenfalls “Thekla” noch ein wenig weiterentwickeln, evtl. wird daraus ein eigenes Board mit diesen Klemmen. Wäre auch schön Feedback von Euren Erfahrungen dazu zu bekommen sowie ggf. Anregungen. Wir (der Grundschuldirektor vom letzten Post und ich) werden das Set auf dem Informatik-Tag in Aachen Grundschul-LehrerInnen in der Ausbildung vorstellen und auch damit rum-experimentieren.

Ach – dabei soll es ja auch darum gehen die Kids ans Programmieren heranzuführen. Was dabei keinesfalls fehlen darf ist das grandiose Scratch, die kinderfreundliche graphische Programmier-Umgebung, die am MIT entwickelt wurde, und eine grosse Entwicklergemeinde weltweit begeistert. Scratch ist kostenlos zu haben, auch auf deutsch. Und es kommt noch besser – ein paar verrückte Spanier haben mit Scratch for Arduino eine Variante herausgebracht, die sogar mit einem angeschlossenen Arduino-Board kommunizieren kann (es sollte ein Arduino Uno sein) – so kann man “echte” elektronische Komponenten, Sensoren, Motoren, Servos mit Elementen innerhalb von Scratch verbinden, z.B. indem man ein Spiel programmiert, das physische Interaktion von aussen benötigt, oder sonstwie auf irgendwas reagiert. Und Scratch ist wirklich eine hervorragende Möglichkeit, um ins Programmieren einzusteigen – es gibt Schleifen, Variablen, Objekteigentschaften, Events usw. – aber alles mit schönen graphischen Elementen und sehr kinderfreundlich umgesetzt. Probiert es einfach mal aus.
Hier zum Schluss ein Screenshot meines ersten kleinen Scratch 4 Arduino Programms (auch für Montag). Eine Biene schwirrt über den Bildschirm (rechts im Bild) und bleibt stehen, wenn der Finger auf eine Lichtzelle am angeschlossenen Arduino gelegt wird (nicht im Bild). Man muss also versuchen, die Biene auf dem Honiglöffel stoppen zu lassen. Der gesamte Programmcode dafür ist in der Mitte zu sehen.
scratch

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Elektro-Basteln mit Grundschulkindern: Erfahrungen, Anleitung und Material-Liste

March 15th, 2015 — 9:08pm

Zusammen mit Pausanias und dem Direktor der Grundschule meiner kleinsten Tochter, haben wir jetzt schon zum zweiten Mal die Elektro-AG durchgeführt. Die Idee ist Kinder schon im Grundschulalter an Elektronik heranzuführen, und das dann sanft mit mehr “informatischen” Inhalten anzureichern, also z.B. einen Arduino dazuzunehmen, der z.B. mit Scratch programmiert werden kann (das wäre dann der “Aufbaukurs” für 3-4. Klasse).
Um dahinzukommen, habe ich unterschiedlichste Ideen getestet (z.B. leitende Tinte), viele neuere Ansätze auch von Kickstarter-Startups aus USA (so z.B. Chibitronics). Habe ich auf meinem englischen Blog dokumentiert.
Zum Glück habe ich auch alles mit dem Grundschuldirektor ausprobiert und vorbesprochen, denn wir sind zum Schluss gekommen, dass eine sehr einfache Variante die pädagogisch beste sein würde:
selbstklebendes und leitendes (auch der Klebstoff) Kupferband + ganz normale LEDs und andere Bastelkomponenten, z.B. Holz-Wäscheklammern, die man sowohl als Stromquelle (Knopfzelle wird eingeklemmt, Klammer mit Kupfer beklebt und zwei Kabel herausgeführt die dann an das Bastelwerk angehalten oder angeklebt werden können) als auch als Taster verwenden kann (einfach andere Seite der Klammer verwenden).
Der Vorteil dieses Materials sind nicht nur die deutlich geringeren Kosten und die besser Verfügbarkeit – es erleichtert es den Kindern auch sehr mit dem Strom zu beginnen, denn es ist ja ganz normales Basteln mit Klebeband, Schere usw. – überdies hatten wir den Eindruck, dass der Einstieg damit weniger “technisch” gerät (als wenn wir z.B. mit Kabeln oder gar Lötkolben operiert hätten) und damit auch für Mädchen nicht abschreckend ist. Jedenfalls hatten wir einen nahezu ausgeglichenen Anteil von Jungs und Mädchen über zwei Kurse (übrigens interessante Beobachtung: Mädchen und Jungen waren zwar im Kurs fast gleich verteilt, nicht aber in der Anmeldeliste. Der erste Kurs bestand tatsächlich zu 95% aus Jungen, der andere andersherum aus Mädchen. Offenbar sind Eltern von Mädchen zögerlicher in der Anmeldung, seltsam, oder?)

Im 3-stündigen Kurs (mit “Bewegungspause”) haben wir erstmal ganz kurz Grundlagen erläutert (mit simplen Schaubildern einer elektrischen Schaltung) und die Kinder mit einer Knopfzelle und einer LED erste Versuche machen lassen. Da stellen sich schnell Erfolgs-Erlebnisse ein, weil man die LED ja nur richtig herum an die Batterie dranhalten muss. Dabei lernt man aber auch schon “plus” und “minus” (bei der LED ist das längere Beinchen immer “plus”).
Dann haben wir drei Aufgaben vorgegeben, eine erste simple Schaltung, bei der die Leiterbahnen vorgezeichnet waren auf dem Arbeitsblatt (unten zum Download), und eine LED zum Leuchten gebracht werden sollte. Dabei lernen die Kinder den Umgang mit dem Kupfer-Klebeband und erste Wackelkontakte treten auf usw.
Zweite Aufgabe war dann eine Fantasie-Landschaft mit Strom. Hier sollte einfach irgendetwas gebastelt werden, wo die LEDs eine Funktion übernahmen, es wurden Raketen gebastelt, Ampeln, Krokodile mit Leuchtzähnen, Meeresbrausen mit Glitzer aus LED, Pferdeköpfe mit Leuchtaugen, Häuser, Türme usw. – die Kreativität der Kinder dabei war wirklich toll (wir hatten zusätzlich ein bisschen Bastelmaterial ausgelegt sowie ein paar Beispiele zur Anregung). Einige der Ergebnisse sind unten angehängt. Bei diesem Basteln traten natürlich auch diverse spannende elektrische Probleme auf, Leitungen die sich überkreuzten, mehrere LEDs in Reihe oder parallel schalten, Leiterbahnen auf der Rückseite verlegen oder überkleben und natürlich zig kleinere Probleme usw. die häufig auch mit Hilfe der Eltern gelöst wurden (es ist ratsam die Elternunterstützung einzufordern. Zum einen macht es den Eltern und Grosseltern offenbar auch viel Spass, zum anderen ist die Betreuungs-Situation dann viel entspannter).
Nach der Bewegungspause gab es eine kurze Präsentation der Zwischenergebnisse, und dann war die Aufgabe einen einfachen Morse-Apparat zu basteln. Auch hier haben wir nach den Erfahrungen des ersten Kurses im Material ein paar Hilfestellungen gegeben, weil die Schaltung nicht ganz einfach ist – vor allem muss man jetzt einen Taster aus der Klammer bauen, und richtig in die Schaltung einsetzen – da kamen teilweise die Eltern auch ins Schwitzen…
Insgesamt ein grosser Erfolg und viel Spass, und wir haben auch vom pädagogischen Leiter Lob für das Material bekommen. Anbei noch ein paar Impressionen von den Arbeitsergebnissen. Das Material kann gerne weiterverwendet werden und steht unter Creative Commons Lizenz wie unten angegeben.

Material-Download hier: Elektro-AG Arbeitsblatt

Einkaufsliste:



UPDATE: Grossartigerweise haben die Leute von Tinkersoup in Berlin das Kit in ihren Shop aufgenommen – kann also alles bequem über eine Adresse bestellt werden: Elektro-Bastel-Kit für Grundschul-Kinder


–> ich überlege, das evlt. mal als Package zum Verkauf anzubieten, lasst mich in den Kommentaren wissen, wenn Ihr das für sinnvoll halten würdet.

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Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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Why is it so hard to be good?

October 9th, 2014 — 11:57am

Letzte Woche auf den DataDays kam mehrfach die Frage auf, wie man mit Data-Science, Internet of Things, Algorithmen usw. vielleicht auch mal was Gutes tun könnte, also etwas, das Menschen wirklich hilft oder die Gesellschaft nach vorne bringt, anstelle von Dystopie-Annäherungen und Geschäft? Klaas Bollhöfer brachte es auf den Punkt, und es gab sogar kurz selbstkritischen Applaus: Perhaps because we don’t care at all? Jeder hat eigentlich nur Geschäftsinteresse und verbrämt das vielleicht hier und dort mit darübergestülpten sozialen Motiven?
Vielleicht. Aber ich bin mir nicht so sicher, vor allem aber will ich es natürlich nicht glauben.
Was mich aber über diese Motivationsfrage hinaus beschäftigt, ist die Frage, warum es so schwierig ist, wenigstens anteilig Gutes zu Schaffen mit den neuen Technologien, dem Internet und all dem.
Warum fällt es uns so leicht Tracking für Werbekunden aufzusetzen, und so schwer Angst und Hate-Speech zu tracken und darum Unterstützungsnetzwerke aufzubauen (ich beziehe mich dabei auf die Aussage von Richard Rogers, als er gefragt wurde, was er sich am meisten wünschen würde als Fortsetzung von Bigdata – „i would want to see tracking of fear and hate-speech“)? Warum scheinen die Vernetzungs- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes so viel mehr den Hatern, Trollen und generell der Bösartigkeit zugutezukommen? Warum schützt Anonymität so viel häufiger die Stalker als die Verfolgten? Warum kommt bei dem Versuch neue politische Versuche mithilfe des Netzes zu unternehmen, die Piratenpartei heraus? Warum sieht es so aus, als sei das Online-Geschäftsmodell für Journalismus gefunden, und es heisst heftig.co? Warum könnte das Netz neuartige Weisen des Zusammenarbeitens ermöglichen und heraus kommt Rocket Internet und Microsoft? Warum kommen bei Innovationen im Netz meistens Dinge raus, wo einem schnell bösartige Anwendungen einfallen, aber nur mit Mühe gutartige? (funktioniert insbs. bei jeder Art von Big-Data Anwendung und Analyse mit hoher Treffsicherheit)
Ein bisschen hat es tatsächlich mit Geld zu tun, ok – das kann ich sogar persönlich bestätigen. Ich habe mich mit Algorithmen bei der Fraunhofer Gesellschaft beschäftigt, die designed waren, um Museumsbesuchern neue Exponate näher zu bringen, die sie interessieren könnten. Dann haben wir versucht, den Algorithmus auf Content-Empfehlungen anzupassen, durchaus noch mit dem Ziel Online-Journalismus spannend zu machen, und den Nutzwert von Seiten zu erhöhen. Schliesslich habe ich nugg.ad gegründet, weil die einzige Art mit solchen Verfahren Geld zu verdienen, de facto die Werbeindustrie war (ist?).
Aber ist das schon die ganze Antwort? Erklärt das all die anderen Hassphänomene und dystopischen Elemente? Irgendwie nicht, oder?
Wir haben mit dem Internet, und jetzt nochmal mehr mit BigData, Algorithmen und der weltweiten Vernetzung von Arbeit und Menschen geschichtlich ziemlich einmalige Möglichkeiten in der Hand, Veränderungen herbeizuführen und Machtverhältnisse in Frage zu stellen. Und es passiert ja auch – wenn heute in der U-bahn 9 von 10 Leuten in ein Smartphone starren, dann ist das ein physischer Ausdruck einer Machtverschiebung, aber auch ein unglaubliches Potential darin die Leute zu erreichen, zu beteiligen und zu vernetzen. Was ja auch funktioniert – bestimmt die Hälfte meines Freundeskreises ist heute ohne online nicht mehr denkbar.
Aber warum haben wir noch nicht eindrucksvoller bewiesen, dass das alles zu einer guten Entwicklung beitragen kann? Warum gibt es keinen Notknopf für Opfer von Übergriffen, der alle Smartphones in der Umgebung blinken lässt, und eine Selbstverpflichtung dann auch zu helfen? Warum gelingt es uns nicht häufiger, Bigdata-Analysen zu verwenden um Ungerechtigkeit aufzudecken und anzuprangern oder Hass-Netzwerke zu visualisieren (wie vor wenigen Tagen in einem Artikel bei zeit.online zum Beispiel)? Warum zieht das Internet mehr Hass als Liebe an?
Und noch konkreter – könnt ihr mir helfen mit Ideen, wie das Internet of Things diese Wende hin zum Guten schaffen könnte? Fallen Euch „Things“ ein, die Frontex das Leben schwermachen würden? Oder kleine Devices, die SchülerInnen zu mehr Empathie und weniger Bullying und Ausgrenzung anregen? Anwendungen die Obdachlosen den Zugang zu Leergut erleichtern?
Beeindruckt hat mich auf den Data-Days die USB-Ladebank von Nan Zhao vom MIT. Ihre Idee ist nicht nur eine Lademöglichkeit zu schaffen mit Solarstrom, sondern eine Art Treffpunkt mit Schnittstelle von der physischen in die digitale Welt. Irgendwie nicht revolutionär, aber immerhin schonmal ein bisschen gut, oder?

— Update —
Ein wichtiges Beispiel hatte ich noch vergessen, das mir in dem Zusammenhang zu denken gibt (und auch gut zur Piratenpartei passt, aber auch zu diversen anderen Beispielen): Mail-Kommunikation. Ich bin ja auch schon ein paar Jahre im Geschäft in diversen Digital-Firmen, und wenn eines sich als konsistent gezeigt hat, dann ist es das: Email funktioniert nicht, wenn es um kritische Kommunikation geht, also um mehr als bloss Fakten-Sharing. Sobald Emotionen beteiligt sind (also fast immer), neigt das Medium Email dazu die Kommunikation kaputt zu machen, Missverständnisse hochschiessen zu lassen und Verletzungen sind fast immer der Fall, selbst wenn man sich des Problems bewusst ist und sich Mühe gibt. Es funktioniert einfach nicht. Ich traue mich kaum den Schluss von dieser Erkenntnis (wenn es denn eine ist) auf die generelle Tauglichkeit des Netzes für gute Dinge zu ziehen, insbs. wenn Zwischenmenchliches und Vernetzung dabei eine Rolle spielt… Und ja, natürlich gibt es auch positive Beispiele. Aber ich finde Email ist schon überzeugend schlecht im Vergleich zu f2f Kommunikation oder sogar Telefon wenn es darum geht gut zu kommunizieren.

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Was informationelle Selbstbestimmung für uns bedeutet

September 19th, 2014 — 12:56pm

In einem Treffen kürzlich sagte Sigmar Gabriel, die digitale Wirtschaft bedrohe das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. In einer fulminanten Rede hat Shoshana Zuboff das vor wenigen Tagen in Potsdam nochmal unterstrichen – sie stellt die Frage, wie eine digitale Zukunft aussehen müsste, die wir als unsere Heimat betrachten können – und ob das angesichts der ubiquitären Überwachungs-Infrastruktur, die die Digitalisierung offenbar unvermeidlich mit sich bringt, überhaupt denkbar ist.
Eine gute Frage. Auf die ich auch noch keine finale Antwort habe. Aber in einem bin ich mir sicher, und das müssen wir in diese Debatte reinbringen: Für meine Vorstellung einer informationellen Selbstbestimmung ist das Sharen von Daten und das Bewegen in digitalen Räumen keine Bedrohung, sondern essentieller Bestandteil – es ist Teil meiner Autonomie und Selbstgestaltung meine Location über Foursquare (Gott hab es selig) zu teilen, zu twittern und meinen „digitalen Freunden“ Bilder meiner Kinder zu schicken (ja, auch über Facebook). Das Digitale ist da also nicht eingedrungen und ich habe es auch nicht notgedrungen in Anbetracht der digitalen Welle irgendwie weitergeführt, mein Leben – ich kann und möchte mir ein Leben ohne die digitalen Aspekte der Selbstverwirklichung, der Vernetzung und Teilhabe gar nicht mehr vorstellen. Und sie haben ohne Zweifel eine Qualität hinzugefügt zu diesem Leben, die viel mit Solidarität, Nähe und „groups of inspiration“ zu tun hat und im non-digitalen so nicht vorhanden war. Es ist Teil meiner Heimat, schon lange.
Was das genau für Konsequenzen für die obige Debatte hat, weiss ich nicht genau – ich habe gewisse Sympathien für die post-privacy Bewegung schon allein, weil sie hilft, die nötigen Fragen in genau diesem Sinne radikal zu stellen. Ich glaube aber auch, dass wir Datenschutz brauchen, vielleicht an vielen Stellen sogar noch härter und unmissverständlicher als es die „Alten“ fordern. Und ich meine nicht nur gegenüber dem Staat und der NSA sondern durchaus auch gegenüber Unternehmen. Ich bin (inzwischen) davon überzeugt, dass wir diverse Rechtsgüter neu definieren müssen, teilweise radikal, manchmal aber vielleicht auch in Rückbesinnung auf frühere Zeiten des Umbruchs, wie z.B. bei meiner Idee die Algorithmen-Kontrolle mit der Brille der Pressefusionskontrolle zu betrachten, die nach dem Krieg handlungsleitend war. Das Internet ist Remix, braucht Zugang und ist de facto ein Teil des öffentlichen Raums und der sozialen Teilhabe, daher brauchen wir auch Netzneutralität und ein Grundrecht auf Netz.
Vor allem aber ist mir wichtig, dass wir diese Forderungen nicht stellen, weil wir unsere kostenlosen Downloads fürchten oder weil wir einfach Bandbreite geil finden. Wir fordern das alles, weil das Netz zu einem erweiterten Teil unseres Nervensystems geworden ist und zur Infrastruktur unseres Lebens. Daher geht es auch um so viel. Informationelle Selbstbestimmung heisst für uns Netz zu haben Sigmar Gabriel, please don’t mess it up.

3 comments » | Netzpolitik

The beauty of remix und warum ich (auch) auf englisch blogge seit neuestem

September 17th, 2014 — 9:00pm

Irgendwie habe ich ja zu dieser Lizenz-Diskussion nie so richtig Zugang gefunden – z.B. erschienen mir die Remix-Argumentationen der Lizenz-Aufweichler immer irgendwie ein bisschen esoterisch, insbs. in der Null-Grenzkosten Debattenlogik von @mspro und Co.
Doch jetzt bin ich ja so ein Maker geworden, und überhaupt nutze ich ja auch schon seit so vielen Jahren das Netz, häufig auch für Problemlösungen aller Art. Aber krasser ist es nochmal, wenn man in die Makerszene einsteigt, denn Basteln ist per definition Arbeiten mit unfertigen Dingen, gebrauchtem Zeug oder Zusammenstellung von Teilen die nix miteinander zu tun haben, ausprobieren usw.
Dabei stösst man auf unzählige Probleme – und je mehr diese mit Programmierung zu tun haben, desto sicherer sucht man im Internet nach Lösungen, in Foren, auf Stackoverflow, instructables oder einfach irgendwo auf Blogs usw. (übrigens lernt man da auch die unverzichtbare Qualität von Google schätzen, andere Suchmaschinen sind da wirklich immer noch signifikant schlechter…)
Dabei findet man häufig komplette Lösungsbausteine, meist schon mit “copy code” Funktion auf der Seite eingebettet, als library importierbar oder schlimmstenfalls auf github, was man dann clonen muss oder kompilieren.
Making ist ein einziges Remixen. Und es ist unfassbar kreativ, sozial, macht Spass und bringt faszinierende Ergebnisse hervor. Das ist auch der Grund, warum ich meinen Making-Blog auf englisch führe – weil ich möchte, dass auch meine Erfahrungen und Lösungen von möglichst vielen anderen gefunden werden können, die auf ähnliche Probleme stossen.
Damit ist mir nicht nur endlich klargeworden, was mit Remix-Kultur gemeint ist, und warum das viel relevanter ist, als die Helene Hegemann Plagiat oder nicht-Frage. Nein, ich denke sogar, dass diese spezielle Art des Know-How Sharings über das Netz eine wundervolle Qualität desselben darstellt, die ja ganz früh schon in Foren und Mailbox-Systemen angelegt war (ich sag nur Fidonet!), und die jetzt für so viele Wissensbereiche auf so vielen Kanälen weltweit noch viel grösser und lebendiger ist. Das ist wirklich ein bisschen ein weltweites Nervensystem, vielleicht wirklich auch ein klein wenig eine Meta-Gesellschafts-Struktur, oder wie soll ich es nennen, wenn ein komischer Typ aus Atlanta mir hilft ein Problem mit meinem Hotend beim 3D-Druck zu lösen? Oder irgendein Typ in Osteuropa eine Drohnen-Software entwickelt und per freier Lizenz allen inkl. Support zur Verfügung stellt?

Und Youtube. Unglaublich, zu welch detaillierten Fragen es dort mittlerweile liebevoll gemachte Anleitungsvideos gibt. Nur zum Ausprobieren sollte man z.B. mal nach Techniken des unsichtbaren Farbwechsels beim Häkeln suchen…

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=QP08QlAyVt0[/youtube]

Gar nicht auszudenken, was das für den “echten” Wissenstransfer in Regionen ohne gutes Schul- und Unisystem bedeutet, oder für die Zugänglichkeit von guten LehrerInnen für einkommensschwache SchülerInnen!

Also, wir brauchen dafür Lizenzformen, die dem gerecht werden, weil das ist eine neue Qualität. Und wir brauchen das Internet, frei, neutral und mit guten Leitungen. In allen Regionen der Welt.

Comment » | Handarbeit, Netzpolitik

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