Lieber Hermann Scheerer

Ich bin ja im Allgäu gross geworden – genaugenommen in Hindelang (heute “Bad Hindelang”). Das war nicht immer ganz einfach, denn die CSU hat nicht umsonst dort Wahlergebnisse jenseits von 60% – seit Jahrzehnten.

Als ich auf Gynmasium kam waren ein paar Einheimische – darunter meine bis dato besten Freunde – aus dem “Oberdorf” heruntergekommen um mich zu verprügeln – angeblich bildete ich mir ein etwas besseres zu sein usw. Mein grosser Bruder klärte die Situation.

Das Gymnasium selbst war nicht viel besser, ein 70er Betonklotz, geleitet von einem Strauß-Spezl und natürlich mit eisernen Prinzipien. Aber dennoch auch ein Fluchtort, Fenster zur Zivilisation und tatsächlich erster Hinweis auf “it get’s better”. Das hatte natürlich viel mit bestimmten Lehrern zu tun – wir wurden ja von einer lustigen Mischung aus 68ern und denen die diese einst bekämpften unterrichtet (z.B. Herr Madajewski der bis heute der Grund ist warum ich keine Komma-Regeln beherrsche).

Einer ragte für mich persönlich besonders heraus, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass mein Leben anders verlaufen wäre ohne ihn. Es war Hermann Scheerer, mein Religionslehrer (“Reli”). Er hatte – schon rein äusserlich – etwas von einem schulbekannten Spinner. Latzhose usw., wehendes ungeordnetes Haar, ottoesker Gang.

Ach ja, er unterrichtete evangelische Religionslehre. Tatsächlich wurden wir unterrichtet in “warum McDonalds zu verachten ist” (der nächste war 30km entfernt in der nächsten Kreis-Stadt), “warum die Bild zu verachten ist”, “warum die Natur zu achten ist” und natürlich Waldsterben. Aber es war kein dogmatischer Unterricht sondern er leitete uns an zu verstehen, was es z.B. mit der industriellen Produktion von Lebensmitteln auf sich hat, was die Konsequenzen waren, wie ein Zeitungsartikel produziert wurde und wie man diesen auseinandernehmen konnte usw. Wir wurden regelrecht in den Methoden kritischer Erkenntnis geschult, aber natürlich mit Kleber und Schere (Collage aus Bild-Zeitungs-Schnipseln machen).

Ich erinnere mich an nichts so gern zurück wie an diesen Unterricht.

Etwas später – in der Abizeit – begann ich auch ein privates Verhältnis zu diesem Lehrer und seiner Familie aufzubauen, u.a. als Babysitter seiner verzogenen Kinder. Das war grossartig. Denn er lebte in einem vollverspiessten Kemptener Vorort. Inmitten bayrischer Reihenhausordentlichkeit bewohnte er mit seiner Frau und einer Horde Kindern einen alten Bauernhof, inkl. zweier Pferde die ständig ausbüchsten, einer Scheune die jeglichen Sicherheitsbestimmungen spottete (meterhoch fahrlässig aufgestapelte Stroh-Ballen) und einem Tobe-Raum für die Kinder in dem die Erwachsenen keinen Zutritt hatten. Ein alles-ist-erlaubt Ding. Die Zimmer wurden allesamt mit Holzöfen beheizt und ich erinnere mich noch gut an den klebrigen Lebensmittelschmand in der Ritze des Esstisches – in meinem Heimathaushalt ein völlig undenkbares Phänomen.

Ich war dort also häufiger Babysitten und das war meist sehr lustig, aber auch regelrecht magisch. Denn ich verehrte diesen Lehrer natürlich über alles. Was nicht ganz einfach war, da er mich ja mit dem kritischen Habitus ausgestattet hatte der genau derartige Verehrung verunmöglichte. Musste also im Verborgenen ausgelebt werden.

Wenn er mit seiner Frau das Haus verliess passierte zunächst folgendes: die Kinder, die bis zum Schliessgeräusch der Tür unbefangen mit Ihrem Holzspielzeug gespielt hatten stürmten plötzlich wie Wahnsinnige auf eine Truhe zu, in der der kleine Fernseher versteckt lag. In Windeseile wurde dieser angesteckt und in Gang gebracht. Das hatte irgendwie was, eine Art Erdung des heiligen alternativen Haushaltes, Austreibung des Gutmenschentums ein stückweit. Vor allem hatten die Kinder dadurch natürlich grossen Spass, immer wenn ich kam.

Wenn die Kinder dann im Bett waren, fing ich an mich im Wohnzimmer der Scheerers zu bewegen. Ich spüre noch heute die Ehrfurcht aber auch das Gefühl von Freiheit und das weit geöffnete Fenster zu einer anderen Welt, in der Dinge anders geachtet wurden. Die Möbel waren anders als zuhause, improvisiert, hier und da kaputt (undenkbar zuhause), zusammengestückelt aber letztlich total gemütlich. Es gab Obstkisten mit Polster und zur Aufbewahrung von Büchern. Und natürlich eine gigantische Stereoanlage mit vielen Platten.

Da hörte ich zum ersten mal Neil Young – ich wusste, dass das ein wichtige Platte von Hermann war und hörte sie deshalb besonders intensiv. Es war das Album “Harvest” und am meisten hatte es mir der Song “A man needs a maid angetan”.

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Der Song war schön. Traurig und voller Sehnsucht. Aber auch verstörend, weil ich überhaupt nicht mit der Aussage klarkam. A man needs a maid? Es war klar, dass das in keinster Weise dem Bekenntnis dieser vier Wände entsprach. Aber ich wusste, dass es gut sein musste. Also wurde mir klar, dass etwas von Verzweiflung, Gebrochenheit aber auch Rückbesinnung usw. enthielt wenn der sich das anhörte. Dass alles offenbar nicht ganz so einfach war in dieser anderen Welt. So wie sich das liest habe ich es natürlich nicht gespürt. Aber es war trotzdem der perfekte Rahmen für eine reale Hoffnung auf ein besseres Leben, eines mit mehr Dreck, genausoviel Unklarheiten und Kompromissen wie bei den Brutschers in meinem Heimat-Ort aber eben transzendiert auf Obstkiste, selbstgestrickte Pullover und ungekämmte Haare. Das war viel.

Heute ist mir der Song immer noch präsent und ich höre ihn regelmässig wieder. Mir ist es sogar gelungen ihn in den Kontext meiner aktuellen Arbeit einzubauen obwohl Hermann diese vermutlich hassen würde.

Wie auch immer. Danke Hermann. Danke für Alles.

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5 Responses to “Lieber Hermann Scheerer”

  1. bosch

    Harvest, wie schön. Habe ich mal verliehen – und wie das so ist: leider nie zurückbekommen.

  2. @mamamarischen

    Jetzt (nach 12 Jahren !!!) habe ich eine leise Ahnung, weshalb wir uns ineinander verirrt haben (obstkiste, schnoddertischritze, fernsehsehnsucht).

  3. HilliKnixibix

    Ich glaube, da freut sich einer sehr, wenn er das liest. Schöner Text!

  4. Sabine Gabler

    ….Madajewski? Hatte der auch Deutsch? Ich musste den immer nur in Geschichte über mich ergehen lassen…

    Pathos an:
    “Für diese Leistung erteile ich Ihnen die Note fünf!!!”
    Pathos aus

  5. holadiho

    Ja, definitiv. Kann bis heute Kommaregeln nicht vernünftig weil ich es aus innerem Protest bei Ihm nicht lernen wollte. Aber Geschichte war bestimmt auch schlimm.


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