Gebt mir meinen Kaffee zurück – die Produktifizierung des Alltags mit Nespresso und Co
Ich bin mit Kaffee grossgeworden – in meiner Familie war es üblich literweise davon zu trinken über den Tag verteilt. Morgens natürlich, schweigend, einer schenkt für alle nach. Mittags nach der Schule und überhaupt in jeder Pause die sich irgendwie anbot. Wenn Besuch kam natürlich, gerne auch mit selbstgemachtem Streuselkuchen. Und ausserdem immer zwischendurch. Eigentlich lief die Kaffeemaschine permanent. Ich kann mich erinnern einmal wegen Kreislaufstörungen beim Arzt gewesen zu sein und dann wurden diese Anamnesefragen gestellt. Dann sollte ich zusammenzählen wieviele Tassen Kaffee ich trinke an einem typischen Tag. Es waren mehr als 10. Die Ärztin hat mich seltsam angesehen.
Dabei war der Kaffee nicht nur ein Heissgetränk sondern es war ein Versprechen. Und er war ziemlich endlos verfügbar. Unser Bosch-Kaffeemaschine wurde immer voll aufgefüllt und stellte dann 10 Tassen zur Verfügung. Sobald dieser Vorrat zur Neige ging erklärte sich meist direkt jemand bereit neuen zu machen (“wer trinkt noch einen mit?”). Komischerweise gab es kaum Restriktionen dabei, es gab seit ich ungefähr 11 war so eine Art Grundrecht auf Kaffee. Auch wenn man irgendwo hinkam (mein Vater reparierte häufig die Waschmaschinen anderer Leute im Tal) hiess es immer “erstmal einen Kaffee, oder?”. Ich rede natürlich von schwarzem Filterkaffee, wir hatten meistens Tchibo Feine Milde oder manchmal auch Eduscho. Lange Zeit noch musste mein Vater sich bemühen irgendwie Tchibo Kaffee zu bekommen und nicht Eduscho weil der als besser galt (auch dann noch als Eduscho von Tchibo gekauft wurde und das gleiche Zeug verkaufte).
Dieses Kaffeetrinken hatte sowas von aus der Zeit fallen weil man wirklich kurz innehielt und alle einig waren, dass man wenigstens so lange Ruhe haben sollte wie diese Tasse nicht geleert ist. Dieses Schutzritual kenne ich eigentlich nur noch von Rauchpausen bei Arbeitern, die sind ähnlich heilig. Es hatte auch was von Sehnsucht und Erfüllung, war ja unsere kleine Alltagsdroge. Wenn ich mich an schöne Familienszenen erinnern soll fallen mir viele Kaffee-Szenen ein. Arbeitspausen am Samstag (wir mussten Samstags immer arbeiten, egal ob etwas anlag). Heiliges Kaffeetrinken am Sonntag. Noch eine schnelle Tasse am Morgen, in Kauf nehmend dass ich dann zu spät zur Schule kommen würde.
Inzwischen bin ich natürlich – nicht nur durch die 2 Jahre im Prenzlauer Berg – auch einer dieser Heititei-Kaffeetrinker geworden. Also mit Latte und Espresso und Capuccino und so. Weil Filterkaffe ist ja verpönt. Selbst in einfachen Backstuben bekommt man heute oft keinen mehr sondern der kommt auch “aus der Maschine” und hat so eine dämliche Schaumhaube (“crema”).
Zuhause bat mich meine Frau keine Kaffeemaschine anzuschaffen weil es zu spiessig wäre. Dafür haben wir jetzt eine Nespresso-Maschine mit Kaffee-Kapseln. Die ist eigentlich ganz nett.
Der Kaffee ist eigentlich auch gut, es gibt verschiedene Sorten, die Anmutung ist edel und die Qualität ist vermutlich viel besser als Tchibo. Apropos Tchibo: die haben jetzt auch eine Kapselmaschine rausgebracht und die haben wir meinem Vater geschenkt zu Weihnachten. Da gibt es jetzt süsse kleine Kapseln mit “Feine Milde” aber auch den unvermeidlichen Espresso und so. Da ist er also auch auf den neuesten Stand gebracht worden.
Was mich daran ankotzt ist gar nicht so sehr die Tatsache, dass es Tchibo mit diesem Trick gelingt den gleichen Kaffee für ein vielfaches des eigentlichen Preises zu verkaufen. Auch meine Schickimicki-Nespresso Kapseln kosten ca 30cent das Stück was eigentlich ein Wahnsinn ist.
Nein, was mich vor allem stört ist, dass die Produkt- und Kapitalisierungsmaschinerie damit auch in dieses ursprünglich heilige Ritual eingedrungen ist. Jetzt wird eben nicht mehr die alles versprechende 10-Tassen Kaffeekanne aufgesetzt sondern jede einzelne Tasse ist ein standardisierter Kaufakt. Übrigens genauso wie beim Musikkaufen auf itunes. Das ist die Fortführung des Prinzips der Druckerindustrie auf den Alltagsbetrieb. Maschinen unterjubeln und mit dem rationierten Support abkassieren. Die Leute auf Konsum trimmen. Dabei wird mein Kaffeetrinken zum Konsumakt, und zwar bei jeder einzelnen Tasse. Die alte Freiheit mit meiner Kanne allein zu sein wird abgelöst durch eine Vielfalt von bunten Alukapseln im praktischen Spender. Wie ekelhaft.
Ich will meinen Kaffee wieder zurück.
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