Eine Generation von Makern

Ich hatte zwei Gruppen von Lehrern in meiner Schulzeit – solche mit 68er Hintergrund und solche ohne. Prägend waren natürlich die mit, wobei ich mich auch noch gut an meine tiefe Ablehnung gegen die abgezogenen Rechtschreibtests von Herrn Madajewski mit dem Hirschpulli erinnere, vermutlich brauchten die 68er die anderen doch als Tapete.
Was mich (und ich denke uns) diese LehrerInnen lehrten, war die kritische Haltung. Sowohl gegenüber der Kriegs- und Nazi-Vergangenheit der Eltern und Grosseltern als auch gegenüber dem aktuellen Macht- und Propaganda-Apparat. So erinnere ich mich z.B. wie wir im Religionsunterricht stundenlang die Bild-Zeitung auseinandernahmen (mit der Schere), um die Mechanismen zu verstehen und uns dagegen zu immunisieren. Und natürlich wurden wir zu Ökos erzogen, trugen Frösche über die Strasse und wieder zurück usw.

Auf der republica werde ich ja mit @hilliknixibix und @pausanias über Internet und Technik-Unterricht in der Schule sprechen und unsere Erfahrungen damit – doch was wollen wir eigentlich unseren Kindern mitgeben, zu was wollen wir „sie machen“ später mal? Und was spielt das Internet da für eine Rolle?

Wenn unsere Kindern so alt sind wie wir heute werden sie so sehr vom Internet umgeben sein, wie wir es uns heute gar nicht vorstellen können (denkt einfach mal zehn oder zwanzig Jahre zurück, und überlegt was ihr prognostiziert hättet). Das Internet wird sicherlich so etwas wie das Betriebssystem der Gesellschaft sein und in fast allen relevanten Alltagsprozessen eine Rolle spielen – vor allem aber auch in Form von intelligenten Agenten, Algorithmen und…Dingen die mit dem Netz verbunden sind und eine gewisse Autonomie haben werden.
Man braucht keine NSA um da viele Gefahren heraufziehen zu sehen – wenn unsere Kinder zu Erwachsenen werden sollen, die Autonomie und Freiheit und Liebe und Solidarität erfahren können werden sie in der Lage sein müssen das Internet so auseinanderzunehmen, wie wir seinerzeit die Bild-Zeitung. Sie müssen also programmieren können (oder es zumindest verstehen), die Technik verstehen und das ganze natürlich auch als ein Produkt der Kulturindustrie interpretieren können und als ein politisches und eines von Unternehmen usw.
Das wäre also ein Ziel. Ich habe aber noch ein anderes.
Ich träume davon, dass unsere Kinder nicht nur ganz gut darin werden mit dem OS ihrer Gesellschaft umzugehen – sondern dass sie in einem ganz neuen Sinn zu Gestaltern dieser neuen Welt werden können. Dafür müssen sie Maker/innen werden!
Die Maker-Bewegung beinhaltet so viele pädagogisch erstrebenswerte Ziele, man könnte vermutlich 2/3 der bekannten pädagogischen Ansätze darauf einzahlen lassen. Aber es geht evtl. um mehr als nur ums Basteln und mit den Händen verstehen wie dies und das funktioniert. Mit der Ubiquität der Computerisierung um uns herum und der gleichzeitigen stetigen Zunahme des fabbings, also der Möglichkeiten mit lokalen Mitteln wie z.B. 3D-Druckern eigene Gegenstände und Kleinserien herzustellen könnte eine wirklich neue Dimension hinzukommen, die Makertum zur neuen 68er-Bewegung werden lassen könnte (ok, mal hoch gegriffen, aber egal).
Meine persönliche Maker-Erweckung habe ich einem Heizungs-Thermostat der Firma Devireg zu verdanken (der Devireg 550, lasst bloss die Finger davon). Dieser war bei uns im Bad verbaut worden um die Fussbodenheizung zu regeln. Und er machte mich vom ersten Tag an wahnsinnig. Weil das Interface unfassbar schlecht umgesetzt war. Weil er nie tat was er sollte, mal wurde den ganzen Tag sinnlos geheizt, mal gar nicht, nie hatte ich den warmen Boden unter den Füssen die ich mir gewünscht hatte. Ein Teil des Problems waren irgendwelche okkulten „Komfort-Funktionen“, die dem Ding unabschaltbar einprogrammiert waren und selbst entschieden, wann ab- und anzuschalten sei. Und natürlich half der Elektriker nicht, als er nach mehrfachem Betteln und wochenlangem Warten einbräste in mein Badezimmer – er hatte noch weniger Ahnung von dem dämlichen Teil als ich und doktorte nur blöd dran rum. Ich hab mich dann in das Thema Haussteuerung eingelesen und schnell ein System gefunden, das so eine Steuerung – basierend auf einem Raspberry und Open-Source Software – übernehmen kann. Nach meinen Regeln. Mit Hilfe der Community fand ich dann noch raus, wie man stärkere Ströme schalten kann (ja, und ich wurde als ahnungsloser Depp beschimpft zwischendurch, ich, Sohn eines Elektro-Technikers!), baute schliesslich den neuen Funkschalter ein und schmiss den Devireg auf den Müll. Ich hatte mich befreit. Die Heizung funktioniert seitdem wie ich will und gibt mir auch noch gute Raspberry-Vibes jeden morgen.
Ich weiss, es klingt albern, aber es fühlte sich ein bisschen gross an so einen Sieg gegen den dumpfen Siemens-Saturn-gehtnicht-Komplex errungen zu haben. Und es wäre echt nur albern wenn ich diese Geschichte vor 10 Jahren geschrieben hätte. Jetzt ist es aber vielleicht nicht mehr albern, denn schon bald werden wir noch andere Sachen übernehmen können. Wir können uns unseren News-Algorithmus umbauen und übernehmen. Wir können uns von der Knute der Auto-Industrie befreien und selbstprogrammierte Mobilität wählen, sicher auch bald mit Gadgets die wir in den Tesla reinschrauben können. Schon bald können wir uns vielleicht mit solchen Haus-Steuerungs-Systemen autark mit Energie versorgen und von der Energie-Industrie abkoppeln. Wir können vielleicht auch öffentliche Sicherheit, zumindest teilweise reprogrammieren und übernehmen, durch Vernetzungstools, Apps, Sensoren, Drohnen. Wir werden vielleicht sogar eigene Open-Source Implantate entwickeln und auch hier die Macht einfach selbst übernehmen, die Dinger weiterentwickeln, öffnen, Leuten zur Verfügung stellen die sie nicht bezahlen können usw. (fragt mal @ennomane). Wir können mit Hilfe vom Netz und guten Wissens-Algorithmen den Zugang zu juristischer Beratung einebnen und mit Hilfe von automatischen Übersetzungen Flüchtlingen zur Verfügung stellen, die plötzlich die gleichen Ressourcen zur Verfügung haben wie bisher nur die weißen Reichen, und und und…

Ich möchte, dass unsere Kinder später mal sagen (lächelnd, wenn sie über unsere unterentwickelten Internet-Kenntnisse sprechen), dass wir ihnen beigebracht haben diese Mittel kritisch aber mit Macht einzusetzen, um sich daraus eine gute Gesellschaft zu bauen*. Dass wir sie zu Reinschreibern und Wikipedianern gemacht haben, wo sie anfänglich nur Youtube glotzen wollten. Und dass wir zu Recht den Zugang zu diesen Mitteln verteidigt haben, obwohl sie das damals total peinlich fanden.
Das wäre schön.

— Update —
“Escaping Dystopia” gestern auf der rp14 war der perfekte Vortrag zu diesem Blogpost:
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=h7KY6hWtj5Y&index=11&list=PLAR_6-tD7IZV–8ydJQRCZNEWOp9vf6PY[/youtube]

Und das Video zu unserem oben genannten Schul-Talk ist jetzt auch online:
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=umFKfeIFpgw[/youtube]

*meine kleine Tochter (7) sagte übrigens kürzlich sie wolle später auch mal wie ich solche kleinen Sachen mit Computer drin bauen als Beruf, läuft doch. Ach ja, einen eigenen Maker-Blog habe ich jetzt übrigens auch…

Category: Netzpolitik, Schule 3 comments »

3 Responses to “Eine Generation von Makern”

  1. Claus F. Berthold

    Sehr sehr gute Anrgungen dazu was man den Kindern beibringen sollte.
    K1 wollte zuerst ein Blog, K2 dann natürlich auch. Weil sie es spannend fanden etwas zu schreiben und das kann dan jeder auf der Welt lesen. Aber sie sollen es auch verstehen wie es funktioniert und ganz früh zu Reinschreibern werden und nicht nur Konsumenten.

    Es wäre zu wünschen, das die Makerwelle endlich auch zu uns rüberschwappt, damit wieder mehr Sachen mit dem Internet und mit Sachen gemacht werden. Viel Vergnügen auf der rp14

  2. die ennomane » Links der Woche

    […] Eine Generation von Makern: […]

  3. Daniel

    Toller Beitrag. Einiges stimmt dabei sehr nachdenklich. Sehr gut geschrieben. Mfg


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