Ihre Tochter kann jetzt mit Füller schreiben

Raul Krauthausen hat zur re:publica ein tolles Interview zum Thema „Inklusion für alle“ gegeben (ich glaube der talk dazu war auch super, nur noch nicht angesehen).
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=QTsRvHNOoHA[/youtube]
Was mich daran so bewegt hat, sind zwei Dinge. Zum einen die Tatsache, dass es diese utopisch erscheinende Idee der inklusiven Schule für alle tatsächlich schon gibt, nicht in der Theorie oder in uninahen Forschungs-Schulen, sondern in der ganz alltäglichen Grundschule – nämlich dort, wo meine Tochter hingeht. Na gut, es ist eine neu gegründete Grundschule mit einem sehr engagierten Team und einem exzellenten Direktor. Aber dennoch – eine normale Grundschule um die Ecke. Wie weit die Inklusions-Idee dort geht, wurde mir klar, als vor ein paar Wochen die Lehrerin meiner Tochter auf mich zukam und sagte: Ihr Kind kann jetzt mit Füller schreiben – vielleicht gehen Sie heute nachmittag mit Ihr in den Schreibwarenladen und lassen sie einen aussuchen, der ihr gefällt.
Ich erinnere mich noch ganz gut, wann ich mit dem Füller anfangen durfte. Das war nämlich mit dem Beginn der zweiten Klasse. Für alle. An der Schule meiner Tochter gibt es überhaupt keinen festgelegten Zeitpunkt dafür, denn die Entscheidung ob ein Kind reif ist für das neue Schreibgerät wird komplett individuell getroffen anhand von einer ganzen Reihe von Parametern und Einschätzungen. Was auch bedeutet, dass jedes Kind sich individuell an diesen Punkt heranentwickeln kann, in seinem eigenen Tempo und mit der ihm passenden Schwerpunktsetzung. Denn vielleicht ist es ja schneller mit dem kleinen Einmaleins als im Schreiben. Das faszinierende daran ist, dass so etwas tatsächlich funktionieren kann an einer normalen Schule, in diesem Fall eine Inklusions-Schule mit MINT-Schwerpunkt. Denn es erfordert ja einen ungleich höheren Aufwand für die LehrerInnen das Lernen individuell zu organisieren und zu koordinieren. Aber es ist natürlich grossartig, dass so etwas geht (und übrigens nicht nur für die Füller-Entscheidung – der ganze Lehrplann ist dort nach dem Prinzip organisiert). Und es hat noch eine Konsequenz – und da bin ich wieder bei Raul’s Interview: in dem Moment wo Schule so arbeitet, sind alle inklusionsbedürftig, egal ob hoch oder tiefbegabt, eingeschränkt oder besonders leistungsstark – die Anpassung von Lerninhalten und Geschwindigkeit ist der Standard und insofern ist es überhaupt nichts besonderes mehr, wenn bestimmte Kindern ein eigenes Tempo benötigen – alle arbeiten nach einem eigenen Tempo.
Damit fördert die Schule im innersten Kern Diversität und Toleranz – ohne den Bildungsanspruch aufzugeben (eher im Gegenteil). Wie toll ist das.
Zugegeben – das gilt sicherlich noch nicht für alle Schulen und ich habe die Befürchtung, dass es auf bestimmten Schulformen wie z.B. (und insbesondere) dem Gymnasium tatsächlich noch eine weit entfernt liegende Utopie ist, so ein individuelles Lernen (und Lehren) einzuführen. Aber ich finde es sehr inspirierend, dass es offenbar tatsächlich geht.
Denn damit – und das ist der zweite Punkt, der mich bewegt – bedeutet Inklusion nicht mehr „Leute mit Behinderung irgendwie unterbringen“, sondern „alle sind behindert…und befähigt, jede/r auf seine Weise“. Wie schön wäre das, wenn Schule in Deutschland generell nach diesem Modell funktionieren würde. Und wenn wir – wie Raul es in dem Interview oben skizziert – den Umgang mit Behinderung im Alltag auch nach diesem Diversitäts-Prinzip hinbekämen, anstatt immer nur Defizite ausgleichen zu wollen. Raul ist schonmal Klippo.

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