Warum speisen wir unsere Kinder* mit solch einem IT-Müll ab?

*und LehrerInnen

Seit 1h läuft der zweite Lockdown mit Home-Schooling und es ist schon wieder zum Verzweifeln. Viele (vor allem die ohne eigene Schulkinder) fragen sich vielleicht: was hat sich verändert in den letzten 10 Monaten (ja, so lange geht das schon), wie haben die Schulen sich auf einen möglichen erneuten Lockdown vorbereitet?

Und man kann sagen: sie haben schon. Ein paar Sachen haben sich wirklich verbessert, viele nutzen Moodle, viele haben sich ein paar Gedanken zum Material gemacht und verwenden hier und dort sogar interaktive Übungen anstelle von PDF-Uploads, häufig gibt es Konzepte für den Einsatz von Video usw.

Aber gerade war ich kurz im Zimmer von K3 um ihr ein Toast vorbeizubringen nach der ersten Stunde. Und fragte kurz, wie es läuft – schliesslich haben wir über die Tage Ihren Arbeitsplatz verbessert, einen Mini-PC angeschafft, eine bessere Kamera usw. – wollte einfach mal hören ob alles funktioniert und so. Sagt sie “ja, das funktioniert schon bei mir, aber die meisten kamen eh nicht rein und wir sollen sowieso nur ohne Kamera dran teilnehmen, sonst geht es gar nicht.”. Es gibt sogar Anweisungen der Schulen (auch bei K2) dass bitte die Kamera grundsätzlich auszubleiben hat**. DAS MACHT MICH WAHNSINNIG. Denn ich bin ja selbst in der selben Situation, meine Firma, meine Kunden, meine Investoren – alle nutzen Video-Konferenz-Systeme um die Sache am Laufen zu halten. Wir schalten uns gleich in 15 Minuten zur ersten Konferenz mit Google-Meet zusammen (alle mit Kamera an natürlich), sicherlich gibt es heute auch noch Schalten mit WebEx und natürlich Zoom, bestimmt auch die eine oder andere mit MS-Teams oder vielleicht Skype.

Die Kinder nutzen nichts davon – die paar Schulen, die im Frühjahr mutig vorangeschritten sind und flächendeckend MS-Teams eingeführt haben wurden teilweise abgemahnt und mussten es wieder zurückfahren.

Bei den Schulen wird “Big-Blue Button” und “Jitsi” genutzt und vermutlich noch hier und da andere selbst-programmierte und aufgesetzte Lösungen.

Und jetzt verstehe man mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan von Open-Source und habe immer schon einen wesentlichen Teil meiner Arbeit daraus und dafür bestritten.

Aber ich frage Euch: warum nutzen wir in unseren beruflichen Kontexten nicht Jitsi und BBB? Warum schaffen wir es Video-Konferenzen zu machen mit Kamera an? Wir arbeiten ja zu ähnlichen Zeiten wie die SchülerInnen und in der gleichen physischen Realität…?

Es ist lohnend sich mal durchzulesen, was die Philosophie von Zoom ist, woran die vor allem gearbeitet haben in den letzten Jahren. Kann es aber auch vorwegnehmen: es ist die Produkt-Qualität, die Stabilität, Verlässlichkeit und Nutzbarkeit des Service. Das hat mit Caching zu tun, einer gut skalierenden Server-Infrastruktur und vielen kleinen Details. Getrieben vom Anspruch dass NutzerInnen einer Video-Lösung diese verlässlich mit Video nutzen wollen, auch wenn es gerade viele andere tun. Und das funktioniert ja auch. Auch in der Corona-Krise wurde da massiv nachgerüstet und die Infrastruktur verbessert und ich muss sagen – die genannten Lösungen sind eher stabiler geworden, ausserdem reicher an Features in den letzten Monaten. Und auch besser im Hinblick auf den Datenschutz – auch im Vergleich zu den meisten europäischen Lösungen, mehr Infos dazu siehe hier:

Also warum bitteschön erlauben wir es unseren Kindern, unserem Bildungs-System nicht wenigstens mit vernünftigen Ressourcen in den Distanz-Unterricht zu gehen? Warum müssen die mit nicht ladenden Seiten, Kamera-aus per default und abstürzenden Servern kämpfen jeden verdammten Morgen?

Ach ja, Datenschutz. Sie können ja keinesfalls auf einem System beschult werden, das auch nur ein Byte auf einem amerikanischen Server vorbeigeschickt hat.

Und auch hier: es kann sein, dass diese Datenschutz-Diskussion geführt werden muss. ABER WARUM MÜSSEN DAS DIE KINDER AUSBADEN? Warum nutzen wir nicht erstmal Jitsi und BBB für unsere super wichtigen Business-Meetings, bis es läuft?

Mich fuckt es total ab, wie wir mit unserem Bildungs-System umgehen und wie das ein paar Leute zur Spielwiese ihrer Kontroll-Phantasien machen. Vor allem aber, dass wir den Kids etwas zumuten, was wir in unserer Realität nach 10 Minuten aus dem Fenster werfen würden. Einfach, weil sich niemand wehrt.

**und nur zur Sicherheit: eine Video-Schalte, wo alle Kamera aus haben per default, ist eine Audio-Schalte. Gerade bei den Kindern glaube ich, dass der Präsenz-Effekt durch die Video-Verbindung essentiell wäre um einen brauchbaren Distanz-Unterricht hinzubekommen.

PS: nur um es klarzustellen: ich habe auch gar nichts dagegen, wenn ein perfekt aufgesetztes, gemonitortes und gut skalierendes BBB im Einsatz ist. Fände ich sogar selbst besser. Aber das ist nicht der Fall.

PPS: Live-Update. Gerade nochmal mit ihr gesprochen. Heute ging auch Moodle an sich meistens nicht. Lehrer hat versucht ein Audio-File hochzuladen für eine gemeinsame Analyse. Liess sich nicht abrufen, moodle down etc. – jetzt hat er per mail ein Transkript geschickt.

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