Category: Netzpolitik


Warum ich die Resolution von @digitalcourage zur EU-Datenschutzverordnung für falsch halte

June 6th, 2015 — 5:27pm

Der Datenschutz-Förderverein Digitalcourage hat heute zur Zeichnung einer Resolution gegen die Aushölung des Datenschutzes im Zuge der EU-Datenschutzgrundverordnung aufgerufen, die kurz vor dem Abschluss steht.
Die Lesart ist: Google, Facebook & Co, sowie im generellen die Daten-Handels-Lobbyisten versuchen den Datenschutz auszuhölen, indem wichtige Datenschutzkriterien wie z.B. die Zweckbindung und die Datensparksamkeit geschliffen werden sollen.
Tatsächlich ist alles natürlich viel komplizierter.
Zum einen kann für Google, Facebook & Co derzeit kaum etwas besseres passieren, als eine strenge EU-Datenschutzgrundverordnung, denn diese wird – trotz anderslautender Ankündigungen zum sog. “Marktortprinzip” – für US-Unternehmen in vielfacher Weise nicht gelten, insbs. weil es keine Bestrebungen gibt, das bilaterale Safe-Harbor Abkommen (bzw. die Entscheidung der EU-Kommission diesbzgl.) aufzuheben, das es US Unternehmen ermöglicht, durch eine einfache Erklärung (gegenüber US-Autoritäten) so behandelt zu werden, als wären Ihre Daten und Datenverarbeitungsprozesse auf EU-Level. Der Staatssekretär des BMI, Ole Schröder, hat noch vor wenigen Wochen auf einer Konferenz der FAZ in Berlin zum Thema gesagt, es gäbe keine Pläne Safe-Harbor aufzukündigen. Dies wird auch von anderen Stellen bestätigt. Hinzu kommen weitere Handels-Abkommen, die eine ähnliche Wirkung haben werden, wie z.B. das aktuell bekannt gewordene TISA.
Der Effekt für US-Unternehmen wäre also grob: höheres Datenschutz-Niveau für Digital-Unternehmen, die in der EU ansässig sind (mit ihrem Haupt-Sitz), und gleichbleibend lasche Regeln für US-Unternehmen. Warum sollte man dagegen anlaufen?
Tatsächlich wird die EU-Grundverordnung in vielen Bereichen eine deutliche Verschärfung des Datenschutz-Niveaus zur Folge haben, insbs. auch in anderen EU-Staaten, die bisher laschere nationale Regeln implementiert haben, aber auch in Deutschland. Denn hier gilt bisher z.B. der wichtige Absatz 15(3) des Telemediengesetzes, der die sog. “Pseudonymisierung” ermöglicht, und Unternehmen im Gegenzug erlaubt derart abgesicherte Daten ohne vorherige Zustimmung des Nutzers, sondern nur mit Widerspruchsmöglichkeit zu verarbeiten (Pseudonymisierung bedeutet, dass in einem Datensatz die Merkmale entfernt werden, die einen direkten Personenbezug ermöglichen). Diese Regel ist so nicht in der EU-Verordnung implementiert (zumindest nicht im Entwurf des Rates, aber selbst im Text des Parlamentes taucht das Prinzip nur bruchstückhaft auf). Das würde bedeuten, dass in Zukunft alle erhobenen Daten als personenbezogene Daten gelten und damit ein strenges Zustimmungs- oder Opt-In Regime einzieht*. Das ist ein bemerkenswerter Sieg der Datenschutz-Lobby, insbs. der Article-29 Working Party (Zusammenschluss von Datenschutz-Beauftragten in der EU mit quasi-amtlichem Status in Brüssel).
Natürlich wird seitens der Wirtschafts-Lobbyisten versucht, das noch aufzuweichen, insbs. über sog. “legitime Interessen”, aber der Versuch der Bundesregierung das Prinzip der Pseudonymisierung noch einzufügen wurde von den anderen EU-Mitglieds-Staaten mit grosser Mehrheit abgelehnt.
Was ich aus zwei Gründen für fatal halte, und da sind wir beim eigentlichen Problem.
Zum einen ist es fatal, weil Pseudonymisierung ein Datenschutz-Tool ist/war, und demzufolge auch von Datenschützern unterstützt wurde. Es war aber auch ein Incentive für Unternehmen mit speziellen Vorkehrungen besonders datenschutzfreundlich zu arbeiten, indem sie problematische Personenbezüge in den Daten entfernten oder gar nicht erst aufkommen liessen. Es wäre ein Verlust für datenschutzfreundliche Geschäftsmodelle, wenn diese Option wegfiele.

Nun aber zu meinem Haupt-Punkt: Ich glaube, wir stehen vor einem grösseren Problem und die Lösungen von Digitalcourage wären auch dann falsch, wenn die Annahmen bzgl. der Interessen von Lobbyisten alle richtig lägen.
Denn: Big-Data ist nicht böse. Natürlich hat es hochproblematische Anwendungsfälle und es gibt predictive policing, Aushölung der Solidarität im Gesundheitswesen über Daten-Tarife usw. – keine Frage. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass Big-Data Anwendungen zu den wichtigsten Quellen für Innovation, Wohlstand und allgemein Zukunftstechnologien beitragen werden, vereinfacht: wer die Möglichkeiten von Big-Data erschwert, erschwert Innovation auf zahlreichen Gebieten. So sind zum Beispiel sowohl das selbstfahrende Auto (das in Zukunft viele Leben retten wird) als auch die unglaublichen Durchbrüche im Bereich automatisierter Übersetzungen Big-Data Anwendungen, die möglich wurden, weil massenhaft nicht zustimmungspflichtige Daten verfügbar waren, die auch keine Einschränkung hinsichtlich Zweckbindung aufwiesen (z.B. Übersetzungen von EU-Gesetzen, aber auch zig andere Quellen aus Diensten, die z.B. Sprachverarbeitung ermöglichen). Das britische Gesundheitssystem setzt gerade voll auf Innovationen und Effizienz-Effekte durch die Öffnung von ehemals strikt personenbezogenen und hoch-geschützten Gesundheitsdaten. Und das nicht, weil Daten-Lobbyisten das gewollt haben, sondern weil man das Innovationspotential einer offenen Datenpolitik selbst in so sensiblen Bereichen einfach heben muss, um die explodierenden Gesundheitskosten gegenfinanzieren zu können (so zumindest die Argumentation des NHS). Effekte, die z.B. einfach dadurch entstehen können, dass sowohl Patienten ihren kompletten Health-Record inkl. API zur Verfügung gestellt bekommen, als auch Unternehmen und Startups in pseudonymisierter Form (ja, da gibt es viele Diskussionen und Probleme).
Die altehrwürdigen Prinzipien von Zweckbindung und Zustimmungserfordernis sowie generell Datensparsamkeit greifen einfach nicht mehr für die Zukunft, das ist meine tiefe Überzeugung, denn wenn Big-Data Anwendungen eines nicht kennen, dann ist es Datensparsamkeit und Zweckbezug (vorab). Das widerspricht sich also im Kern.
Allerdings sollten die Prinzipien nicht einfach über Bord geworfen werden, keineswegs. Aber wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung von Datenschützern, Politikern, Unternehmen und Lobbyisten (ja!) um neue Datenschutz-Prinzipien zu finden, die für das Big-Data Zeitalter taugen. Wenn die Datenschützer sich einfach hinter den alten Prinzipien verschanzen, hilft das niemandem. Genausowenig hilft es, wenn Unternehmen jetzt einfach loswurschteln (weil die Aufsicht total überfordert ist z.B.) oder PolitikerInnen irgendwelche Gesetze erlassen, nur damit mal Ruhe ist (ein bisschen passiert das gerade mit der Verordnung).
Wir müssen vermutlich noch mehr als das TMG mehrere Klassen von Daten einführen, und weiter über Pseudonymisierung und deren Absicherung nachdenken. Wir müssen vermutlich an vielen Stellen vom Prinzip der Zweckbindung abgehen, vll. auch indem neue Zwecke mit Zustimmung definiert werden können, vermutlich aber eher indem auf sog. risikobasierte Ansätze geswitched wird oder eben rechtliche Fragen im Moment der Anwendung von Daten (und nicht im Moment der Erhebung) relevant gemacht werden. Wir müssen sicher auch einen Bereich personenbezogener Daten definieren, der vll. noch stärker als bisher abgesichert wird. Wir müssen die im Digitalen viel leichter zu nutzenden Möglichkeiten der Transparenz wirksam in Gesetze und Praxis einziehen, z.B. indem Nutzer ihre Daten und deren Nutzung jederzeit nachverfolgen und auch nachjustieren können. Und ich würde sogar soweit gehen, dass es in bestimmten Bereichen regelrecht Prinzipien der Daten-Verschwendung geben muss, also maximale Daten-Erzeugung, Zugänglichmachung, Standardisierung etc.

Das wird schwierig und fundamental. Aber ich halte es für eine essentielle Aufgabe, wenn wir eine neue Balance von Schutz/Regulierung, Empowerment des Nutzers und Nutzungsmöglichkeiten für Unternehmen finden wollen.

*eine andere Lesart in einigen EU-Staaten ist übrigens dass pseudonymisierte Daten als “anonyme” Daten behandelt werden sollten und damit überhaupt nicht unter die Verordnung fallen (weil diese nur personenbezogene Daten regelt). In Deutschland sollte diese Lesart angesichts von 15(3) TMG und der jahrzehntelangen Praxis und Rechtsprechung dazu schwierig werden. Ein Outcome könnte also sein, dass in Zukunft solche Daten in Deutschland als unter die Verordnung fallend betrachtet werden, in Litauen aber zum Beispiel nicht – auch wenn solche Effekte durch die Verordnung an sich verhindert werden sollen. Jedenfalls wäre der Effekt wenn Pseudonymisierung in der VO geregelt würde, dass diese Daten-Klasse explizit in die Verordnung reinkäme, also in allen Ländern damit ein klares Improvement für den Datenschutz in der EU.

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Liebe Delegierte des SPD-Parteikonvents,

June 3rd, 2015 — 11:47am

auch ich möchte mich an Sie wenden mit einer Bitte zum kommenden Parteikonvent in Sachen Vorratsdatenspeicherung.

Ich bin ein Internet-Unternehmer aus Köln und in vielfacher Weise auch politisch aktiv, u.a. im Beirat des Wirtschaftsministeriums und dem der Ministerpräsidentin Malu Dreyer, ich bin aber auch Gründungsmitglied von D64.
Ich möchte mich an Sie aber vor allem als Digital-Unternehmer wenden.
Das mag Sie vielleicht verwundern, denn auf den ersten Blick hat die Vorratsdatenspeicherung nichts mit der digitalen Wirtschaft zu tun.

Hat sie aber doch, und zwar vor allem aus zwei wichtigen Gründen.

Erstens: die Digitalisierung unserer Gesellschaft und der Wirtschaft schreitet zügig voran – in Zukunft werden Fabriken vernetzt sein aber auch unsere Häuser, unsere Kleidung und viele andere Dinge des Alltags. So wird es z.B. für Menschen im Alter leichter fallen, länger in Ihrer vertrauten Wohnung zu bleiben, weil digitale Hilfsmittel den Pflegedienst automatisch benachrichtigen, wenn es nötig ist. Digitales Arbeiten macht Teilhabe an Arbeit leichter, für Menschen auf dem Land, mit Kindern oder mit anderen Einschränkungen was die ständige Präsenz im Büro anbelangt.
Zahlreiche neue Geschäftsmodelle und Unternehmen werden in diesem Ökosystem entstehen, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass schon in naher Zukunft die Mehrzahl der Arbeitsplätze von digitalen Technologien geprägt sein werden. Über Arbeit reden wird also in 10 Jahren vor allem “über digitale Arbeit reden” bedeuten.
Die Vorratsdatenspeicherung – auch in der Variante von Herrn Maas – würde das Vertrauen der Bürger und Unternehmer in die zentrale Infrastruktur dieses digitalen Wandels unterminieren – weil vorrangig Überwachungsziele damit umgesetzt würden. Das mag heute noch vielen unkritisch erscheinen – spätestens wenn die Toilette, der Badspiegel und die Bremsanlage des Autos permanent mit dem Netz verbunden sein werden, wird es uns alle betreffen. Wir brauchen ein Internet, das nicht als Instrument zur anlasslosen Massenüberwachung instrumentalisiert wird!

Zweitens: Die SPD macht in den letzten 2-3 Jahren eine immer bessere Figur, was digitale Fragen anbelangt. Das ist schön und findet zunehmend (wenn auch langsam) auch Zuspruch bei den Menschen, die sich mit digitalen Medien und Technologien beschäftigen. Und der digitale Wandel braucht die SPD – wenn Netzpolitik heute schon Gesellschaftspolitik ist, dann brauchen wir dafür die sozialdemokratische Sicht um ein Netz zu bauen, das nicht nur die Wirtschaft beflügelt, sondern auch auf Gerechtigkeit, Solidarität und Teilhabe setzt! Bitte verspielen Sie dieses Vertrauen jetzt nicht. Ich kann Ihnen versichern, alle Augen sind am 20.6. auf den Konvent gerichtet – wenn die SPD jetzt ohne Not eine Vorratsdatenspeicherung zum Gesetz macht, wird sie ihre Stimme in der Digitalpolitik für lange Zeit verloren haben.

Herzliche Grüsse,

Stephan Noller

willy

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Ohne VDS sterben die Patienten bei der Telemedizin, äh, also in den Autos…

May 17th, 2015 — 11:38am

Oettinger rückt von der Netzneutralität ab. Soweit, so erwartbar. Was mich aber vor allem ärgert ist, mit welch billigen Mitteln uns diese zentrale Errungenschaft des Internets nun abgeschwatzt werden soll. Denn auch Oettinger verwendet zwei Anwendungsfälle, um zu erläutern warum Netzneutralität kritisch sein kann: Telemedizin (oder “Gesundheitsdienste”) und Verkehr.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert: Zum einen taucht dieses Begründungsmuster an vielen anderen Stellen auf, wenn PolitikerInnen sich gegen die Netzneutralität wenden. Angela Merkel hat kürzlich die exakt gleiche Kombination verwendet. Markus Beckedahl hat auf netzpolitik.org sogar ein kleines Quiz dazu eingerichtet, wo man die Begründung auch noch direkt von Telefonica, Vodafone oder der Telekom bekommen kann. CDU und die Telekom-Lobbyisten mag man denken – aber auch Sigmar Gabriel sieht die Telemedizin in Gefahr.
Wenn schon das freie und neutrale Internet kaputtreguliert werden soll, dann wünsche ich mir wenigstens ein bisschen mehr Anstrengung, denn natürlich wird kein Auto den Bremsvorgang einleiten, nachdem es übers Internet kurz abgechecked hat, wie die Verkehrslage sonst noch so ist, auch nicht mit Sondergenehmigung als “Spezialdienst”. Und wenn Herr Oettinger meint, man würde einen OP-Roboter übers Internet (als “Spezialdienst”) steuern, dann wünsche ich ihm viel Glück bei der nächsten OP.
Wahrscheinlich meinen die Lobbyisten, sie hätten da geschickt was eingefädelt, denn mit Video-Streaming oder schlicht Mehreinnahmen durch ein Zwei-Klassen-Internet für die Telkos lässt sich halt nicht so gut argumentieren. Aber wenn es irgendwie um Menschenleben ginge, das wär doch schick. Und irgendwas mit Autos kommt in Deutschland immer gut. Vermutlich wurde sogar kurz erwogen, eine Verbindung von Netzneutralität und Speed-Limit hinzubekommen, so im Sinne von “Automobilkonzerne erwägen Geschwindigkeitsbegrenzung bei unzureichendem Datenzugang”. Wäre nicht irgendwas mit Kinderpornographie noch drin gewesen? Hey, kommt, strengt Euch mal an! “International gesuchter Kinderschänder entwischt Polizei aufgrund zu langsamer Netzverbindung”. “Kinderschutzbund mahnt: Gebt den Ermittlern schnelleres Netz!”. “Die Vorsitzende des Verbands ‘safe our children’ fordert schnelles Netz für die Polizei – es könne nicht sein, dass die Internet-Taliban für Ihre Kostenlosangebote das Leben unserer Kinder aufs Spiel setzten”. Da geht noch was.

Ich wünsche mir, dass Politiker, die sich in so einer fundamentalen Sache positionieren, wenigstens vernünftig informiert wurden, und mit ernstzunehmenden Beispielen arbeiten. Ich möchte wenigstens intelligent verarscht werden.

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Why is it so hard to be good?

October 9th, 2014 — 11:57am

Letzte Woche auf den DataDays kam mehrfach die Frage auf, wie man mit Data-Science, Internet of Things, Algorithmen usw. vielleicht auch mal was Gutes tun könnte, also etwas, das Menschen wirklich hilft oder die Gesellschaft nach vorne bringt, anstelle von Dystopie-Annäherungen und Geschäft? Klaas Bollhöfer brachte es auf den Punkt, und es gab sogar kurz selbstkritischen Applaus: Perhaps because we don’t care at all? Jeder hat eigentlich nur Geschäftsinteresse und verbrämt das vielleicht hier und dort mit darübergestülpten sozialen Motiven?
Vielleicht. Aber ich bin mir nicht so sicher, vor allem aber will ich es natürlich nicht glauben.
Was mich aber über diese Motivationsfrage hinaus beschäftigt, ist die Frage, warum es so schwierig ist, wenigstens anteilig Gutes zu Schaffen mit den neuen Technologien, dem Internet und all dem.
Warum fällt es uns so leicht Tracking für Werbekunden aufzusetzen, und so schwer Angst und Hate-Speech zu tracken und darum Unterstützungsnetzwerke aufzubauen (ich beziehe mich dabei auf die Aussage von Richard Rogers, als er gefragt wurde, was er sich am meisten wünschen würde als Fortsetzung von Bigdata – „i would want to see tracking of fear and hate-speech“)? Warum scheinen die Vernetzungs- und Partizipationsmöglichkeiten des Netzes so viel mehr den Hatern, Trollen und generell der Bösartigkeit zugutezukommen? Warum schützt Anonymität so viel häufiger die Stalker als die Verfolgten? Warum kommt bei dem Versuch neue politische Versuche mithilfe des Netzes zu unternehmen, die Piratenpartei heraus? Warum sieht es so aus, als sei das Online-Geschäftsmodell für Journalismus gefunden, und es heisst heftig.co? Warum könnte das Netz neuartige Weisen des Zusammenarbeitens ermöglichen und heraus kommt Rocket Internet und Microsoft? Warum kommen bei Innovationen im Netz meistens Dinge raus, wo einem schnell bösartige Anwendungen einfallen, aber nur mit Mühe gutartige? (funktioniert insbs. bei jeder Art von Big-Data Anwendung und Analyse mit hoher Treffsicherheit)
Ein bisschen hat es tatsächlich mit Geld zu tun, ok – das kann ich sogar persönlich bestätigen. Ich habe mich mit Algorithmen bei der Fraunhofer Gesellschaft beschäftigt, die designed waren, um Museumsbesuchern neue Exponate näher zu bringen, die sie interessieren könnten. Dann haben wir versucht, den Algorithmus auf Content-Empfehlungen anzupassen, durchaus noch mit dem Ziel Online-Journalismus spannend zu machen, und den Nutzwert von Seiten zu erhöhen. Schliesslich habe ich nugg.ad gegründet, weil die einzige Art mit solchen Verfahren Geld zu verdienen, de facto die Werbeindustrie war (ist?).
Aber ist das schon die ganze Antwort? Erklärt das all die anderen Hassphänomene und dystopischen Elemente? Irgendwie nicht, oder?
Wir haben mit dem Internet, und jetzt nochmal mehr mit BigData, Algorithmen und der weltweiten Vernetzung von Arbeit und Menschen geschichtlich ziemlich einmalige Möglichkeiten in der Hand, Veränderungen herbeizuführen und Machtverhältnisse in Frage zu stellen. Und es passiert ja auch – wenn heute in der U-bahn 9 von 10 Leuten in ein Smartphone starren, dann ist das ein physischer Ausdruck einer Machtverschiebung, aber auch ein unglaubliches Potential darin die Leute zu erreichen, zu beteiligen und zu vernetzen. Was ja auch funktioniert – bestimmt die Hälfte meines Freundeskreises ist heute ohne online nicht mehr denkbar.
Aber warum haben wir noch nicht eindrucksvoller bewiesen, dass das alles zu einer guten Entwicklung beitragen kann? Warum gibt es keinen Notknopf für Opfer von Übergriffen, der alle Smartphones in der Umgebung blinken lässt, und eine Selbstverpflichtung dann auch zu helfen? Warum gelingt es uns nicht häufiger, Bigdata-Analysen zu verwenden um Ungerechtigkeit aufzudecken und anzuprangern oder Hass-Netzwerke zu visualisieren (wie vor wenigen Tagen in einem Artikel bei zeit.online zum Beispiel)? Warum zieht das Internet mehr Hass als Liebe an?
Und noch konkreter – könnt ihr mir helfen mit Ideen, wie das Internet of Things diese Wende hin zum Guten schaffen könnte? Fallen Euch „Things“ ein, die Frontex das Leben schwermachen würden? Oder kleine Devices, die SchülerInnen zu mehr Empathie und weniger Bullying und Ausgrenzung anregen? Anwendungen die Obdachlosen den Zugang zu Leergut erleichtern?
Beeindruckt hat mich auf den Data-Days die USB-Ladebank von Nan Zhao vom MIT. Ihre Idee ist nicht nur eine Lademöglichkeit zu schaffen mit Solarstrom, sondern eine Art Treffpunkt mit Schnittstelle von der physischen in die digitale Welt. Irgendwie nicht revolutionär, aber immerhin schonmal ein bisschen gut, oder?

— Update —
Ein wichtiges Beispiel hatte ich noch vergessen, das mir in dem Zusammenhang zu denken gibt (und auch gut zur Piratenpartei passt, aber auch zu diversen anderen Beispielen): Mail-Kommunikation. Ich bin ja auch schon ein paar Jahre im Geschäft in diversen Digital-Firmen, und wenn eines sich als konsistent gezeigt hat, dann ist es das: Email funktioniert nicht, wenn es um kritische Kommunikation geht, also um mehr als bloss Fakten-Sharing. Sobald Emotionen beteiligt sind (also fast immer), neigt das Medium Email dazu die Kommunikation kaputt zu machen, Missverständnisse hochschiessen zu lassen und Verletzungen sind fast immer der Fall, selbst wenn man sich des Problems bewusst ist und sich Mühe gibt. Es funktioniert einfach nicht. Ich traue mich kaum den Schluss von dieser Erkenntnis (wenn es denn eine ist) auf die generelle Tauglichkeit des Netzes für gute Dinge zu ziehen, insbs. wenn Zwischenmenchliches und Vernetzung dabei eine Rolle spielt… Und ja, natürlich gibt es auch positive Beispiele. Aber ich finde Email ist schon überzeugend schlecht im Vergleich zu f2f Kommunikation oder sogar Telefon wenn es darum geht gut zu kommunizieren.

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Was informationelle Selbstbestimmung für uns bedeutet

September 19th, 2014 — 12:56pm

In einem Treffen kürzlich sagte Sigmar Gabriel, die digitale Wirtschaft bedrohe das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. In einer fulminanten Rede hat Shoshana Zuboff das vor wenigen Tagen in Potsdam nochmal unterstrichen – sie stellt die Frage, wie eine digitale Zukunft aussehen müsste, die wir als unsere Heimat betrachten können – und ob das angesichts der ubiquitären Überwachungs-Infrastruktur, die die Digitalisierung offenbar unvermeidlich mit sich bringt, überhaupt denkbar ist.
Eine gute Frage. Auf die ich auch noch keine finale Antwort habe. Aber in einem bin ich mir sicher, und das müssen wir in diese Debatte reinbringen: Für meine Vorstellung einer informationellen Selbstbestimmung ist das Sharen von Daten und das Bewegen in digitalen Räumen keine Bedrohung, sondern essentieller Bestandteil – es ist Teil meiner Autonomie und Selbstgestaltung meine Location über Foursquare (Gott hab es selig) zu teilen, zu twittern und meinen „digitalen Freunden“ Bilder meiner Kinder zu schicken (ja, auch über Facebook). Das Digitale ist da also nicht eingedrungen und ich habe es auch nicht notgedrungen in Anbetracht der digitalen Welle irgendwie weitergeführt, mein Leben – ich kann und möchte mir ein Leben ohne die digitalen Aspekte der Selbstverwirklichung, der Vernetzung und Teilhabe gar nicht mehr vorstellen. Und sie haben ohne Zweifel eine Qualität hinzugefügt zu diesem Leben, die viel mit Solidarität, Nähe und „groups of inspiration“ zu tun hat und im non-digitalen so nicht vorhanden war. Es ist Teil meiner Heimat, schon lange.
Was das genau für Konsequenzen für die obige Debatte hat, weiss ich nicht genau – ich habe gewisse Sympathien für die post-privacy Bewegung schon allein, weil sie hilft, die nötigen Fragen in genau diesem Sinne radikal zu stellen. Ich glaube aber auch, dass wir Datenschutz brauchen, vielleicht an vielen Stellen sogar noch härter und unmissverständlicher als es die „Alten“ fordern. Und ich meine nicht nur gegenüber dem Staat und der NSA sondern durchaus auch gegenüber Unternehmen. Ich bin (inzwischen) davon überzeugt, dass wir diverse Rechtsgüter neu definieren müssen, teilweise radikal, manchmal aber vielleicht auch in Rückbesinnung auf frühere Zeiten des Umbruchs, wie z.B. bei meiner Idee die Algorithmen-Kontrolle mit der Brille der Pressefusionskontrolle zu betrachten, die nach dem Krieg handlungsleitend war. Das Internet ist Remix, braucht Zugang und ist de facto ein Teil des öffentlichen Raums und der sozialen Teilhabe, daher brauchen wir auch Netzneutralität und ein Grundrecht auf Netz.
Vor allem aber ist mir wichtig, dass wir diese Forderungen nicht stellen, weil wir unsere kostenlosen Downloads fürchten oder weil wir einfach Bandbreite geil finden. Wir fordern das alles, weil das Netz zu einem erweiterten Teil unseres Nervensystems geworden ist und zur Infrastruktur unseres Lebens. Daher geht es auch um so viel. Informationelle Selbstbestimmung heisst für uns Netz zu haben Sigmar Gabriel, please don’t mess it up.

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The beauty of remix und warum ich (auch) auf englisch blogge seit neuestem

September 17th, 2014 — 9:00pm

Irgendwie habe ich ja zu dieser Lizenz-Diskussion nie so richtig Zugang gefunden – z.B. erschienen mir die Remix-Argumentationen der Lizenz-Aufweichler immer irgendwie ein bisschen esoterisch, insbs. in der Null-Grenzkosten Debattenlogik von @mspro und Co.
Doch jetzt bin ich ja so ein Maker geworden, und überhaupt nutze ich ja auch schon seit so vielen Jahren das Netz, häufig auch für Problemlösungen aller Art. Aber krasser ist es nochmal, wenn man in die Makerszene einsteigt, denn Basteln ist per definition Arbeiten mit unfertigen Dingen, gebrauchtem Zeug oder Zusammenstellung von Teilen die nix miteinander zu tun haben, ausprobieren usw.
Dabei stösst man auf unzählige Probleme – und je mehr diese mit Programmierung zu tun haben, desto sicherer sucht man im Internet nach Lösungen, in Foren, auf Stackoverflow, instructables oder einfach irgendwo auf Blogs usw. (übrigens lernt man da auch die unverzichtbare Qualität von Google schätzen, andere Suchmaschinen sind da wirklich immer noch signifikant schlechter…)
Dabei findet man häufig komplette Lösungsbausteine, meist schon mit “copy code” Funktion auf der Seite eingebettet, als library importierbar oder schlimmstenfalls auf github, was man dann clonen muss oder kompilieren.
Making ist ein einziges Remixen. Und es ist unfassbar kreativ, sozial, macht Spass und bringt faszinierende Ergebnisse hervor. Das ist auch der Grund, warum ich meinen Making-Blog auf englisch führe – weil ich möchte, dass auch meine Erfahrungen und Lösungen von möglichst vielen anderen gefunden werden können, die auf ähnliche Probleme stossen.
Damit ist mir nicht nur endlich klargeworden, was mit Remix-Kultur gemeint ist, und warum das viel relevanter ist, als die Helene Hegemann Plagiat oder nicht-Frage. Nein, ich denke sogar, dass diese spezielle Art des Know-How Sharings über das Netz eine wundervolle Qualität desselben darstellt, die ja ganz früh schon in Foren und Mailbox-Systemen angelegt war (ich sag nur Fidonet!), und die jetzt für so viele Wissensbereiche auf so vielen Kanälen weltweit noch viel grösser und lebendiger ist. Das ist wirklich ein bisschen ein weltweites Nervensystem, vielleicht wirklich auch ein klein wenig eine Meta-Gesellschafts-Struktur, oder wie soll ich es nennen, wenn ein komischer Typ aus Atlanta mir hilft ein Problem mit meinem Hotend beim 3D-Druck zu lösen? Oder irgendein Typ in Osteuropa eine Drohnen-Software entwickelt und per freier Lizenz allen inkl. Support zur Verfügung stellt?

Und Youtube. Unglaublich, zu welch detaillierten Fragen es dort mittlerweile liebevoll gemachte Anleitungsvideos gibt. Nur zum Ausprobieren sollte man z.B. mal nach Techniken des unsichtbaren Farbwechsels beim Häkeln suchen…

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=QP08QlAyVt0[/youtube]

Gar nicht auszudenken, was das für den “echten” Wissenstransfer in Regionen ohne gutes Schul- und Unisystem bedeutet, oder für die Zugänglichkeit von guten LehrerInnen für einkommensschwache SchülerInnen!

Also, wir brauchen dafür Lizenzformen, die dem gerecht werden, weil das ist eine neue Qualität. Und wir brauchen das Internet, frei, neutral und mit guten Leitungen. In allen Regionen der Welt.

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Wie soll es jetzt überhaupt weitergehen?

June 15th, 2014 — 1:55pm

Sprachlosigkeit ist eine denkbar schlechte Ausgangslage. Aber irgendwie muss und will man auch was sagen zu diesem Verlust, man weiß, die Tage sind nun endlich, die das noch zulassen – gibt es nicht irgendeinen indianischen Ritus wo 40 Tage nach dem Tod eines Menschen nochmal gefeiert wird, ausgelassen? Irgendsowas.
Was in den vielen Nachrufen komischerweise nie erwähnt wurde, soweit ich bisher sehen kann, ist sein Büro in Frankfurt. Ein magischer Ort. Mit einer Wächterin davor, die in vielfacher Weise den Zugang zu „FS“ regelte, der schon seit langer Zeit auf Emails einen Autoresponder reagieren liess, mit der Auskunft er sei „zur Zeit nicht erreichbar“, „in dringenden Fällen“ möge man sich an xy wenden (allein schon dieses Detail, dass ausgerechnet er seine emails grundsätzlich von einem Bot beantworten lässt). Drinnen eine wirre Höhle, ein Mischung aus Gelehrtenstube, Ort eines Besessenen (überall lagen aufgeschlagene Bücher, Stapel von Zeitschriften, historische Bücher usw.) und Corbusier-Sitzecke, diverse Büsten (so zumindest in meiner Erinnerung) und historische Gegenstände, Bücher über Bücher, Dunkelheit. Und da lädt er einen ein und spricht 2h über Algorithmen und Journalismus. Das war wie ein Rausch.
So viel aufrichtiges Zuhören und Interesse und gleichzeitig Leidenschaft im Vorantreiben der kümmerhaften Ideen und Einwürfe die man vorzubringen in der Lage war, das war unglaublich, inspirierend, klar, fordernd und weit über alles mögliches hinausweisend irgendwie, dabei trotzdem verbindlich, warmherzig. Ich war ja leider eh ein Fanboy seiner Zeitung, wie mir bald auch klarwurde wirklich SEINER Zeitung, denn so viel von dem was man am Feuilleton der FAZ und dem Projekt der FAS tollfinden konnte ging vermutlich ganz oder in weiten Teilen auf sein warmes und leidenschaftliches Herz zurück…

schirrmacher

(allein diese mail – NIEMAND interessiert sich für ‘predictive targeting’, schon gar nicht ‘sehr’. Schon gar nicht der Herausgeber der FAZ. Aber er tat es wirklich.)

Als wir da saßen, sprachen wir auch über das Verhältnis von Empfehlungsalgorithmen und dem redaktionellen Prinzip der Empfehlung, Serendipity included, also der Art wie Redakteure und Journalisten Inhalte zu einer Zeitung zusammenstellen, so dass es eben mehr ist (viel mehr) als „andere haben das gelesen“. Aber er machte es sich ja nicht so einfach zu sagen die Algorithmen seien zu blöd – nein, wir sprachen über die Notwendigkeit kuratierter Algorithmen, die menschliche Intelligenz (also den Redakteur) mit der maschinellen Intelligenz verknüpften um daraus neuartige digitale Services zu entwickeln, die die Qualität einer guten Zeitung (bzgl. Kuration und Inhalt) mit der Skalierungsfähigkeit und überhaupt den Qualitäten guter Algorithmen (ja, daran glaubte er auch) verbinden würden. Dabei sprachen wir übrigens auch über eine spezielle Ausgabe von „Technik und Motor“, die einige Wochen vorher erschienen war und sich auf einer ganzen Seite mit Spielzeugkränen beschäftigte – für mich ein schönes Beispiel dafür, welche verrückte Qualität Zeitung haben kann und wie weit die FAZ das bisweilen ausloten konnte.
Und natürlich sprachen wir auch über die Bedrohung hinter den Algorithmen, das hat ihn natürlich zutiefst beschäftigt, allerdings auf eine neugierige, offene Art – ein wenig anders, als es jetzt vielfältig dargestellt wurde, und zugegeben auch anders als es in der FAZ in den letzten Monaten so rüberkam.
Als ich dann in Venedig am Gepäckband stand und mir spontan die Idee kam einen Text über Algorithmen-Ethik zu schreiben schickte ich ihm – noch am Band stehend – eine kurze mail mit der Frage, was er davon hielte. Innerhalb weniger Sekunden kam die Antwort von seinem Autoresponder. Nochmal ein paar Sekunden später ein Einzeiler von ihm mit der Aufforderung, den Text zu machen. Dann, als er im Blatt war (Gott war ich stolz) ein paar Tage später wieder eine einzeilige mail „War ein phantastischer Text.“
Wie er mit mir kleinem Licht umging und mit welcher Begeisterung er in unserem Gespräch dabei war, aber auch bei Textideen später, das hatte was von einem warmen Wahnsinn, ganz wie sein Büro übrigens das auch ausstrahlte. Und es war so inspirierend und beeindruckend.
Lieber Herr Schirrmacher, ich weiß noch immer nicht, wie ich es ausdrücken soll, was jetzt alles fehlt, und wie sehr einem das die Kehle zuschnürt. Das ist im Prinzip völlig uferlos. Aber ich bin zutiefst dankbar einen kleinen Ministrahl eines warmherzigen, genialen, verzweifelten und so nah am Wahnsinn operierenden Menschen abbekommen zu haben – übrigens nicht mal nur durch diese eine kleine Begegnung, nein, sondern zuvor schon jahrelang durch ein exzellentes Feuilleton, das schon lange bevor Sie sich dazu bekannten oft die klügsten linken Positionen gegen die erzkonservativen Blattkollegen formulierte, das unglaublich vorausschauend eine kluge netzpolitische Debatte aufzog (im Feuilleton!!), die klügsten Beiträge zur Finanzkrise brachte (im Feuilleton!), das lange Zeit die beste Medienseite der Republik hatte und überhaupt. Man kann es nicht beschreiben.

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Das Recht auf Vergessen

May 13th, 2014 — 11:16pm

Der europäische Gerichtshof hat also Google auferlegt, ein paar Links zu entfernen. Links auf einen Fall eines spanischen Mannes, der seine finanziellen Probleme aus der Vergangenheit nicht mehr in der Öffentlichkeit haben möchte. Und was ist los? Hell freezes over! Zensur wird eingeführt! Jimmy Wales äussert sich im Atlantic tief besorgt über dieses Urteil und wie sehr es das Internet verändern könnte – ausserdem sagt er, er habe so ein Urteil eigentlich eher von einem autoritären Land erwartet…
Die deutsche Szene tobt ebenso – ein Angriff auf Google (moment, habe ich ‚Angriff’ gesagt?) wird immer noch gern gleichgesetzt mit einem Angriff auf das Web an sich usw. – und ja, auch ich habe nach den Erfahrungen der letzten Jahre Sorge, dass durch irgendeine Hintertür Zensurmechanismen eingeführt werden (im Prinzip passiert es ja auch am laufenden Band – ein neuer ‚Kodex’ des Zentralverbandes der Werbeindustrie wurde z.B. gerade still und leise eingeführt mit dem Ziel illegale Seiten ‚auszutrocknen’…).
Aber eine Sache an der Diskussion stört mich gewaltig – und übrigens ist es mir noch klarer geworden beim Lesen des Atlantic-Beitrages, weil der Autor immer wieder betont, wie schade es doch jetzt sei, dass durch dieses Urteil die finanziellen Probleme dieses Mannes gerade in der Öffentlichkeit seien, echt ärgerlich…
Also, was mich stört, ist die Ungnade gegenüber diesem Mann und seinem legitimen Anliegen, das er vorbringt stellvertretend für Millionen von Menschen, die mal ein Problem hatten und nach einer bestimmten Zeit neu anfangen wollen. Und übrigens ein Anliegen, das in unserem Rechtssystem durch das hohe Recht der informationellen Selbstbestimmung geschützt ist. Aber lasst es uns mal für einen Moment ohne das Web diskutieren – nehmen wir z.B. die Schufa. Wer schonmal erlebt hat, was es bedeutet einen Schufa-Eintrag zu haben oder jemanden kennt, dem das passiert ist weiß, dass es die Hölle ist. Man bekommt keinen Mietvertrag mehr, keinen Kredit, kein Handy, nur mit Schwierigkeiten ein Girokonto und zahlreiche andere Dinge nicht. Die Schufa wurde gezwungen, die Daten nach einer bestimmten Zeit aus ihren Registern zu löschen – übrigens ein Prinzip das unsere Gesellschaft an zahlreichen anderen Stellen ebenfalls kennt, seien es Punkte in Flensburg, Vorstrafen, Überschuldung usw. usf. Es hat etwas mit Gnade zu tun und auch mit Solidarität und natürlich Menschlichkeit. Etwa ein Viertel aller Gefangenen auf der Welt sitzen in den USA im Gefängnis, teils wegen kleiner Vergehen (mehrfach begangen) – dieses Land ist für mich auch was das anbelangt keine Referenz. Das vielzitierte „Recht auf Vergessen“ ist ein schwieriges Konzept, vielfach zu Recht verlacht z.B. wegen seiner technischen Naivität. Vielleicht brauchen wir ein anderes Konzept oder einen anderen Namen dafür. Aber ich möchte tatsächlich, dass das zutiefst menschliche Prinzip das wir gegenüber der Schufa einfordern, auch für unser heiliges Internet gelten soll. Und natürlich muss das gegen andere Rechte abgewogen werden damit keine Zensur entsteht – das ist aber nichts Neues und liegt eher im Wesen eines funktionierenden Rechtsstaates.
In dem aktuellen Fall jedenfalls habe ich viel mehr die Sorge, dass wir uns vor den Karren einer geschickt agierenden neoliberalen Ideologie spannen lassen, die sich ein System wünscht, das kein Vergessen kennt und Vergehen ohne Gnade bis ans Lebensende vorhält – u.a. auch um sie schön in irgendwelchen Risiko-Kalkulationen von Versicherungen, Banken und sonstigen Big-Data Apologeten einfliessen zu lassen.

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Eine Generation von Makern

May 5th, 2014 — 4:18pm

Ich hatte zwei Gruppen von Lehrern in meiner Schulzeit – solche mit 68er Hintergrund und solche ohne. Prägend waren natürlich die mit, wobei ich mich auch noch gut an meine tiefe Ablehnung gegen die abgezogenen Rechtschreibtests von Herrn Madajewski mit dem Hirschpulli erinnere, vermutlich brauchten die 68er die anderen doch als Tapete.
Was mich (und ich denke uns) diese LehrerInnen lehrten, war die kritische Haltung. Sowohl gegenüber der Kriegs- und Nazi-Vergangenheit der Eltern und Grosseltern als auch gegenüber dem aktuellen Macht- und Propaganda-Apparat. So erinnere ich mich z.B. wie wir im Religionsunterricht stundenlang die Bild-Zeitung auseinandernahmen (mit der Schere), um die Mechanismen zu verstehen und uns dagegen zu immunisieren. Und natürlich wurden wir zu Ökos erzogen, trugen Frösche über die Strasse und wieder zurück usw.

Auf der republica werde ich ja mit @hilliknixibix und @pausanias über Internet und Technik-Unterricht in der Schule sprechen und unsere Erfahrungen damit – doch was wollen wir eigentlich unseren Kindern mitgeben, zu was wollen wir „sie machen“ später mal? Und was spielt das Internet da für eine Rolle?

Wenn unsere Kindern so alt sind wie wir heute werden sie so sehr vom Internet umgeben sein, wie wir es uns heute gar nicht vorstellen können (denkt einfach mal zehn oder zwanzig Jahre zurück, und überlegt was ihr prognostiziert hättet). Das Internet wird sicherlich so etwas wie das Betriebssystem der Gesellschaft sein und in fast allen relevanten Alltagsprozessen eine Rolle spielen – vor allem aber auch in Form von intelligenten Agenten, Algorithmen und…Dingen die mit dem Netz verbunden sind und eine gewisse Autonomie haben werden.
Man braucht keine NSA um da viele Gefahren heraufziehen zu sehen – wenn unsere Kinder zu Erwachsenen werden sollen, die Autonomie und Freiheit und Liebe und Solidarität erfahren können werden sie in der Lage sein müssen das Internet so auseinanderzunehmen, wie wir seinerzeit die Bild-Zeitung. Sie müssen also programmieren können (oder es zumindest verstehen), die Technik verstehen und das ganze natürlich auch als ein Produkt der Kulturindustrie interpretieren können und als ein politisches und eines von Unternehmen usw.
Das wäre also ein Ziel. Ich habe aber noch ein anderes.
Ich träume davon, dass unsere Kinder nicht nur ganz gut darin werden mit dem OS ihrer Gesellschaft umzugehen – sondern dass sie in einem ganz neuen Sinn zu Gestaltern dieser neuen Welt werden können. Dafür müssen sie Maker/innen werden!
Die Maker-Bewegung beinhaltet so viele pädagogisch erstrebenswerte Ziele, man könnte vermutlich 2/3 der bekannten pädagogischen Ansätze darauf einzahlen lassen. Aber es geht evtl. um mehr als nur ums Basteln und mit den Händen verstehen wie dies und das funktioniert. Mit der Ubiquität der Computerisierung um uns herum und der gleichzeitigen stetigen Zunahme des fabbings, also der Möglichkeiten mit lokalen Mitteln wie z.B. 3D-Druckern eigene Gegenstände und Kleinserien herzustellen könnte eine wirklich neue Dimension hinzukommen, die Makertum zur neuen 68er-Bewegung werden lassen könnte (ok, mal hoch gegriffen, aber egal).
Meine persönliche Maker-Erweckung habe ich einem Heizungs-Thermostat der Firma Devireg zu verdanken (der Devireg 550, lasst bloss die Finger davon). Dieser war bei uns im Bad verbaut worden um die Fussbodenheizung zu regeln. Und er machte mich vom ersten Tag an wahnsinnig. Weil das Interface unfassbar schlecht umgesetzt war. Weil er nie tat was er sollte, mal wurde den ganzen Tag sinnlos geheizt, mal gar nicht, nie hatte ich den warmen Boden unter den Füssen die ich mir gewünscht hatte. Ein Teil des Problems waren irgendwelche okkulten „Komfort-Funktionen“, die dem Ding unabschaltbar einprogrammiert waren und selbst entschieden, wann ab- und anzuschalten sei. Und natürlich half der Elektriker nicht, als er nach mehrfachem Betteln und wochenlangem Warten einbräste in mein Badezimmer – er hatte noch weniger Ahnung von dem dämlichen Teil als ich und doktorte nur blöd dran rum. Ich hab mich dann in das Thema Haussteuerung eingelesen und schnell ein System gefunden, das so eine Steuerung – basierend auf einem Raspberry und Open-Source Software – übernehmen kann. Nach meinen Regeln. Mit Hilfe der Community fand ich dann noch raus, wie man stärkere Ströme schalten kann (ja, und ich wurde als ahnungsloser Depp beschimpft zwischendurch, ich, Sohn eines Elektro-Technikers!), baute schliesslich den neuen Funkschalter ein und schmiss den Devireg auf den Müll. Ich hatte mich befreit. Die Heizung funktioniert seitdem wie ich will und gibt mir auch noch gute Raspberry-Vibes jeden morgen.
Ich weiss, es klingt albern, aber es fühlte sich ein bisschen gross an so einen Sieg gegen den dumpfen Siemens-Saturn-gehtnicht-Komplex errungen zu haben. Und es wäre echt nur albern wenn ich diese Geschichte vor 10 Jahren geschrieben hätte. Jetzt ist es aber vielleicht nicht mehr albern, denn schon bald werden wir noch andere Sachen übernehmen können. Wir können uns unseren News-Algorithmus umbauen und übernehmen. Wir können uns von der Knute der Auto-Industrie befreien und selbstprogrammierte Mobilität wählen, sicher auch bald mit Gadgets die wir in den Tesla reinschrauben können. Schon bald können wir uns vielleicht mit solchen Haus-Steuerungs-Systemen autark mit Energie versorgen und von der Energie-Industrie abkoppeln. Wir können vielleicht auch öffentliche Sicherheit, zumindest teilweise reprogrammieren und übernehmen, durch Vernetzungstools, Apps, Sensoren, Drohnen. Wir werden vielleicht sogar eigene Open-Source Implantate entwickeln und auch hier die Macht einfach selbst übernehmen, die Dinger weiterentwickeln, öffnen, Leuten zur Verfügung stellen die sie nicht bezahlen können usw. (fragt mal @ennomane). Wir können mit Hilfe vom Netz und guten Wissens-Algorithmen den Zugang zu juristischer Beratung einebnen und mit Hilfe von automatischen Übersetzungen Flüchtlingen zur Verfügung stellen, die plötzlich die gleichen Ressourcen zur Verfügung haben wie bisher nur die weißen Reichen, und und und…

Ich möchte, dass unsere Kinder später mal sagen (lächelnd, wenn sie über unsere unterentwickelten Internet-Kenntnisse sprechen), dass wir ihnen beigebracht haben diese Mittel kritisch aber mit Macht einzusetzen, um sich daraus eine gute Gesellschaft zu bauen*. Dass wir sie zu Reinschreibern und Wikipedianern gemacht haben, wo sie anfänglich nur Youtube glotzen wollten. Und dass wir zu Recht den Zugang zu diesen Mitteln verteidigt haben, obwohl sie das damals total peinlich fanden.
Das wäre schön.

— Update —
“Escaping Dystopia” gestern auf der rp14 war der perfekte Vortrag zu diesem Blogpost:
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=h7KY6hWtj5Y&index=11&list=PLAR_6-tD7IZV–8ydJQRCZNEWOp9vf6PY[/youtube]

Und das Video zu unserem oben genannten Schul-Talk ist jetzt auch online:
[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=umFKfeIFpgw[/youtube]

*meine kleine Tochter (7) sagte übrigens kürzlich sie wolle später auch mal wie ich solche kleinen Sachen mit Computer drin bauen als Beruf, läuft doch. Ach ja, einen eigenen Maker-Blog habe ich jetzt übrigens auch…

3 comments » | Netzpolitik, Schule

Das Internet of Things läuft mit europäischer Technologie

March 25th, 2014 — 7:39am

Vielfach wird ja beklagt, dass wir Europäer die Fertigung von Hochtechnologie zu sehr aufgegeben haben, wenn es ums Internet geht – egal ob man von Netzwerk-Hardware, Mobilfunk oder Chips spricht, Europa scheint die Hoheit da längst an Asien und die USA abgegeben zu haben. Was zu beklagen ist – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern seit kurzem auch wegen der Hoheit über die Technologie, z.B. um Router ohne Backdoors (oder wenigstens mit unseren eigenen) zu fertigen.
Wenn man sich dann das schnell wachsende und extrem spannende Feld des Internet of Things ansieht, ist das Bild plötzlich ganz anders. Dass mit dem Nabaztag einer der schönsten Vorreiter aus Frankreich kam, mag noch als Fussnote gelten (ich erinnere mich noch wie der Violet-Gründer auf der republica 08 in der Kalkscheune das Teil vorstellte – das war wirklich eine grosse Show). Vielen ist aber gar nicht bewußt, dass zwei der meistgenutzten Plattformen für das Internet of Things ebenfalls aus Europa kommen, nämlich Arduino und Raspberry. Beides übrigens zudem Projekte, die aus dem Umfeld der Universitäten entstanden sind. Und beides Projekte, die sich weitgehend der Open-Source-Idee verpflichtet fühlen. Wie sagte Bruce Sterlin auf der Transmediale in Berlin (ab 18:30) – “Arduino, a Thing of wonder…it really gives me a good…feeling” ([youtube]https://www.youtube.com/watch?v=dacKWLGZklM#t=1110[/youtube]
Übrigens hat Europa auch im Bereich 3D-Printing mit RepRap die führende Technologie-Plattform zu bieten (in Bezug auf Nutzung und Verbreitung – da es ebenfalls Open-Source ist haben wir kommerziell nicht die Nase vorn), abermals aus dem universitären Umfeld entstanden, Open-Source…
Könnte es sein, dass da was Großes ensteht? Wenn man sich ansieht, wie unbeholfen Intel mit dem Edison (gut, könnte auch geil werden) versucht auf den Zug aufzuspringen, steigt die Zuversicht noch mehr.
Klar fehlen für ein überwachsungsfreies Netz immer noch viele Dinge, Router zum Beispiel. Aber vielleicht entwickeln wir ja da auch verrückte Replacements, Mesh-Networks zum Beispiel? Oder vielleicht muss es ja gar nicht so halbnational “wir die Europäer”-mässig daherkommen. Eine wichtige Firma im Internet of Things ist Adafruit aus New York. Grossartige Firma, fertigen hautptsächlich Zusatzkomponenten, die auf Arduino oder Raspberry laufen, Fertigung in Manhattan, Open-Source, Maker-orientiert usw. – warum sollten die nicht Teil einer solchen Bewegung sein?
Irgendwie scheint es mir jedenfalls so, dass wir auf der einen Seite noch diskutieren, ob es theoretisch denkbar wäre uns technologisch in Europa weniger abhängig zu machen etc., gleichzeitig aber schon längst am neuen Netz gestrickt wird (sic!)…

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