Verdummung an der Oberfläche
Heute widmet das FAZ Feuilleton sich ja mal wieder dem Internet und der Herr Rieger vom CCC darf die Hälfte der ersten Seite gestalten (Artikel nur für Abonnenten zugänglich). Ist ja ok. Gestern hat die CCC-Sprecherin auch die erste Feuilleton-Seite gehabt und eine kleine Hacker-Ethik Vorlesung halten dürfen. Auch ok.
In dem heutigen Artikel geht es um die Verkehrsdatenanalyse und eine Darstellung der Analyse- und Auswertungsmöglichkeiten, die sich in Zusammenhang mit Vorratsdatenspeicherung ergeben. Rieger spannt dabei den Bogen von militärischen Abhörmethoden aus dem ersten Weltkrieg bis hin zu heutigen Analysen des Kommunikationsverhaltens durch Polizeibehörden.
Zwei Dinge gehen mir dabei zunehmend auf die Nerven……zum einen dieses leichte Raunen das in letzter Zeit immer einhergeht, wenn irgendwo von “Algorithmen” die Rede ist, und den unfassbaren Möglichkeiten der Geheimdienste und Aufsichtsbehörden. Einmal nervt das, weil es eine notorische und häufig natürlich gewollte Überdeutung des Möglichen ist, nicht selten eine fast schon tumbe Faszination, die natürlich im FAZ-Feuilleton mit in Falten gelegter mahnender Stin daherkommen muss. Letztlich glaube ich, dass da einfach viel Geilheit auf die Macht der Maschinen dahintersteckt, also ein Motiv, das zahlreiche Scifi-Plots getrieben hat und die Faszination an Matrix und Terminator gleichermassen ausmacht. Eigentlich sind wir fasziniert von den Möglichkeiten der Maschinen und irgendwo heimlich würden wir uns wünschen, dass sie sehr viel Macht hätten. Intelligent wären usw.* Ich kann mich dieser Faszination selbst nicht ganz entziehen, aber einer sachlichen Beurteilung der Bedrohungslage ist diese Haltung nicht förderlich. Wahrscheinlich macht es dieses SciFi-Geschwurbel deshalb regelmässig in die Feuilletons, weil dort verschüchterte Redakteure sitzen die denken ihr Job stünde automatisch auf der Abschussliste wenn sie nicht einmal wöchtenlich twitter oder das Ipad in einem Beitrag erwähnen.
Und damit komme ich zum zweiten Punkt der mich an diesen Debatten nervt. Diese letztlich unreflektierten Technik-Gläubigkeit führt nämlich meiner Ansicht nach zu masslos überinterpretierten Schlussfolgerungen und Szenarien. Erinnert mich ein bisschen an die immer gern zitierte Hirnforschung wo es auch als Entschlüsselung des Geistes gefeiert wird, dass ein Hirnareal in einem Scanner mehr aufleuchtet als das andere.
Es wird also gern herbeigeredet, dass wir mit unseren Datenspuren jederzeit entschlüsselbar, vorhersagbar, steuerbar sind. Das halte ich für groben Unsinn.
Und zwar weniger, weil es technisch unplausibel erscheint, nein. Mir geht es um die tiefere Bedeutung der Daten. Also ähnlich wie in der Hirnforschung – kann man anhand meiner Datenspuren wirklich herausfinden was ich mache, von wem ich beeinflusst werden und was ich denke?
Die Antwort ist nein. Und zwar ganz einfach, weil es ungleich komplizierter ist wie wir leben, wie und mit wem wir kommunizieren und wie wir uns beeinflussen lassen. Hinter den CCC-Feuilleton Theorien steckt nämlich letztlich ein relativ primitives mechanistisches Weltbild – was für Computerfreak nicht verwunderlich sein sollte. Fürs FAZ-Feuilleton aber schon.
Also am Beispiel: wie oft und mit wem ich in den letzten 6 Monaten telefoniert habe soll Aufschluss bieten über mein Leben. Nur mal eine Frage: gibt es wirklich eine lineare Beziehung von Häufigkeit der Telefonate zu Relevanz der jeweiligen Person? Dann müsste ich mit dem Würfelfunk Berlin verheiratet sein. Die Analyse meiner Wege bringt Geheimnisse zu Tage? Also wo ich wohne, wo ich arbeite und dass ich drumherum ab und zu ein Bier trinken gehe? Das ist also die Macht der neuen Daten, Respekt. Telefonbuch hätte auch gereicht.
Wenn man dagegen herausfinden wollte was ich denke, welche Überzeugungen ich habe und nach welchen Kriterien ich meine Entscheidungen treffe nützt die ganze Verkehrsdatenanalyse rein gar nichts, null. Und selbst wenn man meine tweets von einer Farm von Hammer-Algorithmen parsen lassen würde wäre das Ding ziemlich sicher zu blöd auch nur annähernd Ironie, Selbstdarstellung und Bekenntnis auseinanderzuhalten.
Algorithmen sind viel dummer als die Computerheinis und die verschüchterten Feuilletonisten uns weismachen wollen. Und liebe FAZ, ein Ausflug zum CCC ab und zu mag ja ganz nett sein – aber generell ist es immer noch ein lohnenswertes Unterfangen sich der tatsächlichen Komplexität von Kultur, Bewusstsein und Theorie zu widmen. Das werden die Algorithmen uns so schnell leider nicht abnehmen.
Was mich an diesen Beiträgen zudem ärgert, ist die gut verdeckte Denkfaulheit die dahintersteckt, das selbtverliebte Kratzen an der Oberfläche und powerpointeske Aneinanderreihen von Technikphrasen. Das scheint die digitale Kultur leider sehr zu fördern, aber es gab die Powerpoint-Theoretiker immer schon, die Postmans und Konsorten.
Die Sache ist aber zu wichtig, als dass wir solche Debatten den Oberflächentheoretikern überlassen dürften. Wir brauchen tiefere Analysen zu Bedrohungen und Chancen der Datengesellschaft. Zu den faszinierenden Eigenschaften von Maschinen aber auch zu Ihrer lachhaften Dummheit. Zum Kontrollverlust. Zu den politischen Implikationen der Algorithmen und der Frage wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Bürger die Datenhoheit übernommen haben und nicht Sicherheitsbehörden. Wird alles ein bisschen komplizierter und weniger schemenhaft dann, klar. Aber alles andere ist gefährlicher Oberflächenquatsch.
*dahinter steckt übrigens vermutlich auch eine Ausbruchsphantasie, eine Hoffnung auf eine bessere Welt – aber das führte hier jetzt zu weit
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