Warum die Löschaktion der ARD zu begrüssen ist

Es gilt ja die ziemlich einhellige Meinung, dass die Lösch-Aktionen der ARD im Internet ein Skandal sind, @343max und @mspro sprachen in Ihrem Podcast gar von einer Sache für die wir uns bei späteren Generationen werden rechtfertigen müssen als wäre es eine Art digitale Bücherverbrennung (der Vergleich wird tatsächlich von Holger Köpke gezogen), was da passiert.

Und ich muss zugeben, befremdlich ist es schon, wenn aufwändig mit Steuergeldern produzierte Inhalte einzig aufgrund gesetzlicher Bestimmungen vom Netz genommen werden.

So blöd kann doch eigentlich keiner sein…

Der Rundfunkstaatsvertrag erzwingt dieses Verhalten aber aus einem erstmal leicht nachvollziehbaren Grund: der Sendeauftrag der Öffentlich-Rechtlichen ist nur begrenzt und es soll verhindert werden, dass durch eine überzogene Ausweitung im Internet anderen Anbietern mehr Konkurrenz gemacht wird als erlaubt ist.

Damit man sich dann maximal darüber aufregen kann, wird diese Meinung auch lautstark von den Vollzeit-Lobbyisten der Publisher-Verbände verteidigt (so z.B. Christoph Fiedler vom VDZ).

Für die Netzgemeinde ist damit klar: Löschen ist böse!

So einfach ist es aber nicht. Denn es sind schwierige Zeiten für die Print-Industrie. Madame @pickihh hält gar die gedruckte Zeitung an sich für “angezählt”. Aber dieses Land braucht unabhängigen Journalismus, Tageszeitungen, Hintergrundrecherchen usw.

Und um ehrlich zu sein geht es mir langsam auf den Sack, wie in der Netzgemeinde das Aussterben von Print fast schon herbeigesehnt, jedenfalls unter Spott begleitet wird. Man ist sich ja so sicher, dass mit Bloggen und Twitter alles eigentlich viel besser ist, nicht so verknöchert, alles supermodern und offen und eh an allem viel näher dran. Ausserdem von Bürgern kontrolliert, ohne Redaktionssystem und -Konferenz, ohne Chefredakteur und natürlich ohne böse kommerzielle Absichten.

Nun bin ich ja selbst auch Blog und Twitter-Apologet. Blogs sind eine spannende Ergänzung und machmal tatsächlich viel näher dran, mit mehr Leidenschaft geschrieben, überraschender und persönlicher. Twitter ist eh über jeden Zweifel erhaben.

Aber gemessen an einer Reihe von wichtigen Kriterien wie z.B. Recherche-Qualität, Unabhängigkeit, Tiefe, Professionalität (auch im Schreibstil), Trennung von Meinung und Beitrag, Trennung von Werbung und Beitrag, Trennung von persönlichen Motiven und Beitrag sind Blogs sowas von ein armer unterentwickelter Scheiss gegenüber Print, dass es geradezu absurd erscheint an eine Ablösung auch nur zu denken.

Und bevor Ihr jetzt aufgeregt zum Kommentarfeld springt: Nehmt einfach mal eine beliebige Ausgabe der faz zum Beispiel und haltet den Inhalt gegen die Erzeugnisse der Blogosphäre des gleichen Tages. Also ich meine jetzt nicht einen Beitrag von Herrn Niggemeier im Medienteil. Ich meine alle Beiträge. Wirtschaftsteil, Feuilleton, Politik – von mir aus auch Sport. Zusätzlich bitte auf Stories auf Seite 3 achten und andere Hintergrundreportagen hier und dort. Vergegenwärtigen wie viel an Recherche, Abstimmung, Vier-Augen-Prinzip, Kontrolle durch Spezialisten, Endredaktion (aka ‘Sorgfalt’) in jeden Beitrag eingegangen ist. Wie ausgewogen der Beitrag ist und wie sehr um Objektivität bemüht. Oder seht Euch die Blatt-Komposition an, die Vielfältigkeit der Meinungen, das Spektrum (meiner Ansicht nach geradezu sensationell bei der faz). Dann nochmal kurz der obligatorische Blick zurück und überlegen, was die Print-Industrie für die politische Kultur in diesem Land in den letzten 50 Jahren geleistet hat. Welche Skandale aufgedeckt wurden. Wieviel Aufklärung geleistet wurd und – ja – Erziehung.

Ist ernsthaft irgendwer der Meinung man sollte froh sein, wenn das untergeht? Und wirklich auch der Meinung, die Blogger würden es schon richten?

Also – deshalb finde ich es völlig richtig wenn die ARD darin beschränkt wird mit Ihren Gebühren-Milliarden dieser Industrie noch weitere Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Nur weil man es gerade mal schick findet mit ein paar hundert Millionen ein bisschen Online zu machen. Aber wenn ein Herr Koch einem den kritischen Chefredakteur rausschmeisst arrangiert man sich irgendwie, muss ja weitergehen.

Ich habe keinen Bock auf diesen Staatsjournalismus im Netz. Und ich habe keinen Bock auf Bloggerjournalismus als einzige Option. Was ich mir wünsche ist eine starke Online-Präsenz von faz, taz, süddeutsche und co! Darum sollten wir kämpfen, denn es würde unwiederbringlich viel verloren gehen, wenn es nicht gelänge die journalistische Qualität der Print-Häuser ins Netz zu bekommen.

Natürlich wäre es schön, wenn man dafür keine Inhalte der ARD löschen müsste – aber wenn ich eine Wahl hätte wäre mir eine starke Online-FAZ tausendmal lieber als ein bisschen tagesschau online.

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12 Responses to “Warum die Löschaktion der ARD zu begrüssen ist”

  1. simon

    ich fände es nicht gut, aber zumindest nachvollziehbar, wenn das löschgebot NUR für das geschriebene wort gelten würde.

    dass jedoch auch fürs tv produzierte bewegtbildbeiträge gelöscht werden halte ich für quatsch. die tagesthemen von vorletzter woche bedrohen keine faz.

  2. Daniel Schultz

    Die Personalien in den Öffentlich-Rechtlichen mit Brender, Wilhelm und Seibert lassen an der gebotenen Staatsferne und der damit verbunden Legitimation für die GEZ-Gebühren zweifeln. Insofern ist für mich deine Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen nachvollziehbar. Und wo ist der Gewinn für die Allgemeinheit, wenn ein Herr Jauch 10,5 Millionen Euro kassiert? Kann er das denn soviel besser als Sabine Christiansen oder Anne Will? Warum müssen die genannten Talkshowgranden ihre eigenen Produktionsfirmen betreiben?

    Wenn es nach mir gehen würde, so könnte man auch die Werbeaktivitäten der Öffentlich-Rechtlichen unterbinden, eine Forderung, die sowohl Verleger als auch Privatsender sofort bejubeln würden.

    Ebenso bin ich nicht der Meinung, Blogger oder eine Form von Bürgerjournalismus könnten professionellen Journalismus ersetzen. Die Kosten, die zur Verbreitung von Information nötig sind, sind mit der Digitalisierung gesunken und gleichzeitig wird nun viel offensichtlicher, wie man mit unnötigen Tätigkeiten vergeudet Ressourcen bei den Verlagen. Wenn etwa in den Redaktionen hundertfach Agenturmeldungen umgeschrieben werden, so halte ich das mit Verlaub nicht für Qualitätsjournalismus. Früher ist es dem einfachen Bürger halt nicht aufgefallen, dass in zig Regionalzeitungen der gleiche Artikel steht. Da war das vielleicht sogar notwendig. Aber heute konkurrieren die Angebote der Regionalzeitungen mit denen der Überregionalen und Aggregatoren machen dies sichtbar. Das halte ich für ähnlich wenig hilfreich, wie die Me-To-Bloggerei, die mit über 95% Zitatanteil in Blogbeiträgen glänzt.

    Dennoch bin ich der Auffassung, dass es sich beim Löschen der Inhalt der Öffentlich-Rechtlichen um eine Enteignung der GEZ-zahlenden Allgemeinheit handelt. Man mag einwerfen, dass früher die Inhalte nach dem Ausstrahlen in Radio oder Fernsehen verschwanden und nur gegen hohe Kosten aus den Archiven der Sender bezogen werden konnten. Aber wir schreiben das Jahr 2010 und haben schon einen bezahlten Zugriff auf die Archive der Sender. Wohlgemerkt geht es hier um Inhalte die von den Öffentlich-Rechtlichen oder in deren Auftrag produziert wurden. Diese Inhalte sollten unter einer CC-BY Lizenz veröffentlicht werden und zeitlich unbegrenzt zu Verfügung stehen, schließlich wurden sie im Auftrag der Bürger produziert und von ihnen bezahlt. Was umgekehrt voraussetzt, dass die Produktionen ausreichend entlohnt wurden und sie nicht etwa auf eine Zweitverwertung angewiesen sind.

    Ob es tatsächlich soviele Öffentlich-Rechtliche Sender geben muss und die Höhe der vorgesehenen Ausgaben gerecht fertigt ist, finde ich hingegen eher diskutierenswert.

  3. Max

    Selbst wenn du mit all dem was du schreibst recht hättest: wen man anfängt anderer Leute Wissen & Kultur vernichten zu lassen um das eigene Geschäftsmodell zu stützen hat man verloren.

    Du erzählst, dass die FAZ so viel besser sei. Dann gib mir doch mal einen Link. Oh, das kannst du nicht? Weil die FAZ nicht online verfügbar ist? Haben wir also Punkt 1: die klassischen Verlage weigern sich ihre Inhalte online verfügbar zu machen. Warum versteht vermutlich keiner, ich nehme an, Verlagsmanager würden irgendwas von “Kanibalisierung”. Soweit ich das verstanden habe ist “Kanibalisierung” ein anderes Wort für “nicht trauen”

    Punkt 2: die Verlage haben sich bis heute verweigert, ein funktionierendes Geschäftsmodell für das Netz zu entwickeln. Außer schlechter Werbung, bei der es inzwischen schon fast zum Normalfall gehört, wenn damit auch Malware ausgeliefert wird, haben wir noch diesen halb garen Paywall Versuch, der so schlecht ist, dass ich mich ernsthaft frage, ob er scheitern sollte, um ein härteres Leistungsschutzrecht durchzudrücken.

    Wieso haben es die Verlage im vergangenen Jahrzehnt nicht mal versucht so etwas wie flattr oder ein anderes Anbieterunabhängiges Micropayment System zu entwickeln? Vermutlich würden Verlagsmanager irgendwas von “Marktfragmentierung” labern, was ein anderes Wort für “Inkompetenz” ist.

    Ich wünsche mir ausgezeichneten Journalismus der hervorragend bezahlt wird, den ich hervorragende bezahle. Von den Verlagen erlebe ich seit 10 Jahren aber nichts anderes als Jammerei und Versuche anderen (Google, Bloggern, öffentlich rechtlichen) die Arbeit zu verbieten oder schwer zu machen. Warum sollte ich solchen Institutionen ein langes Leben wünschen?

  4. Markus Breuer

    Lieber Stefan, Deine Wochenende-Beiträge sind immer ein Genuß. Und wie ich gerade gesehen habe, tun Dir ja die anderen Kollegen schon den Gefallen und diskutieren kontrovers mit. Trotzdem drängts mich, auch ein wenig Meinung abzulassen.

    Grundsätzlich denke ich, dass die Zeiten der gedruckten Zeitung tatsächlich “angezählt sind”. Das hat erst einmal nichts damit zu tun, ob ich das will oder gut finde, sondern mit technologischen Umwälzungen, die oft unvermeidlich ökonomische (und gesellschaftliche) Veränderungen nach sich ziehen. Man denke an die inzwischen abgeschmackten Beispiele von Buchdruck, Mechanisierung, Elektrifizierung und Motorisierung. Spaß mach so etwas den Betroffenen selten. Es ist deshalb nur zu verständlich, wenn sie sich wehren. Das macht auch Sinn, um den Wandel etwas zu verlangsam und damit menschlicher zu machen.

    Was ich nicht wirklich für sinnvoll halte, ist aber, wenn es den nachteilig Betroffenen gelingt, sich staatlich zugesicherte Protektorate zu schaffen – und sei ein nur vorübergehend. Das bringt soviel Ineffizienz ins System, dass es letztendlich der Volkswirtschaft messbar schadet.

    Auch ich freue mich über Qualitäts- (also aufwendig produzierten) Journalismus. Ich glaube aber, da müssen wir neue Modelle für finden und nicht die alten schützen. Und die von den alten Modellen Profitierenden haben bislang nur wenig zur Entwicklung dieser neuen Modelle beigetragen. (Eine Ausnahme unter den “Großen” ist der Guardian, der das immer wieder versucht.)

    Dass der eine oder ander Blogger das Ende der klassischen Verlage herbeireden möchte oder schadenfroh daneben steht, stimmt leider. Da schlagen Emotionen hoch. Vielleicht hat das aber auch mit der teilweise fundamentalen Feindschaft vieler altgedienter Journalisten zu tun, die dem Medium immer noch mit tiefer Verachtung oder gar Hass gegenüberstehen und das auch jeden der publizistischen Zwerge immer gerne spüren lassen? :) Ich denke, das spielt zumindest eine Rolle dabei.

    Und was das Löschen von Beiträgen angeht. Bei mir schlagen da zwei Seelen in der Brust. Oder gar drei. :)

    Zum Einen kann ich verstehen, dass man die staatlich subventionierte Wettbewerbsverzerrung durch die Öffentlich-Rechtlichen ausbremsen will.

    Zum Zweiten bin ich ein großer Freund viele Inhalte, die die Öffentlich-Rechtlichen produzieren. Da entsteht manches, das von den privaten Medien einfach nicht produziert werden KANN – weil es zutiefst unwirtschaftlich ist.

    Und zum Dritten will es mir nicht in die Birne, dass man Gutes, wenn es erst einmal das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, wieder vernichtet oder versteckt. Nee, ich will hier nicht von Bücherverbrennung reden. Aber es kommt mir zumindest ein bisschen wie “Milch in den Gulli kippen” vor und bestätigt einmal mehr meine Ansicht, dass Planwirtschaft am Ende IMMER absurde Auswüchse zeitigt (hier: erst staatlich subventioniert Inhalte produzieren, diese dann gesetzlich geregelt verstecken, um Unternehmen zu schützen … die eben auch erfolgreich Lobbyismus betreiben :)

  5. holadiho

    @Markus und @Max, wir sind da glaube ich sehr nah beieinander, denn ich schrieb ja “Was ich mir wünsche ist eine starke Online-Präsenz von faz, taz, süddeutsche und co!”. Wohlgemerkt, ich wünsche es mir. Das vor allem, weil es definitiv nicht da ist bisher. Der Online-Auftritt der faz ist ein Graus (darüber habe ich sogar hier kürzlich hergezogen http://www.beimnollar.de/2010/04/18/wieviel-blodheit-steckt-eigentlich-in-der-print-krise/ ). In der Tat fehlt ein kluges Micropayment-System a la flattr, die Paywall Versuche sind meist ärmlich usw. usf. Aber ich würde mir eben wünschen, dass es den Herren gelänge die Werte für die sie stehen in der Offline-Welt in ein geiles Online-Produkt zu übersetzen. Weil ich diese Werte sehr sehr schätze und auch aus gesellschaftlichen Gründen für schützenswert halte.
    Das war ja die Aussage meines Beitrages. Dass die Löschung von GEZ-Inhalten eigentlich kein adäquates oder gar wünschenswertes Instrument ist dafür habe ich ja auch gesagt – ich finde nur das Motiv hinter der ganzen Sache bedenkenswert, weil es ja nicht um Zensur oder Vernichtung von Inhalten geht, sondern genau um diesen Schutz der anderen Geschäftsmodelle. Und wenn man sich den Etat der ARD anschaut und überlegt woher dieser kommt, und wie sehr die ARD sich dafür mit guten Produkten anstrengen muss, wird eigentlich jedem klar, dass hier Schutzmechanismen her müssen, oder?
    Natürlich wäre auch mir am liebsten wenn Online-Journalismus in jeder Hinsicht (Geschäftsmodell, Inhalte, Distribution/Technik) so geil wäre, dass diese Fragen sich einfach gar nicht stellen…aber da sind wir nicht und es ist – bei allem Verschlafen der Verlage, kein Zweifel – tatsächlich keine Schande bei einem so epochalen Medienwandel eine zeitlang nicht genau zu wissen wie es weitergeht. Aber man sollte alles dafür tun, dass es in die richtige Richtung weitergeht.

  6. Max

    Ich bin mir absolut sicher, dass anderen Steine in den Weg zu legen kein Schritt in die richtige Richtung ist.

    Dass die Verlage eine zeitlang nicht wissen, wie es weitergeht ist ja sicher keine Schande. Wir reden hier aber schon nicht mehr von ein paar Jahren, wir reden hier inzwischen von mindestens einem Jahrzehnt. Wir reden von einem Jahrzehnt, in dem den Verlagen nicht, aber auch wirklich nichts, neues außer Bilderklickstrecken eingefallen ist.

    Ich glaube übrigens auch nicht, dass den Lobbyisten & Politikern, die den Rundfunkstaatsvertrag verbrochen haben irgendetwas an gutem Journalismus gelegen ist. Ansonsten hätten sie sicher nicht einen Vertrag verabschiedet, der Journalismus verhindert und vernichtet.

    Egal welche innovative Idee aus dem Netz kommen, um Inhalte an die Leser zu bringen, die Verlage und ihre Verbände überlegen als erstes immer, wie sie das verhindern können. So verhält sich niemand, der möglichst vielen Lesern qualitativ hochwertigen Journalismus nahebringen will, so verhällt sich nur jemand, der seine Pfründe sichern möchte.

    Wenn den Verlagen ernsthaft etwas an gutem Journalismus liegen würde, dann würden sie zunächst mal in das neue Medium investieren. Sie würden viel Geld in die Hand nehmen, würden erstklassige Angebote schaffen, hätten keine Angst vor Kanibalisierung sondern würden auf den Halo-Effekt hoffen, würden nachdenken wie man Werbung besser und für den Kunden attraktiver machen könnte um Werbeplätze teurer verkaufen zu können und würden sich bequeme Zahlungsmodelle für die Kunden überlegen.

    Das haben die Verlage nun aber seit über 10 Jahren unterlassen. Sie sind immer nur gerade soweit online gegangen, wie es irgend nötig waren, haben nie etwas riskiert, haben nie investiert.

    Wenn die ÖRs sich komplett aus dem Netz zurückziehen würden, würden die Verlage noch weniger in ihre Online Angebote stecken, weil sie das selbe Geld mit weniger Investitionen verdienen könnten. Oder glaubst du ernsthaft, faz.de würde besser werden, nur weil tagesschau.de weg wäre?

  7. holadiho

    Das Schlimme ist – Du hast in allen Punkten recht. Natürlich könnte man auch anführen, dass die Blogosphäre es in diesen 10 Jahren auch nicht geschafft hat wirklich vom Fleck zu kommen – aber das ist eine andere Baustelle.
    Ich bin halt Optimist, oder hänge gerne Utopien an. Denn ich mag mich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass es auch in den nächsten 10 Jahren nicht gelingt, dieses “alte Wissen” in die Online-Welt zu übertragen.
    Stell Dir einfach mal vor, die Redaktionen von faz, sz, spon und taz würden morgen entscheiden “ok, das wars, wir kriegens nicht hin. Wir geben auf”. Und nach Hause gehen. Ich glaube das wäre eine Katastrophe für weite Teile der Gesellschaft, die politische Berichterstattung und Meinungsbildung, die Kultur, die Wirtschaft und für viele tausende Leser die diesen Esprit und die Ernsthaftigkeit der klassischen Print-Journalisten plötzlich schmerzhaft vermissen würden.
    Also wünsche ich mir, dass das Zeug ins Netz kommt und in der Tat lernt, die Mechanismen des Netzes mit Ihren Techniken zu verbinden. Ohne Gejammer, in der Tat, und auch ohne Schutz des Gesetzgebers oder Lobbyisten-Backing.
    Und ja, die Verlage müssten das viel ernsthafter betreiben, mehr investieren und mehr wagen.
    Ich glaube aber, da hat sich gerade in den letzten 2 Jahren ein Fenster aufgetan – einfach weil inzwischen klar ist, dass es dauerhaft ums Überleben geht.
    Vielleicht steht er ja kurz bevor dieser Durchbruch… Jedenfalls würde ich mir dann wünschen, dass dieser Prozess aus der Online-Gemeinde nicht in erster Linie mit Spott und Häme, sondern mit Begeisterung, Ideen und Anregungen begleitet wird. Leise Ansätze von all dem konnte man bei dem Weltkompakt-Experiment erkennen, leise, aber immerhin.
    Bisschen davon wohin das gehen könnte (mal abgesehen von Dingen wie huffpost) kann man auch am tknuewer erkennen. Nur ist auch bei ihm irgendwie nicht so richtig klar wohin das gehen soll so ohne “richtige” Redaktion im Rücken…

  8. Sebastian

    Das fehlende Geschäftsmodell: Ich habe mein Abo der FAz gekündigt. Aus dem guten Grund, dass ich die Zeitung nicht immer mit mir herumschleppen wollte. Gerade die Sonntagszeitung machte es mir nicht einfach, sie neben Kindersandkrams mitzunehmen. Also schrieb ich der FAZ, ob sie mir nicht ein Angebot machen könnten, wie ich die Zeitung mobil abonnieren könnte. Sei es als Anwendung für eines der mobilen Betriebssysteme oder auf der Seite der FAZ selbst. Als Antwort erhielt ich eine Textbausteinmail, in der meine Kündigung bedauert wurde.
    Das Problem, und das hattest Du früher auch schon einmal angesprochen, ist ja, dass die FAZ und FAS aufwendig gestaltete Seiten nicht online verfügbar machen und Abonnenten höchstens manche Texte aber neimals die Bilder dazu bekommen.
    Über Öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das Internet und die Begrifflichkeit streiten ist etwas für Scholastiker. Wieviele Engel passen auf eine Schwertspitze?

  9. Daniel

    Ich stimme Dir uneingeschränkt zu, dass wir auf den Qualitätsjournalismus als Gesellschaft auf keinen Fall verzichten können. Ich halte aber den Rückschluss, dass der Drei-Stufen-Plan und die daraus resultierende Löschaktion ein hinnehmbares Opfer ist nicht zu. Nicht weil ich denke das Opfer ist nicht zu verkraften, sondern weil es unnötig und sehr wahrscheinlich auch wirkungslos ist.
    Erstens gibt es meines Wissens nach kein belastbares Zahlenmaterial, dass belegen würde, dass diese Angebote der FAZ und ihresgleichen substantiellen Traffic abnehmen würde. Zweitens ist es eine Fortsetzung der Argumentation der Verlage bzw. ihrer Verbände, die die Schuld an der eigenen Erfolglosigkeit im Netz (und in der Konsequenz auch in Print) grundsätzlich bei der Konkurrenz sucht. Dabei hat diese Konkurrenz nur eben mehr Erfolg gehabt bei der Adaption von Online Geschäftsmodellen. Ich kann mich jedenfalls nichts erinnern, dass die Öffentlich/Rechtlichen sich über Süddeutsche TV und andere transmediale Rohrkrepierer der Verlage besonders mokiert hätten. Drittens haben wir es hier mit Unternehmen zu tun die beste Renditen eingefahren haben und darüber einfach die unternehmerischen Herausforderungen verschlafen haben und nun in arge Bedrängnis geraten sind weil ihre Kostenstrukturen, ihre Produktionsmechanismen und ihre Absatzmodelle von vorgestern sind. Jetzt möchte man die Renditen zurück ohne sich durch entsprechende Weiterentwicklung und grundlegende Veränderung dafür zu qualifizieren. Das ist ein moderner Ruf nach Einfuhrverboten (Rundfunktstaatvertrag zur Konkurrenzbehinderung) und Subventionen (Leistungsschutzrecht) und kein Deut besser als die Methoden der Montanindustrie im letzten Jahrhundert. Hat damals nicht geklappt, wird jetzt auch nicht klappen aber unsere Volkswirtschaft bis dahin viel Geld kosten und Innovationen verhindern.

  10. mspro

    Mir scheint, man muss hier erstmal zwei Sichtweisen auf das Thema auseinander klamüsern, die du hier ziemlich durcheinander wirbelst.

    1. Soll es weiterhin unabhängigen Journalismus geben?
    2. Soll man dafür andere Inhalte verhindern?

    Bei der Vermischung dieser Fragen gehst du unkrtitisch mit dem Meinungstrom der Verleger konform, was mich ziemlich irritiert. Als ob sich Inhalte von privaten und Öffentlichrechtlichen ausschließen. Meine Sicht der Dinge ist folgendermaßen:

    1. Ich bin dafür, dass es weiterhin guten und professionellen Journalismus aus privaten Quellen geben soll.

    2. Ich glaube auch, dass es ein Bedürfnis dafür gibt und dass dieses Bedürfnis einen Markt hat. Wie der sich finanzieren soll wird gerade herausgefunden.

    3. Wenn die Öffentlich-rechtlichen (Über die ich 100 mal mehr regierungs- und politikritische Beiträge sehen durfte als über alle anderen privaten und “unabhängigen” TV-Sender) Angebote tatsächlich nicht frei genug agieren können, ist das ja ein umso größerer Markt für private Publikationen.

    4. Wenn die privaten Publikationen es nicht schaffen, neben den öffentlichen ihre Daseinsberechtigung selber zu definieren, gibt es zwei mögliche Gründe: Dann funktioniert entweder der ÖR so gut, dass es keine privaten Pressetextschleudern braucht, oder die Privaten schaffen es nicht, die weil sie zu schlecht sind. (angesichts dessen, was sie im Internet so fabrizieren, tendiere ich zu zweiterem)

    5. Nur weil ich es begrüße, dass es private Publikationen gibt, leitet sich daraus kein Existenzrecht ab. Wir schaffen ja auch nicht das öffentliche Schulsystem ab, um den Privatschulen bessere Marktchancen zu geben. Es gibt einen Status Quo und wer sich neben diesem am Markt platzieren kann, über den bin ich froh, wenn er es nicht schafft, sollte man deswegen nicht den Status Quo abschaffen.

    6. Wer löscht hat unrecht. Ich denke tatsächlich, dass dies teil einer zukünftigen Informationsethik sein wird, wie man sie bald schon leben wird.

  11. holadiho

    Lieber Michi, ich glaube Du bringst hier selbst ein paar Dinge interessant durcheinander:
    Zum einen die Mediengattungen – und das ist wichtig hier: Ja, öffentlich rechtlich produziert im TV (!) mit Abstand das bessere Material, ich glaube da kann es keinen Zweifel geben.
    Das Problem rankt sich aber nicht um TV sondern um Print – und da sieht es ein bisschen anders aus. Denn da fand öffentlich rechtlicher Rundfunk bisher gar nicht statt. Genaugenommen geht es natürlich um Online, wo plötzlich ein neues Medium (oder wie auch immer man es nennen will) entsteht und Print überraschend auf die öffentlich rechtlichen trifft. Und daraus entsteht das Problem, über das hier diskutiert wird! Die Öffentlich Rechtlichen nehmen Ihr unbestreitbar gutes TV-Material und bringen es ins Netz. Zusätzlich bauen Sie zu den Bewegtbildinhalten ganze Webseiten und laden es mit Hintergrundinfos auf. Und sind damit plötzlich über Nacht harte Konkurrenten der Print-Verlage die sich ja ebenso plötzlich online erweisen sollen oder “herausfinden wie sich das finanzieren soll”.

    Punkt zwei wo Du was durcheinanderbringst: Du operierst wirklich mit einem sehr undurchdachten Marktmodell. Als wäre es wirklich eine Frage von “sich definieren” ob man wirtschaftlich in harten Zeiten gegen eine Medienmaschinerie mit staatlichem Milliarden-Etat ankommt (ARD und ZDF haben zusammen etwa 8.5Mrd EUR p.a. zur Verfügung)! Das sind einfach nicht faire Wettbewerbsbedingungen, und dass die Öffentlich Rechtlichen hier zufällig in der Regel qualitativ überlegen sind, hat relativ wenig mit Ihrem Verdängungspotential zu tun (abgesehen davon dass ich tagesschau.de etc. nicht für besonders wertvollen Journalismus halte).

    Ach und noch eine kleine Anekdote zu Deinem Schulvergleich, weil es hier so schön passt. Ich war mal Elternvertreter in der Schule meiner Tochter. Im Gespräch mit dem Rektor der Schule erzählte mir dieser, dass es in ganz Berlin ein Stillhalteabkommen mit den Privatschulen gäbe dergestalt, dass die staatlichen Schulen im laufenden Schuljahr keine Lehrer von den Privatschulen abwerben dürfen! Und das nicht etwa weil die Privatschulen so viel schlechteren Unterricht machen oder schlechteres Lehrmaterial haben oder kaputtere Gebäude – nein: die staatlichen Schulen können schlicht besser bezahlen und mehr Absicherung bieten.
    Das ist die Realität des freien Wettbewerbs um die beste Leistung wenn einer mit Staatsgeldern operieren darf und der andere “sich am Markt beweisen” soll…

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