Archive for May 2014


Das Recht auf Vergessen

May 13th, 2014 — 11:16pm

Der europäische Gerichtshof hat also Google auferlegt, ein paar Links zu entfernen. Links auf einen Fall eines spanischen Mannes, der seine finanziellen Probleme aus der Vergangenheit nicht mehr in der Öffentlichkeit haben möchte. Und was ist los? Hell freezes over! Zensur wird eingeführt! Jimmy Wales äussert sich im Atlantic tief besorgt über dieses Urteil und wie sehr es das Internet verändern könnte – ausserdem sagt er, er habe so ein Urteil eigentlich eher von einem autoritären Land erwartet…
Die deutsche Szene tobt ebenso – ein Angriff auf Google (moment, habe ich ‚Angriff’ gesagt?) wird immer noch gern gleichgesetzt mit einem Angriff auf das Web an sich usw. – und ja, auch ich habe nach den Erfahrungen der letzten Jahre Sorge, dass durch irgendeine Hintertür Zensurmechanismen eingeführt werden (im Prinzip passiert es ja auch am laufenden Band – ein neuer ‚Kodex’ des Zentralverbandes der Werbeindustrie wurde z.B. gerade still und leise eingeführt mit dem Ziel illegale Seiten ‚auszutrocknen’…).
Aber eine Sache an der Diskussion stört mich gewaltig – und übrigens ist es mir noch klarer geworden beim Lesen des Atlantic-Beitrages, weil der Autor immer wieder betont, wie schade es doch jetzt sei, dass durch dieses Urteil die finanziellen Probleme dieses Mannes gerade in der Öffentlichkeit seien, echt ärgerlich…
Also, was mich stört, ist die Ungnade gegenüber diesem Mann und seinem legitimen Anliegen, das er vorbringt stellvertretend für Millionen von Menschen, die mal ein Problem hatten und nach einer bestimmten Zeit neu anfangen wollen. Und übrigens ein Anliegen, das in unserem Rechtssystem durch das hohe Recht der informationellen Selbstbestimmung geschützt ist. Aber lasst es uns mal für einen Moment ohne das Web diskutieren – nehmen wir z.B. die Schufa. Wer schonmal erlebt hat, was es bedeutet einen Schufa-Eintrag zu haben oder jemanden kennt, dem das passiert ist weiß, dass es die Hölle ist. Man bekommt keinen Mietvertrag mehr, keinen Kredit, kein Handy, nur mit Schwierigkeiten ein Girokonto und zahlreiche andere Dinge nicht. Die Schufa wurde gezwungen, die Daten nach einer bestimmten Zeit aus ihren Registern zu löschen – übrigens ein Prinzip das unsere Gesellschaft an zahlreichen anderen Stellen ebenfalls kennt, seien es Punkte in Flensburg, Vorstrafen, Überschuldung usw. usf. Es hat etwas mit Gnade zu tun und auch mit Solidarität und natürlich Menschlichkeit. Etwa ein Viertel aller Gefangenen auf der Welt sitzen in den USA im Gefängnis, teils wegen kleiner Vergehen (mehrfach begangen) – dieses Land ist für mich auch was das anbelangt keine Referenz. Das vielzitierte „Recht auf Vergessen“ ist ein schwieriges Konzept, vielfach zu Recht verlacht z.B. wegen seiner technischen Naivität. Vielleicht brauchen wir ein anderes Konzept oder einen anderen Namen dafür. Aber ich möchte tatsächlich, dass das zutiefst menschliche Prinzip das wir gegenüber der Schufa einfordern, auch für unser heiliges Internet gelten soll. Und natürlich muss das gegen andere Rechte abgewogen werden damit keine Zensur entsteht – das ist aber nichts Neues und liegt eher im Wesen eines funktionierenden Rechtsstaates.
In dem aktuellen Fall jedenfalls habe ich viel mehr die Sorge, dass wir uns vor den Karren einer geschickt agierenden neoliberalen Ideologie spannen lassen, die sich ein System wünscht, das kein Vergessen kennt und Vergehen ohne Gnade bis ans Lebensende vorhält – u.a. auch um sie schön in irgendwelchen Risiko-Kalkulationen von Versicherungen, Banken und sonstigen Big-Data Apologeten einfliessen zu lassen.

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Heute hatte ich das erste mal Angst vor einer Maschine

May 10th, 2014 — 4:03pm

Im Rahmen eines Laborprojektes basteln wir derzeit in meiner Firma an zwei Quadcopter-Drohnen – eine in Berlin, und eine in Köln.
drohne
Die eine habe ich gerade bei mir zuhause, weil wir im Büro nicht weiterkommen mit dem Aufbau und ich die Nächte zuhause brauchte. Heute dann der Durchbruch und das Ding läuft endlich wie es soll, zumindest grob. Also Feintuning für den ersten Testflug. Denn was mir vorher nicht klar war, ist wie sehr so eine Drohne auf Algorithmen angewiesen ist, um überhaupt fliegen zu können – anders als bei einem anderen Fluggerät gibt es nämlich keine durch die Konstruktion gegebene Stabilisierung, sondern diese muss komplett von Algorithmen übernommen werden, die permanent zahlreiche Werte unterschiedlicher Sensoren mit den Drehzahlen der Motoren abstimmt, und so den Copter in Position hält. Dieser Mechanismus ist extrem kompliziert zu parametrisieren und sehr empfindlich. Eine zentraler Kennwert, der dabei eingestellt werden muss ist der sog. Derviative, der festlegt wie weitgehend der Algorithmus die Steuerung übernehmen darf, und wieviel der Mensch mit der Fernbedienung noch beeinflussen kann. Den Wert kann man von 0 (100% menschliche Steuerung) bis 100 (100% algorithmische Steuerung) einstellen.
Um es auszuprobieren, muss man den Copter in der Hand halten, die Motoren hochfahren und dann probieren, wie er auf Lageveränderungen reagiert usw.
Das habe ich eine Weile gemacht, bis ich auf die Idee kam den D-wert mal testweise ein bisschen hochzschrauben, also auf 35. Teil wieder angemacht und festgehalten, Lage minimal verändert und dann passierte es – das Ding fing wie wild an gegenzusteuern und ich hatte Mühe es überhaupt noch festzuhalten. Der Versuch über die Fernsteuerung das Gas wegzunehmen scheiterte – er nahm keine Steuerbefehle mehr an, dreht dafür das Gas immer weiter auf… verzweifelt versuchte ich noch ans zentrale Stromkabel zu kommen, dafür hätte ich aber beide Hände gebraucht. Schliesslich hat er sich zur Seite gedreht und sich mit dem Propeller in meinen Arm gebohrt, dann ging er aus. Der Pulli hat an der Stelle jetzt ein Loch und der Arm einen kleines Hämatom (na ja…).

pulli

hämatom

Nicht weiter tragisch – that’s Makertum könnte man sagen. Problem ist aber – ich hatte richtig Angst vor dem Teil (also nicht diese abstrakte intellektuelle Angst die man in dem Fall meistens meint, das war echte Angst) und es war wirklich gespenstisch, wie bedrohlich dieses kleine Spielzeug mir plötzlich vorkam. Kommtar meiner Frau als ich ihr davon erzählte (es war auch eine Vase zu Bruch gegangen bei der Aktion): “Vielleicht gar nicht schlecht, wenn Du mal Angst vor den Dingern bekommst.”

Ich denke, in 10 Jahren werden wir von solchen algorithmisch gesteuerten Dingen umgeben sein, Drohnen, Autos, Haushalts-Assistenten, Überwachungsanlagen am Flughafen, operierende Roboter und Diagnostik-Maschinen (IBM lässt Watson zur Zeit schon auf Millionen von Patientenakten trainieren, damit er Brustkrebs-Therapievorschläge machen kann). Irgendwie habe ich das Gefühl, heute in eine Fratze geschaut zu haben…

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Eine Generation von Makern

May 5th, 2014 — 4:18pm

Ich hatte zwei Gruppen von Lehrern in meiner Schulzeit – solche mit 68er Hintergrund und solche ohne. Prägend waren natürlich die mit, wobei ich mich auch noch gut an meine tiefe Ablehnung gegen die abgezogenen Rechtschreibtests von Herrn Madajewski mit dem Hirschpulli erinnere, vermutlich brauchten die 68er die anderen doch als Tapete.
Was mich (und ich denke uns) diese LehrerInnen lehrten, war die kritische Haltung. Sowohl gegenüber der Kriegs- und Nazi-Vergangenheit der Eltern und Grosseltern als auch gegenüber dem aktuellen Macht- und Propaganda-Apparat. So erinnere ich mich z.B. wie wir im Religionsunterricht stundenlang die Bild-Zeitung auseinandernahmen (mit der Schere), um die Mechanismen zu verstehen und uns dagegen zu immunisieren. Und natürlich wurden wir zu Ökos erzogen, trugen Frösche über die Strasse und wieder zurück usw.

Auf der republica werde ich ja mit @hilliknixibix und @pausanias über Internet und Technik-Unterricht in der Schule sprechen und unsere Erfahrungen damit – doch was wollen wir eigentlich unseren Kindern mitgeben, zu was wollen wir „sie machen“ später mal? Und was spielt das Internet da für eine Rolle?

Wenn unsere Kindern so alt sind wie wir heute werden sie so sehr vom Internet umgeben sein, wie wir es uns heute gar nicht vorstellen können (denkt einfach mal zehn oder zwanzig Jahre zurück, und überlegt was ihr prognostiziert hättet). Das Internet wird sicherlich so etwas wie das Betriebssystem der Gesellschaft sein und in fast allen relevanten Alltagsprozessen eine Rolle spielen – vor allem aber auch in Form von intelligenten Agenten, Algorithmen und…Dingen die mit dem Netz verbunden sind und eine gewisse Autonomie haben werden.
Man braucht keine NSA um da viele Gefahren heraufziehen zu sehen – wenn unsere Kinder zu Erwachsenen werden sollen, die Autonomie und Freiheit und Liebe und Solidarität erfahren können werden sie in der Lage sein müssen das Internet so auseinanderzunehmen, wie wir seinerzeit die Bild-Zeitung. Sie müssen also programmieren können (oder es zumindest verstehen), die Technik verstehen und das ganze natürlich auch als ein Produkt der Kulturindustrie interpretieren können und als ein politisches und eines von Unternehmen usw.
Das wäre also ein Ziel. Ich habe aber noch ein anderes.
Ich träume davon, dass unsere Kinder nicht nur ganz gut darin werden mit dem OS ihrer Gesellschaft umzugehen – sondern dass sie in einem ganz neuen Sinn zu Gestaltern dieser neuen Welt werden können. Dafür müssen sie Maker/innen werden!
Die Maker-Bewegung beinhaltet so viele pädagogisch erstrebenswerte Ziele, man könnte vermutlich 2/3 der bekannten pädagogischen Ansätze darauf einzahlen lassen. Aber es geht evtl. um mehr als nur ums Basteln und mit den Händen verstehen wie dies und das funktioniert. Mit der Ubiquität der Computerisierung um uns herum und der gleichzeitigen stetigen Zunahme des fabbings, also der Möglichkeiten mit lokalen Mitteln wie z.B. 3D-Druckern eigene Gegenstände und Kleinserien herzustellen könnte eine wirklich neue Dimension hinzukommen, die Makertum zur neuen 68er-Bewegung werden lassen könnte (ok, mal hoch gegriffen, aber egal).
Meine persönliche Maker-Erweckung habe ich einem Heizungs-Thermostat der Firma Devireg zu verdanken (der Devireg 550, lasst bloss die Finger davon). Dieser war bei uns im Bad verbaut worden um die Fussbodenheizung zu regeln. Und er machte mich vom ersten Tag an wahnsinnig. Weil das Interface unfassbar schlecht umgesetzt war. Weil er nie tat was er sollte, mal wurde den ganzen Tag sinnlos geheizt, mal gar nicht, nie hatte ich den warmen Boden unter den Füssen die ich mir gewünscht hatte. Ein Teil des Problems waren irgendwelche okkulten „Komfort-Funktionen“, die dem Ding unabschaltbar einprogrammiert waren und selbst entschieden, wann ab- und anzuschalten sei. Und natürlich half der Elektriker nicht, als er nach mehrfachem Betteln und wochenlangem Warten einbräste in mein Badezimmer – er hatte noch weniger Ahnung von dem dämlichen Teil als ich und doktorte nur blöd dran rum. Ich hab mich dann in das Thema Haussteuerung eingelesen und schnell ein System gefunden, das so eine Steuerung – basierend auf einem Raspberry und Open-Source Software – übernehmen kann. Nach meinen Regeln. Mit Hilfe der Community fand ich dann noch raus, wie man stärkere Ströme schalten kann (ja, und ich wurde als ahnungsloser Depp beschimpft zwischendurch, ich, Sohn eines Elektro-Technikers!), baute schliesslich den neuen Funkschalter ein und schmiss den Devireg auf den Müll. Ich hatte mich befreit. Die Heizung funktioniert seitdem wie ich will und gibt mir auch noch gute Raspberry-Vibes jeden morgen.
Ich weiss, es klingt albern, aber es fühlte sich ein bisschen gross an so einen Sieg gegen den dumpfen Siemens-Saturn-gehtnicht-Komplex errungen zu haben. Und es wäre echt nur albern wenn ich diese Geschichte vor 10 Jahren geschrieben hätte. Jetzt ist es aber vielleicht nicht mehr albern, denn schon bald werden wir noch andere Sachen übernehmen können. Wir können uns unseren News-Algorithmus umbauen und übernehmen. Wir können uns von der Knute der Auto-Industrie befreien und selbstprogrammierte Mobilität wählen, sicher auch bald mit Gadgets die wir in den Tesla reinschrauben können. Schon bald können wir uns vielleicht mit solchen Haus-Steuerungs-Systemen autark mit Energie versorgen und von der Energie-Industrie abkoppeln. Wir können vielleicht auch öffentliche Sicherheit, zumindest teilweise reprogrammieren und übernehmen, durch Vernetzungstools, Apps, Sensoren, Drohnen. Wir werden vielleicht sogar eigene Open-Source Implantate entwickeln und auch hier die Macht einfach selbst übernehmen, die Dinger weiterentwickeln, öffnen, Leuten zur Verfügung stellen die sie nicht bezahlen können usw. (fragt mal @ennomane). Wir können mit Hilfe vom Netz und guten Wissens-Algorithmen den Zugang zu juristischer Beratung einebnen und mit Hilfe von automatischen Übersetzungen Flüchtlingen zur Verfügung stellen, die plötzlich die gleichen Ressourcen zur Verfügung haben wie bisher nur die weißen Reichen, und und und…

Ich möchte, dass unsere Kinder später mal sagen (lächelnd, wenn sie über unsere unterentwickelten Internet-Kenntnisse sprechen), dass wir ihnen beigebracht haben diese Mittel kritisch aber mit Macht einzusetzen, um sich daraus eine gute Gesellschaft zu bauen*. Dass wir sie zu Reinschreibern und Wikipedianern gemacht haben, wo sie anfänglich nur Youtube glotzen wollten. Und dass wir zu Recht den Zugang zu diesen Mitteln verteidigt haben, obwohl sie das damals total peinlich fanden.
Das wäre schön.

— Update —
“Escaping Dystopia” gestern auf der rp14 war der perfekte Vortrag zu diesem Blogpost:
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Und das Video zu unserem oben genannten Schul-Talk ist jetzt auch online:
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*meine kleine Tochter (7) sagte übrigens kürzlich sie wolle später auch mal wie ich solche kleinen Sachen mit Computer drin bauen als Beruf, läuft doch. Ach ja, einen eigenen Maker-Blog habe ich jetzt übrigens auch…

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Connecting Arduino and Raspberry PI over GPIO

May 4th, 2014 — 10:02am

There are obvious reasons why you would want to connect an Arduino with your Raspberry – they can just perfectly work together and play out their strengths (for instance reading analog inputs on the arduino side and interacting with the web or doing more complex stuff on the Raspberry). But connecting the two devices is not as easy as you might think, especially as they are working on a different voltage level, the Raspberry on 3.3v and the Arduino on 5v. Of course you will find many ways to connect the two nevertheless on the web, you can go straight over USB (which i find a little bit less…sexy), you can connect them wireless, via a serial connection or directly over a PIN-Connection between the two boards. But be careful – because of the different voltage levels it’s not a good idea to just connect them, you have to adjust the voltage unless you want to kill the RPi. One way is to use a logic level converter (like this one from Sparkfun or this from Adafruit). But i was wondering (with my naive electronic know how in full action) why you shouldn’t just use a normal voltage regulator like the great Recom R-783.3. So i checked, and it worked absolutely fine as you can see in the video below.
The video shows an Arduino which runs a simple sketch to put digital pin 8 on high and low level every second, connected to the RPi over the Recom which reads this input on Pin 5 and powers Pin 7 as output accordingly so that the LED finally will blink…
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I think this is interesting because of the better availability of such a dumb regulator compared to the logic level converter, so you are quicker up and running. In general the logic level converter will be the better choice, it’s actually cheaper, it’s also save for regulating a serial connection (i didn’t test this with my Recom) and it comes with more channels right away.

If you are interested in more Maker-Content of this kind – i’ve moved this into a separated blog.

Comment » | Arduino, IoT, Raspberry

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