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Warum ich das mit dem BGE anders sehe

May 23rd, 2017 — 8:23am

Der liebe Martin Oetting hat auf seinem Blog vor ein paar Tagen einen lesenswerten Beitrag zum BGE veröffentlicht, der viel geteilt wurde. Er ist mit seiner Linie der Kritik am BGE als neoliberalem Experiment nicht alleine, das wurde auch schon verschiedentlich anderweitig formuliert (z.B. hier).
Etwas handstreichartig stellt Martin die These auf, das BGE würde letztlich zur Abschaffung des Sozialstaats führen (weil es zu teuer ist um beides aufrechtzuerhalten und natürlich bisherige Systeme ersetzen würde). Ausserdem sei es zu gering bemessen, um ein gutes Leben zu ermöglichen. Und es wird angeführt (in dem Zeit-Artikel oben insbs.), dass es letztlich eine Zweiklassen-Gesellschaft etablieren würde – auf der einen Seite die BGE-Abgehängten, auf der anderen Seite die in richtigen Berufen, die sich normal entfalten können.
Alles Risiken, die nicht ganz von der Hand zu weisen sind.
Trotzdem erscheint mir die Gegenargumentation zu stark vereinfacht, und letztlich polemisch. Ausserdem irgendwie überraschend unwillig. Zum Beispiel Höhe: wurde ja noch nicht festgelegt – wenn 1000 EUR zu wenig wäre, um ein gutes Leben zu führen, und es das Ziel wäre, das mit dem BGE zu erreichen – dann müsste es halt höher ausfallen. Verstehe nicht, warum das so ein fundamentales Argument dagegen sein soll.
Aber mein eigentlicher Punkt ist ein anderer: Ich liebe unseren Sozialstaat, also die Tatsache, dass man im Zweifel aufgefangen wird, dass niemand ins Nichts fällt* und dass eigentlich niemand hungern muss bei uns oder ohne Dach über dem Kopf leben. Und dass jede/r zur Schule und zum Arzt gehen kann. Und so vieles mehr. ABER: Martin schlägt ja vor, mal mit Leuten zu sprechen auf der Strasse, die von HartzIV leben. Gute Idee. Ich würde aber noch weiter gehen und vor allem nicht nur über die Höhe der Bezüge sprechen. Sondern über die Art und Weise, wie man an diese drankommt, und was das mit einem macht. Denn der viel gepriesene Sozialstaat ist – nach den Schröder-Reformen nochmal viel mehr – ein System von Drangsalierungen und Erniedrigungen. Das, was von Martin so gepriesen wird als ein System, das auf individuelle Not und Bedarfe eingeht, heisst im Alltag, dass Leute wegen kleinster Dinge, wie z.B. Zuschuss zur Erstausstattung wenn ein Kind in die Schule kommt, eine Tour sondergleichen machen müssen mit Wartezeiten, Vorlage von Papieren, Belegen und Unterschriften, blöden Kommentaren, Unterstellungen usw. usf.
Schön ist auch, wenn man seine Arbeit verliert und ausreichende Bemühungen um einen neuen Job nachweisen muss. Oder wenn man es nicht mehr erträgt die 18-jährige Tochter zuhause zu haben und argumentieren muss, dass diese nun Anspruch auf Wohngeld hat.
In der praktischen und alltäglichen Anmutung kommt dieser Sozialstaat überhaupt nicht wie ein freundliches Angebot eines reichen Landes daher, sondern wie eine widerwillig gewährte Notleistung mit permanenten Unterstellungen des Missbrauchs und der Minderleistung. Natürlich alles vorgetragen und kontrolliert von überfordertem und unfreundlichem Personal, das ist ja langsam eh der Standard.
Ich mag mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie mit diesem System weitergemacht werden soll, wenn die Gesellschaft sich vom Ziel der Vollbeschäftigung verabschieden sollte, und die Zahl der Anspruchs-StellerInnen sich vervielfachen würde, häufig ohne realistisches Ziel da je wieder rauszukommen.
Die Schröder-Reformen haben nach dem Prinzip “fördern und fordern” noch einen deutlich verschärften Instrumentenkasten der Massnahmen zur Drangsalierung und Kontrolle mitgebracht – Mitarbeiter der Arbeitsagenturen und Job-Center werden auch angehalten, diese scharf einzusetzen und angeblich gibt es sogar Kontroll- und Incentiv-Systeme, die sicherstellen, dass auch genügend gedrängelt und bedroht wird.
Dieses System ist nicht nur ein Bürokratie-Monster, sondern es ist gegen die Würde der Menschen gestrickt, die es in Anspruch nehmen müssen. Und es lebt natürlich noch von der Idee, dass eigentlich genügend Arbeit da ist und eigentlich jede/r einen Job haben könnte – WENN ER/SIE SICH DENN NUR GENÜGEND ANSTRENGEN WÜRDE!
Ich bin deswegen für das BGE, weil es mir vor diesem Hintergrund wie ein Befreiungs-Schlag für die Würde vorkommt. Und ja, vielleicht sogar wirklich auch ein Stück weit wie die Abschaffung des Sozialstaates – nämlich des drangsalierenden und entwürdigenden Sozialstaates.
Und warum sollte dieser eigentlich nicht trotzdem weiterhin da sein in Fällen, wo das BGE nicht reicht? Ich sehe nicht, warum ein BGE automatisch zur Abschaffung aller Prinzipien des fürsorglichen Staates führen müsste – das erscheint mir eher so eine Totschlag-Argumentation zu sein. Und: ein BGE wäre ja weiterhin sozial, nur halt ohne Nachweise und Drohkulisse.
Ich bin auch deshalb für das BGE, weil es uns als Gesellschaft zwingen würde nochmal neu nachzudenken, wie wir leben wollen. Was Arbeit für uns bedeutet. Denn das ist noch ein anderer Effekt, auf den ich setzen und hoffen würde – der nebenbei auch dafür sorgen täte, dass es eben keine Spaltung und Zweiklassengesellschaft gäbe. Menschen wollen arbeiten. Es ist erfüllend und toll, und man kann wachsen dabei und Glückserfahrungen haben (oder Momente der Selbstwirksamkeit). Das funktioniert dann besonders gut, wenn man nicht aus grösster Not irgendeine Drecksarbeit annehmen muss, sondern wenn man frei und mit guter Ausbildung wählen kann, was man/frau machen möchte, wo man denkt glücklich zu werden und einen Beitrag zu leisten zum besseren Leben aller. Zum einen glaube ich, dass das System von Bildung und späterem Beruf schon immer darauf zielt, Menschen in befriedigende Arbeitsverhältnisse zu bringen. Mit den Anforderungen, die Automatisierung und die Abkehr von der Vollbeschäftigung bringen wird, könnte das System aber nochmal viel nachhaltiger überarbeitet werden – nämlich so, dass wir Daseins-Vorsorge und erfüllende Arbeit soweit wie möglich entkoppeln. Eben mit einem BGE.

Und noch ein letztes – das macht es für die SPD (und viele andere mit protestantischer Arbeitsethik im Blut) auch so schwierig: Selbstverständlich sollte so ein BGE auch ermöglichen, dass Menschen gar nicht arbeiten oder einfach nur Kunst machen oder den ganzen Tag auf der Ukulele rumklimpern. Und das ohne das Gefühl, Leuten “auf der Tasche zu liegen” – sondern eher mit dem Gefühl, als glückliche Menschen einen genauso wertvollen Beitrag zur Gesellschaft zu liefern, wie der Nachbar-Malocher mit seinem BMW.

*halte ich übrigens für den grössten Fehler der Hartz-Reformen, dass genau das jetzt passiert, also dass Leute nach 30 Jahren arbeiten und einzahlen nach wenigen Monaten auf Sozialhilfeniveau fallen.

—-> Internet ist auch, wenn jemand anderes fast zeitgleich einen ähnlichen, nur viel elaborierteren und besser begründeten Text schreibt –> hier entlang

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Mechanomorph – vom Selbst als While-Schleife

May 13th, 2017 — 1:57pm

Blickt man zurück in die Geschichte des menschlichen Geistes und der Kultur wird schnell klar, dass unser Bewusstsein und unsere Konzeption von uns selbst immer schon Produkt der Verhältnisse war, in denen wir lebten – das kann man vor allem rückblickend zum Beispiel gut an der Kunst eines jeweiligen Zeitalters erkennen. Vieles davon verläuft kontinuierlich und entlang dem gesellschaftlichen und technologischen Wandel – einige AutorInnen vertreten aber auch die Ansicht, dass es Sprünge in dieser Entwicklung gibt, wie z.B. die Entdeckung der Perspektive in der Kultur der Renaissance (Jean Gebser und andere), die Entdeckung des Seelischen bzw. des Unbewußten mit dem Erscheinen von Sigmund Freuds Traumdeutung, die Einführung des Geldes (Christiana von Braun) usw. – man kann also festhalten, dass die Art wie wir denken, arbeiten und uns und andere wahrnehmen eben nicht konstant oder naturgegeben, sondern in hohem Maße bedingt ist.
Einen umbruchartigen Wandel bemerkt man häufig auf vielen Ebenen der Gesellschaft, also den ökonomischen Verhältnissen, Machtstrukturen, in den Rollenbildern oder eben auch in der bildenden Kunst und der Literatur.
Was ich mich frage – wenn wir uns inzwischen alle so einig sind, dass die Digitalisierung voll im Gange ist und eine ziemliche Umwälzung nach sich ziehen wird – spräche nicht einiges dafür, dass wir uns auch an der Schwelle eines solchen Bewusstseins-Wandels befinden?
Und jetzt noch eine ganz andere Betrachtungs-Ebene – aus meiner Introspektion: Es gibt ja diese Übergangszustände, die häufig (bei mir zumindest) unter starker Übermüdung auftreten, also Zustände wo der Geist schon halbwegs funktioniert aber auch noch an der Schwelle zum Traum balanciert – und die Kontroll-Mechanismen noch nicht wirklich greifen. Man aber dennoch schon – oder noch – Dinge tun muss, z.B. Milch für das Kind warm-machen. Oder noch eben etwas aus der Küche wegräumen. In diesen Phasen habe ich seit einigen Jahren etwas an mir festgestellt, das ich ziemlich faszinierend finde, wenn auch sehr schwer greifbar, denn kognitive Vorgänge in diesen Phase sind darin Träumen recht ähnlich, dass sie sich nicht in der Erinnerung verankern lassen. Wenn man also nicht explizit etwas dafür tut, wird man sich schon wenige Minuten nicht mehr erinnern, bestenfalls noch an das Abbild, also dass da “was war”. Deshalb kann ich es hier auch leider nur in groben Zügen beschreiben. Habe mir vogenommen, das in der nächsten Zeit bewusster aufzuzeichnen und dann evtl. hier nachzuliefern. Also: was bei mir in solchen Zuständen immer wieder geschieht ist, dass ich mich selbst und auch Menschen um mich herum als Computer wahrnehme. Und zwar nicht im Sinne von “wie ein Computer”, also als Methapher/Analogie, sondern wirklich als wäre mein Gehirn und meine Seele ein PC-System (ok, irgendwas mit Linux von mir aus). Ein Beispiel habe ich zum Glück noch konkret vor Augen, und das ist beim Erwärmen der Milch fürs Kind. Das machen wir immer im Milchaufschäumer für den Kaffee, was die Herausforderung mit sich bringt, dass die Milch da eigentlich zu heiss wird. Also stecke ich meinen Finger in die rotierende Milch um den richtigen Zeitpunkt abzupassen. In diesem Moment schaltet mein Bewusstsein immer mal wieder wie fahrlässig in einen Modus um, wo ich mich selbst als eine Art Arduino-Controller sehe, der in einer kleinen While-Schleife den Temperatur-Fühler prüft und wartet dass der Rückgabewert dem erwünschten Threshold entspricht. Mehr nicht, das sind auch meist nur so kurze Gedankenbilder die schnell wieder vom Wachbewusstsein empört überschrieben werden. Aber es gibt diese Momente. Andere Fälle sind müde Begegnungen mit meiner Frau oder meinen Kindern wo ich kurz überlege wie deren CPU-Auslastung wohl gerade aussieht oder ob bestimmte Register jetzt auf andere Werte gesetzt werden o.ä. – ist jetzt schwer konkret zu beschreiben weil ich das eben nicht genau genug erinnere. Passiert aber immer wieder. Übrigens am zuverlässigsten immer dann, wenn starke Beschäftigung mit Computern auf starke Übermüdung trifft. Häufig spielt Code dabei auch eine zentrale Rolle, d.h. ich konstruiere mir einen vermuteten Zustand des gegenübers oder meiner selbst als ein Stück PHP-Code wenn man so will (ja, sorry).
Mag sein, dass das nur versponnene Müdigkeits-Selfish-Fantasien ohne jegliche Bedeutung sind – ist sogar sehr wahrscheinlich.
Dennoch frage ich mich, ob es mit unserem Bewusstsein nicht etwas tiefgreifendes anstellen könnte, wenn wir uns inzwischen während unserer kompletten Wachphase mit einer Internet-Schnittstelle umgeben. Und wenn diese Schnittstelle in naher Zukunft sogar immer weniger gegenständlich sein wird, weil sie als implantierte Sensorik, Sprach-Aura oder anderweitig omnipräsent und natürlich smart auf uns abgestimmt daherkommt.
Wenn die Entdeckung der Räumlichkeit im ausgehenden Mittelalter so eine Revolution im Denken und in der Malerei verursachen konnte – was sagt es uns dann, wenn mittlerweile jeder im öffentlichen Raum auf eine Glasplatte starrt und seine echte Umgebung kaum mehr wahrnimmt?
Spannend finde ich diese Frage übrigens auch im Hinblick auf die Mensch-Maschine Diskussion, im Zusammenhang mit KI und maschinellem Lernen. Denn da diskutieren wir immer so, als würde eine maschinelle Intelligenz sich auf uns zubewegen, und als würde sich nur die Frage stellen, wie nahe die uns am Ende kommt. Was, wenn wir auch in Bewegung geraten und auf diese Intelligenz zugehen? Wie wäre es, wenn die Grenze zu den Maschinen zunehmend permeabel würde, weil wir in unserem Selbstkonzept zunehmend maschinelle Anteile aufnehmen?
Alles nur lose Gedanken bisher. Aber ich werde jetzt mal anfangen, diese Phänomene ein wenig systematischer aufzuzeichnen.

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