Was ist eigentlich twitter?
Die Faszination für twitter ist gravierend und ich kann jetzt schon sagen, dass nur wenige Anwendungen so eine magische Wirkung auf mich ausgeübt haben wie twitter.com/holadiho.
Das ist umso erstaunlicher wenn ich an meine erste Berührung mit twitter zurückdenke. Das war in einem Hamburger Altherrenclub als ich auf einer Veranstaltung dort Nico Lumma traf. Genaugenommen muss man sagen „er war da“ denn wirklich Kontakt aufnehmen konnte man fast nicht da er permanent an seinem handy rumfummelte und dabei sichtlich vergnügt war. Ich würde sagen er war an diesem Abend der vergnügteste Gast im Raum (die Tragik erkennt man nur wenn man weiss dass ich der Veranstalter war…).
Also fragte ich Nico was er denn da mache die ganze Zeit und er meinte in seiner unnachahmlichen Art das sei so ein neues tool twitter mit dem man Kurznachrichten an bestimmte Gruppen schicken könne usw. – erschien mir unglaublich albern und irrelevant. Auch als ich mir das auf seinem Micro-Display ansah was da so reinkam hat meine Meinung nicht wirklich gedreht.
Später ging es mir dann so wie wahrscheinlich fast den meisten die in den twitter Strudel gezogen werden: irgendwann mal widerwillig und einigermassen gelangweilt Account angelegt und ersten tweet abgesetzt. Ersten Leuten gefolgt. Noch einen tweet abgesetzt. Gezweifelt. Darüber gewitzelt wo es nur ging. Geschaut ob man neue Follower hat. Überlegt welchen tweet man noch absetzen könnte. Timeline gelesen. Neue Leute zum Followen gesucht (natürlich bei Nico, damals @rednix). Spannende Leute entdeckt. Genervt festgestellt dass twitter häufig ausfällt. Froh gewesen als es wieder online war. Anzahl Follower gechecked. Kaum mehr über twitter gesprochen. Neue twitter tools ausprobiert. Guy Kawasaki als Follower gewonnen und ziemlich fasziniert davon. Durch einen bug ungerechtfertigt follower verloren und sehr besorgt über die Entwicklung. Festgestellt dass Kawasaki automatisch followed. Von Partnerin darauf angesprochen was ich da die ganze Zeit mit dem handy mache. Sehr witzige tweets in der timeline gelesen. Erstmals retweeted geworden, begeistert darüber. Zweifel. Erstmals DM geschickt statt email. Mich kurz gefragt warum und keine Antwort gefunden. Followerzahl geprüft. Followerzahl von anderen die ich kenne geprüft. Darüber nachgedacht was man tun kann um mehr follower zu bekommen. Erstmals in Strassenbahn die ganze Zeit die Timeline gelesen statt Tageszeitung die ungelesen auf meinem Schoss lag. twitpic entdeckt. Neues Handy angeschafft mit Kamera um twitpicen zu können. Erstmals tweets auf dem Fahrrad geschrieben.
Inzwischen habe ich mehrere tausend tweets abgesetzt, hunderte von followern verschlissen, wurde in der twitterlesung vorgelesen und war sehr stolz, wurde von twitkrit gefeatured (hier und hier) und war noch viel stolzer. Man könnte sagen ich wäre twittersüchtig geworden, klar. (das sagen auch viele in meinem Umfeld die nicht twittern). Ich halte diese Begründung für falsch. Twitter ist derzeit aber tatsächlich zu einem festen Bestandteil meines Lebens, meines Medienkonsums und meiner Alltagsgestaltung geworden. Und das ist zahllosen anderen Dingen bisher nicht gelungen, nicht Mailboxen, nicht Newsforen, nicht der eigenen Homepage, nicht Blogs. Interessanterweise würde ich sagen: das einzige Onlinephänomen das vielleicht kurz eine ähnliche Bedeutung erlangt hatte waren Mailingslisten vor einigen Jahren. Gar nicht so abwegig, oder? Auch Mailinglisten sind ein Hilfsmittel um einem thematisch geschlossenen Benutzerkreis Nachrichten zukommen zu lassen und hier und da in einen Dialog zu treten. Auch bei Mailinglisten wusste man nicht ob die eigene Nachricht und wenn ja von wem gelesen würde. Auch hier konnte man Stürme auslösen und man entwickelte auf bestimmten Listen so eine Art Online-Identität mit Elementen die einem irgendwie neu erschienen oder jedenfalls im Real Life so nicht präsent.
Aber zurück zu twitter. Was macht es eigentlich so faszinierend? Warum schicke ich jemanden eine dm von dem ich mehrere email-Adressen und Handy-Nummern habe, wohlwissend dass die dm vermutlich als email ankommt, wohlwissend dass die dm deutlich unsicherer ist als die email, wissend, dass twitter vielleicht die ganze Nachricht verschluckt? Warum lese ich plötzlich meine timeline mit meist belanglosen Nachrichten von Leuten die ich teilweise überhaupt nicht persönlich kenne und widme dem konstant mehr Medienzeit als meiner Tageszeitung die bei mir das Geschehen seit mehr als 20 Jahren souverän beherrscht hat?
Zunächst mal – ich glaube, dass die ganze Unzuverlässigkeit, das Unfertige und Unvollständige von twitter einen entscheidenden Anteil haben an dem Sog den es (sagt man „es“?) entfaltet. Wir lieben nämlich die Chance des Scheiterns, das Unsichere und Unzuverlässige gerade im digitalen Bereich. Weil es die Utopie nährt, dass es doch noch einen Ausweg aus dem glatten digitalen Leben gibt. Weil es dem Medium fast eine Seele wiedergibt, ein Eigenleben gar: wird twitter die nachricht zustellen? Wird sie gelesen werden? Man muss sich das mal klarmachen, dass es kein einziges Kommunikationsmedium gibt das es in der Unzuverlässigkeit der Rezeption mit twitter aufnehmen könnte – auch ganz ohne Failwale. Wenn ich einen tweet absetze und sehe, dass viele meiner Follower bis zu 1000 Leuten folgen, wenn ich zusätzlich bedenke dass twitter überhaupt keine Kultur der Zustellung bzw. des zuverlässigen Lesens hat dann frage ich mich ob es nicht gerade ein Feature ist, dass es so unkontrollierbar ist? Es macht die Sache doch letztlich so viel aufregender als eine email zu schicken an einen Verteilerkreis wo man sicher sein kann, dass das dämliche Outlook mit zig Hilfsmitteln dafür sorgen wird, dass das Teil irgendwann gelesen wird. Ein tweet ist letztlich ein Versuch, ein Schrei und Zugleich ein Gedicht von dem man nicht weiss ob es von Anfang an in der digitalen Schublade liegenbleibt oder einem 2 Monate später plötzlich auf der Twitterlesung wiederbegegnet. Oder man wird plötzlich gar retweeted! Wow! Es hat etwas dahingesagtes, vor sich hingebrabbeltes, schon beim Schreiben vergessenes dieses tweeten. Und es ist natürlich auch ein Versuchsfeld ohne grossen Druck. Sozusagen maximale Öffentlichkeit (inkl. Google Indexierung) und völlige Privatheit zugleich. Probierwerkstatt.
Dann diese 140 Zeichen. Ein Hammer. Es wird ja immer wieder darüber gewitzelt und so, aber es ist wirklich eines der entscheidenden Features von twitter. Wie sehr sind wir genervt von zu langen Beiträgen in allen Lebenslagen. In der Kneipe. In Blogs. Auf Firmenfeiern. Beim Flirten. In schlechten Texten. Auf Powerpoint. In emails. Wie brutal die Grenze ist sieht man eigentlich nur in der eigenen Anwendung wenn man mal eine Sache die man wirklich unbedingt sagen wollte irgendwie in diese verdammten 140 zeichen bringen muss. Und am Ende, nach der dritten Umformulierung noch 0 Zeichen übrig hat. Mit einem Glückgefühl harter Arbeit dann das Ding absetzt. Das ist gut, wirklich gut Herr Twitter.
Ich glaube übrigens, dass das auch ein Grund für die Altersstruktur von twitter ist. Junge Leute haben einfach häufig nicht die Energie sich so einer Beschränkung zu unterwerfen und etwas Lesenswertes in 140 Zeichen zu zwängen. Dazu muss man ausreichend viele Jahre genervt sein von anderen Kommunikationswegen um tausendfach diese Energie aufzubringen. Das schafft die Jugend nicht.
Übrigens auch faszinierend, und meiner Ansicht nach nicht allein auf die Altersstruktur zurückzuführen: keine Smileys, keine debilen Abkürzungen und meine Fresse Ironie funktioniert!! Massenweise! Wie geil ist bitte alleine das wo wir schon die Hoffnung aufgegeben hatten, dass es digital noch irgendeine Überlebenschance für Ironie gäbe?
Das ist eine unfertige Überlegung, ich glaube es gibt noch zahlreiche andere Merkmale die twitter zu einem sehr bemerkenswerten Ding machen.
Ich kann jedenfalls feststellen, dass es bei mir persönlich zu einem der gravierendsten Medienumbrüche geführt hat den ich bisher überhaupt erlebt habe. Und ich habe das Gefühl derzeit, dass es nachhaltig ist und noch nicht am Ende. Es hat die Lektüre von spon fast verdrängt. Es verdrängt email. Es verdrängt Fernsehen. Es ist lustig, unterhaltsam, geistreich, anregend, informativ. Ich habe viele sehr sehr nette und tolle Leute kennengelernt über twitter (und das was dazugehört). Ich habe wegen twitter letztlich sogar wieder angefangen zu bloggen. Vielleicht wird sogar meine Frau anfangen zu bloggen. Meine Aufsichtsräte folgen mir. Freunde sprechen mich an und fragen mich ob ich nicht mal statt zu twittern anrufen könne. Meine Kollegin versucht mich per dm zu erreichen weil es Ihr als das wirksamste Mittel erscheint um durchzukommen. Ich lade meine persönlichsten Emotionen auf twitter ab, sofort, im Moment des Entstehens (z.B. hier).
Was ist denn das? Was hat so eine Energie, entwickelt so eine Nähe, hat so vielfältige Auswirkungen und zieht so eine unfassbare Aufmerksamkeit auf sich bei so unglaublich wenigen und banalen Features, schlechter Technik, lieblosem Design und überhaupt?
Ich kann es nicht wirklich erklären, muss aber feststellen dass es da ist.
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