Warum die Löschaktion der ARD zu begrüssen ist

Es gilt ja die ziemlich einhellige Meinung, dass die Lösch-Aktionen der ARD im Internet ein Skandal sind, @343max und @mspro sprachen in Ihrem Podcast gar von einer Sache für die wir uns bei späteren Generationen werden rechtfertigen müssen als wäre es eine Art digitale Bücherverbrennung (der Vergleich wird tatsächlich von Holger Köpke gezogen), was da passiert.

Und ich muss zugeben, befremdlich ist es schon, wenn aufwändig mit Steuergeldern produzierte Inhalte einzig aufgrund gesetzlicher Bestimmungen vom Netz genommen werden.

So blöd kann doch eigentlich keiner sein…

Der Rundfunkstaatsvertrag erzwingt dieses Verhalten aber aus einem erstmal leicht nachvollziehbaren Grund: der Sendeauftrag der Öffentlich-Rechtlichen ist nur begrenzt und es soll verhindert werden, dass durch eine überzogene Ausweitung im Internet anderen Anbietern mehr Konkurrenz gemacht wird als erlaubt ist.

Damit man sich dann maximal darüber aufregen kann, wird diese Meinung auch lautstark von den Vollzeit-Lobbyisten der Publisher-Verbände verteidigt (so z.B. Christoph Fiedler vom VDZ).

Für die Netzgemeinde ist damit klar: Löschen ist böse!

So einfach ist es aber nicht. Denn es sind schwierige Zeiten für die Print-Industrie. Madame @pickihh hält gar die gedruckte Zeitung an sich für “angezählt”. Aber dieses Land braucht unabhängigen Journalismus, Tageszeitungen, Hintergrundrecherchen usw.

Und um ehrlich zu sein geht es mir langsam auf den Sack, wie in der Netzgemeinde das Aussterben von Print fast schon herbeigesehnt, jedenfalls unter Spott begleitet wird. Man ist sich ja so sicher, dass mit Bloggen und Twitter alles eigentlich viel besser ist, nicht so verknöchert, alles supermodern und offen und eh an allem viel näher dran. Ausserdem von Bürgern kontrolliert, ohne Redaktionssystem und -Konferenz, ohne Chefredakteur und natürlich ohne böse kommerzielle Absichten.

Nun bin ich ja selbst auch Blog und Twitter-Apologet. Blogs sind eine spannende Ergänzung und machmal tatsächlich viel näher dran, mit mehr Leidenschaft geschrieben, überraschender und persönlicher. Twitter ist eh über jeden Zweifel erhaben.

Aber gemessen an einer Reihe von wichtigen Kriterien wie z.B. Recherche-Qualität, Unabhängigkeit, Tiefe, Professionalität (auch im Schreibstil), Trennung von Meinung und Beitrag, Trennung von Werbung und Beitrag, Trennung von persönlichen Motiven und Beitrag sind Blogs sowas von ein armer unterentwickelter Scheiss gegenüber Print, dass es geradezu absurd erscheint an eine Ablösung auch nur zu denken.

Und bevor Ihr jetzt aufgeregt zum Kommentarfeld springt: Nehmt einfach mal eine beliebige Ausgabe der faz zum Beispiel und haltet den Inhalt gegen die Erzeugnisse der Blogosphäre des gleichen Tages. Also ich meine jetzt nicht einen Beitrag von Herrn Niggemeier im Medienteil. Ich meine alle Beiträge. Wirtschaftsteil, Feuilleton, Politik – von mir aus auch Sport. Zusätzlich bitte auf Stories auf Seite 3 achten und andere Hintergrundreportagen hier und dort. Vergegenwärtigen wie viel an Recherche, Abstimmung, Vier-Augen-Prinzip, Kontrolle durch Spezialisten, Endredaktion (aka ‘Sorgfalt’) in jeden Beitrag eingegangen ist. Wie ausgewogen der Beitrag ist und wie sehr um Objektivität bemüht. Oder seht Euch die Blatt-Komposition an, die Vielfältigkeit der Meinungen, das Spektrum (meiner Ansicht nach geradezu sensationell bei der faz). Dann nochmal kurz der obligatorische Blick zurück und überlegen, was die Print-Industrie für die politische Kultur in diesem Land in den letzten 50 Jahren geleistet hat. Welche Skandale aufgedeckt wurden. Wieviel Aufklärung geleistet wurd und – ja – Erziehung.

Ist ernsthaft irgendwer der Meinung man sollte froh sein, wenn das untergeht? Und wirklich auch der Meinung, die Blogger würden es schon richten?

Also – deshalb finde ich es völlig richtig wenn die ARD darin beschränkt wird mit Ihren Gebühren-Milliarden dieser Industrie noch weitere Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Nur weil man es gerade mal schick findet mit ein paar hundert Millionen ein bisschen Online zu machen. Aber wenn ein Herr Koch einem den kritischen Chefredakteur rausschmeisst arrangiert man sich irgendwie, muss ja weitergehen.

Ich habe keinen Bock auf diesen Staatsjournalismus im Netz. Und ich habe keinen Bock auf Bloggerjournalismus als einzige Option. Was ich mir wünsche ist eine starke Online-Präsenz von faz, taz, süddeutsche und co! Darum sollten wir kämpfen, denn es würde unwiederbringlich viel verloren gehen, wenn es nicht gelänge die journalistische Qualität der Print-Häuser ins Netz zu bekommen.

Natürlich wäre es schön, wenn man dafür keine Inhalte der ARD löschen müsste – aber wenn ich eine Wahl hätte wäre mir eine starke Online-FAZ tausendmal lieber als ein bisschen tagesschau online.

Category: FAZ & Co, Netzpolitik, twitter | Tags: , , , , 13 comments »

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