Leise digitale Zweifel

Kürzlich war meine Frau auf einem Psychotherapeuten-Kongress, und ich Begleitpersonal. Die meiste Zeit schob ich also das Baby durch die schöne Stadt Leipzig – da wir vergessen hatten Bücher fürs Kind mit einzupacken, schaute ich auch in einer netten Buchhandlung vorbei, und erwarb ein paar Kinderbücher. Das Kind ist derzeit sehr affin für Schiebetechnik und Anfassbücher.
Bei einem Vortrag aus dem Programm des Kongresses wollte ich aber unbedingt dabei sein, und zwar dem von Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin, Gender-Forscherin und Filmemacherin aus Berlin. Mir war relativ egal worüber sie genau sprechen würde, denn ich habe einen Vortrag von ihr, der etwa 20 Jahre zurückliegen dürfte, als einen der inspirierendsten in Erinnerung, den ich je gehört habe. Also habe ich mich in den Kongress hineingeschummelt und hörte ihr zu – mit Baby auf dem Arm und später dann krabbelnd auf dem Boden (beide).
Der Vortrag von Christina von Braun war zum Thema “Vatersprache – Muttersprache – Alphabet” – es ging dabei um die Frage, inwiefern das Alphabet selbst historisch konnotiert ist, und insbs. geschlechtsspezifische Prägungen mit-transportiert – wo ja gemeinhin auch in der Forschung gerne mit der Annahme gearbeitet wird, die Buchstaben seien abstrakte Symbole ohne nähere Bedeutung. Der Vortrag war wieder absolut faszinierend. Fast spielerisch konnte sie darlegen, wie sehr die Einführung des griechischen Alphabetes vor etwa 3000 Jahren mit zwei anderen gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden war – zum einen der zunehmenden Ökonomisierung (Schrift wurde überhaupt anfänglich vor allem für Zwecke der Buchhaltung entwickelt), zum anderen einem Umbruch vom matriarchalen vom patriarchalen System, einhergehend mit der Ablösung einer eher oralen Erinnerungskultur durch die schriftsprachliche. Das kann man in die verschiedensten Verästelungen nachvollziehen, z.B. in der Ordnung der Buchstaben, der Bedeutung des Buchstabens “A” (steht für Ochse, männliche Fruchtbarkeit etc. – aber auch graphisch verwandt mit diversen späteren Währungs-Symbolen, von den Viechern vor der Wallstreet mal ganz zu schweigen), aber auch darin, dass generell in der Kulturgeschichte bis heute seitdem eine Annahme kultiviert wird, die dem weiblichen eher das körperliche, und dem männlichen eher das geistige zuspricht (verbunden mit der Sprache und der Schrift). Teilweise übrigens ganz physisch zu verstehen wenn nur den Männern der Zugang zu Kultschriften gewährt wurde. Ich kann das hier nur dilletantisch wiedergeben, aber es gibt einen gut lesbaren 10-seitigen Text auf Ihrer Homepage, der das Thema gut darlegt.
Wieder zurück im Hotelzimmer führte ich meiner 9-monate alten Tochter die neu erworbenen Bilderbücher vor. Auf eines davon war ich besonders gespannt, denn es war ein sog. Sound-Buch mit eingebautem Mikrocontroller und Soundausgabe. Es heisst “hörst du die Vögel” und bietet ein paar Vogel-Bilder mit jeweils einem kleinen Touch-Punkt, bei dessen Berührung der zugehörige Vogel-Sound abgespielt wird. Sie liebt Bücher, insofern machte sie sich direkt darüber her. Spannend war aber ihre Reaktion auf das “interaktive Feature”. Sie reagierte irgendwie verwundert, fast respektvoll und weigerte sich standhaft den Punkt zu berühren. Noch tagelang ging das so, oft tat sie sogar so, als würde sie den Punkt berühren und tippte daneben…

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Die Digitalisierung. Ich gehöre ja auch zu den Apologeten einer stärkeren Umarmung derselben – egal ob im eigenen Leben, in der Schule, bei der Arbeit oder z.B. bei der Partei-Arbeit. Ich glaube, wir können die digitalen Mittel zum Besseren nutzen und sollten unsere Kinder so gut wie möglich auf eine Welt vorbereiten, in der sie überall von digitalen Dingen umgeben sein werden. Dazu gehört idealerweise auch ein Einblick in Code und wie dieser funktioniert, klar. Ich denke zwar nicht, dass jede/r programmieren können sollte, allerdings bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass in naher Zukunft Code tatsächlich law sein wird und ein Fortbestand der Zivilgesellschaft auch davon abhängen wird, wie gut wir Code beherrschen werden. Bisweilen wird in dem Zusammenhang ja sogar die Forderung laut, Programmieren solle wie eine weitere Fremdsprache verpflichtend gelernt werden.
Eine neue Sprache…was sagte Christina von Braun in Leipzig nochmal? Sprache ist immer auch gesellschaftlicher Kontext, sie transportiert und festigt genderspezifische Strukturen, teilweise so subtil, dass es uns gar nicht als Setzung auffällt, obwohl die prägende Kraft durch das Herabsinken ins Unbewusste eher noch stärker wird.
Wir propagieren also die Einführung einer neuen Sprache – oder sogar mehr? In einer Reaktion auf meinen gestrigen Artikel zur Notwendigkeit eines digitalen Schulfaches spricht der Bildungspolitiker Richard Ralfs sogar von einer “zweiten kopernikanischen Wende” und einer neuen Dimension der Aufklärung durch die Digitalisierung.
Tatsächlich könnte es um mehr als nur eine neue Sprache gehen. Digitalisier*ung beinhaltet ja bereits die Umwandlung, also nicht nur eine neue Beschreibung der Welt, sondern eine Umwandlung, aus dem Analogen wird ein Digitales. Und aus der oralen Überlieferung eine…digitale.
Zurück zum Bilderbuch. War es vielleicht ein Schauer, der meine Tochter innehalten liess, vor dem Bedienen der digitalen Funktion? Denn tatsächlich hat die Hinterlegung mit digitalen Vogelstimmen nebst Elektronik zur Touch-Auslösung ja etwas perverses – denn ohne dies hätte ich erzählt, was für ein Vogel das ist und sicherlich versucht, das Piepen nachzumachen – ich als Papa, mit meiner eigenen Stimme, mit viel Raum zur Imagination. Stattdessen der perfekt digitalisierte Sound eines Kuckuck, jedesmal exakt gleich, in jeder Kopie des “Buches” irgendwo auf der Welt. Vielleicht wirklich ein passendes Bild dafür, wie das Digitale die Welt auffrisst und zurückverwandelt, nur dass es dann eine standardisierte Simulation ist, mit der wir uns abfinden müssen.
Ich weiss, der Gedankengang wirkt ein bisschen verwegen, ich kann auch damit leben, wenn viele dem nicht folgen können.
Wendet Euch der Digitalisierung zu, umarmt sie. Einer der stärksten Kämpfer für diesen Glauben ist ja Google..äh… Alphabet…? Oh.
Ich denke es lohnt einmal genauer hinzusehen, bevor wir diese Forderung immer wieder runterleiern. Welches Geschlechterverhältnis reproduziert die digitale Sprache? Gibt es gute Anhaltspunkte dafür, dass die digitale Sphäre wenigstens tendentiell ein weniger männerdominiertes Rollenbild transportieren wird? Wie ist das auf Tech-Konferenzen, in den Führungsetagen der Digital-Konzerne und in den digitalen Medien? Müssten wir – wissend aus welchem Schlamassel wir kommen – uns nicht sogar aktiv darum bemühen, dass die digitale Sphäre von einer feministischen Art des Codens geprägt wird, wenn wir das schon für so unvermeidlich halten (was ich tue)?
Ich bin auch kein Gender-Forscher, doch wenn ich mir Programmier-Bücher so ansehe, so ist da viel von “Kontrollstrukturen”, “Variablen-Zuweisung” und generell viel von vermeintlich harter Logik (if this, while true etc.) die Rede. Generell wohnt dem Programmieren die Idee einer Abbildbarkeit der Wirklichkeit in solchen Strukturen inne, zunehmend auch die der Reproduzierbarkeit von Wirklichkeit und Erleben.
Mich besorgt das sehr. Ich habe einfach keinen Bock für die Einführung eines neuen Systems mit geworben zu haben, das am Ende eine noch weniger gerechte und offene Gesellschaft etablieren hilft, als wir sie schon haben. Vielmehr würde ich gerne die Chance genützt sehen, dass wir wohl wirklich an so einer Zeitenwende stehen, wie die griechische Gesellschaft vor 3000 Jahren.
Damals wurde das Patriarchat und die Herrschaft der Ökonomie über die Lebensverhältnisse eingezogen. Können wir diesmal bitte etwas anderes ausprobieren?

Category: Netzpolitik, Politik, Schule 3 comments »


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