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Me and my Ampler – warum ich jetzt E-Bike fahre

November 10th, 2019 — 12:56pm

Ich fahre seit neuestem ein E-Bike – das Stout von Ampler, einer kleinen Schmiede aus Estland. Ein wirklich tolles Fahrrad, auch ohne den Motor. Aber es hat ja einen, nur sieht und hört man den nicht (ist in der hinteren Nabe verbaut). Auch den Akku sieht man nicht (ist im Rahmen verbaut). Es hat auch keine fancy Bedien-Elemente oder Displays. Ein einziger Schalter am Rahmen deutet darauf hin, dass irgendwas anders ist an dem Rad, alles weitere wird in der App geschaltet. Und dann fährt es sich einfach so, wie es sich für Kinder reicher Eltern anfühlen muss durchs Leben zu gehen/schweben: immer leichter Rückenwind. Man kann drei Stufen einstellen – ja nachdem wie sehr man sich selbst betätigen möchte. In der stärksten Unterstützungs-Stufe hat es wirklich in manchen Situationen etwas von einem fliegenden Teppich. Ist natürlich für einen alternden unsportlichen Menschen wie mich toll, plötzlich an der Ampel wieder davonziehen zu können wie einst mit 16. Aber es gibt auch einen tieferen Grund, warum ich das angeschafft habe, und inzwischen erste Erfahrungen dazu, die will ich hier eigentlich kurz beschreiben – denn natürlich ist man sofort diversen Shaming-Attacken ausgesetzt, wenn Leute das sehen – grob aus zwei Richtungen, die eine ist die “Seniorenbike” Ecke, die andere die “das hat eine Batterie dafür müssen Kinder sterben” Ecke.

Für mich hat es einen ganz banalen Grund, warum ich das anschaffen wollte. Ich wollte häufiger mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren können. Mein Arbeitsweg ist ungefähr 7km lang und ich fahre auch so oft mit dem Fahrrad. Aber immer wieder auch nicht, und da gibt es ebenfalls zwei grössere Begründungs-Cluster. Der eine besteht darin, dass ich zu Arbeitsterminen nicht verschwitzt kommen will. Die Gefahr besteht vor allem dann, wenn man einen frühen Termin im Büro hat (oder in der Stadt) und durch das übliche Kinder-Gewimmel am morgen spät dran ist – und vielleicht auch noch schlecht geschlafen hat. Wenn ich dann zum Termin hetzen muss und es vielleicht noch bisschen warm ist oder falsch gekleidet komme ich verschwitzt an. Das hasse ich. Also fahre ich in solchen Fällen mit dem Auto. So eine Konstellation habe ich etwa einmal pro Woche. Der zweite Block sind Fälle, wo es einfach zu mühsam/nervig ist, mit dem Fahrrad zu fahren. Weil es kalt ist und/oder nieselt. Weil man müde ist und keinen Bock auf die Plackerei hat usw. usf.. Auch das kommt vermutlich mindestens auch einmal pro Woche vor (gilt übrigens auch für Rückweg, also wenn man einen schweren Arbeitstag vor sich hat etc.).

In beiden Fällen ist das E-Bike super und hat sich schon voll bewährt. Wenns morgens stressig ist, und ich unverschwitzt den Termin erreichen will, schalte ich einfach maximale Unterstützung ein und komme entspannt und pünktlich an. Übrigens – auch das ist oft ein Gegenargument – durchaus trotzdem mit guter körperlicher Betätigung, ich würde sogar sagen für Herz-Kreislauf Perspektive optimal. Wenn es regnet, ziehe ich das Regencape über, das bei normalem Fahrrad wegen erhöhtem Wind-Widerstand meistens ein grauenhaftes Fahr-Erlebnis beschert. Und segle damit durch den prasselnden Regen (ok, muss noch Waden/Fuss-Schoner anschaffen). Wenn es kalt und fies ist, ziehe ich mich einfach kuschelig warm an und fahre trotzdem.

Natürlich gibt es auch noch zig andere Situationen, wo das leichtere Fahren die Entscheidung begünstigt das Fahrrad zu nehmen. Also z.B. Fahren mit Kinder-Anhänger. Kurz ins Büro fahren um was zu holen. Fahren und dabei telefonieren ohne abgehetzt zu wirken, usw.

Und es sollte nicht verschwiegen werden, dass es einfach auch mehr Spass macht. Es fühlt sich einfach an, als führe man ein gnadenlos gut fahrendes Fahrrad und hätte eben immer leichten Rückenwind. Wer könnte das nicht wollen?

Geil am Ampler (bekomme nix für den Post, keine Sorge) ist auch noch, dass es gut aussieht und unfassbar leicht ist (17kg). Es ist defacto leichter als meine bisherige Gazelle, was nochmal Anwendungsfelder erschliesst.

Wichtig zu erwähnen ist überdies, dass es mich praktisch nichts gekostet hat auf dieses Fahrrad umzusteigen. Mein toller Arbeitgeber bietet nämlich Jobrad an, d.h. das Rad kann wie ein Dienstwagen über den Arbeitgeber geleased werden. Wird dann über Gehaltsumwandlung aus dem Brutto + Dienstwagenprivileg und Arbeitgeberzuschuss finanziert. Wir sind ja ein Startup, geht also sogar da (ok, war nicht ganz einfach). Aber jeder gute Arbeitgeber sollte das anbieten können.

Generell glaube ich, dass E-Bikes ein spannender Baustein für eine neue Mobilität sein können. Ein Fahrrad ist ein sehr freundliches Verkehrsmittel, man kann damit im Grünen fahren (Achtung, nicht mit Pedelecs die bis 45km/h gehen), es nimmt wenig Platz weg, hat keine Emissionen und der kleine 300Wh Akku kann problemlos mit Sonnenstrom aufgeladen werden. Übrigens macht die E-Motor Unterstützung natürlich auch Lastenfahrräder und Co zu viel brauchbareren Alternativen, das habe ich noch gar nicht oben berücksichtigt. Was ich an der Kombi auch gut finde ist, dass man sich trotzdem sportlich betätigt (anders als bei E-Scootern/Rollern etc.) und alle Wege nutzen kann, die Fahrrädern vorbehalten sind.

Ach und für alle Fahrrad-Laden Hasser (zähle mich auch dazu). Das Stout bestellt man im Internet und es wird per Spedition gebracht. Kommt so an:

Was ich genial fand dabei: das einzige, was ich tun musste um es in Betrieb zu nehmen ist Pedale einschrauben, Lenker ausrichten und festschrauben, Sattel einstellen. Alles andere war perfekt vormontiert und eingestellt. Hat weniger als 15 Minuten gedauert das in Betrieb zu nehmen.

Ein Vergleichs-/Testvideo hat mir besonders bei meiner Entscheidung geholfen, insbs. da das Ampler häufig mit dem VanMoof verglichen wird.

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Wie funktioniert die Digitalisierung? [Teil1]

October 19th, 2019 — 4:38pm

Ich beschäftige mich mit der Digitalisierung, seit ich angefangen habe zu arbeiten – oder kurz davor. Einfach weil das Internet für mich ehrlicherweise von Anfang an ein Suchtmedium war. Ich fühlte mich unglaublich von vernetzten Computern angezogen, und als das erste mal der Administrator des link-mailbox-systems mich per chat ansprach vor vielen Jahren, war das für mich wie eine Erscheinung, mega aufregend. Bin gleich zu meiner Frau gerannt und hab ihr davon erzählt, als sei gerade beim Rewe Madonna neben mir an der Kasse gestanden (mir ist klar, dass ich jetzt alle jüngeren LeserInnen verloren habe).

Und zunehmend stelle ich mir die Frage – woher kommt diese Anziehungskraft eigentlich? In den letzten Jahren kommt dann noch eine zweite Frage hinzu – denn inzwischen zeichnet sich ab, dass die Digitalisierung nicht nur uns Nerds einsaugen wird, sondern alles andere auch. Für mich ist das wirklich eine überraschende Entwicklung, die ich noch vor 10 Jahren nicht für möglich gehalten hätte – dass man plötzlich mit einem Aussteller der Eisenwaren-Messe darüber spricht, wie er zur nächsten Ausgabe der Messe ein Cyber-connected Device rausbringen könnte. Inzwischen kann man klar sagen, dass die Digitalisierung alles erfassen wird, alle möglichen Industrie-Bereiche (auch solche wo man es nicht für möglich gehalten hätte), unser normales Leben (Freundschaften, Tod, Sex usw.) und zunehmend auch alle möglichen Aspekte unserer Gesellschaft, insbs. auch wie Politik funktioniert und gesteuert werden kann*.

Deshalb möchte ich mich in einer offenen Serie von Blogposts damit beschäftigen, wie die Digitalisierung funktioniert – welche Muster man erkennen kann und was daraus ggf. abgeleitet werden sollte. Ich werde dafür eine schlampige Sammlung von Quellen nutzen, meine berufliche Erfahrung, meine Erfahrung als “Netzbürger”, einen Vortrag von @mspro, den ich sehr inspirierend finde, Bücher von Jean Baudrillard und Felix Stalder sowie den gerade herausgekommenen Sammelband zur Digitalisierung der psychoanalytischen Zeitschrift “Psyche”. Ausserdem das aktuelle Buch von Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger zum Daten-Kapitalismus. Die Liste der Bücher ist aus zwei Gründen etwas kurz. Einige andere habe ich dazu gelesen, vor allem englisch/amerikanische, die mir irrelevant erscheinen oder auf jeden Fall zu laberig. Aber vielleicht kommen die auch noch rein, daher ja offene Blogpost-Reihe. Baudrillard ist für mich ein Statthalter für frühere Theoretiker die ich sehr schätze, die schon vor dem Internet über bestimmte Dinge nachgedacht haben. Damit will ich der Frage nachgehen, ob es überhaupt tatsächlich das Internet ist, das diese Phänomene konstituiert und nicht schon eine frühere Entwicklung, die sich nur im Internet jetzt einen perfekten Ort gesucht hat (Baudrillard sprach in “der symbolische Tausch und der Tod” schon sehr früh von der Konversion der Wirklichkeit und unseres Lebens in die der Symbolik, das Simulakrum). Das mit der Psyche ist auch eine bestimmte Funktion. Bin ja selbst Psychologe und mit einer psychonanalytisch arbeitenden Psychotherapeutin verheiratet (die Zeitschrift ist ihr Abo). Diese Sog-Wirkung von der ich oben sprach muss auch so analysiert werden, denn sie ist in hohem Maße psychisch. Irgendwas in unserer Seele wird getriggert durch das Internet, etwas sehr tiefes. Die Psychoanalyse könnte eine spannende Quelle sein um evtl. zu Antworten zu kommen, was das sein könnte. Dabei geht es übrigens auch viel um Symbolisierung, Übergangs- und Ersatz-Objekte. Wir werden sehen.

Generell hat es nicht so sehr den akademischen Vollständigkeits-Anspruch. Eher eine Art Reflexion.

smartphone_bike

 

 

Was kreiert diesen unglaublichen Sog?

Nun aber zu dem Theoriemodell, an dem ich mich abarbeiten möchte, und das gewissermassen der Ausgangspunkt sein soll, um den diese Blog-Serie sich drehen wird. Ich habe mich mit der Frage wie die Digitalisierung funktioniert auch beruflich immer wieder auseinandergesetzt – weil ich als Speaker auf Events und Podien dazu eingeladen wurde (hier ein aktueller Vortrag dazu auf einer Business-Konferenz, ab 1:38), aber auch schlicht weil ich Unternehmer bin und einen besseren Job machen kann, wenn ich verstehe wie das Feld im innern funktioniert, in dem ich meine Firmen gründe. Ein zentrales Bild habe ich über die letzten Monate entwickelt, das momentan verwendet wird (hier auf meinem Firmen-Blog ein Post dazu mit stärkerem Business Fokus**), ist das hier:

 
digital sphere

In diesem Bild soll gezeigt werden, wie die Digitalisierung generell funktioniert. Und zwar in drei einfachen Schritten. Zunächst werden alltägliche Dinge mit dem Netz verbunden (1) indem z.B. Sensoren drangehängt werden oder indem anderweitig Status-Informationen eines Dings oder einer Maschine oder eines Menschen “hochgeladen” werden. Dabei entstehen erstmal Logfiles und Daten-Artefakte. Aber zunehmend – wenn diese Logfiles immer reicher und dichter werden (z.B. weil weitere Sensoren hinzugefügt werden oder weil KI Modelle Anwendung finden etc.) entstehen in der neu etablierten digitalen Sphäre sogenannte digital twins oder digital shadows (2a). Ein Konzept das in der Industrie schon seit längerem intensiv diskutiert und erprobt wird, aber eben auch ein generisches Phänomen. Es entsteht ein digitales Abbild, und in vielen Fällen ist dieses Abbild sogar informationsreicher oder relevanter als das eigentliche Objekt wenn ich davorstehe (z.B. weil der digital shadow eines Autos bestimmte Sensor-Daten aus dem Motor enthält oder Daten aus der Fertigung hinzuziehen kann, die ich selbst nicht kenne). An sich ist das noch nicht so spannend, könnte man noch für ein Nerd-Phänomen halten. Aber es passieren in der Folge noch zwei weitere Dinge, die das Spiel komplett umdrehen zugunsten der digitalen sphäre, und es plötzlich ultra-relevant machen. Zum einen entstehen plötzlich Pfeile “von oben nach unten” (2b), d.h. Änderungen in der digitalen Sphäre fangen an die realen Objekte zu beeinflussen. Der Stuxnet Angriff auf die iranischen Uran-Zentrifugen war z.B. so ein Pfeil – da wurden einfach Drehzahl-Parameter in der digitalen Steuerung (dem Scada-Controller) so verändert, dass die Maschinen “dachten”, sie könnten mit höherer Drehzahl arbeiten. Dann sind sie aber kaputt gegangen. Aber es passiert noch etwas das absolut faszinierend ist: zwischen den Objekten in der digitalen Sphäre bilden sich plötzlich Pfeile heraus, d.h. es werden Beziehungen etabliert die ausschliesslich in der digitalen Sphäre stattfinden (3). In der Industrie wird z.B. aktuell sehr heiß “machine as a service” diskutiert, also dass eine Maschine nicht mehr verkauft, sondern einfach nach gemessenen Nutzungsvorgängen automatisch abgerechnet wird. Das bedeutet, dass ein IoT Sensor an der Maschine misst, wie oft diese z.B. ein Bauteil gestanzt hat. Dieses Messdatum wird z.b. über 5G Uplink an eine Cloud übertragen. Dort landet das Datum in einem ERP-System und generiert eine Rechnung. Der gesamte Geschäftsprozess rund um die Maschine verschiebt sich dann in den digitalen Layer. Der alte Prozess im realen Layer hingegen wird zurückgefahren und irgendwann komplett eingestellt. Ist übrigens ein Phänomen, das sehr rationale Gründe hat – vor allem liegen diese in den drastisch niedrigeren Transaktions-Kosten in der digitalen Sphäre. Es ist einfach spottbillig eine Maschine messen zu lassen, wie oft ein Greifarm bewegt wird – es kostet praktisch nichts. Auch nicht das Datum zu übertragen, zu verrechnen und eine elektronische Rechnung auszustellen. In der realen Welt wäre so ein Prozess unbezahlbar gewesen. Das erklärt aber auch den Sog, zumindest einen Teil davon. Es ist ein simpler ökonomischer Mechanismus. Ich persönlich glaube allerdings, dass noch ein paar andere Prozesse eine Rolle spielen, die weniger ökonomisch sind und die sich mit dem ökonomischen Sog verbinden zu einem perfekten Wirbelsturm. Aber dazu später.

Was mir an dem Theoriemodell gefällt ist dass es sich wirklich gut eignet eine ganze Reihe von Phänomenen zu erklären und einzuordnen. Auch das soll später immer mal wieder geschehen, man kann z.B. die Pleite von Thomas Cook vs. das gute Abschneiden des Konkurrenten TUI sehr schön damit erklären. Aber ich werde auch immer mal wieder aus meinem Arbeitsalltag berichten, welche Phänomene gut dazu passen und wo man evtl. Anpassungen vornehmen müsste. Ausserdem werde ich mir hier und da auch erlauben ein paar launische Alltagsbeobachtungen darauf zu mappen, z.B. die mich rasend machende Gier der Menschen Konzerte mit Ihrem Smartphones aufzuzeichnen. Zunehmend auch in klassischen Konzerten. Und natürlich möchte ich mich – soviel es die Zeit eben zulässt – immer mal wieder mit aktuellen Theorie-Beiträgen dazu auseinandersetzen, und versuchen diese in Beziehung zu setzen. So z.B. den Vortrag von Michael Seeman zum digitalen Kapitalismus, den ich oben schon nannte. Denn die Phänomene, die er beschreibt passen hervorragend zum obigen Bild – durch die Verschiebung unseres Lebens in den digitalen Layer werden bestimmte Dinge provoziert, Eigentum wird unwichtiger (und eher durch Daten, Algorithmen und Verwertungs/Zugriffsrechte definiert), anstelle des “normalen” Marktes entsteht eine Art Hyper-Markt (dynamic pricing, Daten ersetzen Geld) und generell übernehmen die intangibles, also die symbolischen Ableitungen der realen Dinge (und deren Ableitungen) die Herrschaft was ganz neue Dynamiken erlaubt. Ich habe mich ja schon früher sogar hier im Blog dazu ausgelassen, wie es möglich sein kann wichtige Dinge aus dem realen Layer rüberzuretten in den digitalen, z.B. Solidarität. Auch das würde ich gerne weiterführen. Ach, und um noch ein bisschen trashig zu enden – ich möchte sogar Denkübungen aus dem Verband mit einbeziehen, für den ich im Präsidium bin. Da werden nämlich manchmal ungewöhnlich gute Papiere veröffentlicht – eines davon traut sich z.B. die bescheuerte Idee des “Daten-Eigentums” frontal anzugehen. Insgesamt ein spannendes Phänomen, denn ich halte das für einen Verteidigungskampf der realen gegen die digitale Sphäre. In dieser ist das Konzept des Daten-Eigentums eine absurde Idee, etwas das dem ganzen System zuwiederläuft. Worin ein spannender Gedanke liegen könnte…

*auch das sollte in einem zukünftigen Post mal behandelt werden. Ich könnte jetzt sagen, dass ich schon 2012 in einem Artikel in der FAZ gewissermassen Cambridge Analytica vorausgesehen habe usw. – aber eigentlich ist es eher so, dass ich das Aufkommen einer neuen Gänseblümchen-Art gemutmaßt hatte, und dann kam eine Dampfwalze. Egal, wie Digitalisierung Politik verändert, bzw. warum die repräsentative Demokratie gerade so sehr unter Druck ist (sie ist ja eine Art Vorläufer dieser Abbildungs-Idee) sollte man sich auch mal anschauen…

**ich möchte diese Verbindung von “privat” und “beruflich” hier ganz bewusst unscharf lassen (daher das logo nicht entfernt). Denn es ist tatsächlich diese Mischung aus Arbeitskontext und privatem Nachdenken, die ich für ein Feature in meiner Position halte. Es gibt bessere und belesenere TheoretikerInnen, ohne Zweifel. Ich versuche meine Stärke darin zu finden auf eine leicht schmutzige Weise berufliche Erkenntnisse aus vielen Kundengesprächen, Fachkonferenzen und Digitalisierungs-Projekten mit theoretischen Überlegungen und Sachen die ich auf der re:publica oder anderswo höre zu vermischen.

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Die innere Mechanik der Digitalisierung

June 10th, 2019 — 2:30pm

 

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Schulpflicht contra Versammlungsfreiheit

April 6th, 2019 — 10:46pm

Ein zentrales Argument gegen die Freitags-Demonstrationen der Fridays4Future Bewegung ist ja, dass die Schulpflicht das höhere Gut sei, und zu befolgen wäre. Zunehmend beginnen Schulen auch härter durchzugreifen, erste Strafen werden verhängt. Die NRW Schulministerin folgt der Linie ihres Parteivorsitzenden und wirkt auf Einhaltung der Schulpflicht und Bestrafungen der SchülerInnen hin. Wie beschämend. Was könnte man tolles draus machen als Schule, wenn Schülerinnen sich plötzlich für Politik und komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge interessieren…

greta

Aber nun gut, in diesem Post soll es um einen anderen Aspekt gehen, den Philipp Banse und Ulf Buermeyer in der Lage der Nation vor einigen Tagen aufgebracht haben – nämlich die Frage, ob die Schulgesetze der Länder tatsächlich höher stehen als das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Ulf Buermeyer (seines Zeichens Richter am Berliner Landgericht) wies in der Sendung darauf hin, dass z.B. in NRW das Schulgesetz zwar einen Katalog von Einschränkungen der Grundrechte aufzählt, die Versammlungsfreiheit dabei allerdings nicht auftauchen würde. Er hält es daher für sehr spannend abschliessend zu beurteilen, ob es wirklich durchsetzbar wäre, SchülerInnen für die Teilnahme an den freitäglichen Protesten zu belangen.

Ich will es mir daher hier schlicht kurz zur Aufgabe machen, für alle 16 Bundesländer aufzulisten, ob in deren Schulgesetz eine Einschränkung des Demonstrationsrechts vorgesehen ist, oder nicht:

  1. Baden-Württemberg: nein
  2. Bayern: nein
  3. NRW: nein
  4. Niedersachsen: nein
  5. Hamburg: nein
  6. Berlin: nein
  7. Brandenburg: nein
  8. Mecklenburg-Vorpommern: nein
  9. Sachsen: nein
  10. Thüringen: nein
  11. Saarland: nein
  12. Sachsen-Anhalt: nein
  13. Hessen: nein
  14. Bremen: nein
  15. Rheinland-Pfalz: nein
  16. Schleswig-Holstein: nein

Weitere juristische Anmerkungen oder Ergänzungen gerne in den Kommentaren oder als Email an mich, ich pflege es dann hier ein.

 

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Als die Hölle aufging

February 5th, 2019 — 10:13pm

1989 bin ich aus dem Allgäu nach Köln gezogen um meinen Zivildienst anzutreten – gerade 19 Jahre alt, in die grosse Stadt, raus aus dem verhasst konservativen bayrischen Tal. Köln war eine aufregende Stadt, Zivildienst war grossartig, man bekam eine Wohnung, einen Job und etwas Geld und ansonsten viel Freiheit. Ich wohnte direkt auf dem Gelände der Uniklinik in einem Schwesternwohnheim, möbliert. Und ich hatte meine Wunsch-Stelle zugesprochen bekommen – nämlich die Klinik-Seelsorge an der Uniklinik Köln. Riesiges imposantes Hochhaus, modernste Medizin aber auch alles abgefahren gross und Respekt einflössend. Ich war fest entschlossen nach dem Zivildienst (damals 24 Monate lang) mein Theologie-Studium anzutreten, und total gespannt auf die Zeit mit dem katholischen Seelsorger, von dem ich schon hier und da aufregende Sachen gelesen hatte. Und er war auch aufregend und total inspirierend – Pfarrer Helmut Zielinski, Leiter der Klinikseelsorge an der Uniklinik Köln. Praktisch vom ersten Tag an war ich als Hilfs-Seelsorger unterwegs, Neurologie und HNO, doch bald sollte noch anderes dazukommen. Es war eine harte Prüfung vom ersten Tag an. Durch die Gänge laufen, mit Schwerkranken reden und deren Leid irgendwie hilflos etwas erträglicher machen. Zwischendurch als Fake-Messdiener (weil evangelisch) dem Dominikaner-Pater assistieren oder auch mal einen Gottesdienst vor grauem Himmel mit lauter sterbenden Menschen, die im Liegen zu uns reingefahren wurden. Ich dachte es wäre schlimm und fühlte mich praktisch permanent innerlich überfordert, insbs. auch mit den schweren Diagnosen, dem Versagen der Ärzte wenn sie z.B. eine austherapierte Mutter zum Sterben nach Hause entliessen im festen Glauben sie sei geheilt – mit zwei kleinen Kindern.

Was ich nicht wusste war, dass Zielinski dabei war das erste Hospiz in Deutschland zu eröffnen, und dazu auch die erste Palliativ-Station in der Uniklinik, die nach englischem Vorbild völlig anders gestaltet war als die anderen Stationen im Bettenhaus – Aquarien, Polstermöbel, Musik. Und Menschen darin ohne Schmerzen, weil man sich endlich traute moderne palliative Schmerztherapie anzuwenden. In diesem Hospiz sollte ich viele Nächte als Zivi verbringen, noch mehr am Rande meiner Fähigkeiten. Aber es gab noch etwas, was ich nicht wusste – und das war, was auf Ebene 8 des Bettenhauses vor sich ging – der Station für Hauterkrankungen. 1989 war der erste Höhepunkt der Aids-Krise, und Köln war durch seine ausgeprägte Schwulenszene eine Hochburg des Sterbens. Zielinski der Seelsorger mittendrin – gegen seine Kirche, die damals verlauten liess, die Krankheit sei eine Strafe Gottes*. Ich kann mich noch genau erinnern wie es war, als er mich zum ersten mal mit auf die Station in Eben 8 nahm. Es war, als hätte jemand das Tor zur Hölle aufgemacht. War die Uniklinik sonst eher von älteren Menschen geprägt, lagen hier plötzlich fast ausnahmslos junge Männer in den 20ern in den Betten, wanden sich, schrien und sahen einfach furchtbar aus. Die Körper übersät von Karposi-Sarkomen, geplagt von Lungenentzündungen, Pilzerkrankungen und jeglicher Art von Scheiss-Infekten, weil das Immunsystem am Kollabieren war. Und niemand wusste, was das sollte. Ansteckungswege waren unklar, überhaupt was das für eine verdammte Krankheit war. Und die Jungs starben wie die Fliegen – es verging kaum ein Tag ohne Beerdigung, Tränen und Abschied. So viele von uns haben diese traumatische Zeit erlebt, bei mir stecken diese Monate und Jahre wie ein dunkles Kapitel irgendwo tief in der Seele. Dann wurde ich noch zu einem Sonder-Einsatz gerufen – einer von Zielinskis Patienten, mit dem er gerade ein Buch geschrieben hatte (“Ist Dir überhaupt klar, dass ich Aids habe?”) war in ein Landkrankenhaus in Darmstadt verlegt worden – warum ist mir bis heute nicht klar. Denn Horst war von zuhause ausgebrochen und hatte angefangen sein Schwulsein in Köln auszuleben. Hatte Freunde und wurde geliebt. Aber jetzt war er zurück in Darmstadt, in der Nähe seiner Familie – ich meine es hatte damit zu tun, dass die Uni-Klinik ihn nicht mehr halten wollte, und ein Ort zum Sterben gesucht wurde. Nur war das ein langsames Sterben mit Aids. Und das Pflegepersonal war voller Angst, wollte ihn eigentlich gar nicht anfassen. Also sollte ich die letzten 14 Tage bei ihm am Bett verbringen und dafür sorgen, dass es erträglich war. Dass er nachts nicht von der Angst zerfressen wurde. Und auch nicht das Pflegepersonal, dem ich vermeintlich infektiöse Pflegevorgänge heroisch abnahm. Obwohl ich auch totale Angst hatte. Ich musste dann abbrechen, weil ich nicht mehr konnte – aber Horst hatte darum gebeten, dass ich mit seinen Freunden aus der Aids-Hilfe seinen Sarg tragen würde. War einer der dunkelsten Momente, auf die ich so zurückblicken kann. Wie der innerlich vernichtete Vater mir in der Küche der Darmstädter Vorstadtwohnung ein Wasser anbietet, auf- und ab läuft und Du merkst, wie ihn das alles fast zerreisst, die Scham über das Schwulsein des eigenen Kindes, der Verlust, die Katastrophe. Das doppelte Sterben, weil ihm noch nichtmal im Angesicht des Todes gelang einen Frieden mit seinem Kind zu finden. Der gefakte Todes-Schein um zu vermeiden, dass er ausserhalb der Friedhofsmauern beigesetzt worden wäre. Das murmelnde Rosenkranz-Gebete der homophoben Drecks-Gemeinde. Und die heroischen, multipel angefeindeten Freunde aus der Aids-Hilfe, die zahlreich angereist kamen, Flagge zeigten und mit mir den Sarg trugen.

Danach hatte ich fertig.

Warum ich das erzähle – zum einen habe ich gerade zufällig nochmal Szenen aus Philadelphia mit meiner Frau geschaut. Ein Film, der wie kein anderer all das oben auf den Punkt bringt. Den Hass, die Angst, die Liebe und die Solidarität in der Schwulenszene, sowie bei Leuten, die ihnen in diesem unfassbaren Leid mit allem zur Seite standen. Wie auch Helmut Zielinski – der vor einem Jahr gestorben ist. Ich denke an die tausenden von Menschen, die dieses abartige Virus getötet hat. Möget Ihr in Frieden ruhen. Ich denke auch an die Medizin, die es geschafft hat diese epische Krankheit Schritt für Schritt einzudämmen und inzwischen fast zu besiegen. Ihr seid wirkliche Helden.

 

*der damalige Kardinal Meisner hatte gerade in einem TV-Interview gesagt, dass er Aids für eine Strafe Gottes halte. Ich kann bis heute noch spüren, wie sich diese Worte anfühlten auf Ebene 8. Aber wirklich heroisch war, wie Zielinski das wenige Wochen später konterte. Es war nämlich üblich, dass der Kardinal einmal pro Jahr in die Uniklinik kam, um Kranke zu salben. Ein gut organisierter Rundgang, bei dem vor allem gute Fotos entstehen sollten. In diesem Jahr stand der Rundgang wieder an, Presse war dabei und allerlei Leute rund um den Kardinal, die ihn begleiteten. Zielinski hatte die Leitung. Nur dass er diesmal kurzfristig und unabgesprochen den Lift auf Station 8 anhalten liess. Nach dem dritten Bett nahm der Kardinal Zielinski zur Seite und bat darum abzubrechen. Am nächsten Tag durfte ich ihn zum Dienstsitz des Kardinals in die Kölner Innenstadt fahren. Ich wartete in der Tiefgarage. Er kam zurück und war gefasst. Sofortige Versetzung nach Brasilien. Wo er bis zuletzt als Seelsorger gewirkt hat.

 

 

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Aus dem Fenster

January 4th, 2018 — 9:36pm

Als meine Mutter vor ein paar Jahren starb, war mein erster Impuls, als wir ins Haus zurück kamen diesen Fernseher durchs geschlossene Fenster nach draussen zu werfen. Bereue heute noch manchmal, dass ich es unterlassen habe. Der Grund war: sie hat gefühlt die letzten 10 Jahre ihres Lebens etwa 80% ihrer Wach-Zeit vor dem Ding verbracht. Natürlich hat das auch was damit zu tun, dass sie allein war und unsere Beziehung nicht die beste, klar. Und es hat vermutlich was damit zu tun, dass Du nach Krieg, mehrfach Flucht und Terror anderer Art bei drei Kindern allein in einem feindlichen bayrischen Dorf aufziehen, wohl irgendwann einfach nicht mehr kannst. Aber ich habe das Ding trotzdem gehasst – einfach weil es das Leben aus Ihrem Zimmer gesaugt hat. Als wir zuletzt da waren, meinte meine Frau, ich solle den Fernseher doch mitnehmen, bevor mein Vater ihn noch auf den Müll wirft. Haben wir gemacht. In Köln angekommen meinte sie beiläufig, ich könne ja vielleicht irgendeine Bastelei damit machen. Nun. Obwohl ich viel zu tun habe, und den verdammten D64 Ticker noch verfassen muss, habe ich den ganzen Abend damit verbracht, das Ding mit einem selbst-gelöteten Adapter-Kabel und dem Calliope mini anzusteuern. Was tatsächlich…mit erheblichen Einschränkungen…gelang. Bei genauem Hinsehen kann man rechts oben “Hello World” erkennen. Mehr ging nicht. Jetzt ist es gut, habe das Gefühl, das Teil irgendwie bewältigt zu haben. Denn das ist für mich auch Digitalisierung: Aneignung der Welt mit neuen Mitteln. Passive Rezeption durch aktive Gestaltung ersetzen. Lineares Drecks-TV auf den Müll verfrachten mit Binärcode, anstelle des Wurfes aus dem Fenster. Tschüss Mama nochmal.

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Auch wenn es keine Gründe braucht, gibt es deren viele #WithRefugees

June 20th, 2017 — 8:15am

Ich habe 130 Stunden Psychotherapie hinter mir – einen guten Teil ohne Zweifel deshalb, weil meine Mutter im Alter von 7 Jahren vor den Bomben aus Breslau fliehen musste, der Vater hatte sie schon verlassen, die eigene Mutter liess sie dann auch noch zurück. So kam sie erstmal alleine in Dankerode an, spätere DDR. Ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling. Von dort ist sie dann rund um den Mauerbau nochmal geflohen, auf einem untermotorisierten Moped in eine ungewisse Zukunft. Wurde wieder aufgenommen, diesmal in Stuttgart. Mein Vater wurde ausgebombt in der gleichen Stadt und musste als 10-jähriger Junge mehrfach aufs Land fliehen – dort wurden sie von Bauernhöfen aufgenommen und versorgt. In der gleichen Zeit sind übrigens tausende vor den Mordtruppen des Nazi-Regimes geflohen, interessanterweise genau umgekehrt zur heutigen Fluchtroute aus Syrien zu uns. Die Flüchtlingslager des zweiten Weltkrieges standen unter anderem in Syrien. Diese Flucht-Geschichten waren nicht nur oft dramatisch und viele sind dabei trotzdem umgekommen- sie haben auch fast immer tiefe Narben hinterlassen in den Seelen der Geflüchteten.

Man könnte also sagen – wir sollten alles dafür tun, Flüchtlingen in unserer Zeit eine Zuflucht zu bieten – schon allein aus Dankbarkeit und in Erinnerung an die eigenen Flucht-Geschichten. Will ich aber nicht sagen – denn Menschen in Not zu helfen ist in aller erster Linie eine humanitäre Pflicht, die ohne Vorbedingung und auch ohne Gedanken der wirtschaftlichen Verwertbarkeit ausgeübt wird. Weil wir Menschen sind.

Deshalb bin ich auch immer noch Angela Merkel für Ihren historischen und von großer Haltung geprägten “Wir schaffen das” Move dankbar. Und den tausenden freiwilligen HelferInnen, die dafür gesorgt haben, dass es nicht bei diesem Spruch alleine blieb. Ich habe mein Land selten mit so menschlichem Antlitz gesehen, auch in der Welt wurde das wahrgenommen mit großem Respekt.

Und jetzt müssen wir dran arbeiten, dass daraus eine gute Geschichte wird am Ende. Mit guten Integrationsangeboten, Offenheit, Warmherzigkeit. Auch das können wir schaffen.

 

 

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Mechanomorph – vom Selbst als While-Schleife

May 13th, 2017 — 1:57pm

Blickt man zurück in die Geschichte des menschlichen Geistes und der Kultur wird schnell klar, dass unser Bewusstsein und unsere Konzeption von uns selbst immer schon Produkt der Verhältnisse war, in denen wir lebten – das kann man vor allem rückblickend zum Beispiel gut an der Kunst eines jeweiligen Zeitalters erkennen. Vieles davon verläuft kontinuierlich und entlang dem gesellschaftlichen und technologischen Wandel – einige AutorInnen vertreten aber auch die Ansicht, dass es Sprünge in dieser Entwicklung gibt, wie z.B. die Entdeckung der Perspektive in der Kultur der Renaissance (Jean Gebser und andere), die Entdeckung des Seelischen bzw. des Unbewußten mit dem Erscheinen von Sigmund Freuds Traumdeutung, die Einführung des Geldes (Christiana von Braun) usw. – man kann also festhalten, dass die Art wie wir denken, arbeiten und uns und andere wahrnehmen eben nicht konstant oder naturgegeben, sondern in hohem Maße bedingt ist.
Einen umbruchartigen Wandel bemerkt man häufig auf vielen Ebenen der Gesellschaft, also den ökonomischen Verhältnissen, Machtstrukturen, in den Rollenbildern oder eben auch in der bildenden Kunst und der Literatur.
Was ich mich frage – wenn wir uns inzwischen alle so einig sind, dass die Digitalisierung voll im Gange ist und eine ziemliche Umwälzung nach sich ziehen wird – spräche nicht einiges dafür, dass wir uns auch an der Schwelle eines solchen Bewusstseins-Wandels befinden?
Und jetzt noch eine ganz andere Betrachtungs-Ebene – aus meiner Introspektion: Es gibt ja diese Übergangszustände, die häufig (bei mir zumindest) unter starker Übermüdung auftreten, also Zustände wo der Geist schon halbwegs funktioniert aber auch noch an der Schwelle zum Traum balanciert – und die Kontroll-Mechanismen noch nicht wirklich greifen. Man aber dennoch schon – oder noch – Dinge tun muss, z.B. Milch für das Kind warm-machen. Oder noch eben etwas aus der Küche wegräumen. In diesen Phasen habe ich seit einigen Jahren etwas an mir festgestellt, das ich ziemlich faszinierend finde, wenn auch sehr schwer greifbar, denn kognitive Vorgänge in diesen Phase sind darin Träumen recht ähnlich, dass sie sich nicht in der Erinnerung verankern lassen. Wenn man also nicht explizit etwas dafür tut, wird man sich schon wenige Minuten nicht mehr erinnern, bestenfalls noch an das Abbild, also dass da “was war”. Deshalb kann ich es hier auch leider nur in groben Zügen beschreiben. Habe mir vogenommen, das in der nächsten Zeit bewusster aufzuzeichnen und dann evtl. hier nachzuliefern. Also: was bei mir in solchen Zuständen immer wieder geschieht ist, dass ich mich selbst und auch Menschen um mich herum als Computer wahrnehme. Und zwar nicht im Sinne von “wie ein Computer”, also als Methapher/Analogie, sondern wirklich als wäre mein Gehirn und meine Seele ein PC-System (ok, irgendwas mit Linux von mir aus). Ein Beispiel habe ich zum Glück noch konkret vor Augen, und das ist beim Erwärmen der Milch fürs Kind. Das machen wir immer im Milchaufschäumer für den Kaffee, was die Herausforderung mit sich bringt, dass die Milch da eigentlich zu heiss wird. Also stecke ich meinen Finger in die rotierende Milch um den richtigen Zeitpunkt abzupassen. In diesem Moment schaltet mein Bewusstsein immer mal wieder wie fahrlässig in einen Modus um, wo ich mich selbst als eine Art Arduino-Controller sehe, der in einer kleinen While-Schleife den Temperatur-Fühler prüft und wartet dass der Rückgabewert dem erwünschten Threshold entspricht. Mehr nicht, das sind auch meist nur so kurze Gedankenbilder die schnell wieder vom Wachbewusstsein empört überschrieben werden. Aber es gibt diese Momente. Andere Fälle sind müde Begegnungen mit meiner Frau oder meinen Kindern wo ich kurz überlege wie deren CPU-Auslastung wohl gerade aussieht oder ob bestimmte Register jetzt auf andere Werte gesetzt werden o.ä. – ist jetzt schwer konkret zu beschreiben weil ich das eben nicht genau genug erinnere. Passiert aber immer wieder. Übrigens am zuverlässigsten immer dann, wenn starke Beschäftigung mit Computern auf starke Übermüdung trifft. Häufig spielt Code dabei auch eine zentrale Rolle, d.h. ich konstruiere mir einen vermuteten Zustand des gegenübers oder meiner selbst als ein Stück PHP-Code wenn man so will (ja, sorry).
Mag sein, dass das nur versponnene Müdigkeits-Selfish-Fantasien ohne jegliche Bedeutung sind – ist sogar sehr wahrscheinlich.
Dennoch frage ich mich, ob es mit unserem Bewusstsein nicht etwas tiefgreifendes anstellen könnte, wenn wir uns inzwischen während unserer kompletten Wachphase mit einer Internet-Schnittstelle umgeben. Und wenn diese Schnittstelle in naher Zukunft sogar immer weniger gegenständlich sein wird, weil sie als implantierte Sensorik, Sprach-Aura oder anderweitig omnipräsent und natürlich smart auf uns abgestimmt daherkommt.
Wenn die Entdeckung der Räumlichkeit im ausgehenden Mittelalter so eine Revolution im Denken und in der Malerei verursachen konnte – was sagt es uns dann, wenn mittlerweile jeder im öffentlichen Raum auf eine Glasplatte starrt und seine echte Umgebung kaum mehr wahrnimmt?
Spannend finde ich diese Frage übrigens auch im Hinblick auf die Mensch-Maschine Diskussion, im Zusammenhang mit KI und maschinellem Lernen. Denn da diskutieren wir immer so, als würde eine maschinelle Intelligenz sich auf uns zubewegen, und als würde sich nur die Frage stellen, wie nahe die uns am Ende kommt. Was, wenn wir auch in Bewegung geraten und auf diese Intelligenz zugehen? Wie wäre es, wenn die Grenze zu den Maschinen zunehmend permeabel würde, weil wir in unserem Selbstkonzept zunehmend maschinelle Anteile aufnehmen?
Alles nur lose Gedanken bisher. Aber ich werde jetzt mal anfangen, diese Phänomene ein wenig systematischer aufzuzeichnen.

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Warum ich #men4equality unterstütze – und warum es mir nicht leichtgefallen ist

September 16th, 2016 — 7:09am

Als ich gefragt wurde, ob ich bereit wäre die Initiative #men4equality zu unterstützen, gab es zwei spontane Reaktionen. Ja! und Oh….(lieber nicht)! Das will ich kurz erklären.
Ich hasse männerdominierte Veranstaltungen. Die Studienlage was Diversität und deren Einfluss auf einen guten Diskurs, Kreativität usw. anbelangt ist deutlich – das wird auch von meiner persönlichen Erfahrung unterstrichen. Das gilt darüber hinaus übrigens auch für Firmen und Zusammensetzung von Teams generell. Und ausserdem: it’s fucking 2016! Es ist wirklich unglaublich, wie wenig weit wir in diesen Fragen gekommen sind und wieviel da immer noch diskutiert werden muss – dass es überhaupt so eine Initiative geben muss, ist eigentlich unfassbar.
Aber das Problem ist real, ich habe sogar das Gefühl, dass es fast unverändert vor sich hin mäandert. Gerade gestern wieder auf einer Veranstaltung in Köln gewesen zum Thema Insurtech. Mehrere Panels, ein Haufen Pitches von Unternehmen, zig Gründerteams. Alles Männer. Ich ja auch.
Und damit komme ich zum ersten Grund, warum ich nicht gleich laut “hier” geschrien habe bei der Frage oben: Ich bin mal wieder Gründer und war dort zum Pitch eingeladen. Darüber haben wir uns sehr gefreut, als Startup muss man jede Gelegenheit suchen und wahrnehmen, um in Kontakt mit VCs und pot. Kunden zu kommen. Jetzt war ich zum Glück nicht auf einem der Panels sondern nur im Pitch – hätten sie mich auf ein Panel eingeladen, wäre ich in der delikaten Lage gewesen entweder vereinbarungsgemäss abzusagen mit Hinweis auf speakerinnen.org, oder teilzunehmen und damit am Launchtag der #men4equality Kampagne auf einem all-men panel zu sitzen. Na toll.
Das soll keine Entschuldigung und kein Rauswinden sein – ich will damit nur sagen, dass es nicht leicht ist, der Selbstverpflichtung zu folgen weil die verdammten all-men Veranstaltungen eine Realität sind. Der Männeranteil bei VC-Firmen pendelt häufig irgendwo im Bereich von 90+%. Deswegen ist die Noah-Konferenz ja auch so toll gelaufen. Aber was machst Du als Startup, wenn Du bei der nächsten Noah auf ein Panel geladen wirst?
Es gibt natürlich Mittelwege – als die Münchner Medientage mich vor einiger Zeit für den Online-Gipfel einluden habe ich z.B. tatsächlich auf das Problem hingewiesen und an meiner statt eine Frau aus der Branche vorgeschlagen. Wurde abgelehnt. Der Online-Gipfel wurde im Folgejahr übrigens aus dem Programm der Veranstaltung gestrichen…
Ich kenne die Problematik übrigens auch als Veranstalter – mit meiner Ex-Firma nugg.ad habe ich zweimal die Data-Days in Berlin veranstaltet. Ein ausgewogener Frauen-Männer-Anteil gehörte zum Briefing meiner Leute und der Agentur vom ersten Tag an – und wir haben bis zum Beginn der Veranstaltung fast täglich darum gerungen. Weil es wirklich schwer ist genügend Frauen zu gewinnen für so eine Veranstaltung – ist ja auch klar. Man will einflussreiche bekannte Leute zu den Themen, und wer ist da wohl einflussreich und bekannt? Meistens Männer – oder zumindest sieht es für uns so aus… Die ganze Runtermach-Männerkultur sorgt ja auch dafür, dass Frauen sich generell weniger trauen und dann lieber nicht sprechen wollen – schon gar nicht wenn sie mit fünf superschlauen Männern auf einem Podium sitzen sollen. Uns ist es damals gelungen fast 40% Frauenanteil zu haben, aber nur unter grössten Anstrengungen. Gelohnt hat es sich definitiv, wir hatten Teresa Bücker und Anne Roth als Keynote-Speakerinnen, Lorena Jaume-Palasi als brilliante Panelistin, und sogar die Europäische Kommission wurde durch eine Frau vertreten. Im Startup-Pitch waren es dann aber wieder ausnahmslos Männer – es gab einfach nicht eine einzige Bewerbung eines Startups durch eine Frau!
Wegen dieser Erfahrung habe ich übrigens den allergrössten Respekt vor der re:publica, die es bei einer immensen Anzahl von SpeakerInnen immer wieder schafft nahezu eine 50:50 Verteilung hinzubekommen – das ist wirklich eine fantastische Leistung!
Die Initiatioren von #men4equality haben also recht – es hilft VeranstalterInnen darauf hinzuweisen und Druck aufzubauen – ausgeglichene Podien bekommt man nur annähernd hin, wenn es im mindset der Veranstalter von Tag1 eine Priorität ist*.
Und wer noch nicht ganz überzeugt ist – es gibt ein schönes Real-World Beispiel, das fast einem experimentellen Setting gleicht und das Problem wunderschön darlegt: In Berlin finden regelmässig Veranstaltungen zum Thema Internet of Things statt – konkret vor allem die thingscon und die iotcon. In 2014 fanden sie sogar fast parallel statt, also: gleiches Thema (grob), gleicher Ort, gleiches Zeitfenster. Und was soll ich sagen – die thingscon schaffte es ein wunderbar ausgeglichenes Set von Speakerinnen und Speakern hinzubekommen (kann man hier noch sehen), während die iotcon ein paar Kilometer entfernt die typisch dröge all-men Nummer abzog. Und natürlich war die thingscon die bei weitem bessere Veranstaltung, inspirierender, offener, sympathischer.
Aber – um meinen Konflikt nochmal schön zu beleuchten: Es ist 2016, die thingscon pausiert dieses Jahr, die iotcon hat gerade stattgefunden und war wieder mehr oder weniger all-men. Und wir waren Sponsor mit unserem Startup. Fuck.
Ich fühle mich dem Committment von #men4equality natürlich trotzdem verbunden, und werde es als Ansporn nehmen den Druck auf VeranstalterInnen hoch zu halten**. Aber wir müssen uns auch klar machen, dass es bei weitem nicht reichen wird. Wir brauchen diesen Druck auf allen Ebenen, bei Einstellungsgesrpächen, bei Startup-Pitches (“warum habt ihr nur Männer im Team?”), bei Besetzung von Führungspositionen (ja, wir brauchen eine Quote) und im Alltag. Man kann aus der Veranstalter-Problematik allerdings auch was schönes lernen: We can do it. Es ist mühsam und braucht Aufmerksamkeit von Tag1 an. Aber wenn es gelingt kommt sowas raus wie die thingscon oder die re:publica. Und was, wenn sich dieses learning auf die ganzen anderen Situationen wo allmen Standard ist übertragen liesse?

* wir sollten bei der Gelegenheit vielleicht auch über Formate reden und wie Konferenzen generell ablaufen. Podien mit fünf Leuten oder so funktionieren praktisch nie – kleinere Runden sind viel besser. Und schon wird es leichter eine 50:50 Verteilung hinzubekommen, wenn ich der einen Frau, die glücklicherweise bereit ist zu kommen einfach nur einen Mann zur Seite stelle. Oder wir machen gleich eine unconference und beenden diese mensplaining Steilvorlagen-Formate, wo einer vorne steht und checkermässig erläutert, wie es so läuft.
**bei der Gelegenheit möchte ich auch auf den D64-Newsletter hinweisen, der täglich auf Veranstaltungen hinweist und jeweils den SpeakerInnen-Anteil ausweist. Ein ähnliches Ziel verfolgt die Seite 50prozent.

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Der geschickte Mythos von der unendlichen Arbeit

May 11th, 2016 — 9:20am

Heute ging zufällig ein frühes Video von Steve Jobs durchs Netz [youtube]https://www.youtube.com/watch?v=gFE-Tdz24hM[/youtube]
Meine spontane Reaktion (als aktuell mal wieder dreifacher Parallel-Gründer) war wie bei vielen – oh yes! Aber irgendwas in mir grummelte auch kurz, und dann hatte ich eine Parallel-Assoziation, nämlich von einer Generalversammlung in der Siedlergenossenschaft, in der meine Frau aufgewachsen ist. Das ist eine alte Hippy-Gemeinschaft, die es geschafft hat ihre vom Abriss bedrohte Siedlung in eine Genossenschaft zu überführen. Aber bei der Versammlung standen Neuwahlen eines AR-Mitgliedes an, und dabei kam die Frage auf, warum eigentlich ausnahmslos alle Positionen der Genossenschaft (also Vorstand und Aufsichtsrat) männlich besetzt seien. Kurzes heftiges hin- und her, und dann hob einer der alten Aufsichtsräte zu einer kurzen Warnrede an, das Amt sei sehr kräftezehrend, man müsse über viel Erfahrung und Fachwissen verfügen und im Schnitt mehrere Stunden(!) pro Tag investieren, wenn man es halbwegs richtig machen wolle. Aber darüberhinaus seien Frauen für das Amt natürlich herzlich willkommen. Das waren sehr ähnliche Worte wie oben bei Jobs. Und die aktuelle Quote von Frauen, die Startups gründen liegt irgendwo im einstelligen Bereich.
Hinzu kommt ein lustiges Detail aus meiner eigenen Gründer-Vita, an das ich mich erinnerte. In meinen ersten Verhandlungen mit Investoren stellte ich den Anspruch auf (wir hatten gerade ein 8-Monate altes Baby zuhause, ungefähr wie jetzt auch) in meinen CEO-Vertrag einen verbindlichen Anspruch auf Teilzeit eingebaut zu bekommen (die Firma verbrannte zu der Zeit ca 200.000 EUR pro Monat). Die Gesichter hätte ich aufzeichnen sollen für die Nachwelt… Aber es wurde ein wenig verhandelt, recherchiert und debattiert, und dann hatte ich eine 80%-Regelung drin. Auch da war das Haupt-Argument, dass Investoren sowas natürlich gar nicht gerne sähen und es eigentlich auch nicht funktionieren könnte, wenn die Mannschaft (sic) nicht zu 100% committed wäre…
Hat dann ja doch funktioniert, und übrigens hatte ich in der Gründungsphase meiner letzten Firma tatsächlich etwas mehr Zeit für die Familie als in meiner Zeit als leitender Angestellter einer grossen Marktforschungsfirma.
Man sollte also vorsichtig sein mit dem Mantra des unvermeidlichen Arbeitswahnsinns – zumal ich auch zutiefst davon überzeugt bin, dass es als Erfolgsfaktor für ein Startup nur eine mindere Rolle spielt, oftmals könnte es sogar hinderlich sein, wenn das Gründungsteam 12h pro Tag schuftet. Stumpfe-Säge-Baum-Problem sozusagen. Für ein erfolgreiches Unternehmen ist es viel wichtiger ein paar sehr gute Entscheidungen zu treffen und diese dann durchzustehen. Klar muss man manchmal auch kämpfen und sehr viel arbeiten. Aber es ermöglicht eben auch mitten in der Woche das Baby zu schaukeln (während ich dies schreibe), weil die Oma grad nicht kann und die Mama auch arbeiten ist – beide selbstständig übrigens…

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